Börse will mit Delistings Neuen Markt stärken
Neu: Aussagen Potthoff und Riess, Reaktionen, Kurse - Frankfurt, 20. Jul (Reuters) - Die Deutsche Börse will künftig extrem niedrig bewertete Firmen aus dem Neuen Markt verbannen ("Delisting") und damit die Qualität ihres Wachstumssegments stärken und das Vertrauen der Anleger zurück gewinnen. Es würden die Firmen vom Kurszettel des Neuen Marktes gestrichen, die aufgrund eines zu niedrigen Aktienkurses und Börsenwerts "nicht mehr als Wachstumsfirmen" zu bezeichnen seien, sagte Börsen-Vorstand Volker Potthoff am Freitag in Frankfurt. Den Angaben zufolge will die Börse solche Firmen streichen, deren Aktienkurs unter einem Euro und Börsenwert unter 20 Millionen Euro liegen. Die Kurse am Neuen Markt gaben nach der Bekanntgabe dieser Details deutlich nach. Ab Oktober solle die Verschärfung des Neue-Markt-Regelwerks um die Möglichkeit von Delistings der so genannten Penny-Stocks gelten. Es könnten dann die Firmen für eine Herausnahme aus dem Segment in Betracht gezogen werden, die zunächst die beiden Grenzwerte von einem Euro Aktienkurs und 20 Millionen Euro Marktkapitalisierung unterschreiten. Sollten der Aktienkurs beziehungsweise der Firmenwert in den folgenden 90 Börsentagen nicht an mindestens 15 aufeinander folgenden Tagen über einen Euro beziehungsweise über 20 Millionen Euro liegen, wird die Firma vom Neuen Markt ausgeschlossen. Der Ausschluss erfolge dann einen Monat später, so dass vom Beginn der Beobachtungszeit an bis zum tatsächlichen Delisting mehr als ein halbes Jahr vergehen kann. Zu den ersten Delistings am Neuen Markt dürfte es somit nicht vor April 2002 kommen. Nach Worten von Börsenvorstand Potthoff greift die Börse vor allem deshalb zu der drastischen Maßnahme des Delistings, um die Qualität des Wachstumssegments zu sichern und das Vertrauen der Anleger und Investoren wieder zu festigen. Die Börse wolle das Profil des Neuen Marktes schärfen und sich bei der Weiterentwicklung des Segments positionieren, hieß es. Obwohl der Neue Markt bereits die strengsten Regeln in Europa habe, sei die geplante Streichung der "Penny-Stocks" nur eine erste Maßnahme, der weitere folgen würden, sagte Potthoff, ohne jedoch Details zu nennen. "Wir werden den Neuen Markt nicht untergehen lassen", unterstrich er. Zugleich forderte er jedoch Investoren, Unternehmen und Medien dazu auf, ihren Beitrag zu Sicherung der Qualitätsstandards am Neuen Markt zu leisten. Neben Unternehmen, die aufgrund ihres Aktienkurses und der Marktkapitalisierung aus dem Neuen Markt genommen werden können, sollen künftig auch insolvente Firmen aus dem Wachstumssegment verbannt werden. Hier erfolgt das Delisting nach Angaben der Börse, wenn ein Insolvenzverfahren über das Vermögen eines Unternehmens eröffnet oder mangels Masse abgewiesen wird. Die Unternehmen hätten dies unverzüglich zu melden. Die Firmen, die aus dem Neuen Markt herausfallen, verlieren allerdings den Angaben zufolge nicht ihre Zulassung zum Börsenhandel, sondern können vielmehr ihre Papiere weiterhin im Geregelten Markt oder Freiverkehr handeln lassen. Die Börse sieht nach Worten von Börsen-Vorstand Potthoff die neuen Regularien zur Streichung von Firmen als rechtlich gesichert an. In den vergangenen Tagen war in der Presse und auch am Finanzmarkt heftig diskutiert worden, ob etwaige Delistings juristisch machbar seien. "Hier herrscht das öffentliche Recht vor" die neuen Regeln seien "juristisch sauber und tragfähig", sagte Potthoff. "Wir haben die Möglichkeit, die Regeln einseitig zu ändern. Der Vertrauensschutz insgesamt wiegt höher", fügte er hinzu. Einige Firmen des Neuen Marktes hatten angekündigt, gegen ein drohendes Delisting juristisch vorgehen zu wollen. Die Finanzmarktakteure waren zum Thema Delisting geteilter Meinung. Während einige Händler die Streichung niedrig bewerteter Unternehmen als vertrauens- und qualitätssichernde Maßnahme bezeichneten, kritisierten andere die Herausnahme-Pläne. Am Freitag notierten an dem mehr als 340 Aktien umfassenden Neuen Markt mehr als 30 Firmen mit einer Marktkapitalisierung von weniger als 20 Millionen Euro unter einem Euro. Etwa zehn Gesellschaften stecken in der Insolvenz. Die Kurse an dem Frankfurter Wachstumssegment gaben nach der Veröffentlichung der Details zu den Delistings kräftig nach. Vor allem die nahe oder unter der Ein-Euro-Grenze gehandelten Papiere gerieten kräftig unter Druck. Der alle Titel des Neuen Marktes umfassende Kursindex Nemax-All-Share sackte bis zum Mittag um mehr als drei Prozent auf 1176 Punkte und damit auf seinen tiefsten Stand in diesem Jahr ab. Der Neue Markt war vor gut einem Jahr nach einem zuvor beispiellosen Höhenflug eingebrochen und hat sich seither nicht erholt. Mitverantwortlich dafür war auch eine unprofessionelle und teils irreführende Öffentlichkeitsarbeit einiger Firmen. Zahlreiche etablierten Gesellschaften am Neuen Markt und auch Investoren hatten zusehends gefordert, Maßnahmen zu ergreifen, die das Vertrauen in den Markt zurück brächten. pew/ban '