Der renommierte US-Ökonom Robert Shiller spricht im Interview mit dem Handelsblatt über die Illusion, dass die Krise schon vorbei sei, die Notwendigkeit weiterer milliardenschwerer Konjunkturprogramme und die Gefahren durch die wachsende Ungleichheit in Amerika.
Professor Shiller, nach Kaufrausch und Kreditkrise beginnt Amerika zu sparen. Muss das Land akzeptieren, dass in den nächsten Jahren die Schulden einer wilden Boomzeit abgetragen werden - auf Kosten strammen Wachstums?
Shiller: Ob wir es akzeptieren oder nicht: Ich befürchte, dass es so kommen wird. Ökonomen, die sich mit historischen Daten befassen, erkennen dieses Muster schon jetzt: Kenneth Rogoff und Carmen Reinhardt schreiben zum Beispiel, dass Zeiten hoher Staatsverschuldung regelmäßig mit deutlich niedrigeren Wachstumsraten einhergehen. Es gibt also klare Hinweise dahingehend, dass schwere Krisen die Wirtschaftsentwicklung auf Jahre hinaus belasten. Ich persönlich rechne damit, dass die nächsten fünf Jahre enttäuschend sein werden. Denn wir sollten nicht vergessen: Die jüngste Rezession war außergewöhnlich, sie verzeichnete den schärfsten Einbruch seit der Großen Depression. Und es ist nach wie vor unsicher, wie funktionsfähig das System nach diesem massiven Schock wirklich ist.
Die Finanzmärkte sind zunehmend sicher, dass alles wieder funktioniert. Das Vertrauen in die Stabilität des Systems scheint zurück, die größte Volkswirtschaft der Welt wächst wieder, und die Börsenkurse schreiben weltweit ihre rasante Erholung fort. Weshalb bleiben Sie so skeptisch?
Shiller: Das Problem ist, dass die Krise weiter schwelt. Es besteht das Risiko, dass das frisch gewonnene Vertrauen mit der Zeit schwindet, wenn wir eine unzureichende Konjunkturerholung sehen und weitere befremdliche Geschichten hören von Staaten, die zahlungsunfähig werden oder finanziell aufgefangen werden müssen. Es zeichnet sich auch politischer Widerstand gegen weitere Rettungsmaßnahmen ab, etwa mit der Tea Party-Bewegung, die ich durchaus für ein Phänomen halte. Sollten die Bemühungen zur Stützung der Konjunktur auf dem politischen Feld zerstört werden, könnte es einen doppelten Abschwung (Double-Dip) geben.
Ökonomen verweisen einhellig darauf, dass diese "Double-Dips" historisch höchst selten seien.
Shiller: Die Frage ist, wie man den Begriff definiert. Meiner Ansicht nach gab es auch in der Großen Depression einen "Double-Dip", obwohl zwischen dem Boden der Rezession 1933 und dem nächsten Abschwung vier Jahre lagen. Nach Definition des US-Forschungsinstituts NBER waren das zwei getrennte Rezessionen. Ich halte die Phase zwischen 1933 und 1937 aber sehr wohl für einen doppelten Abschwung, weil die Arbeitslosigkeit in dieser Phase massiv war und sich nie richtig erholt hat.
Auch 2010 ist das Schlagwort "Jobless Recovery" noch nicht aus der Welt: Amerika hat im Zuge der Krise mehr als acht Millionen Jobs verloren und holt bisher kaum welche zurück - trotz all der positiven Signale, die seit Monaten aus den Unternehmen kommen. Wie schätzen Sie die Lage am Arbeitsmarkt ein?
Shiller: Wir kennen das aus der Zeit der Großen Depression, die alle mit ihrer Leidensdauer überraschte. Es hat auch nach 1933 Phasen rasanten Wachstums gegeben, bisweilen sogar mit einer Rate von zehn Prozent. Da konnte sich wohl kein Ökonom erklären, weshalb die Arbeitslosigkeit trotz der offensichtlichen Erholung einfach nicht zurückgehen wollte. Der Widerwille, Arbeitskräfte einzustellen, resultierte damals aus der Angst vor einer Regulierungs- und Verstaatlichungswelle, aber auch aus einer generellen Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung. Am Ende regierte die Verzweiflung, das kapitalistische System könne dauerhaft verloren sein. Das ist gewiss nicht unsere Stimmung im Moment, aber ich habe Sorge davor, dass sie zurückkommen könnte.
Sie verweisen auffällig oft auf die Depressionszeit und warnen regelmäßig davor, dass wir derzeit auf eine künstliche Wirtschaft blicken, die von Hilfspaketen und Rettungsschirmen geprägt sei. Auf der anderen Seite fordern Sie wie Ihr Kollege Paul Krugman geradezu mit Leidenschaft weitere Stimulusprogramme. Wie passt das zusammen?
Shiller: Wir müssen bereit sein mehr zu tun, weil die Lage noch fragil ist. Ob Menschen Vertrauen in die Wirtschaft haben oder nicht, ist schwer zu lenken. Nach Krisen hat man dazu im Grunde genommen nur eine Chance. Sollten wir die vermasseln, braucht es wohl eine neue Führungsperson mit neuen Ideen, um das Vertrauen zurückzugewinnen.
Amerika hat zur Krisenbekämpfung mehrere Billionen Dollar in den Finanzsektor gepumpt, Abwrackprämien für Autos und neuerdings sogar für Hausgeräte ausgelobt, Steuergutschriften für Häuslebauer und vieles mehr. Wie groß sollte das nächste Hilfsprogramm denn Ihrer Meinung nach ausfallen?
Shiller: Ich habe keine feste Zahl im Kopf, aber ich bin schon der Überzeugung, dass wir noch mal etwas Großes benötigen - ein Volumen, das vergleichbar ist mit dem des ersten Stimulusprogramms.
Das wären noch mal rund 800 Mrd. Dollar. Sorgen Sie sich nicht davor, dass Amerika in ein immer schwerer zu kontrollierendes Schuldenchaos rutschen könnte?
Shiller: Natürlich müssen wir uns Sorgen machen um das Staatsdefizit, aber angesichts der fragilen Lage der Wirtschaft gibt es nur unbehagliche Entscheidungen zu treffen. Wir müssen dabei abwägen, was wichtiger ist: Schuldenreduktion oder Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur. Ich bin der Meinung, dass die Notwendigkeit von Stimulusprogrammen die Schuldenproblematik noch immer überwiegt. Wir haben uns ziemlich gut aus der Krise manövriert, aber die Gefahr eines "Double-Dip" ist noch nicht gebannt.
Der Privatkonsum, der die US-Konjunktur zu mehr als 70 Prozent trägt, hält sich seit Monaten einigermaßen stabil. Haben die Verbraucher überhaupt noch die finanziellen Reserven, um ihre gewohnte Rolle als Konjunkturlok für Amerika und die Welt zu übernehmen?
Shiller: Ich finde es bemerkenswert, dass das Verbrauchervertrauen in der Krise nicht auf ein Rekordtief gefallen ist. Es ist eines dieser Mysterien, die Wirtschaftsprognosen so unvorhersehbar machen. Ich kann mir das nur mit den aggressiven Stimulusmaßnahmen der Regierungen erklären. Wir haben da wohl aus der Großen Depression gelernt: Damals sind tausende Banken zusammengebrochen, und Millionen von Menschen haben ihr Geld verloren. Das hat Panik erzeugt und ein Bild des Versagens. Heute ist das Verbrauchervertrauen auch deshalb so stabil, weil es diese Fotos von Anstürmen auf Banken, die Menschen verängstigen, nicht gibt.
Dennoch beschwören einige Experten bereits eine neue "Ära der Genügsamkeit" im Konsumwunderland. Werden die Amerikaner ein bisschen sparsamer, ein bisschen deutscher, wenn man so will? Immerhin liegt die Sparrate seit Ende 2008 konstant über der Marke von drei Prozent.
Shiller: Es gibt bemerkenswerte Wendepunkte bei der Sparrate. In den frühen 80er-Jahren begannen die Amerikaner zu sparen, weil eine Phase hoher Inflation das Gefühl von Unsicherheit ins Land brachte, wenn auch mit deutlicher Verzögerung. Seitdem ist die Sparrate nach und nach zurückgegangen, und es setzte über die Jahre Selbstgefälligkeit ein. Die offene Frage ist, ob die jüngste Krise als "Event" groß genug war, um einen neuen Wendepunkt zu markieren. Im Moment sieht es nicht danach aus, weil die Stimulusprogramme gut gewirkt haben. Vielleicht können wir dieses Niveau der Zuversicht halten und so die Krise hinter uns lassen.
Jetzt widersprechen Sie sich aber: Wie passt das zu Ihren skeptischen Prognosen zu Beginn?
Shiller: Es gibt derzeit einfach keine befriedigenden Prognosen. Ich spreche nur über Szenarien in einer sehr unsicheren Zeit. Grundsätzlich bleibe ich im Lager der Skeptiker. In einer gestressten Wirtschaft haben es Innovationen sehr schwer, und die Menschen stellen Initiativen zurück. Darauf fußt jedoch das Wachstum, das wir in der Vergangenheit erzielt haben.
Mit Ihrem Bestseller "Irrationaler Überschwang" sind Sie auf dem Höhepunkt der New-Economy-Euphorie als punktgenauer Analytiker und Börsenschreck bekannt geworden. Halten Sie die Aktienmärkte im Moment für teuer oder günstig?
Shiller: Sie sind aus meiner Sicht hoch bewertet, vor allem mit Blick auf die vielen Schwachstellen und Verwundbarkeiten der Wirtschaft. Aber machen wir uns nichts vor: Börse ist Spekulation. Menschen machen sich Gedanken darüber, was andere Menschen denken. Sie picken Aktien, weil sie davon ausgehen, dass andere Menschen diese Aktien in naher Zukunft auch kaufen. Als in der Krise die ersten grünen Triebe (Green Shoots) auftauchten, dachten sich viele: Oh, ich gehe jetzt besser in Aktien, denn Aktienmärkte erholen sich regelmäßig schneller als die Wirtschaft selber. Dann begannen die Firmengewinne zu steigen, und einige andere Menschen sagten sich: Siehst Du, die Leute hatten Recht.
Sie hatten ja tatsächlich Recht, die Firmengewinne haben sich nach einer langen Talfahrt erholt.
Shiller: Ja, aber das alles geschah aus ein und demselben Grund: Die Zuversicht kehrte zurück. Es ist in gewisser Weise absurd, aber das ist das fundamentale Problem der Makroökonmie: Sie hängt von solchen psychologischen Dingen ab. Wenn Sie von mir als Ökonomen erwarten, dass ich Ihnen den Sinn des Ganzen aufzeige, muss ich Ihnen sagen: Ich kann es nicht.
18 Monate nach dem Beinahe-Kollaps des Finanzsystems schüttet die Wall Street bereits wieder satte Dividenden und Milliardenboni aus, während auf vielen anderen Straßen Amerikas vor allem der Run auf Essensmarken zunimmt. Auch wenn die USA nicht als Neidgesellschaft bekannt sind: Ist das nicht Sprengstoff fürs soziale Klima?
Shiller: Ich warne seit langem vor dieser Gefahr und sehe die Notwendigkeit, dass die Wirtschaftspolitik in den USA auf die wachsende Ungleichheit im Land reagiert, etwa über Änderungen im Steuersystem. Es kann noch bedrohlich werden, wenn wir eine wachsende Anzahl von Menschen nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt unterbringen. Dann könnten wir in den nächsten ein, zwei Dekaden vor Problemen stehen, welche die aktuelle Krise in den Schatten stellen.
Robert Shiller
Der Wissenschaftler: Robert Shiller lehrt seit 1982 an der Eliteuniversität Yale und gehört zu den einflussreichsten Verhaltensökonomen. Sein im Jahr 2000 auf dem Höhepunkt der Aktienhysterie erschienenes Buch "Irrationaler Überschwang" wurde zum Bestseller und machte Shiller weltberühmt. Das Frankfurter Forschungsinstitut Center for Financial Studies hat den notorischen Mahner im Vorjahr mit dem Deutsche Bank Prize in Financial Economics ausgezeichnet.
Die Person: Shiller ist kein Star-Ökonom in Nadelstreifen: In Detroit geboren, zeigt sich der heute 64-Jährige selbst auf hochkarätig besetzten Kongressen in Billig-Sakko und ausgetretenen Schuhen. Er besitzt ein Sommerhäuschen auf einer kleinen Insel in der Nähe von New Haven, in dem er ohne Strom auskommt. Shiller ist seit mehr als 30 Jahren mit einer Psychologin verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.
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