Angst vor Inflation: Deutsche decken sich im großen Stil mit Gold ein
27.08.2021 09:42
Unter den Deutschen wächst offenbar die Angst vor einer Krise. In der ersten Jahreshälfte haben sie so viel physisches Gold gekauft wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr.
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Angst vor Inflation: Deutsche decken sich im großen Stil mit Gold ein
Die Angst vor der Inflation hat sich vor knapp 100 Jahren fest in das deutsche Gedächtnis gebrannt. (Foto: Pixabay)
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Die Nachfrage nach Goldmünzen und Goldbarren hierzulande war in der ersten Jahreshälfte so hoch wie seit mindestens 2009 nicht mehr, wie Daten des World Gold Council zeigen. Auch andere westliche Märkten melden starke Umsätze. Die Deutschen investieren vor allem deshalb in Gold, um sich gegen die steigende Inflation abzusichern. Edelmetallhändler sagen, dass das Geschäft derzeit weiterhin gut läuft.
Nirgends in Europa kaufen die Bürger traditionell so viel physisches Gold wie in Deutschland. Nach Angaben des World Gold Council stieg die Nachfrage nach Goldmünzen und Goldbarren hierzulande in der ersten Jahreshälfte um 35 Prozent gegenüber den vorangegangenen sechs Monaten, während sie zugleich im Rest der Welt um 20 Prozent zurückging.
„Wir haben eine lange Geschichte der Inflationsangst in unserer DNA. Jetzt nimmt das Inflationsrisiko zu“, zitiert Bloomberg Raphael Scherer, Geschäftsführer des Metallhändlers Philoro Edelmetalle GmbH. Hier sind die Goldverkäufe nach einem ohnehin schon starken Jahr 2020 nun nochmals um 25 Prozent gestiegen.
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Die deutsche Liebe zum Gold hat ihren Ursprung in der Hyperinflation der Weimarer Republik. Im Juli ist die deutsche Inflation auf den höchsten Stand seit mehr als zehn Jahren gestiegen ist. Negative Zinssätze in Europa machen auch renditelose Anlagen wie Gold attraktiver, sagt Scherer. „Die Aussichten für Edelmetalle sind sehr positiv.“
Allerdings ist der Goldpreis seit Anfang Juni um fast 7 Prozent gefallen. Denn der Markt erwartet offenbar, dass die US-Notenbank Federal Reserve ihre massiven Wertpapierkäufe einschränkt, die entscheidend dazu beigetragen haben, dass der Goldpreis im Jahr 2020 ein neues Rekordhoch erreichte. Das Treffen der Zentralbanker in Jackson Hole diese Woche könnte Hinweise auf den Zeitpunkt des Umschwungs der Fed geben.
Mit einer Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank in den kommenden Jahren scheint der Markt hingegen derzeit nicht zu rechnen. Und die anhaltend lockere Geldpolitik aus Frankfurt könnte die Goldnachfrage in Deutschland stützen, selbst wenn der Goldpreis in Dollar weiter nachgeben sollte.
Weltweit ging Nachfrage zurück hauptsächlich wegen den ETF Verkäufen in Großbritannien und den USA. Generell bleibt die Nachfrage hoch nach physischen Münzen und Barren.
World Gold Council: Goldnachfrage Halbjahreszahlen 2021
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Stand: 03.08.2021 von Jörg Bernhard
Am vergangenen Donnerstag lieferte der World Gold Council (WGC) aktuelle Zahlen zur Entwicklung von Angebot und Nachfrage bei Gold für die ersten sechs Monate des laufenden Jahres – mit Licht, aber auch mit Schatten.
World Gold Council: Goldnachfrage Halbjahreszahlen 2021
Gold: Nachfrageminus im zweistelligen Prozentbereich
Im ersten Halbjahr 2021 (siehe Tabelle) verzeichnete die globale Goldnachfrage einen signifikanten Einbruch von 2.044,0 auf 1.833,1 Tonnen (-10,3 Prozent).
Während im Jahr 2020 – bedingt durch die Corona-Krise – viel Kapital in den sicheren Hafen Gold geflossen ist – hat in diesem Jahr die Risikoaversion spürbar nachgelassen. Hauptverantwortlich für diese Nachfrageschwäche war vor allem der Gold-ETF-Sektor (Exchange Traded Funds).
Dieser verbuchte im zweiten Quartal zwar Zuflüsse in Höhe von 40,7 Tonnen, summa summarum gab es jedoch im ersten Halbjahr – erstmals seit 2014 – Abflüsse in Höhe von 129,3 Tonnen zu vermelden.
World Gold Council: Gold Demand Trends H1 2021
§H1 2020 H1 2021 Diff. (% p.a.)
Gesamtnachfrage (in Tonnen) 2.044,0 1.833,1 -10,3 %
Schmucksektor 558,0 873,7 56,6 %
Technologie 141,0 161,0 14,2 %
Investment 1.140,5 465,2 -59,2 % das ist das Problem
Barren & Münzen 409,3 594,5 45,2 % das ist wiedrum gut
ETFs und ähnliche Produkte 731,2 -129,3 -
Notenbanken 204,5 333,2 62,9 %
§
§
Gesamtangebot (in Tonnen) 2.213,3 2.307,9 4,3 %
Minenproduktion 1.638,7 1.782,6 8,8 %
Hedging (Preisabsicherung) -2,5 -20,2 -
Recycling 577,1 545,5 -5,5 %
Quelle: World Gold Council
Positiv entwickelt hat sich indes die globale Barren- und Münznachfrage, wo für H1 ein kräftiger Zuwachs von 409,3 auf 594,5 Tonnen (+45,2 Prozent) registriert worden war. Per Saldo ging es mit der gesamten Investorennachfrage im Berichtszeitraum von 1.140,5 auf 465,2 Tonnen (-59,2 Prozent) aber steil bergab.
Heftige Verwerfungen gab es im ersten Halbjahr auch im Schmucksektor zu beobachten.
Mit 873,7 Tonnen wurde zwar über 56 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum (558,0 Tonnen) nachgefragt, der Fünfjahresdurchschnitt wurde dennoch um 17 Prozent unterschritten. Maßgeblich verantwortlich für das markante Plus war China, wo mit 338 Tonnen das Halbjahr 2020 um 122 Prozent übertroffen wurde.
Im Marktsegment Technologie, dessen Bedeutung als relativ gering anzusehen ist, fiel das Nachfrageplus relativ moderat aus. Dank des globalen Konjunkturbooms stellte sich hier ein Anstieg von 141,0 auf 161,0 Tonnen (+14,2 Prozent) ein.
Drei Zentralbanken mit starkem Goldappetit
Ein dickes Plus gab es im Berichtszeitraum indes im Notenbankensektor zu beobachten. Deren Nettokäufe haben sich nämlich von 204,5 Tonnen (H1 2000) auf 333,2 Tonnen verstärkt (+62,9 Prozent).
Den stärksten Goldhunger verspürten die Zentralbanken von
Thailand (plus 90,2 Tonnen)
Ungarn (plus 63,2 Tonnen)
Brasilien (plus 53,7 Tonnen)
deren Käufe sich auf insgesamt 207,1 Tonnen belaufen haben.
Während die Goldnachfrage im ersten Halbjahr per Saldo im zweistelligen Prozentbereich eingebrochen ist, gab es auf der Angebotsseite Licht und Schatten zu vermelden. So meldete das WGC zum Beispiel beim Minenangebot (Primärproduktion) einen Anstieg von 1.638,7 auf 1.728,6 Tonnen (+8,8 Prozent p.a.), was in erster Linie auf die gelockerten Lockdowns und dadurch verbesserte Auslastung der Produktionsstätten zurückzuführen war.
Im Goldrecycling-Sektor (Sekundärproduktion) drückte hingegen der rückläufige Goldpreis auf das Angebot. Dadurch reduzierte sich die recycelte Goldmenge gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreswert von 577,1 auf 545,5 Tonnen (-5,5 Prozent p.a.).
Insgesamt hat sich dadurch – bereinigt um Hedgingtransaktionen zur Preisabsicherung – das Gesamtangebot an Gold von 2.213,3 auf 2.307,9 Tonnen (+4,3 Prozent p.a.) spürbar erhöht.
Goldnachfrage weltweit 2020
Ausblick für die laufende Woche
Gegenwärtig scheint beim Goldpreis die Marke von 1.800 Dollar über magnetische Kräfte zu verfügen.
In der vergangenen Handelswoche hievten die „taubenhaften Töne“ von der Fed-Sitzung das gelbe Edelmetall darüber, in den kommenden Handelstagen könnten aktuelle Daten vom US-Arbeitsmarkt dem Krisenschutz neue Impulse verleihen – nach oben, aber auch nach unten.
Am Mittwoch startet die Datenflut mit dem ADP-Monatsbericht über die Zahl neu geschaffener Stellen. Am Donnerstag stehen dann der Challenger-Bericht über Stellenstreichungen sowie die wöchentlichen Erstanträge auf US-Arbeitslosenhilfe zur Bekanntgabe an.
Richtig spannend wird es dann am Freitag, wenn das US-Arbeitsministerium über die aktuelle Lage am Arbeitsmarkt informiert. Laut einer von Trading Economics veröffentlichten Umfrage unter Analysten soll sich die Arbeitslosenrate von 5,9 auf 5,7 Prozent reduziert haben und die Zahl neuer Stellen von 850.000 auf 900.000 gestiegen sein.
Sollte sich die US-Wirtschaft im Juli robuster als erwartet entwickelt haben, könnten aufkommende Zinssorgen den Goldpreis wieder unter die Marke von 1.800 Dollar zurückfallen lassen.
Sorgen um den Goldpreis muss man sich deshalb aber noch lange nicht machen.