Vermögensverwalter im Realdepot-Vergleich
Die wundersamen Geldvermehrer
Wie die besten Profis das Geld ihrer Kunden anlegen, wie sie 2006 Börse und Zinsen sehen, welche Aktien Vermögensverwalter favorisieren und was jeder Anleger von ihnen lernen kann.
FRANKFURT. Die Theodor-Heuss-Allee in Frankfurt ist ein unwirtlicher Ort an einem kalten Februartag. Bürokomplex reiht sich an Bürokomplex auf der schnurgeraden, vierspurigen Ausfallstraße; schmucklose Quader aus Glas und Stahl, kaum einer älter als zwei Jahre, bilden eine kilometerlange Einheitsfront. Im fünften Stock des Hauses Nummer 100 steht Stefan Keitel in seinem Büro und blickt wehmütig hinüber zum Messeturm. "Bis vor einem Jahr hatten wir dort unsere Büros, die waren repräsentativer", sagt der oberste Geldanleger der Credit Suisse Deutschland. Hier sieht eher aus wie in einem Internetunternehmen als in einer Bank.
Auch das Alter würde passen. Keitel ist erst 36. Trotzdem arbeitet er schon seit mehr als fünf Jahren als Deutschlands leitender Anlagestratege für den Schweizer Bankriesen. Er gibt die grobe Linie vor, die einzelnen Wertpapiere suchen dann seine Portfoliomanager Frank Schorling und Alexander Hipp aus. Die beiden holte Keitel 2001 und 2002 ins Team, da waren sie Ende zwanzig.
Den Kunden der Credit Suisse hat die Jugendarbeit genützt. Keitel und sein Team verwalten mehrere Milliarden Euro. Zusammen sind sie Deutschlands beste Geldmanager 2005: Mit einem Wertzuwachs von 35,5 Prozent holten sie mehr als die gängigen Aktienindizes wie Dax (27 Prozent) oder EuroStoxx (21 Prozent).
Nicht allein Keitels Team kitzelt aus den Finanzmärkten mehr heraus, als es die meisten Privatanleger je schaffen. Die WirtschaftsWoche stellt die besten Anlageprofis vor und verrät, wie sie ihre festverzinslichen Wertpapiere und Aktien aus der Masse des Angebots filtern und was ihre Favoriten für 2006 sind. Die Sieger ermittelt hat für die WirtschaftsWoche die Ratingagentur Firstfive. Die Frankfurter Analysten arbeiten ausschließlich mit echten Kundendepots der Vermögensverwalter, um den Wettbewerb so realistisch wie möglich zu gestalten.
Musterdepots nur mit Spielgeld sind zwar bei Anlegermagazinen und im Börsen-TV beliebt, liefern aber meist nur verzerrte Ergebnisse, weil die Profis mit Konfettigeld weit höhere Risiken eingehen als mit echten Kundengeldern.
Das unverfälschte Ergebnis mit Realdepots weist Sieger in vier Risikoklassen aus, von ganz auf Werterhalt bedachten Zinsexperten wie die Wiener Raiffeisen Capital Management über Allrounder wie die Deutsche Bank bis hin zu aggressiven Aktienspezialisten, die in guten Jahren hohe zweistellige Renditen erzielen - in schlechten aber auch mal ein paar Prozent des Depotwertes auf der Strecke lassen. So verschieden die Rezepte der Erfolgsstrategen sind, in einigen Punkten sind sie einig: n Die Zinsen in Euroland werden kaum steigen. So dürfte die Rendite für Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit unter vier Prozent bleiben. Nur in Randmärkten wie Osteuropa winken höhere Erträge.
Nach dem überdurchschnittlich guten Aktienjahr 2005 wachsen Schritt für Schritt die Risiken. So üppig werden die Gewinne nicht weitersprudeln.
Asien gilt als Investitionsraum der Zukunft - mit der Verschiebung der ökonomischen Macht gen Osten sollte auch das Kapital dorthin wandern.
Damit zusammenhängend: Rohstoffe bleiben attraktiv für Anleger. "Auch wenn es zwischenzeitliche Rückschläge gibt, der Rohstoffhunger Asiens wird in den nächsten Jahren die Preise weiter steigen lassen", sagt etwa Klaus Martini, Investmentchef der Deutsche Bank Private Investment.
Das gilt auch fürs Öl - Aktien aus dieser Branche stehen bei fast allen erfolgreichen Profis auf der Empfehlungsliste.
Überraschend einstimmig sind die Geldprofis trotz früher verbreiteter Skepsis auch zu Gold-Fans mutiert.
Die wenigsten der rund 150 Geldprofis in der Firstfive-Analyse hatten 2005 Ärger mit ihren Kunden - dank der überschäumenden Börse musste keiner seinem Klienten einen Verlust beichten. Das war in Jahren wie 2002 noch anders; als die Aktien auf Talfahrt gingen, schaffte kein einziger Verwalter eine positive Rendite; einige verloren mehr als 30 Prozent der ihnen anvertrauten Kundengelder.
Jetzt läuft das Geschäft mit dem Geld der grob geschätzt rund 760 000 Millionären in Deutschland für Banken wieder prächtig. Von den 3,78 Milliarden Euro Jahresgewinn der Deutschen Bank 2005 stammten 1,8 Milliarden Euro aus Privatkundengeschäft und Asset Management.
Auch die kleineren Privatbanken verdienen wieder gut. So steigerte die auf das Geschäft mit reichen Privatkunden spezialisierte Hamburger M. M. Warburg im vergangenen Jahr ihren Jahresüberschuss um 74 Prozent auf 50,5 Millionen Euro. Von ihrer Qualität sind die Hamburger überzeugt: In diesem Jahr will Dieter Grosenick, Chef der Vermögensverwaltung der Bank, zusätzliche Kundendepots bei Firstfive ins Rennen schicken.
Grosenick ist sich sicher, dass er sich mit seiner Performance nicht hinter den Besten des Jahres 2005 zu verstecken bräuchte. Auch den kleinen Unabhängigen geht es nach einer längeren Durststrecke wieder gut. Laut dem Branchenverband VuV sagen 62 Prozent der Berater, 2005 sei ihr bisher bestes Geschäftsjahr gewesen.
"Die gute Börse 2005 hat uns im Siegerdepot natürlich geholfen", bestätigt Credit-Suisse-Manager Keitel, der Sieger in der aggressivsten Firstfive-Kategorie "Dynamisch" mit mehr als 80 Prozent Aktienanteil im Gesamtdepot. "Wir wollen uns aber nicht im aktuellen Erfolg sonnen", beteuert der stattliche Rheinhesse, "es ist wichtig, dass wir auch schlechtere Jahre ohne große Blessuren überstehen." Deshalb wollen sie ihr Aktiendepot auch "nur als Baustein im Vermögen" verstanden wissen.
Ohnehin denken sie bei Aktien nicht von Jahr zu Jahr, sondern weit darüber hinaus, beteuert Keitel. "Nur mit einer gewissen Beharrlichkeit und Kontinuität sind auf Dauer Erfolge im Aktienmarkt wahrscheinlich", doziert der Mittdreißiger.
Kontinuität ist sein Lieblingswort. Immer wieder kommt er darauf zurück.
Kontinuität dominiert auch Keitels beruflichen Werdegang. Nach der Banklehre bei der Deutschen Bank studierte der gebürtige Binger Finanzwirtschaft in Mainz; nach einem dreijährigen Zwischenstopp beim US-Vermögensverwalter Prudential kam er zur Credit Suisse, um dem brachliegenden Deutschlandgeschäft eine Form zu geben.
Was ihm gelang. "Ich will, dass diese Kontinuität, diese Langfristigkeit im Denken und dieser Wertgedanke auch draußen bei unseren Kundenberatern ankommt", sagt der zweifache Vater. Man merkt ihm an, dass er das Gesagte schon oft wiederholen musste, draußen. Keitel redet nicht, er predigt.
Wie sieht so eine langfristige Strategie für Aktien aus? "Substanz, Cash-Flow und Dividende", zählt Portfoliomanager Schorling auf. "Das Depot besteht aus 15 gleich gewichteten Aktien", ergänzt Hipp. Bei der Aktienauswahl achtet das Team vor allem auf eine überdurchschnittliche Dividendenrendite. "Daneben ist uns aber auch wichtig, dass die Unternehmen viel Umsatzpotenzial in den aufstrebenden Schwellenländern haben", so Schorling.
Aktuell erfüllen diese Bedingungen zum Beispiel BAT, Saint-Gobain, ING, K + S, Suez, Rio Tinto und Nestlé. "Dividende aber ist nicht gleich Dividende", meint Hipp, "manche Aktien, die auf den ersten Blick hohe Dividenden aufweisen, fallen durch unser Raster." DaimlerChrysler und die Telekom zum Beispiel. Hipp: "Wer in einem Jahr viel zahlt und im nächsten dafür Verlust macht und nichts mehr ausschüttet, kommt uns nicht ins Depot." Aktien, die es aber erst einmal ins Depot der Credit-Suisse-Banker geschafft haben, bleiben dafür lange. Schorling: "Wir haben das Depot vor vier Jahren gestartet und seitdem genau vier Aktien ausgewechselt."
Nanu, vier Aktien in vier Jahren? Haben die nie Verlustbringer im Depot, die man schnell und schnörkellos verkaufen sollte? "In der Theorie schon", meint Hipp, "Lloyds TSB etwa brachte uns am Anfang kein Glück", gesteht er. "Aber verkauft haben wie sie nicht. Abgerechnet wird am Schluss, und das kann dauern. Die Dividendenrendite von acht Prozent und Übernahmefantasie haben uns bewogen, mit Lloyds noch einmal gnädig zu sein", spricht Keitel und verschränkt entspannt die Hände hinter dem Nacken.
Welchen Aktien sind die CS-Manager 2006 gnädig? "Der positive Schwung an der Börse seit 2003 kann noch ein paar Monate anhalten. Spätestens 2007 werden aber die Risiken in den Vordergrund treten. Das Wirtschaftswachstum wird sich abschwächen in der Welt - vor allem in den USA, und das vielleicht weit stärker, als der Konsens der Analysten es zurzeit wahrhaben will." Keitels Konsequenz: Er schichtet um, raus aus Aktien, rein in Rohstoffe, Gold und weltweit anlegende Rentenfonds. Mit dem Gold sichert er sich gegen Inflation und einen eventuell fallenden Dollar ab; mit den Rentenfonds setzt er auf steigende Wechselkurse asiatischer Währungen.
Ein weiterer Kniff, um Risiken einzugrenzen: Hat eine der 15 Aktien im Depot mit einer hohen Dividendenausschüttung oder nach Kursgewinnen überdurchschnittlich starken Anteil am Vermögen, verkaufen die CS-Manager gerade so viel davon, dass wieder alle 15 Titel gleich gewichtet sind. Das frei gewordene Kapital investieren sie in die zurückgebliebenen Titel. Wie oft sie das machen? Nur keine Hektik: "Einmal pro Jahr reicht", meint Hipp.
Äußerlich bescheiden gibt sich auch die Wiener Raiffeisen Capital Management. Keine Antiquitäten, keine teure Kunst - die Chefs der österreichischen Raiffeisen-Tochter arbeiten in grauen Achtzigerjahre-Büros am Wiener Stadtpark. Umso mehr glänzen die Zahlen auf ihrem Schreibtisch: Gleich in zwei Risikoklassen der Firstfive-Liste belegen ihre Depots 2005 den ersten Platz. In der Kategorie "Konservativ" (mit höchstens 40 Prozent Aktien) und in der Klasse "Ausgewogen", mit bis zu 60 Prozent Aktienanteil am Gesamtdepot. Das Spezialinstitut der Raiffeisen-Bankengruppe verwaltet rund 1,3 Milliarden Euro für 3500 Kunden, darunter viele Deutsche. Angesichts der Performance von 13 Prozent im konservativen Depot und 20 Prozent im ausgewogenen werden die institutionellen Glamour nicht vermissen.
Konzerngeschäftsführer Andreas Zakostelsky, 44, besonnen und belesen, und sein Vorstandskollege in der Vermögensverwaltung, Georg-Viktor Dax, 45, smart und sportlich, setzen auf Teamarbeit - bei klaren Vorgaben: Anleihen müssen ihren Qualitätsstandards genügen, grundsätzlich Investment Grade haben, wie der Profi sagt. Aktien finden sie, indem sie Unternehmen haarklein durchleuchten, "mit Anlagehorizont drei bis fünf Jahre", sagt Dax, "kürzer nicht." Häufiges Umschichten in den Kundendepots lohnt nicht, meint Dax: "Das schindet nur Gebühren. Den Kunden kostet das am Ende Performance."
Eine Truppe aus sechs Spezialisten entscheidet, welche Aktien, Anleihen, Immobilientitel oder Zertifikate die aussichtsreichsten sind, um das Kundenvermögen zu mehren. Keine Aktie bekommt bei ihnen mehr als 2,5 Prozent Gewicht im Portfolio.
Nur sechs Leute für ein riesiges Anlageuniversum, wie kann das gehen?
Zakostelsky delegiert und lagert aus. Sein Credo: Profi, bleib bei deinem Leisten. "In der Aktienwahl arbeiten wir eng mit Capital International in Los Angeles zusammen, einem der größten Investmentmanager der Welt." 200 Profis machen für die Kalifornier tausende von Unternehmensbesuchen im Jahr, prüfen Vorstände, Produkte und Bilanzen. "Das", weiß Dax, "könnten wir auch mit wesentlich mehr Mitarbeitern nicht leisten. Dafür nutzen wir unsere Nähe zu Osteuropa und nutzen dort die besten Chancen."
Nicht nur, weil Bratislava nur gut 50 Kilometer hinter Wien liegt - und damit die lukrativen osteuropäischen Renten- und Immobilienmärkte -, überhaupt ist Österreich ein schönes Land für Vermögensverwalter. "Wir bewegen uns in einem sehr guten gesetzlichen und steuerlichen Umfeld", sagt Dax. Dass Wolken überm Steuerparadies aufziehen, weil seit diesem Monat der deutsche Fiskus auch in Österreich leichter an die Daten eines Depotinhabers kommt, lächeln die Wiener charmant weg: "Das wird nichts Wesentliches für unsere deutschen Kunden ändern. Österreich kooperiert mit den deutschen Behörden bei Finanzstrafverfahren."
Im konservativen Depot schlugen die Wiener die Konkurrenz souverän.
Zakostelsky nennt die Marschrichtung: "Wichtig ist eine gute Risikostreuung. Randmärkte decken wir nicht durch einzelne Aktien ab, sondern über Fonds und Zertifikate." Osteuropa etwa mischten die Wiener über ihren hauseigenen Fonds Raiffeisen-Osteuropa-Aktien ins Depot; für Japan bedienten sie sich der Fonds anderer Anbieter und Zertifikaten auf den Nikkei-Index.
Den größten Teil in ihrem konservativen Portfolio - bis zu 70 Prozent - machen aber festverzinsliche Wertpapiere aus. Zakostelsky: "Damit haben wir nicht nur die Gewinne des Aktienanteils abgesichert, sondern auch Rendite gesucht." Gefunden haben sie die vor allem außerhalb des Euro-Raums, in Polen, Ungarn und Tschechien, meist über Fonds. "Außerdem zeichneten wir eine Anleihe der Republik Österreich in türkischer Lira."
Solche Exoten sind allerdings die Ausnahme. Vorsicht überwiegt.
Neben den Staatsanleihen stammen auch die meisten Unternehmensbonds im Depot aus Österreich: OMV, EVN und Energie Oberösterreich. Vom häufigen Umschichten halten sie auch bei Renten nichts. Zakostelsky: "Nennenswerte Kurskorrekturen an den Rentenmärkten sind in naher Zukunft nicht wahrscheinlich."
Allenfalls im Dollar-Raum wollen sie 2006 wieder zugreifen. "Dort waren wir mit den konservativen Depots bis jetzt überhaupt nicht", erklärt Zakostelsky. "Die US-Renditen werden aber im Vergleich zu Euro-Anleihen zusehends attraktiver." Von den zehnjährigen US-Staatsanleihen erwartet der Raiffeisenbanker gut einen Prozentpunkt mehr Rendite als von europäischen.
Den Rentenanteil der Depots für etwas wagemutigere Kunden will Zakostelsky vor allem mit Papieren türkischer, russischer, chinesischer und indischer Schuldner bestücken. Und dazu auch 2006 deutsche Aktien (Dax: "Der Dax ist noch immer unterbewertet"), außerdem Energiewerte wie Schlumberger und OMV, auf Pharmatitel wie Roche und Sanofi-Aventis. "Rohstoffe werden wir indirekt angehen, etwa über Pazifikfonds mit Blick auf Australien", erörtert Dax. Downunder sind viele Rohstoffunternehmen beheimatet.
Asien und vor allem Indien stehen bei Klaus Martini und Jochen Weidekamm ganz oben auf der Agenda. "Fahren Sie da mal hin, das ist beeindruckend", empfiehlt Martini, der 48-jährige oberste Anleger der Deutschen Bank. Seit drei Jahren gebietet er über die rund 262 Milliarden Euro, die Privatkunden der Deutschen Bank anvertraut haben, davor war er 18 Jahre Manager bei der Fondstochter DWS. Der wesentlich » jüngere Weidekamm verwaltet direkt das siegreiche Depot in der Firstfive-Kategorie Moderat Dynamisch. 2005 schaffte er damit 23 Prozent Wertsteigerung. Martini und Weidekamm sehen sich als Team - wobei klar ist, wer der Chef ist.
"Natürlich wird bei einer so großen Bank viel zentralisiert, aber eben nicht alles", erklärt Martini. Viermal im Jahr tagt der weltweite Anlageausschuss, das Global Investment Committee, dem Martini vorsitzt.
"Da erarbeiten wir unseren so genannten House View, der dann für alle Berater weltweit gültig ist", erzählt Martini.
Diese Hausmeinung können die einzelnen Portfoliomanager recht frei interpretieren. "Innerhalb der Leitplanken, die wir vorgeben, kann sich jeder frei bewegen", so Martini. Wie eng diese Leitplanken sind, hänge von den Leistungen und Erfahrungen der jeweiligen Manager ab, so der Chef. "Bei guten Leistungen kann der Freiraum auch mal sehr viel größer werden."
"Portfoliomanagement ist Teamwork, wenn es um Informationen und Anlageideen geht. Und Portfoliomanagement ist Einzelverantwortung, wenn es um einzelne Produkte geht", referiert Weidekamm. 2005 etwa gab Martini die Order aus, verstärkt in europäische Aktien zu investieren. Er wollte zudem Ölwerte in den Depots sehen. Weidekamm suchte die Aktien von Eni, Total und des Pipelinebauers Saipem aus. Martini sagt, er sucht "Ideen und Storys", nicht Aktien und Branchen. Eine überzeugende Story ist für ihn die Urbanisierung Chinas und Indiens. "Daraus lässt sich für Investoren ein klarer Trend ableiten, der uns die kommenden Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, beschäftigen wird", postuliert Martini. Und weiter: "Asien braucht Rohstoffe, deren Preise können zwar immer wieder für kurze Zeit fallen, aber mit Blick auf mehrere Jahre werden sie steigen."
2006 setzen die Deutschbanker außerdem auf Gold und Agrarrohstoffe wie Zucker, Weizen oder Soja. "Das sind Storys und Ideen, die der Kunde versteht", glaubt Martini. Das ist ihm wichtig. "Was nutzen uns die schönsten Ideen und ausgetüftelte Investmentprozesse, wenn die Berater sie nicht rüberbringen können?"
Wie seine Kollegen bei der Credit Suisse und der Raiffeisenbank sieht Martini für 2006 nicht schwarz, will aber auf wachsende Risiken vorbereitet sein. "2006 sollte man die Handbremse zumindest mal in die Hand nehmen", sagt er. Im Grunde laufe es aber noch ganz gut: "Die wichtigsten Wirtschaften der Welt wachsen, die Gewinne der Unternehmen dürften auch 2006 steigen, wenn auch nicht mehr überall so stark wie in Asien."
Für die dortigen Unternehmen erwartet Martini im Durchschnitt noch einmal 25 Prozent Gewinnplus. Außerdem hält er Aktien aus Brasilien für lukrativ.
Das Land hat Rohstoffe, die die Asiaten für immer höhere Preise kaufen. So simpel kann Geldanlegen sein. "Das", meint der Vordenker der Deutschen Bank, "ist ein No-Brainer."
Quelle: HANDELSBLATT, Samstag, 18. Februar 2006, 09:00 Uhr
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Der Einsame Samariter
Die wundersamen Geldvermehrer
Wie die besten Profis das Geld ihrer Kunden anlegen, wie sie 2006 Börse und Zinsen sehen, welche Aktien Vermögensverwalter favorisieren und was jeder Anleger von ihnen lernen kann.
FRANKFURT. Die Theodor-Heuss-Allee in Frankfurt ist ein unwirtlicher Ort an einem kalten Februartag. Bürokomplex reiht sich an Bürokomplex auf der schnurgeraden, vierspurigen Ausfallstraße; schmucklose Quader aus Glas und Stahl, kaum einer älter als zwei Jahre, bilden eine kilometerlange Einheitsfront. Im fünften Stock des Hauses Nummer 100 steht Stefan Keitel in seinem Büro und blickt wehmütig hinüber zum Messeturm. "Bis vor einem Jahr hatten wir dort unsere Büros, die waren repräsentativer", sagt der oberste Geldanleger der Credit Suisse Deutschland. Hier sieht eher aus wie in einem Internetunternehmen als in einer Bank.
Auch das Alter würde passen. Keitel ist erst 36. Trotzdem arbeitet er schon seit mehr als fünf Jahren als Deutschlands leitender Anlagestratege für den Schweizer Bankriesen. Er gibt die grobe Linie vor, die einzelnen Wertpapiere suchen dann seine Portfoliomanager Frank Schorling und Alexander Hipp aus. Die beiden holte Keitel 2001 und 2002 ins Team, da waren sie Ende zwanzig.
Den Kunden der Credit Suisse hat die Jugendarbeit genützt. Keitel und sein Team verwalten mehrere Milliarden Euro. Zusammen sind sie Deutschlands beste Geldmanager 2005: Mit einem Wertzuwachs von 35,5 Prozent holten sie mehr als die gängigen Aktienindizes wie Dax (27 Prozent) oder EuroStoxx (21 Prozent).
Nicht allein Keitels Team kitzelt aus den Finanzmärkten mehr heraus, als es die meisten Privatanleger je schaffen. Die WirtschaftsWoche stellt die besten Anlageprofis vor und verrät, wie sie ihre festverzinslichen Wertpapiere und Aktien aus der Masse des Angebots filtern und was ihre Favoriten für 2006 sind. Die Sieger ermittelt hat für die WirtschaftsWoche die Ratingagentur Firstfive. Die Frankfurter Analysten arbeiten ausschließlich mit echten Kundendepots der Vermögensverwalter, um den Wettbewerb so realistisch wie möglich zu gestalten.
Musterdepots nur mit Spielgeld sind zwar bei Anlegermagazinen und im Börsen-TV beliebt, liefern aber meist nur verzerrte Ergebnisse, weil die Profis mit Konfettigeld weit höhere Risiken eingehen als mit echten Kundengeldern.
Das unverfälschte Ergebnis mit Realdepots weist Sieger in vier Risikoklassen aus, von ganz auf Werterhalt bedachten Zinsexperten wie die Wiener Raiffeisen Capital Management über Allrounder wie die Deutsche Bank bis hin zu aggressiven Aktienspezialisten, die in guten Jahren hohe zweistellige Renditen erzielen - in schlechten aber auch mal ein paar Prozent des Depotwertes auf der Strecke lassen. So verschieden die Rezepte der Erfolgsstrategen sind, in einigen Punkten sind sie einig: n Die Zinsen in Euroland werden kaum steigen. So dürfte die Rendite für Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit unter vier Prozent bleiben. Nur in Randmärkten wie Osteuropa winken höhere Erträge.
Nach dem überdurchschnittlich guten Aktienjahr 2005 wachsen Schritt für Schritt die Risiken. So üppig werden die Gewinne nicht weitersprudeln.
Asien gilt als Investitionsraum der Zukunft - mit der Verschiebung der ökonomischen Macht gen Osten sollte auch das Kapital dorthin wandern.
Damit zusammenhängend: Rohstoffe bleiben attraktiv für Anleger. "Auch wenn es zwischenzeitliche Rückschläge gibt, der Rohstoffhunger Asiens wird in den nächsten Jahren die Preise weiter steigen lassen", sagt etwa Klaus Martini, Investmentchef der Deutsche Bank Private Investment.
Das gilt auch fürs Öl - Aktien aus dieser Branche stehen bei fast allen erfolgreichen Profis auf der Empfehlungsliste.
Überraschend einstimmig sind die Geldprofis trotz früher verbreiteter Skepsis auch zu Gold-Fans mutiert.
Die wenigsten der rund 150 Geldprofis in der Firstfive-Analyse hatten 2005 Ärger mit ihren Kunden - dank der überschäumenden Börse musste keiner seinem Klienten einen Verlust beichten. Das war in Jahren wie 2002 noch anders; als die Aktien auf Talfahrt gingen, schaffte kein einziger Verwalter eine positive Rendite; einige verloren mehr als 30 Prozent der ihnen anvertrauten Kundengelder.
Jetzt läuft das Geschäft mit dem Geld der grob geschätzt rund 760 000 Millionären in Deutschland für Banken wieder prächtig. Von den 3,78 Milliarden Euro Jahresgewinn der Deutschen Bank 2005 stammten 1,8 Milliarden Euro aus Privatkundengeschäft und Asset Management.
Auch die kleineren Privatbanken verdienen wieder gut. So steigerte die auf das Geschäft mit reichen Privatkunden spezialisierte Hamburger M. M. Warburg im vergangenen Jahr ihren Jahresüberschuss um 74 Prozent auf 50,5 Millionen Euro. Von ihrer Qualität sind die Hamburger überzeugt: In diesem Jahr will Dieter Grosenick, Chef der Vermögensverwaltung der Bank, zusätzliche Kundendepots bei Firstfive ins Rennen schicken.
Grosenick ist sich sicher, dass er sich mit seiner Performance nicht hinter den Besten des Jahres 2005 zu verstecken bräuchte. Auch den kleinen Unabhängigen geht es nach einer längeren Durststrecke wieder gut. Laut dem Branchenverband VuV sagen 62 Prozent der Berater, 2005 sei ihr bisher bestes Geschäftsjahr gewesen.
"Die gute Börse 2005 hat uns im Siegerdepot natürlich geholfen", bestätigt Credit-Suisse-Manager Keitel, der Sieger in der aggressivsten Firstfive-Kategorie "Dynamisch" mit mehr als 80 Prozent Aktienanteil im Gesamtdepot. "Wir wollen uns aber nicht im aktuellen Erfolg sonnen", beteuert der stattliche Rheinhesse, "es ist wichtig, dass wir auch schlechtere Jahre ohne große Blessuren überstehen." Deshalb wollen sie ihr Aktiendepot auch "nur als Baustein im Vermögen" verstanden wissen.
Ohnehin denken sie bei Aktien nicht von Jahr zu Jahr, sondern weit darüber hinaus, beteuert Keitel. "Nur mit einer gewissen Beharrlichkeit und Kontinuität sind auf Dauer Erfolge im Aktienmarkt wahrscheinlich", doziert der Mittdreißiger.
Kontinuität ist sein Lieblingswort. Immer wieder kommt er darauf zurück.
Kontinuität dominiert auch Keitels beruflichen Werdegang. Nach der Banklehre bei der Deutschen Bank studierte der gebürtige Binger Finanzwirtschaft in Mainz; nach einem dreijährigen Zwischenstopp beim US-Vermögensverwalter Prudential kam er zur Credit Suisse, um dem brachliegenden Deutschlandgeschäft eine Form zu geben.
Was ihm gelang. "Ich will, dass diese Kontinuität, diese Langfristigkeit im Denken und dieser Wertgedanke auch draußen bei unseren Kundenberatern ankommt", sagt der zweifache Vater. Man merkt ihm an, dass er das Gesagte schon oft wiederholen musste, draußen. Keitel redet nicht, er predigt.
Wie sieht so eine langfristige Strategie für Aktien aus? "Substanz, Cash-Flow und Dividende", zählt Portfoliomanager Schorling auf. "Das Depot besteht aus 15 gleich gewichteten Aktien", ergänzt Hipp. Bei der Aktienauswahl achtet das Team vor allem auf eine überdurchschnittliche Dividendenrendite. "Daneben ist uns aber auch wichtig, dass die Unternehmen viel Umsatzpotenzial in den aufstrebenden Schwellenländern haben", so Schorling.
Aktuell erfüllen diese Bedingungen zum Beispiel BAT, Saint-Gobain, ING, K + S, Suez, Rio Tinto und Nestlé. "Dividende aber ist nicht gleich Dividende", meint Hipp, "manche Aktien, die auf den ersten Blick hohe Dividenden aufweisen, fallen durch unser Raster." DaimlerChrysler und die Telekom zum Beispiel. Hipp: "Wer in einem Jahr viel zahlt und im nächsten dafür Verlust macht und nichts mehr ausschüttet, kommt uns nicht ins Depot." Aktien, die es aber erst einmal ins Depot der Credit-Suisse-Banker geschafft haben, bleiben dafür lange. Schorling: "Wir haben das Depot vor vier Jahren gestartet und seitdem genau vier Aktien ausgewechselt."
Nanu, vier Aktien in vier Jahren? Haben die nie Verlustbringer im Depot, die man schnell und schnörkellos verkaufen sollte? "In der Theorie schon", meint Hipp, "Lloyds TSB etwa brachte uns am Anfang kein Glück", gesteht er. "Aber verkauft haben wie sie nicht. Abgerechnet wird am Schluss, und das kann dauern. Die Dividendenrendite von acht Prozent und Übernahmefantasie haben uns bewogen, mit Lloyds noch einmal gnädig zu sein", spricht Keitel und verschränkt entspannt die Hände hinter dem Nacken.
Welchen Aktien sind die CS-Manager 2006 gnädig? "Der positive Schwung an der Börse seit 2003 kann noch ein paar Monate anhalten. Spätestens 2007 werden aber die Risiken in den Vordergrund treten. Das Wirtschaftswachstum wird sich abschwächen in der Welt - vor allem in den USA, und das vielleicht weit stärker, als der Konsens der Analysten es zurzeit wahrhaben will." Keitels Konsequenz: Er schichtet um, raus aus Aktien, rein in Rohstoffe, Gold und weltweit anlegende Rentenfonds. Mit dem Gold sichert er sich gegen Inflation und einen eventuell fallenden Dollar ab; mit den Rentenfonds setzt er auf steigende Wechselkurse asiatischer Währungen.
Ein weiterer Kniff, um Risiken einzugrenzen: Hat eine der 15 Aktien im Depot mit einer hohen Dividendenausschüttung oder nach Kursgewinnen überdurchschnittlich starken Anteil am Vermögen, verkaufen die CS-Manager gerade so viel davon, dass wieder alle 15 Titel gleich gewichtet sind. Das frei gewordene Kapital investieren sie in die zurückgebliebenen Titel. Wie oft sie das machen? Nur keine Hektik: "Einmal pro Jahr reicht", meint Hipp.
Äußerlich bescheiden gibt sich auch die Wiener Raiffeisen Capital Management. Keine Antiquitäten, keine teure Kunst - die Chefs der österreichischen Raiffeisen-Tochter arbeiten in grauen Achtzigerjahre-Büros am Wiener Stadtpark. Umso mehr glänzen die Zahlen auf ihrem Schreibtisch: Gleich in zwei Risikoklassen der Firstfive-Liste belegen ihre Depots 2005 den ersten Platz. In der Kategorie "Konservativ" (mit höchstens 40 Prozent Aktien) und in der Klasse "Ausgewogen", mit bis zu 60 Prozent Aktienanteil am Gesamtdepot. Das Spezialinstitut der Raiffeisen-Bankengruppe verwaltet rund 1,3 Milliarden Euro für 3500 Kunden, darunter viele Deutsche. Angesichts der Performance von 13 Prozent im konservativen Depot und 20 Prozent im ausgewogenen werden die institutionellen Glamour nicht vermissen.
Konzerngeschäftsführer Andreas Zakostelsky, 44, besonnen und belesen, und sein Vorstandskollege in der Vermögensverwaltung, Georg-Viktor Dax, 45, smart und sportlich, setzen auf Teamarbeit - bei klaren Vorgaben: Anleihen müssen ihren Qualitätsstandards genügen, grundsätzlich Investment Grade haben, wie der Profi sagt. Aktien finden sie, indem sie Unternehmen haarklein durchleuchten, "mit Anlagehorizont drei bis fünf Jahre", sagt Dax, "kürzer nicht." Häufiges Umschichten in den Kundendepots lohnt nicht, meint Dax: "Das schindet nur Gebühren. Den Kunden kostet das am Ende Performance."
Eine Truppe aus sechs Spezialisten entscheidet, welche Aktien, Anleihen, Immobilientitel oder Zertifikate die aussichtsreichsten sind, um das Kundenvermögen zu mehren. Keine Aktie bekommt bei ihnen mehr als 2,5 Prozent Gewicht im Portfolio.
Nur sechs Leute für ein riesiges Anlageuniversum, wie kann das gehen?
Zakostelsky delegiert und lagert aus. Sein Credo: Profi, bleib bei deinem Leisten. "In der Aktienwahl arbeiten wir eng mit Capital International in Los Angeles zusammen, einem der größten Investmentmanager der Welt." 200 Profis machen für die Kalifornier tausende von Unternehmensbesuchen im Jahr, prüfen Vorstände, Produkte und Bilanzen. "Das", weiß Dax, "könnten wir auch mit wesentlich mehr Mitarbeitern nicht leisten. Dafür nutzen wir unsere Nähe zu Osteuropa und nutzen dort die besten Chancen."
Nicht nur, weil Bratislava nur gut 50 Kilometer hinter Wien liegt - und damit die lukrativen osteuropäischen Renten- und Immobilienmärkte -, überhaupt ist Österreich ein schönes Land für Vermögensverwalter. "Wir bewegen uns in einem sehr guten gesetzlichen und steuerlichen Umfeld", sagt Dax. Dass Wolken überm Steuerparadies aufziehen, weil seit diesem Monat der deutsche Fiskus auch in Österreich leichter an die Daten eines Depotinhabers kommt, lächeln die Wiener charmant weg: "Das wird nichts Wesentliches für unsere deutschen Kunden ändern. Österreich kooperiert mit den deutschen Behörden bei Finanzstrafverfahren."
Im konservativen Depot schlugen die Wiener die Konkurrenz souverän.
Zakostelsky nennt die Marschrichtung: "Wichtig ist eine gute Risikostreuung. Randmärkte decken wir nicht durch einzelne Aktien ab, sondern über Fonds und Zertifikate." Osteuropa etwa mischten die Wiener über ihren hauseigenen Fonds Raiffeisen-Osteuropa-Aktien ins Depot; für Japan bedienten sie sich der Fonds anderer Anbieter und Zertifikaten auf den Nikkei-Index.
Den größten Teil in ihrem konservativen Portfolio - bis zu 70 Prozent - machen aber festverzinsliche Wertpapiere aus. Zakostelsky: "Damit haben wir nicht nur die Gewinne des Aktienanteils abgesichert, sondern auch Rendite gesucht." Gefunden haben sie die vor allem außerhalb des Euro-Raums, in Polen, Ungarn und Tschechien, meist über Fonds. "Außerdem zeichneten wir eine Anleihe der Republik Österreich in türkischer Lira."
Solche Exoten sind allerdings die Ausnahme. Vorsicht überwiegt.
Neben den Staatsanleihen stammen auch die meisten Unternehmensbonds im Depot aus Österreich: OMV, EVN und Energie Oberösterreich. Vom häufigen Umschichten halten sie auch bei Renten nichts. Zakostelsky: "Nennenswerte Kurskorrekturen an den Rentenmärkten sind in naher Zukunft nicht wahrscheinlich."
Allenfalls im Dollar-Raum wollen sie 2006 wieder zugreifen. "Dort waren wir mit den konservativen Depots bis jetzt überhaupt nicht", erklärt Zakostelsky. "Die US-Renditen werden aber im Vergleich zu Euro-Anleihen zusehends attraktiver." Von den zehnjährigen US-Staatsanleihen erwartet der Raiffeisenbanker gut einen Prozentpunkt mehr Rendite als von europäischen.
Den Rentenanteil der Depots für etwas wagemutigere Kunden will Zakostelsky vor allem mit Papieren türkischer, russischer, chinesischer und indischer Schuldner bestücken. Und dazu auch 2006 deutsche Aktien (Dax: "Der Dax ist noch immer unterbewertet"), außerdem Energiewerte wie Schlumberger und OMV, auf Pharmatitel wie Roche und Sanofi-Aventis. "Rohstoffe werden wir indirekt angehen, etwa über Pazifikfonds mit Blick auf Australien", erörtert Dax. Downunder sind viele Rohstoffunternehmen beheimatet.
Asien und vor allem Indien stehen bei Klaus Martini und Jochen Weidekamm ganz oben auf der Agenda. "Fahren Sie da mal hin, das ist beeindruckend", empfiehlt Martini, der 48-jährige oberste Anleger der Deutschen Bank. Seit drei Jahren gebietet er über die rund 262 Milliarden Euro, die Privatkunden der Deutschen Bank anvertraut haben, davor war er 18 Jahre Manager bei der Fondstochter DWS. Der wesentlich » jüngere Weidekamm verwaltet direkt das siegreiche Depot in der Firstfive-Kategorie Moderat Dynamisch. 2005 schaffte er damit 23 Prozent Wertsteigerung. Martini und Weidekamm sehen sich als Team - wobei klar ist, wer der Chef ist.
"Natürlich wird bei einer so großen Bank viel zentralisiert, aber eben nicht alles", erklärt Martini. Viermal im Jahr tagt der weltweite Anlageausschuss, das Global Investment Committee, dem Martini vorsitzt.
"Da erarbeiten wir unseren so genannten House View, der dann für alle Berater weltweit gültig ist", erzählt Martini.
Diese Hausmeinung können die einzelnen Portfoliomanager recht frei interpretieren. "Innerhalb der Leitplanken, die wir vorgeben, kann sich jeder frei bewegen", so Martini. Wie eng diese Leitplanken sind, hänge von den Leistungen und Erfahrungen der jeweiligen Manager ab, so der Chef. "Bei guten Leistungen kann der Freiraum auch mal sehr viel größer werden."
"Portfoliomanagement ist Teamwork, wenn es um Informationen und Anlageideen geht. Und Portfoliomanagement ist Einzelverantwortung, wenn es um einzelne Produkte geht", referiert Weidekamm. 2005 etwa gab Martini die Order aus, verstärkt in europäische Aktien zu investieren. Er wollte zudem Ölwerte in den Depots sehen. Weidekamm suchte die Aktien von Eni, Total und des Pipelinebauers Saipem aus. Martini sagt, er sucht "Ideen und Storys", nicht Aktien und Branchen. Eine überzeugende Story ist für ihn die Urbanisierung Chinas und Indiens. "Daraus lässt sich für Investoren ein klarer Trend ableiten, der uns die kommenden Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, beschäftigen wird", postuliert Martini. Und weiter: "Asien braucht Rohstoffe, deren Preise können zwar immer wieder für kurze Zeit fallen, aber mit Blick auf mehrere Jahre werden sie steigen."
2006 setzen die Deutschbanker außerdem auf Gold und Agrarrohstoffe wie Zucker, Weizen oder Soja. "Das sind Storys und Ideen, die der Kunde versteht", glaubt Martini. Das ist ihm wichtig. "Was nutzen uns die schönsten Ideen und ausgetüftelte Investmentprozesse, wenn die Berater sie nicht rüberbringen können?"
Wie seine Kollegen bei der Credit Suisse und der Raiffeisenbank sieht Martini für 2006 nicht schwarz, will aber auf wachsende Risiken vorbereitet sein. "2006 sollte man die Handbremse zumindest mal in die Hand nehmen", sagt er. Im Grunde laufe es aber noch ganz gut: "Die wichtigsten Wirtschaften der Welt wachsen, die Gewinne der Unternehmen dürften auch 2006 steigen, wenn auch nicht mehr überall so stark wie in Asien."
Für die dortigen Unternehmen erwartet Martini im Durchschnitt noch einmal 25 Prozent Gewinnplus. Außerdem hält er Aktien aus Brasilien für lukrativ.
Das Land hat Rohstoffe, die die Asiaten für immer höhere Preise kaufen. So simpel kann Geldanlegen sein. "Das", meint der Vordenker der Deutschen Bank, "ist ein No-Brainer."
Quelle: HANDELSBLATT, Samstag, 18. Februar 2006, 09:00 Uhr
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Der Einsame Samariter