15. März 2002 Gottfried Heller blickt auf eine lange Erfahrung an den internationalen Börsen zurück. Zusammen mit Börsenlegende André Kostolany gründete er bereits 1970 seine eigene Vermögensverwaltung.
Heute verwaltet der Chef der Fiduka Depotverwaltung in München neben Einzeldepots für private und institutionelle Investoren auch vier internationale Investmentfonds. FAZ.NET fragte ihn nach seinen Investmentgrundsätzen.
Herr Heller, welche Grundsätze würden Sie Aktienanlegern ins Stammbuch schreiben?
Mein erster Rat: Moden meiden! Wer das kauft, was gerade in Mode ist, kann nicht erwarten , dass er davon profitiert, denn Mode ist immer schon teuer. Zum Schlussverkauf ein Jahr später wird sie günstiger zu haben sein. Die günstigsten Kaufkurse bestehen vielmehr stets, wenn der Pessimismus am höchsten ist, die besten Verkaufskurse bei überschwänglichem Optimismus.
Nächste wichtige Regel: Nur in etwas investieren, das man versteht! Es gilt der Rat von Warren Buffett, sich nur innerhalb seines „circle of competence“ zu bewegen. Bin ich ein Biochemiker, werde ich auch das Geschäft von Biotechunternehmen besser verstehen - bin ich keiner, werde ich diese Firmen meiden. Aus demselben Grund bin ich auch sehr skeptisch gegenüber Hedge Fonds, deren Tun und Lassen völlig intransparent ist. Der Anleger ist hier den Managern völlig ausgeliefert, ob sie gut sind oder schlecht.
Des weiteren gilt: Immer Werthaltiges kaufen! Folgender Ausspruch von Oscar Wilde ist mir immer präsent: „Ein Zyniker ist jemand, der von allem den Preis kennt, und von nichts den Wert.“ Ich kenne viele solche Akteure an der Börse. Der Preis ist immer nur eine Hausnummer und sagt per se nichts über den Wert aus. Wenn Sie mich fragen, ob ich ein Value- oder Growth-Investor bin, würde ich salomonisch antworten: Ich würde immer den Value zuerst ermitteln wollen, und Value-Aktien mit Growth kaufen, aber ich würde immer die Finger von Growth-Aktien lassen, die keinen Value aufweisen.
Bei der Auswahl der Aktien würde ich immer das „Tengelmann-Prinzip“ gelten lassen, also die Auswahl nach den Kriterien „Attraktiv und Preiswert“. Ein Unternehmen kann für mich noch so attraktiv aussehen, und doch ist die Aktie für mich kein Kauf, wenn der Preis gleichzeitig zu hoch ist. Deswegen habe ich Cisco oder etwa EM.TV nie gekauft. Ich suche Firmen, die herausragend sind, weil sie einen Wettbewerbsvorteil und ein gutes Management aufweisen. Um das Bild eines Schlosses zu bemühen: Ich suche Schlösser mit einer Berglage oder einem Wassergraben, deren Schlossherr ehrlich und fähig ist. Nebenbei bemerkt: Ist er fähig und unehrlich, ist das die ungünstigste Kombination!
Ein weiterer wichtiger Punkt für mich ist antizyklisches Handeln. Nehmen wir einmal die Situation des 11. September und der folgenden Tage als Beispiel. Damals war die Welt im Schock, und mit wenigen konnte man sich rational über den Fortgang der Börse unterhalten. Doch haben wir in diesen schweren Tagen systematisch zugekauft, am meisten übrigens am 21. September. Natürlich wusste ich nicht, dass das der Tiefstpunkt war. Aber wenn sich werthaltige Titel halbiert haben, ist das Restrisiko eben sehr gering. In solchen Momenten muss man zu denjenigen gehören, die die Nerven behalten und Disziplin bewahren. Dieses antizyklische Handeln bescherte den von uns verwalteten Depots dann auch das weit überdurchschnittliche Jahresergebnis von minus fünf bis plus zehn Prozent.
Vielen Dank für diese strategischen Hinweise. Nun noch eine Frage zu Diversifikation: Wie viele Titel sollte ein Privatanleger maximal in sein Depot legen?
Ich neige eher dazu, stärker zu diversifizieren. Wenn Markowitz sagt, mit 14 gut diversifizierten Titeln seien bereits 92 Prozent des Renditebetrags abgedeckt, ist das zwar richtig, aber man sollte auch die menschliche Psychologie nicht vernachlässigen. Wenn sich bei zehn Titeln eine Aktie halbiert, habe ich fünf Prozent meines Depots verloren. Die Gefahr ist dann groß, das ich die Aktie in Panik herauswerfe, auch wenn ich sie eigentlich nachkaufen sollte. Ich neige daher dazu, den Prozentsatz einer Aktie im Depot nicht fünf bis sechs Prozent übersteigen zu lassen.
Wie beurteilen Sie die augenblickliche Börsensituation? Ist die Baisse vorbei?
Ich glaube, dass wir schon im Aufwärtstrend sind. Aber: Die Margen sind nach oben begrenzt, weil die Hauptmärkte, insbesondere die amerikanischen, bei einer Bewertung angelangt sind, die etwa doppelt so hoch ist wie bei vergleichbaren Situationen. Meistens wies der S&P 500-Index am Ende einer Baisse ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von zehn bis 15 auf. Heute liegt es bei rund 30. Deswegen werden die Börsen volatil bleiben, und die Kunst des professionellen Stock-Picking wird wichtiger. Die Zeit der Laienspieler, die nach dem Motto „The trend is your friend“ investieren konnten, ist vorbei. Wir werden längere Jahre mit schwierigen Börsen sehen, wenn auch das Zinsszenario die Kurse tendenziell stützt. Der eigentliche Wachstumsimpuls muss jedoch von den Unternehmensgewinnen kommen.
Das Gespräch führte Detlev Landmesser.