Der Dax im Quartalsstress


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Der Dax im Quartalsstress

 
20.07.03 14:14
Bilanzsaison - Der DAX im Quartalsstress (EuramS)

   
Nicht gerade traumhaft, der Start in die Berichtssaison: SAP lieferte die ersten Zahlen und schickte den DAX gleich mal auf Talfahrt. Ob der Index wieder nachhaltig zulegen kann, hängt von den Ergebnissen der anderen deutschen Elite-Firmen ab. Was Anleger erwartet
von Jens Castner, Petra Maier, Tobias Meister und Thomas Schmidtutz

Gut ist nicht gut genug, aber auch besser ist manchmal noch zu schlecht. SAP-Boss Henning Kagermann kann ein Lied davon singen: 68 Cent Gewinn je Aktie hatten Analysten dem Walldorfer Software-Giganten im zweiten Quartal zugetraut. Herausgekommen sind 71 Cent, also deutlich mehr als die Experten erwartet hatten - und um Klassen besser als im Vorjahr. Damals musste das Unternehmen einen Quartalsverlust von 74 Cent je Anteilschein hinnehmen. Trotzdem ging die Aktie unmittelbar nach Bekanntgabe der Zahlen auf steile Talfahrt.

Die Gründe dafür waren schnell gefunden: Das überraschend gute Ergebnis kam durch einen strikten Sparkurs zu Stande, den Kagermann und der heutige Aufsichtsrats-Chef Hasso Plattner dem Konzern vor Jahresfrist verordnet hatten. Nur so konnte Europas größter Software-Hersteller das Ergebnis trotz rückläufiger Lizenz-Umsätze steigern. Ob das in Zukunft so weitergehen wird, ist für viele Experten fraglich. Denn jedes Sparprogramm stößt irgendwann an natürliche Grenzen. Und spätestens dann müssen steigende Umsätze her, damit der Gewinn weiter wachsen kann.

Gemeinsam mit dem verhaltenen Ausblick des Handy-Marktführers Nokia - was Index-Schwergewicht Siemens zeitweilig einen Dämpfer bescherte - reichten die Zahlen aus Walldorf, um die aufkeimende Hoffnung auf eine nachhaltige Hausse im DAX erst mal zu beenden.

Bis knapp an das Zwischenhoch vom Herbst vergangenen Jahres bei 3480 Punkten war das Börsenbarometer im Lauf der vergangenen Woche geklettert. Wäre diese Hürde genommen worden, hätten die Chancen auf eine neuerliche Rally gut gestanden. "Eine entscheidende Marke", sagt Thomas Körfgen, Leiter des Aktienfonds-Managements bei SEB Invest. "Wenn sie überschritten wird, zwingt das Institutionelle zu weiteren Käufen, sonst droht ihnen der Markt davonzulaufen."

Ob die Hürde jedoch genommen wird, hängt im Wesentlichen von den Zahlen ab, die die restlichen 29 DAX-Gesellschaften für das zweite Quartal vorlegen. Nachdem SAP den Anfang gemacht hat, sind in der kommenden Woche Infineon (Dienstag), DaimlerChrysler und Siemens (beide Donnerstag) sowie VW (Freitag) an der Reihe. Den Abschluss bilden am 28. August Münchener Rück und TUI.

Bei 18 der 30 Konzerne erwarten Experten Ergebnisrückgänge. In der Automobilbranche, dem Zugpferd der deutschen Wirtschaft, schrumpfen die Erträge. Verdiente etwa VW im zweiten Quartal vergangenen Jahres noch 2,02 Euro je Aktie, erwarten Analysten diesmal im Schnitt einen Einbruch um über 40 Prozent auf 1,17 Euro. Insbesondere die Flaute vor dem Modellwechsel beim Golf und der schwache Dollar werden der Bilanz der Wolfsburger zusetzen. Noch dramatischer dürfte es bei DaimlerChrysler kommen: Nachdem das Unternehmen bereits gewarnt hatte, dass die Rabattschlacht mit Ford und General Motors in den USA bei Chrysler zu einem Verlust von rund einer Milliarde Euro führen könnte, erwarten Experten einen Ergebnisrutsch um mehr als 90 Prozent - von 1,10 Euro auf zehn Cent je Aktie.

Die Analysten der Landesbank Rheinland-Pfalz gehen sogar noch weiter. Sie trauen Daimler nur lausige vier Cent zu. Auch VW kommt bei ihnen mit 93 Cent je Aktie schlechter weg als im Durchschnitt der Schätzungen. Rolf Elgeti, Leiter des Ressorts Europäische Aktienstrategie der Commerzbank, rät zur Vorsicht: "Meines Erachtens sind die Gewinnprognosen in Europa noch viel zu hoch", warnt er. "Im Gegensatz zu den USA, wo das Gros der Konzerne die Erwartungen übertroffen hat, könnten bei deutschen Unternehmen Enttäuschungen dominieren."

Der Grund: Analysten in den USA reagieren schneller, drosseln die Gewinnerwartungen eher. Während in Amerika für fast jede Firma detaillierte Quartalsschätzungen vorliegen, prognostizieren die Experten in Europa den Geschäftsverlauf häufig nur fürs Gesamtjahr.

Das hat auch Auswirkungen auf unsere Tabelle: Die angegebenen Quartalserwartungen der 30 DAX-Unternehmen spiegeln nicht in allen Fällen den Durchschnitt der Expertenschätzungen wider. Vielfach handelt es sich hierbei um so genannte Flüsterschätzungen, die nicht offiziell herausgegeben werden, sondern in Börsianerkreisen nur unter der Hand kursieren. Das Fehlen detaillierter Quartalsschätzungen hat weitere Auswirkungen: So werden in europäischen Studien die starken Ergebnisschwankungen zwischen einzelnen Drei-Monats-Zeiträumen nicht immer ausreichend berücksichtigt. Verschiebungen von Großaufträgen ins nächste Quartal können dabei zu deutlichen Abweichungen innerhalb eines Geschäftsjahres führen, selbst wenn der Jahresgewinn realistisch prognostiziert wurde. Enttäuschungen sind daher ebenso programmiert wie positive Überraschungen. Verfehlte Prognosen kann sich der Markt jedoch nicht leisten. Seit seinem Tief Mitte März hat der DAX um gut 50 Prozent zugelegt, doch darin sind einige Vorschuss-lorbeeren enthalten. Deshalb befürchtet Elgeti bei den ersten Anzeichen von Enttäuschungen Gewinnmitnahmen: "Es kann durchaus passieren, dass der DAX noch mal um 300 Punkte nachgibt." Starke Kursschwankungen werden in den nächsten Wochen daher wohl das Bild der Börse bestimmen.

Die entscheidende Frage ist: Welche Konzerne könnten positiv oder negativ überraschen - mit den entsprechenden Folgen für die Aktienkurse?

In der Finanzbranche halten sich die Risiken in Grenzen. Da große Naturkatastrophen und Terroranschläge im zweiten Quartal ausblieben, sollten die DAX-Schwergewichte Allianz und Münchener Rück endlich wieder mit soliden Zahlen aufwarten. Deren Hauptproblem in den Vorquartalen waren die Beteiligungen - insbesondere die an deutschen Großbanken -, die zu einer Reihe von Abschreibungen und Wertberichtigungen führten. Da sich die Kurse der Banken zuletzt deutlich erholt haben, könnten bei den Zahlen der Versicherer durchaus positive Überraschungen drin sein. Bei den Geldinstituten selbst ist dagegen etwas mehr Vorsicht geboten. Allein die Deutsche Bank scheint nicht gefährdet. Denn die Citigroup, die in etwa den gleichen Geschäftsfokus hat, legte exzellente Zahlen vor.

Im Gegensatz dazu sind die bisherigen Sorgenkinder Commerz- und HypoVereinsbank erneut in die Schlagzeilen geraten, da beide Kreditgeber des mittlerweile insolventen amerikanischen Energiehändlers Mirant waren. Ähnlich wie MLP - zu dem Heidelberger Finanzdienstleister wollen viele Experten wegen der schwer prognostizierbaren Erträge bislang überhaupt keine detaillierte Schätzung abgeben - bleiben HypoVereinsbank und Commerzbank vorerst den risikofreudigen Anlegern vorbehalten. Im Unterschied dazu ist die Deutsche Börse AG eine sichere Bank: Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks liefert das Unternehmen seit dem Börsengang im Jahr 2001 ein Rekordergebnis nach dem anderen ab und konnte bislang auch nicht von schwächelnden Aktienmärkten gebremst werden. Da die nun wieder anziehenden Handelsumsätze die Ergebnisse zusätzlich beflügeln sollten, sind böse Überraschungen kaum zu erwarten. Chemie- und Pharma-Industrie hingegen könnten durch den wieder erstarkten Euro eventuell etwas schwächer abschneiden als erwartet - insbesondere Schering, Altana und Fresenius Medical Care. Letztere betreiben in den USA Dialyse-Zentren, die nicht nur unter dem schwachen Dollar, sondern zusätzlich auch noch unter zunehmender Konkurrenz leiden. "Jedoch sollte der Dollar-Einfluss nicht überschätzt werden", sagt Carsten Klude, Chef-Volkswirt beim Bankhaus M.M. Warburg. "Die Unternehmen haben sich viel besser gegen Währungseinflüsse abgesichert als in früheren Jahren."

Zudem verbilligt der starke Euro den Einkauf der Rohstoffe, die zumeist in Dollar bezahlt werden. Das dürfte den negativen Währungseffekt zum Teil ausgleichen. Dies nutzt vor allem den Chemie-Sparten von Bayer und BASF. "Allerdings ist", so Fondsmanager Körfgen, "die Frage offen, inwieweit die Unternehmen davon beeinträchtigt werden, dass der Ölpreis nach dem Ende des Irak-Kriegs nicht ganz so stark zurückgekommen ist wie erwartet."

Bei den Konsumwerten dürften sich vor allem Adidas-Salomon und Metro dollarresistent zeigen. Da Adidas vorwiegend außerhalb des Euroraumes produzieren lässt, spart das Unternehmen beim Einkauf, was die Kosumflaute einigermaßen kompensieren sollte. Metro - einer der wenigen DAX-Titel, die Dollargewinner sind - übertraf bereits im ersten Quartal die Erwartungen bei weitem und könnte mit dem Halbjahresergebnis noch mal überraschen. Jedoch hat sich der Kurs seit seinem Tief verdoppelt, was dem Titel einiges an Phantasie genommen hat. Auch bei Infineon stehen die Chancen auf positive Überraschungen nicht schlecht. Das Unternehmen profitiert von der langsam anziehenden Nachfrage nach Speicher-Chips, die auch die Preise für Halbleiter in die Höhe treibt. Dass das auch Infineon-Mutter Siemens auf die Sprünge hilft, bezweifeln Experten jedoch. Hier belastet die Restrukturierung das Ergebnis. Die ehemaligen Staatskonzerne Post und Telekom sehen Analysten auf der sicheren Seite. Hier könnte die Tendenz sogar zu leicht positiven Überraschungen gehen, glaubt das Gros der Banker. Die hoch verschuldete Telekom dürfte allein durch die niedrigeren Zinszahlungen eine deutliche Ergebnis-Verbesserung gegenüber dem Vorjahresquartal verbuchen. Weniger Einigkeit unter den Experten besteht darüber, ob es ratsam ist, sich diese Aktien jetzt ins Depot zu legen: Finanzminister Hans Eichel hat durchblicken lassen, dass zur Refinanzierung der geplanten Steuerreform eventuell Aktien der Ex-Monopolisten verkauft werden. Das könnte einerseits die Kurse unter Druck bringen, andererseits hat die Vergangenheit gezeigt, dass die Papiere aus Staatsbesitz vor dem Verkauf kräftig beworben werden und im Verein mit den Emissionsbanken alles getan wird, um Kurspflege zu betreiben. Da die Kurse auch nach Eichels Aussagen stabil blieben, deutet einiges darauf hin, dass die positiven Fundamentaldaten den möglichen Verkaufsdruck durch die Abgabe von Papieren aus Staatsbesitz mehr als wettmachen können.

Bei den Industrie-Unternehmen ThyssenKrupp, MAN und Linde drückt zwar wiederum der schwache Dollar etwas aufs Gemüt, allerdings sorgen hier Zerschlagungsphantasien (siehe EURO Nr. 28/03) und etwas bessere Konjunkturaussichten für Stabilität. In den Unternehmensergebnissen werden sich die besseren Konjunkturaussichten allerdings noch nicht widerspiegeln. Ebenso wenig wie in der Reisebranche: Bei Lufthansa und TUI kam’s im zweiten Quartal knüppeldick: Irak-Krise und die Lungenkrankheit SARS bescherten kräftige Einbußen. Das hat zu erheblichen Reduzierungen der Gewinnerwartungen geführt. Und: Nicht jedes schwache Quartalsergebnis bringt unwillkürlich Kursabschläge - wie auch bei SAP der über den Erwartungen liegende Gewinn der Aktie nicht auf die Sprünge half. Denn die Quartalszahlen können nur ein Bild der Vergangenheit vermitteln.

Was die Entwicklung des DAX betrifft, hält Warburg-Chefvolkswirt Klude die mit den Berichten verbundenen Ausblicke sowieso für entscheidender. "Die konjunkturelle Stimmung hat sich deutlich verbessert, die Frühindikatoren sprechen für einen Aufschwung." Vor allem der ZEW-Konjunktur-Indikator, den das Zentum für Europäische Wirtschaftsforschung erst vor ein paar Tagen veröffentlicht hat, stimmt die Experten zuversichtlich.

Dieses Stimmungsbarometer, das einen langfristigen Mittelwert von 33 Punkten aufweist, kletterte unerwartet deutlich von 21,3 auf 41,9 Punkte und erreichte damit den höchsten Stand seit August des vergangenen Jahres. Da eine anziehende Konjunktur jedoch fürs dritte und vierte Quartal bessere Unternehmensergebnisse verheißt, hält Klude bis zum Jahresende einen DAX-Anstieg auf 3700 bis 3800 Punkte durchaus für möglich. Dort sieht auch SEB-Invest-Mann Körfgen das Kursziel für den deutschen Leitindex. Und sogar Skeptiker Elgeti von der Commerzbank erwartet Rückschläge nur auf kurze Sicht: "Langfristig geht’s bergauf."
 
-red- / -red-

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