Mein gestriges Traktat gefällt mir heute beim zweiten Lesen nicht mehr so gut, auch wegen einiger Wiederholungen. Ich hab es daher nochmal etwas besser strukturiert:
1. US-Firmen verdienten sich an der Globalisierung eine goldene Nase. Sie ließen indirekt chinesische Arbeitsbienen für wenige Dollar pro Tag schuften und verkauften die produzierten Waren teuer in aller Welt.
2. Durch die Verlagerung der US-Arbeitsplätze nach China entstanden in USA Löcher, die die Finanzindustrie auffüllte. Mit ihren betrügerischen Verbriefungen schöpften sie die Überschuss-Liquidität großer Exportländer (u. a. Deutschlands) ab.
3. Als der Betrug Mitte 2007 aufflog, war es mit der Blüte des Finanzsektors dahin. PE-Finanzierungen waren von einem Tag zum anderen nicht mehr möglich. Die vormals üppige "private Hyperliquidität" versiegte.
4. Die wegbrechende Liquidität entzog dem Markt das Spielgeld. Dies machte sich insbesondere im Housing-Markt bemerkbar. US-Hauspreise erreichten 2005 ihr Top, danach sanken sie zunächst langsam und 2008 in verschärftem Tempo. Es setzte eine Welle von Zwangsversteigerungen ein. Am Ende blieben die Banken auf faulen Krediten und/oder ersteigerten Häusern sitzen, die mangels Pflege rasch im Wert verfielen oder von Vandalen zerstört bzw. "ausgeweidet" wurden.
5. Die Schieflagen führten im Herbst 2008 zur bisher schwersten Bankenkrise in USA. Lehman und die größte Sparkasse der USA, Washington Mutual, gingen pleite. Paulson fing die verbliebenen Großbanken mit einem 700-Milliarden-Bailout auf Kosten der Steuerzahler auf. Aktien setzten dennoch ihren Sturzflug fort, ebenso die Rohstoffe. Öl fiel von 147 Dollar im Sommer 2008 auf 35 Dollar im Winter.
6. Als Reaktion auf die Krise entließen die Firmen massenhaft Mitarbeiter. Dies rettete trotz stark rückläufiger Umsätze ihre Gewinnmargen. Zahlreiche Transferzahlungen des Staates sorgten dafür, dass die Massenkaufkraft nicht ins Bodenlose fiel.
7. Durch das massive Staatsgepäppel wurden die Krisenfolgen deutlich abgemildert, andernfalls hätte eine sofortige Depression gedroht. Nach der anfänglichen Schockstarre im Herbst/Winter 2008/2009 setzte der Konsum langsam wieder ein. Ab März 2009 schossen die grünen Pflänzchen, begossen aus der Fed-Gießkanne, ins Kraut.
8. Das US-BIP wuchs infolge des Staatsgepäppels (Abwrackprämie) und der Lagerwiederaufstockungen langsam wieder und erreichte im 4. Quartal 2009 ansehnliche 5,6 %. Das ist aber deutlich weniger als in üblichen Post-Krisenerholungen, in denen das BIP um bis über 10 % hochschnellen kann. Außerdem blieb die erhoffte Erholung am Arbeitsmarkt aus. Es gab zwar keine großen Entlassungen mehr wie noch Anfang 2009, doch es wurden nur wenig neue Stellen geschaffen. Die AL-Quote verharrte bei 9,5 %.
9. 2010 liefen sich die Effekte des Stimulationen langsam aus. Als die Fed im April QE beendete und dem Markt die nunmehr staatliche Hyperliquidität entzogen wurde - sie war der Hauptmotor der Börsen- und Bond-Anstiege - , begann eine größere Korrektur am Aktienmarkt. In die erste Abverkaufswelle Anfang Mai fiel der ominöse Flash-Crash, bei dem der DOW binnen Minuten 1000 Punkte verlor. Er bestätigte die Ängste der Kleinanleger, denen die Diskrepanz aus Wall Streets Glorie (herbeigezockt mit HFT-Automaten) und dem Elend in Main Street eh unglaubwürdig schien. Deshalb kündigten viele Amis ihre Mutual Fonds. Hohe zweistellige Milliardenbeträge wurden dem Markt entzogen, allein im Mai 2010 waren es 19 Mrd. Die Fonds-Kündigungen verschärften den Niedergang. Der SP-500 fiel von 1220 Ende April auf ein Zwischentief bei 1020 Anfang Juli.
10. Parallel dazu zeigt die US-Wirtschaft seit Sommer wieder Schwäche, da sich die Wirkungen der Stimulationen verflüchtigen und nur noch wenig neue angeschoben wurden. Viele Langzeitarbeitslose erhalten keine Stütze mehr; sie wurde zwar zig Mal verlängert, aber eben nicht für ewig. So fielen immer mehr Amis aus der "Labor Force" raus. Sie bekamen nun erstmals die Folgen der Globalsierung am eigenen Leibe zu spüren.
11. Die US-Firmengewinne hielten sich trotz der deutlichen Umsatzrückgänge seit 2008 bislang noch recht gut, weil die Firmen massenhaft Leute entlassen hatten, was die Kosten senkte, und im Gegenzug ihre Produktivität und Effizienz rhöhten. Sie profitierten auch davon, dass die vielen Transferzahlungen des Staates die Kaufkraftlücken halbwegs schlossen. Doch die Transferzahlungen ebbten in den letzten Monaten ab. Grund: Die Staatsverschuldung nähert sich in USA der kritischen 100 % Marke, und Obama kann weitere Stimu-Programme wegen des wachsenden Widerstand der Reps kaum mehr durchdrücken.
12. Auf diese Weise bekommen nun auch die US-Firmen die Negativfolgen der Globalisierung zu spüren - in Gestalt neuerlicher Umsatz- und Gewinnrückgänge. Die Firmen sind bereits derart "lean to the bone", dass weitere Entlassungen kaum mehr möglich sind. Folge: Intel und Texas Instruments gaben kürzlich Gewinnwarnungen raus. Weitere dürften folgen. Denn es nützt selbst "super-effizienten" US-Firmen nichts, wenn sie billig in China produzieren, ihre Waren in USA aber nicht mehr wie gewohnt loswerden, weil immer mehr Amis arbeits-, erwerbs- und teils Einkommens-los geworden sind. Die Finanzindustrie kann die Löcher auch nicht mehr schließen (wie bis 2007), weil der Verbriefungsmarkt quasi tot ist. Außerdem wird wegen der Volcker-Rule der vormals lukrative Eigenhandel der Zockerbanken eingeschränkt.
13. Die rückläufigen Firmengewinne und das seit Ende 2009 kontinuierlich sinkende US-BIP - im 2. Q/2010 ist es auf nurmehr 1,6 % gefallen - erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass USA nun in eine Doppel-Dip-Rezession fällt. Roubini veranschlagt die Chance dafür mit 40 %. Der ECRI-Frühindikator, der seit sieben Wochen bei -10 % liegt (letzter Wert: -10,1 %) spricht ebenfalls dafür.
14. Und genau aus dem Grund melden sich nun auch Warner wie Krugman und fordern, die Stützprogramme müssten dringend fortgesetzt werden. Er begründet dies ähnlich wie Richard Koo in Japan - und hält Japan sogar, trotz völlig anderer Ausgangslage, für ein Vorbild (# 536). Krugman hat zwar insofern Recht, als wohl nur mit weiterem Staatsgepäppel eine Doppel-Dip-Rezession definitiv vermieden werden kann. Die Kehrseite ist jedoch die bereits jetzt untragbar gewordene US-Staatsverschuldung, die für eine Schuldnernation wie USA gefährlich werden kann. Fällt das Vertrauen (wie in Griechenland), bleiben die Amis irgendwann auch ihren Staatsanleihen-Auktionen sitzen. In den nächsten 3 Jahren laufen für 5200 Milliarden Dollar Anleihen aus und müssen "gerollt" werden. Und dies zu einer Zeit, in der die Chinesen der Geldanlage in US-Staatsanleihen - die sie bereits zurückgefahren haben - immer kritischer gegenüberstehen. Gestern ließen sie Gates und Buffett bei Spendengesuchen abblitzen (FTD).
15. Auch politisch sind weitere Geldflutungen für Obama kaum mehr durchsetzbar, weil die Versprechungen über die Wunderwirkungen der ersten Stimu-Geldwelle (die US-AL-Quote sollte im 2. Halbjahr 2010 wegen der Programm auf 8 % sinken, faktisch haben wir 9,6 % - Tendenz: steigend) sich inzwischen als unrealistischer Traum entpuppt haben. Hinzu kommt, dass die Dems bei den Novemberwahlen aller Voraussicht nach die Mehrheit(en) verlieren und fortan die Reps, denen die Stimulusprogramme eh ein Dorn im Auge waren, das Sagen haben werden.
16. Wir nähern uns somit dem Punkt, an dem die Krise nicht nur - wie bislang - den Mittelstand verarmen lässt, sondern auch ihren (Gewinn-)Tribut bei den (Groß-)Firmen fordert.
17. An der Börse ist das noch längst nicht eingepreist. Wall Street und Washington glauben unverdrossen an einen "selbsttragenden Aufschwang", der nach neuestem Stand 2011 kommen soll. Die Amis laufen dieser Idee hinterher wie der Esel der vorgehaltenen Mohrrübe. In Japan trabt der Esel seit 20 Jahren, und hat die Mohrrübe noch immer nicht erreicht.