Bankenkrise
Japanische Verhältnisse?
Die Kreditinstitute in Deutschland geraten zunehmend unter Beschuss. Allein bei den Großbanken fallen in diesem Jahr rund 35.000 Arbeitsplätze weg. Vor allem im Ausland nehmen die Sorgen zu, dass die deutsche Finanzbranche aus den Fugen geraten könnte. So äußerte sich beispielsweise die US-Investmentbank Merrill Lynch in einer Studie "so besorgt wie nie" und bescheinigt der deutschen Bankenlandschaft "japanische Verhältnisse". Ernsthafte Fragezeichen stünden hinter der Fähigkeit der Institute, "einem anhaltend schwierigen wirtschaftlichen Umfeld standzuhalten".
Das sinkende Vertrauen der Anleger und die damit einhergehenden Kursverluste dokumentieren, wie angeschlagen der Finanzsektor zurzeit ist. Nur zwei prominente Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit: Um die Kosten bis Ende kommenden Jahres auf rund fünf Mrd. Euro zu drücken, will die Commerzbank in ihrer Frankfurter Zentrale, bei zahlreichen Auslandseinheiten sowie in ihrem Investmentgeschäft gehörig aufräumen. Neben den bereits 4.300 angekündigten Arbeitsplätzen, die dem Rotstift zum Opfer fallen, sollen hunderte weitere hinzukommen. Zudem kursieren allerlei Gerüchte um das angeschlagene Institut. Vorwürfe über angebliche Liquiditätsengpässe, hohe Verluste im Derivatehandel sowie eine zu niedrige Kernkapitalquote weist Vorstandssprecher Klaus-Peter Müller als "wilde Spekulationen" zurück. Trotzdem: Der Markt reagiert nervös, die im Dax notierte Aktie rauscht in den Keller. Und mit ihr sämtliche Großbankentitel.
Doch auch die kleinen bis mittelgroßen Häuser sind von der Misere betroffen. So kam Mitte Mai jede Rettung für die Frankfurter Gontard & Metallbank zu spät, weil sie ihr Eigenkapital wegen hoher Verluste um mehr als 50 Prozent aufgezehrt hatte. Der Bankenaufsicht blieb keine andere Wahl als einzuschreiten und die Schalter zu schließen.
Konsolidierungsphase, keine Krise
Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse geht der Nürnberger Finanzwissenschaftler Wolfgang Gerke davon aus, dass sich der Markt bereinigen wird. Der "Berliner Zeitung" sagte er: "In Deutschland werden maximal zwei oder drei, vielleicht sogar nur eine Bank übrig bleiben, die stark genug sind, global tätig zu sein." Sowohl der Deutschen Bank als auch den Sparkassen und Landesbanken könne dies gelingen.
Auch die Deutsche Bundesbank schließt nicht aus, dass es bei anhaltender Konjunkturschwäche zu weiteren Pleiten kommen könne. Doch der im Bundesbank-Vorstand für die Bankenaufsicht zuständige Edgar Meister sieht die Situation längst nicht so dramatisch. "Die bisherigen Insolvenzen und Schieflagen waren Einzelfälle, die keinen Rückschluss auf das gesamte System zulassen", sagte er. Außerdem sei die Liquidität der Kreditinsitute nicht gefährdet. Dies gelte für Großbanken ebenso wie für die übrigen Institute. Auf eine konjunkturell bedingte schlechte Kreditqualität sei man gewappnet, sagte Meister. "Dank einer effizienten Risikostreuung und erhöhter Risikovorsorge im Kreditgeschäft sind die Institute darauf vorbereitet."
Dieser Sichtweise schließt sich auch der Bundesverband Deutscher Banken (BdB) an. Trotz der massiven Kursverluste von Finanztiteln in den vergangenen Tagen sieht die Dachorganisation der privaten Banken keine Krise der deutschen Banken. "Es gibt keine Liquiditätskrise und es ist auch keine zu befürchten", sagte BdB-Präsident Rolf Breuer. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank geht überdies davon aus, dass die Kreditinstitute auch weiterhin in angemessener Form in der Lage sein werden, Kredite an ihre Kunden zu vergeben. Ein Engpass sei nicht zu erwarten. Vielmehr steckten die deutschen Banken in einer Ertragskrise, zu der unter anderem die schlechte Konjunktur beitrage. "Das ist ein Branchenphänomen und betrifft nicht nur die privaten Banken, sondern auch den öffentlich-rechtlichen Sektor und die genossenschaftlichen Institute", sagte Breuer.
In den 90er Jahren geschlafen
Tatsächlich liegen Welten zwischen der Situation im deutschen Finanzsektor und der japanischen Krise. Hiesige Kreditinstitute leiden vor allem unter ihren viel zu hohen Kosten, die sie in den neunziger Jahren nur dank üppiger Erträge durch Wiedervereinigung und Börsenboom kaschieren konnten. "Den zu hohen Kostenblock hätten die deutschen Banken früher angehen müssen", sagte Breuer, der lange Zeit auch Vorstandschef der Deutschen Bank war. Allerdings sei es schwierig, in einer Boomphase wie den vergangenen Jahren notwendige Einsparungen, gerade im Personalbereich zu vermitteln. Die Folge sei nun, dass die Banken mit größerer Geschwindigkeit Stellen strichen, anstatt den Abbau zeitlich weiter zu strecken.
Ganz anders in Japan: 1989 platzte eine gigantische Spekulationsblase am Aktienmarkt. Zwei Jahre später fielen auch die Immobilienpreise in den Keller. Das Ende vom Lied: Handelsketten machten dicht, Versicherer schlitterten in die Pleite, Bau- und Immobilienfirmen kollabierten. Und die Banken? Sie saßen auf riesigen Krediten, die niemand zurückzahlen könnte - und somit auf riesigen Verlusten. Wegen der anhaltenden Nullzinspolitik können die Institute mit ihrer bisherigen Haupteinnahmequelle, dem Kreditgeschäft, kein Geld mehr machen. Da die Firmen ihre Schuldenberge erst abtragen möchten, gibt es in Japan kaum eine Nachfrage nach Krediten. Dies wird sich auch in den nächsten drei bis fünf Jahren nicht ändern, schätzen Analysten.
Auch in Deutschland könnten sich die Konditionen für das Kreditgeschäft bald ändern. Geht es nach Rolf Breuer, so werden Kredite bald teurer. Er empfiehlt den Banken, dass sie sich ihr Risiko bezahlen lassen sollen. So müssten beispielsweise in einem Kreditgeschäft mit einem mittelständischen Kunden "risikoadäquate" Konditionen durchgesetzt werden. Doch das birgt eine Gefahr: Teurere Kredite sind weniger gefragt - und bremsen die Konjunktur.
Quelle n-tv
Japanische Verhältnisse?
Die Kreditinstitute in Deutschland geraten zunehmend unter Beschuss. Allein bei den Großbanken fallen in diesem Jahr rund 35.000 Arbeitsplätze weg. Vor allem im Ausland nehmen die Sorgen zu, dass die deutsche Finanzbranche aus den Fugen geraten könnte. So äußerte sich beispielsweise die US-Investmentbank Merrill Lynch in einer Studie "so besorgt wie nie" und bescheinigt der deutschen Bankenlandschaft "japanische Verhältnisse". Ernsthafte Fragezeichen stünden hinter der Fähigkeit der Institute, "einem anhaltend schwierigen wirtschaftlichen Umfeld standzuhalten".
Das sinkende Vertrauen der Anleger und die damit einhergehenden Kursverluste dokumentieren, wie angeschlagen der Finanzsektor zurzeit ist. Nur zwei prominente Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit: Um die Kosten bis Ende kommenden Jahres auf rund fünf Mrd. Euro zu drücken, will die Commerzbank in ihrer Frankfurter Zentrale, bei zahlreichen Auslandseinheiten sowie in ihrem Investmentgeschäft gehörig aufräumen. Neben den bereits 4.300 angekündigten Arbeitsplätzen, die dem Rotstift zum Opfer fallen, sollen hunderte weitere hinzukommen. Zudem kursieren allerlei Gerüchte um das angeschlagene Institut. Vorwürfe über angebliche Liquiditätsengpässe, hohe Verluste im Derivatehandel sowie eine zu niedrige Kernkapitalquote weist Vorstandssprecher Klaus-Peter Müller als "wilde Spekulationen" zurück. Trotzdem: Der Markt reagiert nervös, die im Dax notierte Aktie rauscht in den Keller. Und mit ihr sämtliche Großbankentitel.
Doch auch die kleinen bis mittelgroßen Häuser sind von der Misere betroffen. So kam Mitte Mai jede Rettung für die Frankfurter Gontard & Metallbank zu spät, weil sie ihr Eigenkapital wegen hoher Verluste um mehr als 50 Prozent aufgezehrt hatte. Der Bankenaufsicht blieb keine andere Wahl als einzuschreiten und die Schalter zu schließen.
Konsolidierungsphase, keine Krise
Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse geht der Nürnberger Finanzwissenschaftler Wolfgang Gerke davon aus, dass sich der Markt bereinigen wird. Der "Berliner Zeitung" sagte er: "In Deutschland werden maximal zwei oder drei, vielleicht sogar nur eine Bank übrig bleiben, die stark genug sind, global tätig zu sein." Sowohl der Deutschen Bank als auch den Sparkassen und Landesbanken könne dies gelingen.
Auch die Deutsche Bundesbank schließt nicht aus, dass es bei anhaltender Konjunkturschwäche zu weiteren Pleiten kommen könne. Doch der im Bundesbank-Vorstand für die Bankenaufsicht zuständige Edgar Meister sieht die Situation längst nicht so dramatisch. "Die bisherigen Insolvenzen und Schieflagen waren Einzelfälle, die keinen Rückschluss auf das gesamte System zulassen", sagte er. Außerdem sei die Liquidität der Kreditinsitute nicht gefährdet. Dies gelte für Großbanken ebenso wie für die übrigen Institute. Auf eine konjunkturell bedingte schlechte Kreditqualität sei man gewappnet, sagte Meister. "Dank einer effizienten Risikostreuung und erhöhter Risikovorsorge im Kreditgeschäft sind die Institute darauf vorbereitet."
Dieser Sichtweise schließt sich auch der Bundesverband Deutscher Banken (BdB) an. Trotz der massiven Kursverluste von Finanztiteln in den vergangenen Tagen sieht die Dachorganisation der privaten Banken keine Krise der deutschen Banken. "Es gibt keine Liquiditätskrise und es ist auch keine zu befürchten", sagte BdB-Präsident Rolf Breuer. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank geht überdies davon aus, dass die Kreditinstitute auch weiterhin in angemessener Form in der Lage sein werden, Kredite an ihre Kunden zu vergeben. Ein Engpass sei nicht zu erwarten. Vielmehr steckten die deutschen Banken in einer Ertragskrise, zu der unter anderem die schlechte Konjunktur beitrage. "Das ist ein Branchenphänomen und betrifft nicht nur die privaten Banken, sondern auch den öffentlich-rechtlichen Sektor und die genossenschaftlichen Institute", sagte Breuer.
In den 90er Jahren geschlafen
Tatsächlich liegen Welten zwischen der Situation im deutschen Finanzsektor und der japanischen Krise. Hiesige Kreditinstitute leiden vor allem unter ihren viel zu hohen Kosten, die sie in den neunziger Jahren nur dank üppiger Erträge durch Wiedervereinigung und Börsenboom kaschieren konnten. "Den zu hohen Kostenblock hätten die deutschen Banken früher angehen müssen", sagte Breuer, der lange Zeit auch Vorstandschef der Deutschen Bank war. Allerdings sei es schwierig, in einer Boomphase wie den vergangenen Jahren notwendige Einsparungen, gerade im Personalbereich zu vermitteln. Die Folge sei nun, dass die Banken mit größerer Geschwindigkeit Stellen strichen, anstatt den Abbau zeitlich weiter zu strecken.
Ganz anders in Japan: 1989 platzte eine gigantische Spekulationsblase am Aktienmarkt. Zwei Jahre später fielen auch die Immobilienpreise in den Keller. Das Ende vom Lied: Handelsketten machten dicht, Versicherer schlitterten in die Pleite, Bau- und Immobilienfirmen kollabierten. Und die Banken? Sie saßen auf riesigen Krediten, die niemand zurückzahlen könnte - und somit auf riesigen Verlusten. Wegen der anhaltenden Nullzinspolitik können die Institute mit ihrer bisherigen Haupteinnahmequelle, dem Kreditgeschäft, kein Geld mehr machen. Da die Firmen ihre Schuldenberge erst abtragen möchten, gibt es in Japan kaum eine Nachfrage nach Krediten. Dies wird sich auch in den nächsten drei bis fünf Jahren nicht ändern, schätzen Analysten.
Auch in Deutschland könnten sich die Konditionen für das Kreditgeschäft bald ändern. Geht es nach Rolf Breuer, so werden Kredite bald teurer. Er empfiehlt den Banken, dass sie sich ihr Risiko bezahlen lassen sollen. So müssten beispielsweise in einem Kreditgeschäft mit einem mittelständischen Kunden "risikoadäquate" Konditionen durchgesetzt werden. Doch das birgt eine Gefahr: Teurere Kredite sind weniger gefragt - und bremsen die Konjunktur.
Quelle n-tv