Viel Vertrauen nötig
Deutsche und Börse - eine Hassliebe
Ob Briten, Amerikaner, Italiener oder Niederländer - alle großen Staaten haben ein "normaleres" Verhältnis zur Aktie als die Deutschen. Kein Industrieland schaut auf einen geringeren Aktionärsanteil als die Deutschen.
DÜSSELDORF. "Volksaktien" wie Preussag, VW, Veba und Telekom sind es, die erst das Interesse vieler Anleger wecken, dann aber immer aufs Neue enttäuschen und so für die miserable Aktienkultur mitverantwortlich sind.
Als "gutes und sicheres Papier für eine langfristige Kapitalanlage" preist Schatzminister Werner Dollinger 1959 die 170 000 Anteilsscheine der Preußischen Bergwerks- und Hütten AG, kurz Preussag, heute Tui. Hausfrauen, Studenten und Berufstätige stürmen die Bankschalter, und Zeitungen machen mit dem "Sieg der Volksaktie" auf. Die Mär von einer narrensicheren Anlage ist geboren.
Sie blüht ein Jahr später richtig auf, als der Bund 1,1 Millionen VW-Papiere mit Sozialrabatt verkauft. Deutschlands zweite Volksaktie verdoppelt in nur einem Jahr ihren Wert. "VW-Aktien als Weihnachtsgeschenk" titelt das "Handelsblatt". Reich werden, ohne zu arbeiten, scheint plötzlich im Wirtschaftswunderland für jedermann möglich.
Ob 1959 bei Preussag, 1960 bei VW oder 1965 bei Veba: Stets privatisiert der Staat und teilt die Aktien vorrangig Geringverdienern mit Sozialrabatt zu. Allein das war früher Kriterium für eine Volksaktie. Dass diese auch Sicherheit bietet, die es an der Börse gar nicht geben kann, war und ist hingegen bloßes Wunschdenken.
Obwohl sich der VW-Kurs in den siebziger Jahren halbiert und lange Zeit nicht mehr erholt und der Veba-Kurs gleich nach der Emission einbricht, "beerdigen" Anleger, Analysten und Medien die Mär von der Volksaktie erst nach den Erfahrungen mit der Deutschen Telekom, wie Rüdiger von Rosen, Chef des Deutschen Aktieninstituts, nach dem Kursdesaster resümiert. Im Überschwang der Technologie-Euphorie hatte Ende der 90er-Jahre zu lange keiner glauben wollen, dass Deutschlands größte "Volksaktie" - mit Rabatt Millionen Kleinanlegern zugeteilt - um 90 Prozent und damit mehr als fast alle anderen großen Aktien einbrechen konnte.
Zugegeben, die T-Aktie ist ein Extrembeispiel. Auffällig ist aber, dass "Volksaktien" überdurchschnittlich häufig floppen. Sei es, weil der Staat noch Einfluss nimmt und sich gegen die Marktgesetze stellt oder weil die Unternehmen noch nicht reif für den rauen Börsenalltag sind und ineffizient arbeiten. Prominenter Fall ist auf internationaler Bühne AT&T. Die amerikanische Telekom beherrschte einst wie die Deutsche Telekom als alleiniger Anbieter den Markt und zählte nach dem Börsengang mehr als drei Millionen Aktionäre. Das Paradebeispiel für eine Volksaktie - auch Amerikaner, Franzosen und Österreicher nutzen gerne den Begriff - war einst die wertvollste Aktiengesellschaft und ist heute nicht mehr wert als die Microsoft-Dividenden der nächsten vier Jahre.
Doch warum stürzen schief gegangene Börsengänge einiger "Volksaktien" ganz besonders deutsche Anleger in eine Sinnkrise? Fakt ist, dass sich die Zahl der Aktionäre schon häufig mehrte, anschließend aber wieder zurückging. Während des Börsenbooms im Jahr 2000 gab es immerhin über sechs Millionen Anteilseigner. Doch mit dem Absturz der T-Aktie verabschiedete sich ein Viertel wieder von der Börse. Lediglich sieben Prozent der über 14-Jährigen halten Aktien. In den Nachbarländern ist der Anteil doppelt, ja drei- und viermal so hoch. Doch hier zu Lande gilt die Aktie als hochriskant und hat bis heute nicht das Reifezeugnis für den Kapitalaufbau erlangt.
Warum? Die Volksaktien-Mär ist eine Seite der Medaille. Ganz wichtig ist aber auch, dass die Börsen in Deutschland immer ausgeprägter als in anderen Ländern feierten - und anschließend abstürzten. Kein Crash war so ausgeprägt wie der 98-prozentige Verlust an der Technologiebörse Neuer Markt zwischen 2000 und 2003. Da gerät schnell in Vergessenheit, dass der vorangegangene Aufstieg ebenfalls ohne Beispiel ist.
Mehr noch: Jeder Boom wird zum Malus für die Etablierung einer Aktienkultur, weil der anschließende - größere - Kursverfall wieder viel Vertrauen in die Aktie als Langfristanlage zerstört.
Quelle: HANDELSBLATT, Dienstag, 16. Mai 2006, 14:06 Uhr
Euch,
Einsamer Samariter
Deutsche und Börse - eine Hassliebe
Ob Briten, Amerikaner, Italiener oder Niederländer - alle großen Staaten haben ein "normaleres" Verhältnis zur Aktie als die Deutschen. Kein Industrieland schaut auf einen geringeren Aktionärsanteil als die Deutschen.
DÜSSELDORF. "Volksaktien" wie Preussag, VW, Veba und Telekom sind es, die erst das Interesse vieler Anleger wecken, dann aber immer aufs Neue enttäuschen und so für die miserable Aktienkultur mitverantwortlich sind.
Als "gutes und sicheres Papier für eine langfristige Kapitalanlage" preist Schatzminister Werner Dollinger 1959 die 170 000 Anteilsscheine der Preußischen Bergwerks- und Hütten AG, kurz Preussag, heute Tui. Hausfrauen, Studenten und Berufstätige stürmen die Bankschalter, und Zeitungen machen mit dem "Sieg der Volksaktie" auf. Die Mär von einer narrensicheren Anlage ist geboren.
Sie blüht ein Jahr später richtig auf, als der Bund 1,1 Millionen VW-Papiere mit Sozialrabatt verkauft. Deutschlands zweite Volksaktie verdoppelt in nur einem Jahr ihren Wert. "VW-Aktien als Weihnachtsgeschenk" titelt das "Handelsblatt". Reich werden, ohne zu arbeiten, scheint plötzlich im Wirtschaftswunderland für jedermann möglich.
Ob 1959 bei Preussag, 1960 bei VW oder 1965 bei Veba: Stets privatisiert der Staat und teilt die Aktien vorrangig Geringverdienern mit Sozialrabatt zu. Allein das war früher Kriterium für eine Volksaktie. Dass diese auch Sicherheit bietet, die es an der Börse gar nicht geben kann, war und ist hingegen bloßes Wunschdenken.
Obwohl sich der VW-Kurs in den siebziger Jahren halbiert und lange Zeit nicht mehr erholt und der Veba-Kurs gleich nach der Emission einbricht, "beerdigen" Anleger, Analysten und Medien die Mär von der Volksaktie erst nach den Erfahrungen mit der Deutschen Telekom, wie Rüdiger von Rosen, Chef des Deutschen Aktieninstituts, nach dem Kursdesaster resümiert. Im Überschwang der Technologie-Euphorie hatte Ende der 90er-Jahre zu lange keiner glauben wollen, dass Deutschlands größte "Volksaktie" - mit Rabatt Millionen Kleinanlegern zugeteilt - um 90 Prozent und damit mehr als fast alle anderen großen Aktien einbrechen konnte.
Zugegeben, die T-Aktie ist ein Extrembeispiel. Auffällig ist aber, dass "Volksaktien" überdurchschnittlich häufig floppen. Sei es, weil der Staat noch Einfluss nimmt und sich gegen die Marktgesetze stellt oder weil die Unternehmen noch nicht reif für den rauen Börsenalltag sind und ineffizient arbeiten. Prominenter Fall ist auf internationaler Bühne AT&T. Die amerikanische Telekom beherrschte einst wie die Deutsche Telekom als alleiniger Anbieter den Markt und zählte nach dem Börsengang mehr als drei Millionen Aktionäre. Das Paradebeispiel für eine Volksaktie - auch Amerikaner, Franzosen und Österreicher nutzen gerne den Begriff - war einst die wertvollste Aktiengesellschaft und ist heute nicht mehr wert als die Microsoft-Dividenden der nächsten vier Jahre.
Doch warum stürzen schief gegangene Börsengänge einiger "Volksaktien" ganz besonders deutsche Anleger in eine Sinnkrise? Fakt ist, dass sich die Zahl der Aktionäre schon häufig mehrte, anschließend aber wieder zurückging. Während des Börsenbooms im Jahr 2000 gab es immerhin über sechs Millionen Anteilseigner. Doch mit dem Absturz der T-Aktie verabschiedete sich ein Viertel wieder von der Börse. Lediglich sieben Prozent der über 14-Jährigen halten Aktien. In den Nachbarländern ist der Anteil doppelt, ja drei- und viermal so hoch. Doch hier zu Lande gilt die Aktie als hochriskant und hat bis heute nicht das Reifezeugnis für den Kapitalaufbau erlangt.
Warum? Die Volksaktien-Mär ist eine Seite der Medaille. Ganz wichtig ist aber auch, dass die Börsen in Deutschland immer ausgeprägter als in anderen Ländern feierten - und anschließend abstürzten. Kein Crash war so ausgeprägt wie der 98-prozentige Verlust an der Technologiebörse Neuer Markt zwischen 2000 und 2003. Da gerät schnell in Vergessenheit, dass der vorangegangene Aufstieg ebenfalls ohne Beispiel ist.
Mehr noch: Jeder Boom wird zum Malus für die Etablierung einer Aktienkultur, weil der anschließende - größere - Kursverfall wieder viel Vertrauen in die Aktie als Langfristanlage zerstört.
Quelle: HANDELSBLATT, Dienstag, 16. Mai 2006, 14:06 Uhr
Euch,
Einsamer Samariter