Die Verunsicherung war schon im späten Freitagshandel zu spüren. Nach einer Rede von Alan Greenspanzur Entwicklung der US-Konjunktur rutschten die Kurse in den Vereinigten Staaten ab. Der Chef der US-Notenbank Fed hatte gemahnt, die Wirtschaftskrise sei noch nicht endgültig ausgestanden. Die Anleger reagierten mit Verkäufen – zunächst an Wall Street und zu Wochenbeginn auch in Frankfurt.
Am späten Montagnachmittag notiert der Nemax 50 bei 1.176,50 Punkten mit 6,0 Prozent im Minus, EM.TV ist die einzige Aktie im grünen Bereich. Der DAX verliert 2,8 Prozent auf 5.066,25 Zähler. Von den 30 Blue Chips notieren 29 im Minus, nur RWE weist ein Plus von 0,12 Prozent auf. Man kann vom ersten Kurseinbruch im neuen Jahr sprechen. In den USA sieht es fast genauso schlecht aus. Der Dow Jones kann die 10.000er Marke nicht zurückerobern und sinkt um 0,8 Prozent auf 9.904,97 Stellen. Der Nasdaq Composite gibt sogar 1,9 Prozent auf 1.982,36 Punkte ab.
Und das alles wegen einiger kritischer Bemerkungen von Alan Greenspan? Augenscheinlich hat die Anleger wieder der Mut verlassen, jede negative Meldung hat Verkäufe zur Folge. Das Plus der Jahresanfangsrallye ist nahezu aufgezehrt. Dagegen finden positive Nachrichten derzeit kein Gehör. Dass zahlreiche Unternehmen ihre Gewinnprognosen für 2002 bestätigt haben - darunter Biogen [Nasdaq: BGEN Kurs/Chart ], Cisco [Nasdaq: CSCO Kurs/Chart ], und Oracle [Nasdaq: ORCL Kurs/Chart ] - interessiert im Moment nicht.
Fundamentale Gründe
Angesichts der Schwäche werden böse Erinnerungen an den letzten Sommer wach, als die Kurse ständig absackten. Mal ging es drei, mal fünf Prozent bergab. Der finale Ausverkauf mit zweistelligen prozentualen Verlusten bei High-Tech-Aktien fand nach dem 11. September statt. So schlimm ist die Lage jetzt nicht, doch fällt die plötzliche Schwäche auf.
Teilweise haben die Kursverluste auch fundamentale Gründe. Am Neuen Markt hat der Handyzulieferer Balda [ Kurs/Chart ] zu Wochenbeginn zum wiederholten Male gewarnt. International Media [ Kurs/Chart ] wird die Planzahlen ebenfalls verfehlen. Im Laufe der kommenden Tage wird es sicherlich noch weitere derartige Bekenntnisse am Neuen Markt geben. Selbst bei soliden Titeln mit klangvollen Namen sind Enttäuschungen nicht ausgeschlossen.
Bei den Blue Chips des DAX stellen Anleger vermehrt die Frage, wohin die Kurse noch steigen sollen. Siemens [ Kurs/Chart ] und Infineon [ Kurs/Chart ] haben von den Tiefs stark zugelegt, obwohl Handy- und Chipbranche sich nur langsam erholen. Gleiches gilt aber auch für Old Economy-Vertreter wie MAN [ Kurs/Chart ], die im Kurs viel von einer Erholung der Konjunktur vorweg genommen haben. Bei der Deutschen Telekom [ Kurs/Chart ] belasten seit Tagen Spekulationen um eine angespannte Finanzlage.
Zu hohe Erwartungen?
In den Vereinigten Staaten wächst vor allem die Befürchtung, dass die Hoffnungen der Anleger auf die Unternehmensgewinne in 2002 nicht erfüllt werden. Zwar dürften die meisten Konzerne in der beginnenden Berichtssaison den Erwartungen der Analysten an das vierte Quartal gerecht werden. Es ist aber noch nicht sicher, ob die Vorstände die Zukunft so rosig sehen wie manche Marktteilnehmer. Wegen der Gefahr einer Überbewertung des Marktes hat auch das Investmenthaus Merrill Lynch zu Wochenbeginn die Aktienquote im Musterportfolio von 60 auf 50 Prozent gesenkt.
Der Rückschlag an der Börse läuft bislang noch in geregelten Bahnen. Doch gilt es wachsam zu bleiben, wie sich die fundamentalen Daten in den kommenden Wochen entwickeln. Noch kennt niemand exakt Zeitpunkt und Verlauf der Wirtschaftserholung. Sollte der Frühling in der Wirtschaft erst im Herbst oder gar Winter beginnen – wie es beispielsweise zuletzt Norbert Walter, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, prophezeite – hätten die Börsianer reichlich früh mit der Rallye begonnen.
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