Amerikas Jahrhundertboom, daran muss gelegentlich erinnert werden, ist definitiv zu Ende.
Von Marc Hujer
(SZ vom 03.05.2003) — Ziemlich genau vor zwei Jahren, etwa zu dem Zeitpunkt, als George W.Bush Präsident der Vereinigten Staaten wurde, meldeten die Statistiker die erste Rezession seit mehr als einem Jahrzehnt. Seither müssen sich die Amerikaner mit den hässlichen Folgen des Booms herumschlagen, dem Misstrauen der Börsianer, den hohen Schulden, dem verletzbaren Dollar – Gefahren nicht nur für Amerika, sondern für die gesamte Weltwirtschaft.
Bush hätte die Chance gehabt, sich als Wirtschaftsführer zu profilieren, als ein Präsident, der selbst nach dem sagenhaften Boom noch eine neue Vision formuliert. Doch dann hat er nicht mehr zustande gebracht als zwei Steuerreformen, die lediglich zur Belebung verbrauchter Wirtschaftsstrukturen dienten.
Es bewegt sich nicht viel in der Wirtschaftspolitik Bushs. Jedenfalls gibt sich der Präsident keine Mühe, Überkommenes zu ändern – Strukturen, die zwar unermesslichen Reichtum geschaffen, aber auch wieder zerstört haben. Von Beginn an hielt er an den Kräften des Alten fest, an der Stahlindustrie, die er mit Schutzzöllen bedachte, an den Landwirten, denen er Rekordsubventionen zahlte.
Auch am Erbe seines Vorgängers Bill Clinton hatte er wenig zu mäkeln: Statt die Börsen- und Bilanzierungsregeln zu ändern, die in den vergangenen Jahren so große Verwirrung an der Wall Street geschaffen haben, hat er lediglich die Strafen bei Verstößen erhöht.
Und die Börse, die den Internetboom ermöglichte, soll auch jetzt wieder eine zentrale Rolle im Aufschwung übernehmen. Bush will sie mit seiner nächsten Steuerreform mit Staatsmitteln beleben, damit die steigenden Kurse wieder für mehr Reichtum und Zufriedenheit der Konsumenten sorgen.
Stillstand bei Bilanzregeln
Dabei hätte Bush spätestens vor gut einem Jahr die Verpflichtung zu wirklich großen Reformen gehabt. Damals, als nicht nur die Bilanzbetrügereien von Enron, Worldcom und Global Crossing aufflogen, sondern auch klar wurde, dass ganz legale Bilanzierungstricks die Anleger irregeleitet hatten, wäre mehr nötig gewesen als die Drohung mit härteren Gefängnisstrafen.
Selbst Notenbankchef Alan Greenspan setzte sich vehement für eine Änderung der Bilanzierungsgesetze ein. Er forderte insbesondere die Abschaffung der Möglichkeit, mittels der Ausgabe von Aktienoptionen die Unternehmensgewinne künstlich aufzublähen.
In Zeiten der New Economy wurden auf diese Weise die ausgewiesenen Erträge vervielfacht, was nach den Börsencrashs die Glaubwürdigkeit des Investitionsstandortes USA ernsthaft aufs Spiel setzte. Doch Bush entschied sich trotz erheblicher Kritik, am Status quo festzuhalten. Die Gesetzesänderungen blieben bescheiden.
Die Versuchung für Bush ist groß, gar nichts zu tun. Nach mehr als zehn Jahren Boom ist es nicht unbedingt populär, den Wählern zu sagen, dass es so wie bisher nicht weiter gehen kann. Andererseits gibt es derzeit keinen anderen Wirtschaftsblock in der Welt, der den Vereinigten Staaten den Rang ablaufen könnte. Entsprechend gering scheint deshalb auch die Gefahr, dass unterlassene Reformen von Investoren unmittelbar bestraft werden.
So kämpft Japan gegen die Dauerrezession, und in Europa fehlen weiterhin Reformen. Solange sich daran nichts ändert, scheint sich Präsident Bush einen Schlendrian erlauben zu können, ohne der amerikanischen Volkswirtschaft sichtbaren Schaden zuzufügen.
Gefährliche Defizite
Das gilt auch für die anderen Probleme: die Verschuldung der Konsumenten und das Doppel-Defizit in Haushalt und Leistungsbilanz. Insbesondere die restriktive Haushaltspolitik Clintons galt bis vor kurzem noch als wichtige Voraussetzung dafür, dass internationales Kapital ins Land kam. Jetzt aber, da aus den Überschüssen im Staatshaushalt innerhalb vor zwei Jahren neue Rekorddefizite wurden, warnen Experten zu Recht vor unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft.
Immerhin müssen die Vereinigten Staaten jetzt ein Leistungsbilanzdefizit von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts finanzieren, entsprechend viel Geld muss täglich in die Vereinigten Staaten fließen. Sollten sich die Investoren eines Tages gegen die USA als Investitionsstandort entscheiden, könnte der Dollarkurs abstürzen – mit verheerenden Folgen für die gesamte Weltwirtschaft.
Bisher jedoch sind alle Schreckensszenarien ausgeblieben. Der Dollar hat zwar an Wert gegenüber dem Euro eingebüßt, allerdings nur in Maßen und so, dass es der amerikanischen Wirtschaft eher nutzt als schadet. Seit der Dollar nicht mehr so stark ist, sind US-Exporte wettbewerbsfähiger geworden, und so kann die Industrie wenigstens teilweise die Nachfrageschwäche im Inland durch zusätzliche Verkäufe im Ausland ausgleichen.
Andererseits könnte eine Flucht aus dem Dollar die amerikanische Notenbank zwingen, die Zinsen anzuheben, damit der Rest der Welt weiterhin das Haushaltsdefizit finanziert. Das blieb aber bislang aus. Auch ist der Anstieg der Arbeitslosenquote, die im April von 5,8 auf 6,0 Prozent kletterte, noch nicht besorgniserregend.
Bush hat also noch Zeit, sich um die drängenden Wirtschaftsprobleme seines Landes zu kümmern: die rasch wachsenden Defizite, die niedrige Sparquote, die Verfassung des Kapitalmarktes. Aber die Zeit könnte schnell verbraucht sein.
Von Marc Hujer
(SZ vom 03.05.2003) — Ziemlich genau vor zwei Jahren, etwa zu dem Zeitpunkt, als George W.Bush Präsident der Vereinigten Staaten wurde, meldeten die Statistiker die erste Rezession seit mehr als einem Jahrzehnt. Seither müssen sich die Amerikaner mit den hässlichen Folgen des Booms herumschlagen, dem Misstrauen der Börsianer, den hohen Schulden, dem verletzbaren Dollar – Gefahren nicht nur für Amerika, sondern für die gesamte Weltwirtschaft.
Bush hätte die Chance gehabt, sich als Wirtschaftsführer zu profilieren, als ein Präsident, der selbst nach dem sagenhaften Boom noch eine neue Vision formuliert. Doch dann hat er nicht mehr zustande gebracht als zwei Steuerreformen, die lediglich zur Belebung verbrauchter Wirtschaftsstrukturen dienten.
Es bewegt sich nicht viel in der Wirtschaftspolitik Bushs. Jedenfalls gibt sich der Präsident keine Mühe, Überkommenes zu ändern – Strukturen, die zwar unermesslichen Reichtum geschaffen, aber auch wieder zerstört haben. Von Beginn an hielt er an den Kräften des Alten fest, an der Stahlindustrie, die er mit Schutzzöllen bedachte, an den Landwirten, denen er Rekordsubventionen zahlte.
Auch am Erbe seines Vorgängers Bill Clinton hatte er wenig zu mäkeln: Statt die Börsen- und Bilanzierungsregeln zu ändern, die in den vergangenen Jahren so große Verwirrung an der Wall Street geschaffen haben, hat er lediglich die Strafen bei Verstößen erhöht.
Und die Börse, die den Internetboom ermöglichte, soll auch jetzt wieder eine zentrale Rolle im Aufschwung übernehmen. Bush will sie mit seiner nächsten Steuerreform mit Staatsmitteln beleben, damit die steigenden Kurse wieder für mehr Reichtum und Zufriedenheit der Konsumenten sorgen.
Stillstand bei Bilanzregeln
Dabei hätte Bush spätestens vor gut einem Jahr die Verpflichtung zu wirklich großen Reformen gehabt. Damals, als nicht nur die Bilanzbetrügereien von Enron, Worldcom und Global Crossing aufflogen, sondern auch klar wurde, dass ganz legale Bilanzierungstricks die Anleger irregeleitet hatten, wäre mehr nötig gewesen als die Drohung mit härteren Gefängnisstrafen.
Selbst Notenbankchef Alan Greenspan setzte sich vehement für eine Änderung der Bilanzierungsgesetze ein. Er forderte insbesondere die Abschaffung der Möglichkeit, mittels der Ausgabe von Aktienoptionen die Unternehmensgewinne künstlich aufzublähen.
In Zeiten der New Economy wurden auf diese Weise die ausgewiesenen Erträge vervielfacht, was nach den Börsencrashs die Glaubwürdigkeit des Investitionsstandortes USA ernsthaft aufs Spiel setzte. Doch Bush entschied sich trotz erheblicher Kritik, am Status quo festzuhalten. Die Gesetzesänderungen blieben bescheiden.
Die Versuchung für Bush ist groß, gar nichts zu tun. Nach mehr als zehn Jahren Boom ist es nicht unbedingt populär, den Wählern zu sagen, dass es so wie bisher nicht weiter gehen kann. Andererseits gibt es derzeit keinen anderen Wirtschaftsblock in der Welt, der den Vereinigten Staaten den Rang ablaufen könnte. Entsprechend gering scheint deshalb auch die Gefahr, dass unterlassene Reformen von Investoren unmittelbar bestraft werden.
So kämpft Japan gegen die Dauerrezession, und in Europa fehlen weiterhin Reformen. Solange sich daran nichts ändert, scheint sich Präsident Bush einen Schlendrian erlauben zu können, ohne der amerikanischen Volkswirtschaft sichtbaren Schaden zuzufügen.
Gefährliche Defizite
Das gilt auch für die anderen Probleme: die Verschuldung der Konsumenten und das Doppel-Defizit in Haushalt und Leistungsbilanz. Insbesondere die restriktive Haushaltspolitik Clintons galt bis vor kurzem noch als wichtige Voraussetzung dafür, dass internationales Kapital ins Land kam. Jetzt aber, da aus den Überschüssen im Staatshaushalt innerhalb vor zwei Jahren neue Rekorddefizite wurden, warnen Experten zu Recht vor unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft.
Immerhin müssen die Vereinigten Staaten jetzt ein Leistungsbilanzdefizit von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts finanzieren, entsprechend viel Geld muss täglich in die Vereinigten Staaten fließen. Sollten sich die Investoren eines Tages gegen die USA als Investitionsstandort entscheiden, könnte der Dollarkurs abstürzen – mit verheerenden Folgen für die gesamte Weltwirtschaft.
Bisher jedoch sind alle Schreckensszenarien ausgeblieben. Der Dollar hat zwar an Wert gegenüber dem Euro eingebüßt, allerdings nur in Maßen und so, dass es der amerikanischen Wirtschaft eher nutzt als schadet. Seit der Dollar nicht mehr so stark ist, sind US-Exporte wettbewerbsfähiger geworden, und so kann die Industrie wenigstens teilweise die Nachfrageschwäche im Inland durch zusätzliche Verkäufe im Ausland ausgleichen.
Andererseits könnte eine Flucht aus dem Dollar die amerikanische Notenbank zwingen, die Zinsen anzuheben, damit der Rest der Welt weiterhin das Haushaltsdefizit finanziert. Das blieb aber bislang aus. Auch ist der Anstieg der Arbeitslosenquote, die im April von 5,8 auf 6,0 Prozent kletterte, noch nicht besorgniserregend.
Bush hat also noch Zeit, sich um die drängenden Wirtschaftsprobleme seines Landes zu kümmern: die rasch wachsenden Defizite, die niedrige Sparquote, die Verfassung des Kapitalmarktes. Aber die Zeit könnte schnell verbraucht sein.