Die Hütte brennt


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LarsvomMars:

Die Hütte brennt

 
18.06.07 14:07

 Die Hütte brennt 3358887 Ministerium für außerplanetarische Angelegenheiten/ Außenkolonienkontaktdienst

 

Die Hütte brennt  

von Nina Klöckner (Finkenwerder)

 

Der Aufschrei war groß, als 2005 das Hamburger Aluminium-Werk wegen zu hoher Stromkosten stillgelegt wurde. Nun werden die Öfen in Finkenwerder wieder hochgefahren. Die Mitarbeiter sind die alten - beim Energiekauf geht man ganz neue Wege.

 

Wenn Martin Iffert in den riesigen Hallen ganz nah vor ihm steht, dem Ofen 130, die Klappe öffnet und in die Glut schaut, kommt bei ihm alles noch einmal hoch: die schlaflose Nacht, das Feuer, die Angst, die Freude, der Schüttelfrost. Einfach alles.

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 Martin Iffert, Bereichsvorstand Primary Products bei der Trimet AG

 

Mehr als 20 Stunden lang haben der Bereichsleiter und seine Leute Anfang März gekämpft, um den ersten Ofen des stillgelegten Aluminiumwerks vor den Toren Hamburgs wieder in Gang zu bringen. Fünf Tonnen des Minerals Kryolith mussten dafür mühsam und fast grammweise vorgewärmt und aufgelöst werden. Kurz nach Mitternacht ging eine Anode in einem riesigen Feuerball auf. Der Strom musste abgeschaltet werden. Es sah nicht gut aus. Die Halle glühte, alle waren müde, es war die Hölle. Aber "um vier Uhr früh lagen wir uns in den Armen", sagt Iffert. Ofen 130 brannte.

Inzwischen produzieren in Finkenwerder mehr als 100 Öfen Aluminium. Täglich werden zwei dazugeschaltet, bis Mitte Juni sollen es 180 sein. Es ist ein kleines deutsches Wunder, das sich in diesen Tagen im hohen Norden abspielt. Ende 2005 hatten die drei Anteilseigner Norsk Hydro, Alcoa und Amag das Werk geschlossen. Die Stromkosten seien zu hoch, befanden die Konzerne aus Norwegen, den USA und Österreich. Das war neu in Deutschland und sorgte für Empörung. 450 Beschäftigte verloren ihren Job, nach Jahrzehnten der Schufterei, ohne Aussicht auf eine andere Arbeit.

Retter aus Deutschland

Dann kam Heinz-Peter Schlüter. Der Chef des Aluminiumunternehmens Trimet kaufte vor einem halben Jahr die Hamburger Hütte und rettete damit das Werk, das viel größere Unternehmen schon aufgegeben hatten. "Das ist der Beweis, dass die Grundstoffindustrie in Deutschland eine Zukunft hat", jubelt Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust. Der 57-jährige Schlüter steigt durch den Deal nicht nur zum größten Aluminiumhändler Deutschlands auf. Er zeigt vor allem, dass man trotz hoher Löhne und Energiepreise auch hierzulande erfolgreich sein kann. Und dass soziales Unternehmertum selbst in hart umkämpften Märkten kein Wahnsinn ist, sondern ein Wettbewerbsvorteil.

 

Martin Iffert musste er davon nicht überzeugen. Der Ingenieur leitet auch das Trimet-Werk in Essen, er kennt die Vorzüge eines familiengeführten Unternehmens. Schlüter ist Alleininhaber von Trimet, er muss sich nicht vor Finanzinvestoren rechtfertigen, die nach Gewinnen und Wachstum schreien. "Hier existieren nicht die Zwänge, am Quartalsende eine möglichst große Rendite vermelden zu müssen", sagt Iffert. "Wir müssen nur schwarze Zahlen schreiben."

Alte Mitarbeiter zurückgeholt

Das hat das Werk in Finkenwerder getan - in jedem einzelnen Jahr seines 30-jährigen Bestehens. Und deshalb haben sich die Verantwortlichen auch kaum neue Leute gesucht. Sondern die zurückgeholt, die auch früher hier geschuftet haben. 200 Mitarbeiter tummeln sich schon wieder auf dem Gelände. 150 von ihnen sind alte Bekannte; das restliche Viertel kommt aus dem stillgelegten Werk im nahe gelegenen Stade.

Die ersten 50 Mitarbeiter hat der Werksleiter selbst eingestellt. Es war kurz vor Weihnachten, und Iffert konnte in den Gesprächen sehen, dass er Licht ins Leben dieser Menschen zurückgebracht hat. "Viele waren zu Tränen gerührt, dass sie wieder Arbeit bekommen", sagt er, die meisten seien ja schon über 50 Jahre alt. Einer hat zu ihm gesagt: "Endlich habe ich meine Familie wieder." Drei der vier alten Schichtführer sind zurückgekommen. Im Aufenthaltsraum der Arbeiter hängt ein Plakat über der Tür: "Eine Sache der Ehre".

 
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 Werkansicht der Trimet Aluminium AG in Hamburg

 

Auch Hans-Heinrich Schradiek musste nicht lange überlegen. Er hat ein schlechtes Jahr hinter sich, sagt er. Erst verlor er nach über 30 Jahren seinen Job beim Hamburger Aluminium-Werk, wenig später starb seine Frau. Alles, was sein Leben ausgemacht hatte, war plötzlich weg.

Heute fährt er wieder mit dem Fahrrad durch die große Produktionshalle. Auf dem Kopf ein Schutzhelm, im Mundwinkel eine Zigarette. Er hat ganz lange gewartet, weil er immer daran geglaubt hat, dass es hier weitergeht - und dann doch einen anderen Job angenommen. Schradiek wird 55, da darf man nicht mehr allzu wählerisch sein. Vier Stunden hat er bei der neuen Firma gearbeitet. Dann kam der Anruf aus Finkenwerder.

Er hat sich noch verabschiedet und ist dann sofort rüber an seinen alten Arbeitsplatz. Als die Hütte geschlossen wurde, war Schradiek bis zum traurigsten Tag da: Er fuhr die letzten sechs Öfen herunter.

Jetzt durfte er den ersten wieder hochfahren. Schradiek lächelt glücklich, er ist jetzt Schichtführer - wie früher. 17 seiner 34 Leute hat er zurückgeholt. Es ist seine alte Mannschaft, und trotzdem ist vieles anders. "Wir arbeiten viel mehr Hand in Hand", sagt er, "früher wurde auch mal gegeneinander gearbeitet."

"Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt"

 

Sie wollen es beweisen: Aluminium produzieren lohnt sich, auch in Deutschland. Das spürt man schon bei Martin Iffert im Büro. Der Vorstand trägt keinen Anzug, sondern Blaumann, oben links ist sein Name eingestickt. Die Bürotür steht offen. Ständig klingelt sein Telefon. Er weiß nicht, wie man es ins Vorzimmer umleitet, um so etwas kümmert er sich nicht gern. Drüben in der Halle grüßt er jeden Arbeiter, schüttelt Hände, hält da und dort einen Plausch.

"Wir suchen Typen", sagt Iffert, "bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt." Aber er weiß auch, dass sein Chef kein gütiger Gönner ist. Heinz-Peter Schlüter ist Geschäftsmann, und er hat alles dafür getan, um das Werk in Hamburg wieder in Schwung zu bringen. Knapp 50 Mio. Euro an Investitionen wird das Werk verschlungen haben, wenn alle Öfen wieder laufen. 25 Mio. Euro kostet die geplante Erweiterung der Anodenfabrik. "Es geht nicht nur ums Überleben", sagt Iffert. Es geht vor allem darum, auch an diesem Standort Gewinne zu machen.

Das ist in Deutschland nicht so einfach. Die Strompreise sind nach wie vor hoch - und die Hamburger Hütte verbraucht so viel Strom wie eine 500.000-Einwohner-Stadt. Die alten Eigner konnten sich mit dem Stromanbieter Vattenfall nicht mehr einigen. Schlüter hatte bessere Karten: Er schloss einen Vertrag mit RWE ab, dem Versorger, der auch sein Essener Werk beliefert. "Wir kriegen deshalb keine günstigeren Preise", sagt Iffert, "aber flexiblere." Das Besondere an dem Kontrakt: Der Strompreis ist an den Aluminiumpreis gekoppelt. Ist dieser hoch, ist auch der Strom teuer. Reichtümer lassen sich so selbst in guten Zeiten kaum erwirtschaften. Dafür aber rutscht man bei schwankenden Preisen nie in die roten Zahlen.

 
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 Ein HAW-Arbeiter pumpt flüssiges Aluminium aus dem Ofen

 

Firmenchef Schlüter ist in der Branche eine bekannte Größe, der Mittelständler ist seit 40 Jahren dabei. "Er ist einer der besten Metallhändler der Welt", sagt Mitarbeiter Iffert. Sein Vorgesetzter profitiert dabei allerdings auch von den Zwängen großer Konzerne. "Die verkaufen an einem Stichtag Metall, das sie zwei Tage später zum doppelten Preis verkaufen könnten", sagt Iffert.

Zurzeit läuft das Geschäft selbst in Deutschland gut. Die Margen der Aluminiumhütten sind trotz höherer Elektrizitäts- und Rohstoffpreise gestiegen. An der London Metal Exchange hat sich Aluminium seit Anfang 2006 um rund ein Viertel verteuert. "Noch nie in meinem Berufsleben war die Aussicht für unsere Industrie so gut", sagt Kurt Ehrke. Der 63-Jährige war schon in Rente. Jetzt ist der Vorstand zurückgekehrt, um in Hamburg mit anzupacken.

Nische gefunden

 

Allein auf hohe Marktpreise wollen sie sich bei Trimet aber nicht verlassen. Mit 1200 Mitarbeitern und 900 Mio. Euro Umsatz ist der Konzern im internationalen Vergleich immer noch ein kleines Licht. Um neben der billiger produzierenden Konkurrenz auch in schweren Zeiten überleben zu können, hat sich die Firma auf eine Nische spezialisiert. Das Unternehmen stellt Speziallegierungen für die Auto- und Flugzeugindustrie her, die sie gemeinsam mit den Kunden entwickelt.

Das allein reicht aber nicht aus. Die meisten Abnehmer des Aluminiums sitzen in der Heimat, ein wichtiger Vorteil des Standorts. Das Gelände in Finkenwerder teilt sich Trimet mit Hydro, das halbiert die Kosten für Pförtner und Werksschutz. Und minimiert die Ausgaben für den Transport - denn Hydro ist einer von Trimets Kunden.

Hans-Heinrich Schradiek hat's eilig. Er muss zu Ofen 278, der wird heute hochgefahren. Zwei RWE-Manager sind extra als Paten angereist. Danach ist die Schicht zu Ende, und Schradiek wird heimfahren. Als er arbeitslos war, baute er sein Haus um, 16 Stunden am Tag. Er hatte ja sonst nichts zu tun. Seit Kurzem hat er eine Freundin. Es hätte schlechter laufen können. Doch davon will der 54-Jährige nichts wissen. "Ich denke nur noch an heute", sagt er. Er weiß,

 

Aus der FTD vom 18.06.2007
© 2007 Financial Times Deutschland, © Illustration: Trimet AG, FTD/Fabian Bimmer, AP

     

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