Der Herdentrieb oder: Wie überspiele ich mangelnde Kompetenz ?
Wie in der Politik oder der Gesellschaft als Ganzes gibt es auch auf dem Börsenparkett so genannte Meinungsführer. Das sind die Gurus der Börse, die "nur mal husten" müssen, und schon hat der ganze Markt die Grippe. Ihre Meinung über das Bewertungsniveau der Aktien beeinflusst entscheidend die Meinung anderer Analysten und der Anleger. Sie melden sich zwar nicht oft öffentlich zu Wort, in der Regel ein- bis zweimal im Jahr, aber dafür mit um so größerer Nachhaltigkeit.
So hält man der Chefstrategin vom Analystenhaus Goldman Sachs Abby Cohen heute noch vor, dass sie durch ihre Äußerungen Ende März 2000 die Baisse im High-Tech-Bereich angestoßen habe. Cohen gab damals bekannt, dass das Musterdepot von Goldman Sachs umgeschichtet und den Anteil von Technologietiteln um 20 Prozent zu Gunsten von Barbeständen gesenkt werde. Dies löste noch am gleichen Tag den Kursrückgang des US-Technologieindex Nasdaq um sechs Prozent aus. Es war aber auch Abby Cohen, die die voran gegangene Hausse durch entsprechende Empfehlungen 1998/99 mit herbei geredet hatte. Heute befindet sich der Nasdaq-Index just an dem Punkt, an dem die Hausse begann und so mancher technologie-verliebter Anleger wird sich sagen: "Außer Spesen nichts gewesen".
Aber eine Meinungsführerin wie Abby Cohen (es ist schon nicht ohne ein gewisses Amüsement mit anzusehen, dass in der von Männern dominierten Finanzwelt ausgerechnet eine Frau die Zügel in den Händen zu haben scheint) braucht auch ihre Gefolgsleute. Jetzt tritt das ein, was man in der Fachliteratur konventionelles Verhalten nennt. Die Analysten halten es für besser, wenn sie alle grundsätzlich das Gleiche sagen und es bei einer unterschiedlichen Verpackung (z.B. leicht differierenden Kurszielen) belassen. Das Risiko, als Einziger falsch zu liegen, kann scheinbar nicht durch die Lorbeeren aufgewogen werden, die derjenige erhielte, der als Einziger richtig liegt. So sagen dann letztlich alle das Gleiche, ganz wie beim klassischen Herdenverhalten.
Die zunehmende Bedeutung psychologischer Erkenntnisse für die Erklärung der eigentlich von so kühlen Fakten bestimmten Welt der Finanzmärkte mutet für den Laien etwas sonderbar an, hat aber bereits in der Gelehrtenwelt ihre Spuren hinterlassen. Eine neuere Richtung in den Wirtschaftswissenschaften, die solche Konventionen untersucht, beschäftigt sich zur Erklärung von ökonomischen Ereignissen ausschließlich mit der psychologischen Verfassung der daran beteiligten Menschen (im konkreten Fall: Unternehmer, Analysten, Anleger etc.).
05.07.2002 | 15:44
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Wie in der Politik oder der Gesellschaft als Ganzes gibt es auch auf dem Börsenparkett so genannte Meinungsführer. Das sind die Gurus der Börse, die "nur mal husten" müssen, und schon hat der ganze Markt die Grippe. Ihre Meinung über das Bewertungsniveau der Aktien beeinflusst entscheidend die Meinung anderer Analysten und der Anleger. Sie melden sich zwar nicht oft öffentlich zu Wort, in der Regel ein- bis zweimal im Jahr, aber dafür mit um so größerer Nachhaltigkeit.
So hält man der Chefstrategin vom Analystenhaus Goldman Sachs Abby Cohen heute noch vor, dass sie durch ihre Äußerungen Ende März 2000 die Baisse im High-Tech-Bereich angestoßen habe. Cohen gab damals bekannt, dass das Musterdepot von Goldman Sachs umgeschichtet und den Anteil von Technologietiteln um 20 Prozent zu Gunsten von Barbeständen gesenkt werde. Dies löste noch am gleichen Tag den Kursrückgang des US-Technologieindex Nasdaq um sechs Prozent aus. Es war aber auch Abby Cohen, die die voran gegangene Hausse durch entsprechende Empfehlungen 1998/99 mit herbei geredet hatte. Heute befindet sich der Nasdaq-Index just an dem Punkt, an dem die Hausse begann und so mancher technologie-verliebter Anleger wird sich sagen: "Außer Spesen nichts gewesen".
Aber eine Meinungsführerin wie Abby Cohen (es ist schon nicht ohne ein gewisses Amüsement mit anzusehen, dass in der von Männern dominierten Finanzwelt ausgerechnet eine Frau die Zügel in den Händen zu haben scheint) braucht auch ihre Gefolgsleute. Jetzt tritt das ein, was man in der Fachliteratur konventionelles Verhalten nennt. Die Analysten halten es für besser, wenn sie alle grundsätzlich das Gleiche sagen und es bei einer unterschiedlichen Verpackung (z.B. leicht differierenden Kurszielen) belassen. Das Risiko, als Einziger falsch zu liegen, kann scheinbar nicht durch die Lorbeeren aufgewogen werden, die derjenige erhielte, der als Einziger richtig liegt. So sagen dann letztlich alle das Gleiche, ganz wie beim klassischen Herdenverhalten.
Die zunehmende Bedeutung psychologischer Erkenntnisse für die Erklärung der eigentlich von so kühlen Fakten bestimmten Welt der Finanzmärkte mutet für den Laien etwas sonderbar an, hat aber bereits in der Gelehrtenwelt ihre Spuren hinterlassen. Eine neuere Richtung in den Wirtschaftswissenschaften, die solche Konventionen untersucht, beschäftigt sich zur Erklärung von ökonomischen Ereignissen ausschließlich mit der psychologischen Verfassung der daran beteiligten Menschen (im konkreten Fall: Unternehmer, Analysten, Anleger etc.).
05.07.2002 | 15:44