Die fundamentale Analyse der Finanzmärkte
Was ist gut, was ist billig? Muss das Gute und Billige, so man es denn zu finden versteht, zwangsläufig im Wert steigen? Was ist unbedingt zu meiden? Muss ich mich auf die Berater meiner Hausbank verlassen, oder bin ich imstande, auf eigene Faust erfolgreich zu sein? Was muss ich lernen, um wirklich das Gute vom Schlechten unterscheiden zu können?
Der Anleger, bereit und willens, einen Gutteil des im Verlauf seines Arbeitslebens angesparten Kapitals gewinnbringend anzulegen, wird von einer wahren Flutwelle an Informationen und daraus resultierenden offenen Fragen erschlagen. Die überwiegende Zahl dieser Sparer wird sich daraufhin - vertrauensvoll oder nicht - alleine aufgrund des unbekannten Terrains von Geld und Börse in die Hände von Anlageberatern und Banken begeben. Doch nur der Ehrgeizige, der es verlangt, mehr über die Anlagemöglichkeiten für sein Vermögen zu wissen, wird sich von der breiten Masse mickriger Gewinne und schmaler Renditen abheben können.
In vorstehenden Kapiteln haben Sie bereits das Handwerkszeug der Spekulation erlernt. Sie wissen nun um die Grundlagen der Börse; was die kryptischen Zeichen in den Börsenzeitungen und -journalen bedeuten; mit welchen Instrumenten Sie sich auf den Pfad der Gewinner begeben können, ebenso, wie sich eine allzu hohe Besteuerung Ihrer Gewinne vermeiden lässt.
Doch damit ist die Arbeit nicht getan. Erst die richtige Auswahl aus der Vielzahl möglicher Aktien, Renten oder Devisen verschafft Ihnen die Chance, mehr Geld mit der Spekulation als durch Ihren regulären Beruf zu erwirtschaften. Es ist nun einmal so: Traumhafte Einkünfte bedingen zumindest Interesse, Ehrgeiz und Fleiß. Das ist ja auch nicht zu viel verlangt, nicht wahr?
Der Fundamentale Ansatz
Eine sorgsame Analyse geht grundsätzlich einer erfolgreichen Anlageentscheidung voraus. Niemand kann an den Märkten dauerhaft zu den Gewinnern zählen, wenn er sich auf sein "Gefühl im Bauch" verlässt. Doch die "Wege zur Erkenntnis" sind vielfältig. Zwei große Oberbegriffe gilt es dabei zu unterscheiden. Zum einen ist da die Fundamentale Analyse zu nennen, ihr vom Ansatz nahezu unvereinbar gegenüber steht die Technische Analyse. Wenden wir uns zunächst der älteren, "klassischen" Fundamentalen Analyse zu. Bitte beachten Sie, dass wir uns aus Gründen der Übersichtlichkeit in den weiteren Ausführungen zumeist auf Aktien beziehen, wenngleich man mittels Fundamentaler oder Technischer Analyse mit gleicher Vorgehensweise alles, sogar Immobilienmärkte, analysieren kann.
Die Fundamentale Analyse existiert, seit es Handel gibt, wenngleich sie über die Jahrhunderte immer mehr präzisiert wurde. Sie geht von der einfachen Prämisse aus, dass Angebot und Nachfrage den Preis am Markt bestimmen. Wenn die Zahl der Nachfragenden deutlich überwiegt, muss der Preis zwangsläufig steigen, da es sich die wenigen Anbieter aufgrund der hohen Nachfrage leisten können, einen höheren Preis zu verlangen. Andererseits müssen die Kurse sinken, wenn viele eine Aktie, Devise oder Ware loswerden wollen, aber keiner bereit scheint, zu den gebotenen Preisen zu kaufen. Bis hierhin klingt alles ganz simpel. Nun aber die entscheidende Frage:
Warum überwiegen entweder Nachfrage oder Angebot, und lässt sich eine derartige Entwicklung vielleicht bereits im Vorfeld erkennen?
Um dieser für die gewinnbringende Anlage entscheidenden Frage auf die Spur zu kommen, gruppiert sich die Fundamentale Analyse wiederum in zwei Bereiche:
Die volkswirtschaftlichen Indikatoren
Sie messen die allgemeinen Rahmenbedingungen, oft auch als das "Gesamtwirtschaftliche Umfeld" oder "Makrokosmos" bezeichnet. Diese Indikatoren haben nichts mit einer Aktiengesellschaft im Besonderen zu tun, sondern beschäftigen sich mit Faktoren, die auf alle oder nur eine Gruppe von Aktien förderlich oder eben bremsend wirken.
Geklärt wird also hiermit die Frage, ob das Umfeld momentan geeignet ist, eine Investition zu tätigen.
Die betriebswirtschaftlichen Indikatoren
Die betriebswirtschaftlichen Indikatoren stellen den "Mikrokosmos" des fundamentalen Ansatzes dar. Hier wird die Lage eines einzelnen Unternehmens unter die Lupe genommen, indem mittels der Analyse dessen wirtschaftliche Situation geprüft wird, ob die Gewinnaussichten für die Zukunft positiv oder negativ zu beurteilen sind. Denn sollten die Gewinne zukünftig steigen, ist laut fundamentaler Analyse davon auszugehen, dass die Nachfrage nach den Aktien dieser Gesellschaft steigen wird, die Preise also anziehen.
Die Analyse hat somit die Erkenntnis zum Ziel, welche Aktie für das Investment den anderen vorzuziehen ist, sofern das Umfeld seitens der volkswirtschaftlichen Indikatoren für ein Investment günstig erscheint.
Wie gesagt: Systematische Vorgehensweise ist bei der Analyse jedweder Couleur ein unbedingtes Muss. Diesem Grundsatz folgend, werden auch wir zunächst die allgemeinen Rahmenbedingungen beleuchten, bevor es mit den betriebswirtschaftlichen Indikatoren ans "Eingemachte" geht.
Volkswirtschaftliche Indikatoren
Das Feld der Volkswirtschaft, d.h. der gesamten Wirtschaft eines Landes, ist weit und unübersichtlich. Denn zu den kleinen und großen Betrieben, die ja nach allgemeinem Dafürhalten die "Wirtschaft" darstellen, gesellen sich noch der Staat und die kommunalen Verwaltungen mit den öffentlichen Haushaltungen, und nicht zuletzt jeder einzelne private Haushalt. Sie alle spielen in diesem komplizierten Netz eine wichtige Rolle; konsumieren, vermitteln oder produzieren etwas. Außerdem: Nicht nur die Indikatoren alleine spielen bei der Analyse eine Rolle, sondern auch diejenigen Faktoren, die diese Indikatoren beeinflussen.
Dazu gehören die Finanz- und Wirtschaftspolitik des jeweiligen Landes, aber ebenso die Entwicklungen im Ausland, die über politische wie wirtschaftliche Verbindungen erheblichen Einfluss auf eine Volkswirtschaft nehmen können. Besonders die Wechselkursentwicklung ist hier von hoher Bedeutung. Auf diese spezielle Problematik werden wir daher im folgenden ebenfalls eingehen.
Das Studium der Volkswirtschaftslehre oder der Betriebswirtschaftslehre ist nicht in wenigen Monaten zu bewältigen. Daher ist es klar, dass sich dieses Kapitel über volkswirtschaftliche Indikatoren auf für den Anleger unumgängliche Fakten und Begriffe beschränken muss, wenn es nicht den Umfang aller Hamburger Telefonbücher auf einmal annehmen soll. Wir stellen daher ausschließlich diejenigen Begriffe und Zusammenhänge ins rechte Licht, mit denen Sie oftmals in Zeitungen und Fernsehen konfrontiert werden, und stellen dann deren Relevanz für den privaten Anleger heraus.
Beginnen wir zunächst mit einem Schlagwort: "Konjunktur". Heutzutage in aller Munde, ist dieser Begriff in seiner Bedeutung dennoch für die Mehrheit so diffus und unklar wie "Multimedia".
Der Konjunkturverlauf
Die Probleme der Allgemeinheit, derartig bekannte Begriffe wie "Konjunktur" in erklärende Worte zu kleiden, fußen in dem immerwährenden Bestreben der Wissenschaft, Definitionen grundsätzlich so zu formulieren, dass der Durchschnittsbürger beim Lesen einen Kreislaufkollaps erleidet. Daher in ganz einfachen Worten:
Die Konjunktur ist die Steigerung oder Verringerung der wirtschaftlichen Leistungen einer ganzen Volkswirtschaft.
Dies ist zwar nahezu halsbrecherisch vereinfacht, trifft den Sachverhalt aber durchaus. Eine anziehende Konjunktur in Deutschland bedeutet also nur, dass sich die wirtschaftliche Leistung unseres Landes erhöht hat. Dies heißt aber nicht, dass sich dieser Aufschwung auf alle Branchen erstreckt, oder jeder von uns mehr Geld in der Tasche hat. Es ist eine ganz allgemein gehaltene Größe, die isoliert betrachtet nicht dafür taugt, Grundlage einer Anlageentscheidung zu sein.
Dennoch bietet der Verlauf der Konjunktur, in einem mehrjährigen Rahmen betrachtet, wichtige Hinweise. Der Grund dafür liegt darin, dass sich die Konjunktur in stetigem Fluss befindet. Auf eine Phase steigender Wirtschaftstätigkeit, dem Aufschwung, folgt immer eine Phase, in der sich die Wirtschaftsleistungen verringern - die Rezession. In Zahlen werden derartige Bewegungen mit konjunkturbezogenen Größen wie Bruttosozialprodukt (BSP) oder Bruttoinlandsprodukt (BIP).
Schematisch dargestellter Konjunkturzyklus
Das Wissen um diese stetige Fluktuation bietet dem Anleger eine langfristige Orientierung, denn die Börsen sind - wenngleich nicht sklavisch und mit Zeitverzögerungen - an die Konjunktur gekoppelt. Es gibt ganz einfach Zeiten, in denen die Aktien- oder Rentenkurse per saldo steigen, und ebenso Phasen, in denen sie - zumindest mittelfristig betrachtet - fallen. Und eben diese Richtung der "großen Trends" ist direkt vom Verlauf der Konjunktur abhängig.
Zunächst aber erst einmal zurück zur Konjunktur per se. In obiger Abbildung sehen Sie das Auf und Ab der Konjunktur schematisch dargestellt. Die Konjunktur bewegt sich in Zyklen, deren vier Zyklenbereiche zwar immer in der selben Reihenfolge auftreten, deren Dauer jedoch sehr unterschiedlich sein kann.
Obwohl man glauben sollte, dass eine Rezession (eine Verringerung der Wirtschaftsleistung) vermeidbar sein müsste - bis heute ist dieses Kunststück noch niemandem gelungen. Einzig und allein die Stärke der wirtschaftlichen Schrumpfung und die Dauer dieser Periode lässt sich erfolgreich beeinflussen. Doch zunächst eine kurze, vereinfachte Beschreibung der vier Phasen des konjunkturellen Zyklus:
Der Aufschwung
Bei allgemein steigender Wirtschaftsleistung steigt die Nachfrage nach Gütern aller Art - auch nach Dienstleistungen. Dies geschieht, da immer mehr Personen in Arbeit stehen. Dadurch verfügen mehr Leute über mehr Kapital, um zu konsumieren. Aufgrund des anziehenden Konsums erhöht sich wiederum die Produktion, weitere Personen werden als Arbeitskräfte benötigt, um die erhöhte Nachfrage durch höhere Produktion zu stillen. Auch diese neu Eingestellten verfügen ab sofort über mehr Geld, um damit mehr auszugeben. Die Wirtschaftsleistung wächst immer weiter.
Da es sich hier, wie Sie erkennen, bei einem Aufschwung um einen Kreislauf handelt, fragt man sich unversehens, wo das Problem liegt. Nun, es ist wie so oft im Leben. Irgendein Sandkorn landet immer im Getriebe!
Doch zunächst funktioniert diese Wachstumsschraube. Ab einem bestimmten Zeitpunkt, zumeist dann, wenn kaum noch weitere Arbeitskräfte zu bekommen sind (theoretische Vollbeschäftigung) oder die Produktion aufgrund technischer Grenzen nicht so schnell weiter gesteigert werden kann wie die Nachfrage weiter anzieht, beginnen die Probleme.
Die Boomphase
Diese Phase ist üblicherweise recht kurz, sie erstreckt sich im Durchschnitt über ein Jahr. Zu dieser Zeit sind die Kapazitäten der Unternehmen bis ans Maximum ausgelastet, aber die Nachfrage steigt immer weiter, obwohl keine neuen Arbeitnehmer in den Produktionsprozeß aufgenommen werden. Der Grund liegt in der allgemein guten Stimmung. Man fürchtet nicht mehr um seinen Arbeitsplatz, und verringert daher das "Sparen für schlechte Zeiten" zugunsten des Konsums. Die Unternehmen erhöhen die Investitionen, um mehr Güter liefern zu können, doch bis die erhöhten Produktionskapazitäten zur Verfügung stehen, vergeht einige Zeit.
Die gute Konsumstimmung ermöglicht den Unternehmen, die Preise zu erhöhen. Schließlich liegt die Nachfrage momentan über dem Angebot, daher muss man auch bei anziehenden Preisen nicht um seinen Absatz fürchten. Die Gewinne der Gesellschaften ziehen dadurch zwar noch einmal sehr stark an, aber gleichzeitig beginnt damit schon die nächste Runde der "ewigen Achterbahn":
Der Abschwung
Die anziehenden Preise der Güter bedeuten Inflation. Damit können die Arbeitnehmer, obwohl noch in Arbeit, nicht mehr so viel konsumieren wie zuvor. Die Umsätze der Gesellschaften gehen daher - zunächst nur leicht - zurück. Um sich den erreichten Lebensstandard zu sichern, werden höhere Löhne verlangt - und aufgrund der gestiegenen Unternehmensgewinne - auch gewährt.
Die Investitionen der Unternehmen haben mittlerweile zu neuen Produktionsmitteln geführt. Doch da die Umsätze nicht weiter steigen, erweisen sich die höheren Kapazitäten als Falle. Die Auslastung geht zurück, Teile der Produktionsmittel liegen daher brach. Die stattliche Personaldecke erweist sich plötzlich als zu dick, und die höheren Lohnkosten tragen ebenfalls dazu bei, dass die Gewinne der Unternehmen zügig sinken. Die Konsequenz:
Um die Gewinne zu sichern, müssen entweder die Preise erhöht werden - dann schrumpfen aber die Umsätze. Oder man entläßt Arbeitnehmer. Dann aber gibt es weniger Personen, die sich den Konsum dieser Güter leisten können. Sie sehen: Auch auf dem Weg nach unten gibt es diese in sich logische Schraube, die zunächst zu einem Rückgang des Wachstums, danach aber zu einer Verringerung des Wirtschaftsvolumens selber führt (Rezession). Und ebenso wie im Aufschwung gilt hier: Das Tempo nimmt mit Zeitablauf immer mehr zu. Am Ende steht:
Die Rezession
In dieser Phase erreicht der Abschwung eine höhere Beschleunigung. "Amtlich" gesehen, beginnt eine Rezession, wenn das Bruttosozialprodukt zwei Quartale nacheinander rückläufig ist.
Die Lage ist allgemein äußerst prekär. Die Unternehmen schreiben teilweise rote Zahlen, viele Firmen müssen ihre Tore schließen. Die Zahl der Arbeitslosen steigt immer weiter. Dazu kommt noch, dass diejenigen, die noch Arbeit haben, um ihren Arbeitsplatz fürchten, und daher die Sparquote scharf erhöhen. Der Absatz an Gütern fällt aber dadurch noch mehr, und weitere Personen verlieren ihre Stellen. Die Inflation jedoch geht bereits wieder langsam zurück, denn die Preise werden sukzessive gesenkt, um überhaupt noch etwas verkaufen zu können.
Erst wenn nur noch die "starken" Unternehmen übrig sind, d.h. diejenigen, die aufgrund des in dieser Phase extrem mörderischen Wettbewerbes nicht schließen mussten, wendet sich das Blatt langsam wieder. Denn diese überlebenden Firmen haben ja bereits in der letzten Boomphase weitreichende Investitionen vollzogen, besitzen ausreichende Kapazitäten für einen neuen Aufschwung und können ihre vorhandenen Kapitalreserven in Innovationen und Rationalisierungsmaßnahmen stecken. So können sie auch bei geringeren Umsätzen mit der Zeit wieder gute Gewinne einstreichen.
Obwohl diese einzelnen Schritte eines Konjunkturzyklus in sich recht logisch klingen, fragt man sich unversehens, warum dieser Kreislauf nicht durchbrochen werden kann. Diese Frage existiert schon sehr lange, und eine ganze Litanei unterschiedlichster Theorien versucht, Abhilfe zu schaffen. Hieraus sind Mechanismen der "Feinsteuerung" entstanden, die bislang aber niemals perfekt funktioniert haben.
Probleme
So ganz ohne weiteres ist der Übergang von einer Rezession in einen Aufschwung nicht zu erreichen. Denn selbst wenn nach einer solchen Phase der "Gesundschrumpfung" eine kleinere Anzahl schlanker, wettbewerbsfähiger Unternehmen am Markt agiert: Die Situation des Jahres 1996 zeigt ganz klar, dass es damit nicht getan ist. Woher erhalten die in der Rezession entlassenen Arbeitnehmer eine neue Arbeit?
Im Jahre 1996 ist die Rezession bereits seit gut zwei Jahren vorüber, aber die Zahl der Arbeitslosen ist so hoch wie nie zuvor. Und das ist kein Einzelfall. Der häßliche volkswirtschaftliche Begriff der "Sockelarbeitslosigkeit" zeigt, dass das Problem nach jeder Rezession erneut auftaucht. Immer ist die Zahl der "übriggebliebenen", also der "Sockel" der Arbeitslosen, der auch in dem darauffolgenden Aufschwung nicht abgebaut werden kann, höher als zuvor.
Ein anderes Phänomen ist zeitgleich zu beobachten. Die Schrumpfung der Wirtschaftsleistung mag zwar vorbei sein, aber der Aufschwung kommt zwei Jahre nach Ende der Rezession immer noch nicht in Fahrt - von einem Boom keine Spur. Ein Teil der Unternehmen, eben die vorab genannten "Starken" machen wieder exorbitante Gewinne, der "Rest" aber hat zu kämpfen (damals z.B. der Maschinenbau).
Und: Der Konsum kommt nicht in Schwung. Negativ, weil der Handel darunter sehr leidet, aber positiv, weil damit auch die Preise nicht stärker anziehen können. Das Jahr 1996 wies eine ungewöhnlich geringe Inflationsrate von etwa 1,5% auf - in früheren Aufschwüngen undenkbar!
Was folgern wir daraus? Nicht jeder Konjunkturzyklus verläuft gleich. Und das liegt ganz entscheidend an Faktoren, die auch den Übergang von Rezessionen in Aufschwünge und umgekehrt bedingen: Die externen Einflußfaktoren. Um den Abschwung in seiner Intensität zu bremsen oder um den Boom nicht zu heiß laufen zu lassen, was nämlich nur einen um so tieferen Fall bedeuten würde, haben Volkswirtschaften Mittel und Wege gefunden, eine "Feinsteuerung" der Konjunkturentwicklung vorzunehmen. Dass dies jedoch nicht immer das gewünschte Ergebnis zeigt, ist nicht zu übersehen.
Auswirkungen des Konjunkturzyklus auf die Börse
Zunächst wollen wir aber die einzelnen Phasen des Zyklus in Relation zu den "großen Trends" der Börse setzen. Es liegt ja eigentlich auf der Hand:
In Zeiten eines Aufschwungs oder gar Booms steigen die Gewinne der Unternehmen. Da damit in der Regel auch die Dividenden erhöht werden, der Buchwert der Unternehmen steigt und die Zukunftsaussichten glänzend erscheinen, steigen die Kurse der Aktien.
Im Gegenzug gehen die Notierungen in den Keller, wenn ein Abschwung beginnt. Die Gewinne und zeitgleich die Dividenden und Zukunftsaussichten trüben sich ein. Daher fallen die Kurse ebenfalls. Sobald eine Rezession dann tatsächlich beginnt, beschleunigt sich dieser Abstieg sogar noch.
Doch ganz so leicht macht es die Börse dem Anleger nun doch nicht. Die kräftigsten Kursstürze finden dann statt, wenn von einem Abschwung noch gar nichts zu sehen ist. Dafür gibt es mehrere Gründe:
1. Die Feinsteuerung des Konjunkturverlaufes, dem Anleger über die im folgenden beschriebenen volkswirtschaftlichen Indikatoren ersichtlich, beginnt schon weit bevor ein Übergang von einer Konjunkturphase in die nächste stattfindet. Die Finanzministerien und Notenbanken verfügen früher über detailliertere Informationen und Sachkenntnisse als der private Anleger, und reagieren daher oft schon mit bremsenden oder stimulierenden Maßnahmen, wenn sich nur eine mögliche Gefahr abzeichnet. Derartige Maßnahmen überraschen den Markt zumeist, so dass eine kräftige Kursreaktion nach oben oder unten die Folge ist. Damit zeigt sich ganz klar:
Die Börsen ANTIZIPIEREN kommende Entwicklungen. Sie reagieren also bereits im Vorfeld auf Ereignisse, die WAHRSCHEINLICH in den nächsten Monaten stattfinden werden.
2. Dazu kommt das Bestreben der Marktteilnehmer, eine Entwicklung vor den anderen zu erkennen, um bereits richtig positioniert zu sein, wenn die großen Kursbewegungen beginnen. Dass dabei bisweilen zu früh losgeprescht wird, ist klar. Da sich derartige "heimliche" Positionswechsel nicht bei allen Akteuren gleichzeitig abspielen, die Zahl derer, die "so eine Ahnung" haben aber sukzessive steigt, beginnen die Kurse bereits nach und nach zu steigen, obwohl die Rezession noch gar nicht überwunden ist. Die Erfahrung lehrt:
Die Börse pflegt zu erwartende konjunkturelle Entwicklungen allgemein sechs bis zwölf Monate im voraus zu eskomptieren.
Volkswirtschaftliche Indikatoren
Die vorstehend bereits angesprochenen kleinen "Rädchen", mit denen man von höherer Stelle aus die Konjunktur in geordnete Bahnen zu lenken versucht, werden als volkswirtschaftliche Indikatoren bezeichnet. Deren Bezeichnungen sind jedermann geläufig - ihre hohe Relevanz für die persönlichen Anlageentscheidungen zumeist aber nicht.
Denn diese Indikatoren sind es, die - über den ganz groben Rahmen der konjunkturellen Zyklen hinaus - das entweder positive oder negative Umfeld für die Börsen generieren. Die wichtigsten Größen, an denen Sie abwägen können, ob ein Investment zu diesem Zeitpunkt grundsätzlich Sinn macht oder nicht, stellen wir Ihnen hier vor.
Konjunkturprogramme
Die Frage wurde ja bereits in den Raum gestellt: Wie kommt die Konjunktur nach einer Rezession wieder richtig in Fahrt? Neben den "gesundgeschrumpften" Unternehmen sind zumeist zusätzliche Stimulanzien erforderlich, bis die gesamte Wirtschaft wieder ein Wachstum vorweisen kann. Die oft verleugneten, aber in aller Regel dennoch vorhandenen Konjunkturprogramme sind es, die diese positiven Effekte auf die Volkswirtschaft ausüben sollen.
Die öffentliche Hand vergibt in diesen Phasen - also gegen Ende einer Rezession - verstärkt Aufträge an die Privatwirtschaft, zum Beispiel im Wohnungs- oder Straßenbau und dem Verteidigungssektor, um deren Produktion anzukurbeln und die Arbeitslosigkeit zu verringern. Bleiben diese Fördermaßnahmen aber aus, entsteht eine Situation wie in 1996:
Bedingt durch die Wiedervereinigung und die scharfen Kriterien für die nahende Währungsunion vermochte der Bund aufgrund leerer Kassen keine Hilfestellung zu geben. Das Ergebnis:
Trotz "rechnerischem" Aufschwung bleibt die Konjunktur schwach, immer noch gehen Unternehmen in Konkurs, die Zahl der Arbeitslosen nimmt sogar zu, anstatt sich zu verringern.
Konsequenz für den Anleger:
Für ein Investment eignen sich nur Unternehmen, die von solchen Hilfestellungen unabhängig sind, und die Abschwung- und Rezessionsphase erfolgreich meistern konnten - sofern Konjunkturprogramme ausbleiben. Dennoch bleibt Vorsicht angeraten. Eine genaue Beobachtung ist dahingehend erforderlich, ob sich nicht den Aufschwung bedrohende Faktoren etablieren.
Ansonsten aber wählt man bevorzugt Aktien aus den Bereichen Stahl, Wehrtechnik oder insbesondere der Baubranche, da diese ganz zu Beginn eines Aufschwungs von derartigen Konjunkturprogrammen profitieren können.
Zinspolitik
Das vorrangige Ziel des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB) gemäß Artikel 2 der Satzung des Europäischen Systems der Zentralbanken und der Europäischen Zentralbank (ESZB-Satzung) ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten. Soweit dies ohne Beeinträchtigung des Zieles der Preisstabilität möglich ist, unterstützt das ESZB die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Gemeinschaft, um zur Verwirklichung der Ziele der Gemeinschaft beizutragen.
Die Beeinflussung der Konjunktur, ob durch bremsende oder stimulierende Maßnahmen, gehört dagegen nicht zu ihren Aufgaben - zumindest nicht direkt. Denn wie Sie bereits in der Beschreibung des Konjunkturzyklus gesehen haben, ist die Inflation eng mit den einzelnen Phasen verknüpft. Kaum kommt der Aufschwung richtig in Fahrt, pflegen die Preise zu steigen, also die Inflation anzuziehen. Verringert sich aber die Wirtschaftsleistung im Zuge eines Abschwunges, so schwächt sich die Inflationsrate zusehends ab, da die Unternehmen die Preise senken müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Und in diesem Zusammenhang spielt die EZB eine durchaus entscheidende Rolle.
Das wichtigste Instrument der EZB zur Inflationsbekämpfung ist die Zinspolitik. Das Niveau der am Markt gebotenen und verlangten Zinsen ist (über mehrere Etappen, die für uns hier nicht von Bedeutung sind) von den Leitzinsen abhängig.
Ober- und Untergrenze für die Schwankungen des Geldmarktzinses stellen die Spitzenrefinanzierungsfazilität sowie die Einlagenfazilität dar. Der wichtigste Leitzins ist der Zins für die von den nationalen Zentralbanken im Rahmen von Standardtendern durchgeführten Hauptrefinanzierungsgeschäfte.
Stellen Sie sich bitte folgendes Szenario vor:
Die Konjunktur befindet sich in einer Boomphase. Die Preise steigen aufgrund des kräftigen Konsums kräftig an. Damit droht eine weiter steigende Inflation, die über kurz oder lang zu einem erheblichen Rückgang der Kaufkraft führen wird und damit einem Abschwung verursacht. Ursache: Die Konjunktur steigt einfach zu kräftig und zu schnell.
Um Schlimmeres zu verhindern, müßte man irgendwie bremsend wirken. Doch wie soll dies in einer freien Marktwirtschaft geschehen? Die Unternehmen werden ihre Kapazitäten so lange weiter erhöhen (und die Preise selbstredend auch), wie daraus steigende Profite zu erwarten sind.
Die Lösung: Die Erhöhung der Leitzinsen.
Diese Zinserhöhung mündet direkt in ebenfalls höhere Kapitalmarktzinsen. Wer also Kredit haben will, muss dafür einen höheren Zins als zuvor bezahlen, wer Kredite vergibt, verdient daran vice versa besser als vorher.
Wenn die EZB den Zins zügig und konsequent erhöht, wird der Aufschwung damit gebremst. Da die Absätze aufgrund der gestiegenen Preise ohnehin nicht mehr allzu rasant steigen, werden sich mehr und mehr Unternehmen vor folgende Alternativen gestellt sehen:
Entweder sie investieren weiter - mit der Ungewißheit, ob die Expansion auch von steigenden Umsätzen gefolgt wird, sich also lohnt, und bezahlen für die dafür erforderlichen Kredite immer höhere Zinsen. Oder:
Die Investitionen werden zurückgeschraubt, und überschüssiges Kapital sowie auflaufende Gewinne werden zu den immer weiter steigenden Zinsen gewinnbringend und risikolos angelegt.
Je höher die Zinsen steigen, desto attraktiver wird die zweite Alternative - und der Anstieg der Wirtschaftsleistung verringert sich dadurch nach und nach. Gleichzeitig wird auch die Inflation gebremst, denn durch die Abschwächung der Expansion in den Betrieben werden keine weiteren Arbeitnehmer mehr eingestellt, die Leute beginnen um ihre Arbeitsplätze zu fürchten und sparen mehr. Außerdem können höhere Preise nicht mehr so leicht durchgesetzt werden, da auch die privaten Kredite teurer werden, und sich dadurch der Drang der Bevölkerung verringert, auf Kredit zu kaufen. Sobald die Inflation wieder ein für die Bundesbank angemessenes Niveau erreicht hat, können die Zinserhöhungen beendet werden.
Problem: Diese Zinssteuerung muss sehr feinfühlig geschehen, da die Konjunktur bei zu schnellen Steigerungen der Leitzinsen abgewürgt werden könnte. Der Effekt wäre genau das, was man wenn nicht verhindern, so doch zumindest abschwächen wollte - ein Abschwung!
Spinnen wir das Szenario weiter:
Ein Abschwung hat stattgefunden, und mündet nun in eine Rezession ein. Die Unternehmen, ohnehin mit stark rückläufigen Umsätzen konfrontiert, legen ihr Kapital lieber zu den hohen Zinsen an, anstatt in eine ungewisse Zukunft zu investieren. Die Inflation ist kein Thema mehr, bisweilen gehen die Preise sogar zurück (Deflation). Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten und zugleich den Boden für einen neuen Aufschwung zu legen, senkt die EZB zügig die Zinsen. Das kann sie sich problemlos leisten, denn die Gefahr von Inflation besteht in der momentanen Lage ja nicht. Dadurch werden Kredite für Investition billiger, das Anlegen des Kapitals aber gleichzeitig immer weniger attraktiv.
Und so leistet die EZB, wenn auch primär mit dem Ziel der Inflationskontrolle, ihren Beitrag zur Regulierung der konjunkturellen Entwicklung.
Konsequenz für den Anleger:
Steigende Zinsen sind Gift für die Börse. Denn wenn nicht weiter expandiert wird, steigen auch die Gewinne langsamer - und damit auch die Aktienkurse. Das alleine könnte zwar weiterhin leicht anziehende Notierungen zulassen, aber:
Gemeinhin werden in Aktienkursen bereits die Erwartungen der Zukunft eskomptiert. Da diese Erwartungen leider - aufgrund der Tatsache, dass die Zukunft nun einmal recht ungewiß ist - nur die Entwicklungen der Vergangenheit fortschreiben, müssen Erwartungen stark steigender Gewinne, die bereits im Kurs enthalten sind, revidiert werden. Die Aktiennotierungen sind also zu weit vorausgeeilt, und werden daher in aller Regel fallen müssen, um sich den Realitäten wieder anzugleichen! Und:
Wenn die Zinsen wieder ein entsprechend hohes Niveau erreicht haben, tritt die Anlagemöglichkeit hochverzinster Rentenpapiere plötzlich zu den Aktien in Konkurrenz. Denn wenn man erkleckliche Zinsen bekommt, die weit über dem Niveau der Dividenden auf Aktien liegen, warum sollte man sich dann dem Kursrisiko aussetzen, das Aktien nun einmal mit sich bringen?
Andererseits sorgen fallende Zinsen für per saldo steigende Kurse. Denn mit der Rücknahme der Zinsen wird ein Aufschwung immer wahrscheinlicher. Auch wenn die Gewinne der Gesellschaften nicht sofort mit der ersten Zinssenkung anziehen: Die Börse nimmt die Entwicklungen vorweg, so dass die Aktienkurse bereits erheblich anziehen können, obwohl die Rezession noch nicht einmal vorbei ist.
In solchen Phasen besonders zu bevorzugen: Bankaktien. Steigende Rentenkurse lassen die Gewinne der Banken aus ihrem traditionell hohem, in Form von Rentenpapieren angelegtem Eigenkapital steigen, zudem verdienen die Institute am aufgrund der niedrigen Zinsen wieder steigenden Kreditvolumen.