Die Terror-Holding


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Die Terror-Holding

 
28.11.01 10:12
Er zieht Heerscharen von Teenagern in seinen Bann, lässt hoch bezahlte Angestellte und Kriminelle für sich arbeiten und hat sich inzwischen in 50 Ländern eingenistet: Osama Bin Laden befiehlt eine Armee auf Abruf – ein Einblick in das Netzwerk Al-Kaida.

Der amerikanische Brückenkopf steht. Als eine Panzerkolonne der Taliban-Kämpfer den Flugplatz südwestlich von Kandahar überrollen wollte, konnten die Ledernacken die Angreifer zurückwerfen. Mit Kampfhubschraubern verteidigten sie den Wüstenflugplatz, wo bis zu tausend US-Elitesoldaten stationiert werden sollen. Die Jagd auf Al-Kaida-Führer Osama Bin Laden geht in die entscheidende Phase.

Doch Kandahar, die letzte verbliebene Hochburg der Taliban in Afghanistan, ist vor allem ein Symbol - in einem Krieg, der noch lange nicht gewonnen ist, selbst wenn der Schlag gegen die Taliban- und Al-Kaida-Krieger in Afghanistan gelingt: Die Terrororganisation des Bin Laden hat sich längst wie ein Netz um den Globus gelegt.

Seit sich die sowjetischen Besatzer 1989 ermattet aus Afghanistan zurückgezogen hatten, schmiedete Bin Laden aus seinen Mitstreitern eine globale "Armee auf Abruf" - mit neuer Struktur und neuem Auftrag. Der Gegner ist seither der Westen.

Eigene informationskanäle

Durch sorgfältige Planung gelang es Bin Ladens Anhängern, sich finanziell zu vernetzen, eigene Informationskanäle aufzubauen und den Waffennachschub sicherzustellen. Dabei haben sich die Terroristen auf die unterschiedlichen Ziele und Interessen der diversen islamistischen Gruppen nahezu perfekt eingestellt. Westlichen Geheimdiensten zufolge hat al-Kaida in 50 Ländern Stützpunkte.

Die Organisation rekrutiert ihre Anhänger und Mitglieder aus allen gesellschaftlichen und sozialen Schichten: Gut bezahlte Angestellte gehören ebenso dazu wie Kleinkriminelle. Vor allem verzweifelte Teenager zog al-Kaida scharenweise in ihren Bann. Auf mindestens 70.000 Milizen schätzt BKA-Chef Ulrich Kersten die Truppe Bin Ladens. Sie wurde in afghanischen, sudanesischen und pakistanischen Lagern ausgebildet.

Wie konnten Zehntausende Menschen eine terroristische Ausbildung erhalten, ohne dass die internationale Staatengemeinschaft etwas dagegen unternahm? Wie gelang es diesen Terroristen, unbehelligt herumzureisen?

Unsichtbare Hintermänner

Bei vielen Aktionen blieben die Hintermänner lange Zeit unsichtbar. So vermuten spanische Ermittler, dass die "Soldaten Allahs", die 1994 die Abu-Bakr-Moschee in Madrid in ihre Gewalt brachten, finanzielle Verbindungen zu al-Kaida unterhielten und regelmäßig Mitglieder zur Ausbildung nach Bosnien, Pakistan und auf die Philippinen entsandten.

In Deutschland rekrutierte die Organisation vor allem im Gebiet Köln-Düsseldorf neue Anhänger, und zwar mit Hilfe von Amateurvideos, die bei den Kämpfen in Tschetschenien gedreht worden waren. Viele gemäßigte islamistische Organisationen und Wohlfahrtsvereine standen den Al-Kaida-Anhängern über Jahre praktisch und finanziell zur Seite.

Der Mann, der für die Anwerbung verantwortlich war, heißt Abu Zubaydah. Er ist der einzige Palästinenser im engeren Kreis um Bin Laden. "Er leitet die Lager, empfängt junge Männer aus allen Ländern. Er akzeptiert dich, oder er setzt dich raus. Er kümmert sich um die Auswahl der Lager und trifft die Vorbereitungen, wenn du an- oder abreist", sagte der im Dezember 1999 verhaftete Al-Kaida-Agent Ahmed Rezzam während seines Prozesses in den USA. Rezzam war ertappt worden, als er eine Bombe ins Land schmuggelte, mit der er den Flughafen von Los Angeles sprengen wollte.

Drill in den Trainingscamps

In den Trainingscamps wurden die Anhänger militärisch und religiös gedrillt - etwa der Saudi Mohammed Raschid al-Owhali, der zu dem Team gehörte, das 1998 die US-Botschaft in Kenia in die Luft sprengte. 1996 hatte sich der Kämpfer im afghanischen Lager Khaldan ausbilden lassen. Wie alle Rekruten wurde er angewiesen, Namen und Staatsbürgerschaft zu ändern; er erhielt falsche Papiere und einen gestohlenen Reisepass.

Geleitet wurde die militärische Ausbildung bei al-Kaida von Abu Hafs al-Misri alias Muhammed Atef, der vor zwei Wochen bei einem US-Luftangriff in Afghanistan ums Leben kam. Gemeinsam mit Bin Laden, Abu Zubaydah und Ayman Zawahiri, dem Befehlshaber für militärische Operationen, bildete Abu Hafs das militärische Oberkommando.

Auch der Algerier Ahmed Rezzam hatte die Al-Kaida-Schule durchlaufen, ehe er den Flughafen von Los Angeles in die Luft zu sprengen versuchte. Binnen sechs Monaten hatte er dort den Umgang mit Waffen und Sprengstoffen gelernt, war als Saboteur und Stadtguerilla-Kämpfer ausgebildet worden, hatte trainiert, "wie man Straßen blockiert, Gebäude angreift, und welche Strategien man dabei anwendet", so ein Ermittler der US-Bundespolizei FBI.

Vor allem lernte Rezzam, wie innerhalb einer Al-Kaida-Zelle die Sicherheit gewährleistet werden kann. "Wenn ihr in einer Gruppe arbeitet, weiß jeder nur das, was er selber tun soll. Ihr müsst Orte meiden, die den Verdacht auf euch lenken könnten, etwa Moscheen. Und ihr müsst auf verdächtige Kleidung verzichten."

Selbstmordkommando

Für Mohammed Raschid al-Owhali sollte der Anschlag in Nairobi ein Selbstmordkommando sein - so berichtete er später den Ermittlern. Aber erst musste er unsichtbar werden. Kaum in Afghanistan angekommen, nahm der junge Mann den Namen Mohammed Akbar und die Staatsbürgerschaft von Katar an. Dann wurde ihm befohlen, in den Jemen zu reisen. Um die Reise antreten zu können, wurde er Iraker, rasierte seinen Bart ab und bekam einen neuen Pass. Im Jemen erhielt er einen neuen Pass, verwandelte sich in Khalid Salim Saleh Bin Raschid. Problemlos reiste er so nach Kenia.

Eine perfekte Tarnung: Fünf Jahre lang operierte die Al-Kaida-Zelle in Nairobi unerkannt. Selbst als die Mitglieder detaillierte Anweisungen über ihre Mission erhielten, drangen keine Informationen nach außen. Die Bomben explodierten am 7. August 1998 und rissen in Nairobi und Tansanias Hauptstadt Daressalam insgesamt 263 Menschen in den Tod, mehr als 5000 wurden verwundet.

Die Planung der Attentate war perfekt: Ein Ingenieur war zwischen den beiden Städten gependelt und hatte die Bomben verdrahtet. Ein anderer Terrorist bereitete den Sprengstoff vor, ein dritter fuhr die Bombe im Lastwagen zur Botschaft. Kuriere brachten Dokumente, die Verdacht hätten erregen können, am Tag vor dem Anschlag ins Ausland. Alle, die nicht für das Attentat gebraucht wurden, erhielten die Anweisung, mit ihren Familien das Land zu verlassen.

Die Terror-Ausbildung ist Bin Ladens mächtigste Waffe. Die wenigsten Attentäter haben den Al-Kaida-Chef selbst kennen gelernt. "Osama Bin Laden ist ein Scheich, ein Gelehrter und ein Führer", sagt der junge Tansanier Khalfan Khamis Mohamed, der am Anschlag in Daressalam beteiligt war. "Da wir dieselben Ansichten haben, sehen wir uns als Teil von Bin Ladens Gruppe", so Khalfan, der zehn Monate in einem Al-Kaida-Lager verbrachte. "Er ist im Dschihad unser Anführer."

Mit neuen Identitäten um die Welt

Die Organisation blieb im Hintergrund - und doch waren Kämpfer bereit, für sie zu sterben. Bin Laden sorgte für die Ideen, hin und wieder für Geld und Personal. Mit neuen Identitäten, gestohlenen Dokumenten und gefälschten Pässen konnten Hunderte Terroristen fast sorglos durch die Welt reisen.

Gelegentlich fanden diese Strategien staatliche Unterstützung. Während des Bosnienkriegs 1992 bis 1995 kämpften viele Araber, die bereits zu al-Kaida gehörten oder später beitraten, für die muslimische Regierung. Nach dem Krieg bot ihnen die bosnische Regierung die Staatsbürgerschaft an. Viele akzeptieren. Zahlreiche Freischärler heirateten bosnische Musliminnen und nahmen ihren Namen an, wodurch sie alle Spuren zu ihrer Vergangenheit auslöschten.

Die Macht von al-Kaida ist eng verknüpft mit der Begeisterung ihrer Anhänger und deren Bereitschaft, sich selbst zu opfern, sowie der dezentralen Struktur: Die Terror-Gruppe ist geografisch verstreut, so dass sie bei passender Gelegenheit überall zuschlagen kann. "Al-Kaida arbeitet wie eine Terrorismus-Holding mit zielgerichtetem Management", sagt Kai Hirschmann, Terrorismusexperte an der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Bonn.

Den Beleg für diese globale Bedrohung bekamen die Amerikaner schriftlich - in Form einer Telefonrechnung. Sein Satellitentelefon hatte den USA nach den Botschaftsattentaten erlaubt, Bin Ladens Bewegungen zu verfolgen. Er wählte damals Nummern in etlichen Staaten an - den Ermittlern zufolge telefonierte er in jedes Land, in dem al-Kaida Zellen gehabt haben soll.

Gruß
Happy End
ftd.de
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