erreicht
Das Vertrauen der Anleger weitgehend verspielt - Nemax 50 für 2001 und 2002 mit negativem KGV - HypoVereinsbank ist optimistisch
Von Bernd Neubacher
Im zweiten Quartal hat das Frankfurter Wachstumssegment bei den Anlegern viel Kredit verspielt - auch weil der April Hoffnungen geschürt hatte, die seit März 2000 dauernde Baisse könnte endlich überstanden sein.
Hohe Erwartungen
Nach einem vorübergehenden Jahrestief von 1 250,24 Punkten im Verlauf am 4. April war der Nemax 50 bis zum 2. Mai um 57,9 % auf das Quartalshoch von 1 974,03 haussiert. Eine Outperformance des Nemax 50 gegenüber dem Nemax-All-Share-Index werteten Optimisten, ungeachtet magerer Umsätze, bereits als Indiz dafür, dass die institutionellen Anleger an den Markt zurückkehren. Ende April bezeichnete die auf den Neuen Markt spezialisierte Gesellschaft SES Research das Segment denn auch als "klar zur Wende" und sagte bis Jahresende einen Anstieg des Nemax 50 bis auf 2 816 Punkte voraus. Doch wie bereits in der Hausse wurde die Hartnäckigkeit des Trends unterschätzt.
Inzwischen scheint das Barometer davon weiter entfernt denn je. Zurückzuführen ist dies nur zum Teil auf die unsicheren Konjunturaussichten dies- und jenseits des Atlantiks sowie auf Gewinnwarnungen von US-Schwergewichten wie Hewlett Packard, Lucent, Sun Microsystems und andere. Für einen guten Teil der Enttäuschung sind die Unternehmen selbst verantwortlich.
Da schockte Mitte Juni Brokat die Anlegerschar mit der Mitteilung, das Grundkapital zur Hälfte verbraucht zu haben. Zwei Tage später schraubte Intershop, die schon mit einer Gewinnwarnung am 2. Januar das für Neuer-Markt-Anleger so verlustreiche erste Halbjahr eingeläutet hatte, nochmals ihre Prognose für das Gesamtjahr herunter. Untersuchungen des Bundesaufsichtsamts für den Wertpapierhandel wegen des Verdachts auf Insiderhandel in Kinowelt und die Eröffnung von Insolvenzverfahren in 6 Fällen vergrätzten zudem die Investoren und bestätigten das Image des Neuen Markts als Zockerbude mit Werten minderer Qualität.
Nerven liegen blank
Inzwischen liegen die Nerven blank. Unmittelbar nach der Gewinnwarnung von Nokia Mitte Juni zum Beispiel zogen Kunden rund 1 % des gesamten Fondsvermögens ab, nur um tags darauf den Großteil wieder einzuzahlen, wie der Manager eines großen Neuer-Markt-Fonds berichtete. Da büßen D. Logistics rasch ein Fünftel ihres Marktwerts ein, sobald jemand Gerüchte um eine Kapitalerhöhung in die Welt setzt.
Die Nasdaq werde den Neuen Markt im Jahresverlauf nach oben ziehen, hatte die DG Bank im März prophezeit. Doch angesichts der Stimmung im Frankfurter Wachstumssegment hat sich der Neue Markt von der Nasdaq längst abgekoppelt und ist entgegen der seitwärts tendierenden US-Börse in eine neuerliche Abwärtsbewegung übergegangen.
Umsatzschwund im Nemax
Charttechniker sehen derzeit kein Ende der Baisse, und nicht wenige Fondsmanager beteuern, sie hätten sich bereits vollkommen vom Neuen Markt zurückgezogen. Daran muss etwas dran sein: In der Tat sind die Xetra-Umsätze in Titeln des Nemax-All-Share seit Jahresbeginn sukzessive gesunken. Im Juni belief sich das Handelsvolumen gerade noch auf gut 2 Mrd. Euro. Im ersten Halbjahr hat sich damit der Umsatz gegenüber dem Rekordhalbjahr im Vorjahreszeitraum auf 21,41 Mrd. Euro glatt halbiert. Spätestens seitdem der Nemax 50 zu Beginn des dritten Quartals unter das Tief vom 4. April gerutscht ist und von Jahrestief zu Jahrestief eilt, ist auch die Deutsche Börse unter massiven Druck geraten. Während die Nasdaq wenigstens über 100 solide Werte verfüge, die sie in einem Standardwerte-Index versammeln könne, brächten es am Neuen Markt selbst Penny Stocks wie Fantastic in den viel zu großzügig bemessenen Nemax 50, wird kritisiert. Vor allem im Nemax-All-Share verhindere eine hohe Anzahl ausgebrannter Werte, dass der Gesamtindex erkennbar auf die Beine komme. An der Nasdaq wären diese Titel unterdessen längst aus den Indizes entfernt worden, was eben den Unterschied zu einem Qualitätssegment ausmache.
Neuer Markt am Scheideweg
Nicht wenige Beobachter sehen den Neuen Markt bereits am Scheideweg. Es bestehe das Risiko, dass die nach Meinung des Markts offenbar an einer Hand abzuzählenden Substanzwerte eine Notiz im einfachen Geregelten Markt vorzögen und die übrigen Titel im Segment vollkommen dem Vergessen anheim fielen. Mit einem Delisting am Neuen Markt liebäugeln dem Vernehmen nach vor allem T-Online, MobilCom und Qiagen, die gemeinsam rund ein Viertel der noch übrig gebliebenen Marktkapitalisierung im Nemax 50 auf die Waage bringen. Am gestrigen Dienstag bestätigte mit Singulus erstmals ein Unternehmen entsprechende Überlegungen. Nicht zuletzt angesichts einer solchen Depression am Wachstumssegment sind die Aktivitäten am Primärmarkt beinahe zum Erliegen gekommen. Die Börse hat also einen guten Grund, ihre Bemühung um die Einführung von Delisting-Regularien von Penny Stocks zu forcieren, wie gestern bekannt wurde.
Klar überbewertet
Gewöhnlicherweise wäre nun die rechte Zeit, um auf eine Trendwende zu setzen. Denn ist die Phase der Depression erreicht und haben sich Anleger aus dem Markt verabschiedet, wird der Index kaum mehr sinken können. Das Problem: Gemessen an den Gewinnerwartungen für die Unternehmen, ist der Nemax 50, ungeachtet seiner Tiefstände, nach wie vor deutlich überbewertet, wie die von Thomson Financial Datastream erhobenen Konsensschätzungen, also die mit der jeweiligen Marktkapitalisierung multiplizierte Summe der Unternehmensgewinne, ergeben (s. Grafik). Vor allem im zweiten Quartal ist die Höhe der I/B/E/S-Gewinnerwartungen weitaus stärker gefallen als der Index. Im Juni wurde sowohl für 2001 als auch für 2002 ein Verlust erwartet, ein Kurs-Gewinn-Verhältnis für den Nemax 50 ist nicht mehr berechenbar. In den vergangenen beiden Jahren sei für den Nemax 50 jeweils ein Kurs-Gewinn-Verhältnis zwischen 80 und 120 üblich gewesen, im Mai habe sich für 2002 zuletzt ein Multiple von rund 600 errechnet, sagt Peter Thilo Hasler, Leiter des Technology-Teams der HypoVereinsbank und zuständig für den Neuen Markt. Hasler glaubt indes, dass nicht die Kurse zu hoch, sondern die unterstellten Gewinne zu niedrig sind. Seiner Einschätzung nach werden die Gewinne bald wieder hochgenommen werden. Derzeit setzten die Analysten auf die bereits vorsichtig formulierten Szenarien der Unternehmen "noch eins drauf". Schon im dritten Quartal, wenn die Ergebnisse für das zweite Vierteljahr präsentiert würden, werde es daher die ersten Lichtblicke geben von Unternehmen, die bei Vorlage ihrer Zahlen fürs Startquartal bereits reichlich Pessimismus in ihren Ausblick hätten einfließen lassen. Mit demselben Argument hatten sich Fondsmanager nach Ende des ersten Quartals Mut zugesprochen und ihre Hoffnung auf positive Überraschungen und Kursgewinne geäußert.
Bis Jahresende nennt die HypoVereinsbank das Kursziel für den Nemax 50 von 2 000 Punkten. Die DG Bank, die Anfang März noch einen Anstieg des Nemax 50 bis Jahresende auf 2 800 Punkte prognostiziert hatte, schraubte ihre Vorhersage vor wenigen Tagen auf 2 100 Zähler zurück.
Das Vertrauen der Anleger weitgehend verspielt - Nemax 50 für 2001 und 2002 mit negativem KGV - HypoVereinsbank ist optimistisch
Von Bernd Neubacher
Im zweiten Quartal hat das Frankfurter Wachstumssegment bei den Anlegern viel Kredit verspielt - auch weil der April Hoffnungen geschürt hatte, die seit März 2000 dauernde Baisse könnte endlich überstanden sein.
Hohe Erwartungen
Nach einem vorübergehenden Jahrestief von 1 250,24 Punkten im Verlauf am 4. April war der Nemax 50 bis zum 2. Mai um 57,9 % auf das Quartalshoch von 1 974,03 haussiert. Eine Outperformance des Nemax 50 gegenüber dem Nemax-All-Share-Index werteten Optimisten, ungeachtet magerer Umsätze, bereits als Indiz dafür, dass die institutionellen Anleger an den Markt zurückkehren. Ende April bezeichnete die auf den Neuen Markt spezialisierte Gesellschaft SES Research das Segment denn auch als "klar zur Wende" und sagte bis Jahresende einen Anstieg des Nemax 50 bis auf 2 816 Punkte voraus. Doch wie bereits in der Hausse wurde die Hartnäckigkeit des Trends unterschätzt.
Inzwischen scheint das Barometer davon weiter entfernt denn je. Zurückzuführen ist dies nur zum Teil auf die unsicheren Konjunturaussichten dies- und jenseits des Atlantiks sowie auf Gewinnwarnungen von US-Schwergewichten wie Hewlett Packard, Lucent, Sun Microsystems und andere. Für einen guten Teil der Enttäuschung sind die Unternehmen selbst verantwortlich.
Da schockte Mitte Juni Brokat die Anlegerschar mit der Mitteilung, das Grundkapital zur Hälfte verbraucht zu haben. Zwei Tage später schraubte Intershop, die schon mit einer Gewinnwarnung am 2. Januar das für Neuer-Markt-Anleger so verlustreiche erste Halbjahr eingeläutet hatte, nochmals ihre Prognose für das Gesamtjahr herunter. Untersuchungen des Bundesaufsichtsamts für den Wertpapierhandel wegen des Verdachts auf Insiderhandel in Kinowelt und die Eröffnung von Insolvenzverfahren in 6 Fällen vergrätzten zudem die Investoren und bestätigten das Image des Neuen Markts als Zockerbude mit Werten minderer Qualität.
Nerven liegen blank
Inzwischen liegen die Nerven blank. Unmittelbar nach der Gewinnwarnung von Nokia Mitte Juni zum Beispiel zogen Kunden rund 1 % des gesamten Fondsvermögens ab, nur um tags darauf den Großteil wieder einzuzahlen, wie der Manager eines großen Neuer-Markt-Fonds berichtete. Da büßen D. Logistics rasch ein Fünftel ihres Marktwerts ein, sobald jemand Gerüchte um eine Kapitalerhöhung in die Welt setzt.
Die Nasdaq werde den Neuen Markt im Jahresverlauf nach oben ziehen, hatte die DG Bank im März prophezeit. Doch angesichts der Stimmung im Frankfurter Wachstumssegment hat sich der Neue Markt von der Nasdaq längst abgekoppelt und ist entgegen der seitwärts tendierenden US-Börse in eine neuerliche Abwärtsbewegung übergegangen.
Umsatzschwund im Nemax
Charttechniker sehen derzeit kein Ende der Baisse, und nicht wenige Fondsmanager beteuern, sie hätten sich bereits vollkommen vom Neuen Markt zurückgezogen. Daran muss etwas dran sein: In der Tat sind die Xetra-Umsätze in Titeln des Nemax-All-Share seit Jahresbeginn sukzessive gesunken. Im Juni belief sich das Handelsvolumen gerade noch auf gut 2 Mrd. Euro. Im ersten Halbjahr hat sich damit der Umsatz gegenüber dem Rekordhalbjahr im Vorjahreszeitraum auf 21,41 Mrd. Euro glatt halbiert. Spätestens seitdem der Nemax 50 zu Beginn des dritten Quartals unter das Tief vom 4. April gerutscht ist und von Jahrestief zu Jahrestief eilt, ist auch die Deutsche Börse unter massiven Druck geraten. Während die Nasdaq wenigstens über 100 solide Werte verfüge, die sie in einem Standardwerte-Index versammeln könne, brächten es am Neuen Markt selbst Penny Stocks wie Fantastic in den viel zu großzügig bemessenen Nemax 50, wird kritisiert. Vor allem im Nemax-All-Share verhindere eine hohe Anzahl ausgebrannter Werte, dass der Gesamtindex erkennbar auf die Beine komme. An der Nasdaq wären diese Titel unterdessen längst aus den Indizes entfernt worden, was eben den Unterschied zu einem Qualitätssegment ausmache.
Neuer Markt am Scheideweg
Nicht wenige Beobachter sehen den Neuen Markt bereits am Scheideweg. Es bestehe das Risiko, dass die nach Meinung des Markts offenbar an einer Hand abzuzählenden Substanzwerte eine Notiz im einfachen Geregelten Markt vorzögen und die übrigen Titel im Segment vollkommen dem Vergessen anheim fielen. Mit einem Delisting am Neuen Markt liebäugeln dem Vernehmen nach vor allem T-Online, MobilCom und Qiagen, die gemeinsam rund ein Viertel der noch übrig gebliebenen Marktkapitalisierung im Nemax 50 auf die Waage bringen. Am gestrigen Dienstag bestätigte mit Singulus erstmals ein Unternehmen entsprechende Überlegungen. Nicht zuletzt angesichts einer solchen Depression am Wachstumssegment sind die Aktivitäten am Primärmarkt beinahe zum Erliegen gekommen. Die Börse hat also einen guten Grund, ihre Bemühung um die Einführung von Delisting-Regularien von Penny Stocks zu forcieren, wie gestern bekannt wurde.
Klar überbewertet
Gewöhnlicherweise wäre nun die rechte Zeit, um auf eine Trendwende zu setzen. Denn ist die Phase der Depression erreicht und haben sich Anleger aus dem Markt verabschiedet, wird der Index kaum mehr sinken können. Das Problem: Gemessen an den Gewinnerwartungen für die Unternehmen, ist der Nemax 50, ungeachtet seiner Tiefstände, nach wie vor deutlich überbewertet, wie die von Thomson Financial Datastream erhobenen Konsensschätzungen, also die mit der jeweiligen Marktkapitalisierung multiplizierte Summe der Unternehmensgewinne, ergeben (s. Grafik). Vor allem im zweiten Quartal ist die Höhe der I/B/E/S-Gewinnerwartungen weitaus stärker gefallen als der Index. Im Juni wurde sowohl für 2001 als auch für 2002 ein Verlust erwartet, ein Kurs-Gewinn-Verhältnis für den Nemax 50 ist nicht mehr berechenbar. In den vergangenen beiden Jahren sei für den Nemax 50 jeweils ein Kurs-Gewinn-Verhältnis zwischen 80 und 120 üblich gewesen, im Mai habe sich für 2002 zuletzt ein Multiple von rund 600 errechnet, sagt Peter Thilo Hasler, Leiter des Technology-Teams der HypoVereinsbank und zuständig für den Neuen Markt. Hasler glaubt indes, dass nicht die Kurse zu hoch, sondern die unterstellten Gewinne zu niedrig sind. Seiner Einschätzung nach werden die Gewinne bald wieder hochgenommen werden. Derzeit setzten die Analysten auf die bereits vorsichtig formulierten Szenarien der Unternehmen "noch eins drauf". Schon im dritten Quartal, wenn die Ergebnisse für das zweite Vierteljahr präsentiert würden, werde es daher die ersten Lichtblicke geben von Unternehmen, die bei Vorlage ihrer Zahlen fürs Startquartal bereits reichlich Pessimismus in ihren Ausblick hätten einfließen lassen. Mit demselben Argument hatten sich Fondsmanager nach Ende des ersten Quartals Mut zugesprochen und ihre Hoffnung auf positive Überraschungen und Kursgewinne geäußert.
Bis Jahresende nennt die HypoVereinsbank das Kursziel für den Nemax 50 von 2 000 Punkten. Die DG Bank, die Anfang März noch einen Anstieg des Nemax 50 bis Jahresende auf 2 800 Punkte prognostiziert hatte, schraubte ihre Vorhersage vor wenigen Tagen auf 2 100 Zähler zurück.