Korrektur im Blick
Dax-Ausblick: Weiter mit Schwung
Die gute Stimmung der ersten Handelstage des neuen Jahres wird nach Einschätzung von Experten auch in der kommenden Woche das Bild der Börse prägen. Doch eine mögliche Korrektur rückt bereits in den Blick der Analysten.
HB FRANKFURT. „Wir hatten einen recht positiven Start ins Jahr, das könnte in der kommenden Woche weitergehen, weil gute Konjunkturdaten für Zuversicht gesorgt haben“, sagt Aktienstratege Carsten Klude von MM Warburg. Der Experte erwartet, dass sich der Deutsche Aktienindex (Dax) über 5500 Punkten stabilisiert oder sogar auf die Marke von 5600 Zählern zubewegt.
Auch andere Analysten sehen den Markt weiterhin im Aufwärtstrend. Achim Matzke von Commerzbank Corporates & Markets (CBCM) verweist auf den März-Terminkontrakt auf den Dax: Erst mit Abrutschen unter 5450 Punkte sei mit einer ausgeprägten Konsolidierung zu rechnen. Der Analyst ortet hier die untere Trendlinie des im November begonnenen steilen Aufwärtstrends. Aktuell ist der Future noch rund 100 Punkte von dieser Marke entfernt.
Die Stimmung spricht nach Ansicht einiger Händlern und Analysten ebenfalls nicht für eine Trendwende. Laut einer Erhebung der Deutschen Postbank sehen die Pessimisten den Dax Ende Januar bei 5236 Punkten und die Optimisten bei 5616 Punkten. „Hierbei fällt auf, dass das optimistische Lager im Wesentlichen durch institutionelle Teilnehmer geprägt ist“, merkt Finanzmarktanalyst Thomas Theuerzeit an. Die „Profis“ seien im vergangenen Jahr permanent unterinvestiert gewesen. Das Hinterherlaufen hinter den steigenden Kursen stecke noch in ihren Köpfen, einen solchen Fehler wolle man nicht noch einmal begehen. „Von Anfang an dabei sein könnte die Devise lauten“, meint Theuerzeit. Aktienhändler berichten zudem seit Jahresbeginn von einer ausgesprochen geringen Verkaufsbereitschaft am Markt bei einer gleichzeitig hohen Liquidität.
In der vergangenen Woche hatte der deutsche Leitindex zum ersten Mal seit August 2001 die psychologisch wichtige Marke von 5500 Punkten geknackt und per Saldo um rund zwei Prozent zugelegt. Den Experten zufolge scheuen einige Anleger neue Investitionen bei den derzeit recht hohen Kursen und erhoffen sich einen Rückgang. „Sollte der Dax auf dem hohen Niveau bleiben, kommen sie unter Druck, doch noch auf den Zug aufzuspringen“, glaubt MM Warburg-Experte Klude.
Viele Beobachter warnen vor zu viel Optimismus. Die Börsen würden – so die Vermutung einiger Experten – vor den anstehenden Quartalsausweisen die Seitwärtsbewegung fortsetzen, in die sie am Donnerstag nach drei Tagen satter Kursgewinne eingeschwenkt sind. Etliche Marktteilnehmer trauen dem Dax auf kurze Sicht nicht zu, sich nennenswert von 5500 Punkten nach oben abzusetzen.
Manche Marktbeobachter sehen auch Gefahren. „Vieles deutet kurzfristig auf eine Überhitzung hin“, meint beispielsweise Frank Schallenberger. Der Aktienstratege der Landesbank Baden-Württemberg rechnet eher mit Gewinnmitnahmen, sollte die Euphorie über ein mögliches Ende der Zinserhöhungen in den USA die Märkte verlassen. Dann werde der Dax sogar Probleme bekommen, die 5500er Marke zu verteidigen. Damit wäre laut technisch orientierten Beobachtern aber noch nichts angebrannt.
Aktienstratege Steffen Neumann von der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) rechnet ebenfalls mit einer Beruhigung am Markt. „So langsam kommen wir an einen Punkt, wo man sich fragt, woher noch große Impulse kommen sollen.“ Der Markt müsse erst einmal Luft holen nach den Kursgewinnen. Allerdings gebe es bei privaten wie institutionellen Anlegern zurzeit ein starkes Interesse an Aktien. „Es könnte sein, dass einige Großinvestoren zu Anfang des Jahres über eine Neuausrichtung ihrer Anlagen nachdenken“, sagte Neumann. „Das würde dem Markt Breite verleihen.“ Davon profitieren könnten Neumann zufolge Aktien wie Siemens und Deutsche Telekom oder Pharmawerte wie Altana und Schering. „Das sind alles Titel, die das Prädikat solide verdienen, wieso sollten sie nicht besser laufen als im vergangenen Jahr“, sagte Neumann.
„Der Markt schreit mittlerweile nach einer Korrektur“, schreiben die LRP-Strategen in ihrem Wochenbericht, um aber gleich anzufügen: „...und gerade deshalb könnte sie noch weiter auf sich warten lassen“. Die Experten weisen zugleich darauf hin, dass sich seit drei Handelstagen bei rund 5525 Punkten ein „Widerstand in einem stark überkauften Markt“ aufbaue. Bei Schlusskursen über dieser Marke eröffne sich weiteres Aufwärtspotential bis zunächst 5665 Punkte; „sollte der Dax wider Erwarten scheitern, ist eine erste Unterstützung bei 5470 Punkten“.
Insgesamt erscheine der Markt „nach den fulminanten Kursgewinnen der vergangenen … in der kurzen Frist zunehmend reif für eine Konsolidierung“, heißt es in dem Bericht weiter. Auf Unternehmensseite deute zurzeit noch wenig auf fundamental neue Impulse für den Aktienmarkt hin. Deutschen Titel und insbesondere Werte im Dax sind nach Ansicht der LRP-Experten weiterhin attraktiv bewertet, doch neben enttäuschenden Meldungen aus dem US-Einzelhandelssektor könnten stärker als erwartete US-Inflationsdaten das zuletzt sehr optimistische Leitzinsszenario revidieren und Anlass zu Gewinnmitnahmen bieten. Bei allen Konsolidierungsszenarien bleiben die Analysten insgesamt optimistisch: „Die kommenden Wochen könnten den Aktieninvestoren noch einmal günstigere Einstiegskurse bringen.“
Wer werden die Gewinner und Verlierer des neuen Jahres sein? Wie ein roter Faden zieht sich durch die strategischen Ausblicke der Banken ein Wechsel von Wert zu Wachstum. „Wir sehen zunehmend Chancen bei Wachstumswerten, Anleger setzen bei Sektoren und Einzeltiteln weniger auf das Wachstum von Cash-Flow und Dividenden“, kommentiert Goldman Sachs. „Tech is back“, merkt auch Achim Matzke von CBCM an. Nach etlichen Monaten der unterdurchschnittlichen Kursentwicklung falle eine teilweise grundlegende charttechnische Verbesserung der Technologiewerte ins Auge. Noch einmal Goldman Sachs: „Die Bewertungen der Aktien nähern sich immer stärker einander an, Unternehmen mit einem überdurchschnittlichen Wachstum handeln nicht notwendigerweise noch immer mit einem ausreichenden Aufschlag.“
Hintergrund dieser Argumentation könnte ein absehbares Ende der Zinserhöhungen in den USA sein, meinen Strategen. Unternehmen könnten damit mehr Spielraum für Investitionen erhalten. Auf die Frage, wie die Federal Reserve künftig agiert, dürfte es in der kommenden Woche jedoch kaum neue Hinweise geben. „An den Märkten ist für Ende Januar ohnehin eine weitere Zinserhöhung (auf 4, 50 Prozent) eingepreist“, merkt die Deutsche Bank an. Die Zahlen zur Handelsbilanz im November und zu den Einzelhandelsumsätzen im Dezember sollten „einem derartigen Schritt nicht im Wege stehen“. In Europa dürfte auf der Zinsseite Ruhe herrschen. Weder von der Bank of England noch von der Europäischen Zentralbank werden bei deren turnusmäßigen Sitzungen Zinsschritte erwartet.
Konjunktur stützt Märkte
Stützend für die Aktienmärkte wirken derzeit die aktuellen Konjunkturdaten. Die jüngsten Zahlen aus der Eurozone und den USA hätten für gute Stimmung an der Börse gesorgt, sagt Aktienstratege Hans-Jörg Naumer von der Fondsgesellschaft Dit. „Besonders positiv ist, dass das Konsumvertrauen in der EU gestiegen ist. Der ZEW wird diese Stimmung aufgreifen und das Verbrauchervertrauen in Deutschland und Europa weiter stärken“. Das Konjunkturbarometer des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) wird am kommenden Dienstag veröffentlicht. Einer Reuters-Umfrage zufolge erwarten Experten eine Steigerung des Indikators auf 65 von 61,6 Punkte.
Mit Spannung erwartet wird auch die Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag. Obwohl die Experten unisono nicht von einer weiteren Erhöhung der Leitzinsen zu diesem frühen Zeitpunkt ausgehen, erhoffen sie sich Signale zum weiteren Vorgehen. „Die Frage ist, wie die Kommunikation der EZB aussieht“, sagte Stratege Neumann von der LRP. „Man kann sich nur wünschen, dass klare Statements kommen, die nicht so viel Raum für Interpretationen lassen.“
„Kurzfristige Kursimpulse dürften sich aus den zahlenmäßig wieder zunehmenden Veröffentlichungen von Unternehmensseite und insbesondere aus der anlaufenden Berichtssaison ergeben“, vermuten die Aktienexperten der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP). Bereits am Montag startet die Berichtssaison in den USA. Neben der eigentlichen Berichterstattung dürften auch diverse Vorankündigungen für Kursbewegungen sorgen. „Ungemach könnte hierbei aus dem US-Einzelhandelssektor drohen, wo Wal-Mart bereits mit enttäuschenden Zahlen zum Weihnachtsgeschäft aufwartete“, befürchten die LRP-Strategen: „Sollten weitere negative Meldungen der Konkurrenz folgen, könnten die phasenweise verdrängten Sorgen um die Robustheit des US-Konsums wieder stärker in den Fokus rücken.“
Auch in Deutschland werden Marktbeobachter mit Spannung auf Meldungen des Einzelhandelssektors schauen. Vor allem Umsatzzahlen zum vierten Quartal von Metro (Mittwoch) und KarstadtQuelle (Montag) interessieren die Experten. Nach Einschätzung von MM Warburg-Experte Klude wird bei beiden vor allem der Ausblick spannend, da für 2006 unter anderem wegen Vorzieheffekten vor der zum 1. Januar 2007 geplanten Erhöhung der Mehrwertsteuer ein deutlich stärkerer Konsum erwartet wird als in den vergangenen Jahren. Außerdem dürfte die Fußballweltmeisterschaft für eine Sonderkonjunktur sorgen.
Metro sollte die mit der Berichterstattung zum dritten Quartal reduzierte Umsatzplanung erreicht haben, aber unverändert strukturelle Probleme in der Lebensmittelsparte Real ausweisen, vermuten die Aktienexperten der LRP. Das Weihnachtsgeschäft von KarstadtQuelle sei zwar besser als ursprünglich erwartet gelaufen, der Versandhandel sei aber weiterhin mit hohen Umsatzrückgängen konfrontiert. Außerhalb Deutschlands warten Carrefour und Ahold mit Zwischenberichten auf.
Alcoa gibt den Startschuss
Den Startschuss für die US-Berichtssaison gibt am Montag wie jedes Jahr der weltgrößte Aluminiumkonzern Alcoa. Erst in der übernächsten Woche folgen mit Intel, Motorola und General Electric die nächsten Trendsetter auch für die europäischen Märkte. „Der Beginn der US-Berichtssaison ist immer sehr wichtig für die Märkte, aber die meisten Anleger werden erst einmal weitere Ergebnisse abwarten“, sagte MM-Warburg-Stratege Klude. „Es wird natürlich wichtig sein zu sehen, ob der Trend steigender Gewinne der vergangenen Quartale anhält.“
Bei den Geschäftszahlen von Alcoa für das vierte Quartal rechnen die Aktienexperten der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) nicht mit marktbewegenden Neuigkeiten. „Nach einem Anstieg der Aktie von mehr als 30 Prozent seit Mitte Oktober dürfte es schwer fallen, im Rahmen der Berichterstattung eine nachhaltig positive und gesamtmarktrelevante Überraschung zu generieren“, vermuten die Beobachter.
Wenige Zahlen aus Europa
Ansonsten ist der Datenkalender für die nächste Woche übersichtlich. Mit Verkehrszahlen der Lufthansa (Dienstag), des Flughafenbetreibers Fraport (Donnerstag) und der britischen BAA könnten sich Anleger im Luftfahrtgeschäft neu positionieren. Die Verkehrszahlen von Lufthansa sollten nach Ansicht der LRP-Experten eine positive Entwicklung aufweisen, „bei Fraport dürfte das Passagieraufkommen dagegen aufgrund des konkurrierenden Terminals in Antalya weiterhin rückläufig sein“. Investoren werden in der kommenden Woche ihren Blick auch auf den Öl- bzw. Kerosinpreis werfen. Diese verharren weiter auf hohem Niveau. „Wenn der Ölpreis wieder über 65 US-Dollar steigt, könnten die Aktienmärkte insgesamt belastet werden“, prognostiziert ein Aktienbroker einer großen Investmentbank. Profiteur hoher Energiepreise könnte einmal mehr der Ölsektor sein. Hier setzt British Petroleum am Mittwoch mit dem Zwischenbericht zum vierten Quartal ein Zeichen, das sich auf den gesamten Sektor auswirken könnte.
Am Freitag veröffentlicht der im Nebenwerteindex MDax gelistete Zuckerproduzent Südzucker die Ergebnisse für sein Ende November beendetes drittes Quartal. Die LRP-Experten gehen von einer operativen Erholung aus und erhoffen sich zudem nähere Details zur Auswirkung der geänderten Zuckermarktordnung. Die Strategen erwarten bei den ebenfalls nächste Woche anstehenden Eckdaten von Beiersdorf (Dienstag) „keine großen Überraschungen, da schon bei der Publikation der Q3/05-Zahlen der Ausblick konkretisiert wurde“.
Quelle: HANDELSBLATT, Samstag, 07. Januar 2006, 19:42 Uhr
...be invested
Der Einsame Samariter
Dax-Ausblick: Weiter mit Schwung
Die gute Stimmung der ersten Handelstage des neuen Jahres wird nach Einschätzung von Experten auch in der kommenden Woche das Bild der Börse prägen. Doch eine mögliche Korrektur rückt bereits in den Blick der Analysten.
HB FRANKFURT. „Wir hatten einen recht positiven Start ins Jahr, das könnte in der kommenden Woche weitergehen, weil gute Konjunkturdaten für Zuversicht gesorgt haben“, sagt Aktienstratege Carsten Klude von MM Warburg. Der Experte erwartet, dass sich der Deutsche Aktienindex (Dax) über 5500 Punkten stabilisiert oder sogar auf die Marke von 5600 Zählern zubewegt.
Auch andere Analysten sehen den Markt weiterhin im Aufwärtstrend. Achim Matzke von Commerzbank Corporates & Markets (CBCM) verweist auf den März-Terminkontrakt auf den Dax: Erst mit Abrutschen unter 5450 Punkte sei mit einer ausgeprägten Konsolidierung zu rechnen. Der Analyst ortet hier die untere Trendlinie des im November begonnenen steilen Aufwärtstrends. Aktuell ist der Future noch rund 100 Punkte von dieser Marke entfernt.
Die Stimmung spricht nach Ansicht einiger Händlern und Analysten ebenfalls nicht für eine Trendwende. Laut einer Erhebung der Deutschen Postbank sehen die Pessimisten den Dax Ende Januar bei 5236 Punkten und die Optimisten bei 5616 Punkten. „Hierbei fällt auf, dass das optimistische Lager im Wesentlichen durch institutionelle Teilnehmer geprägt ist“, merkt Finanzmarktanalyst Thomas Theuerzeit an. Die „Profis“ seien im vergangenen Jahr permanent unterinvestiert gewesen. Das Hinterherlaufen hinter den steigenden Kursen stecke noch in ihren Köpfen, einen solchen Fehler wolle man nicht noch einmal begehen. „Von Anfang an dabei sein könnte die Devise lauten“, meint Theuerzeit. Aktienhändler berichten zudem seit Jahresbeginn von einer ausgesprochen geringen Verkaufsbereitschaft am Markt bei einer gleichzeitig hohen Liquidität.
In der vergangenen Woche hatte der deutsche Leitindex zum ersten Mal seit August 2001 die psychologisch wichtige Marke von 5500 Punkten geknackt und per Saldo um rund zwei Prozent zugelegt. Den Experten zufolge scheuen einige Anleger neue Investitionen bei den derzeit recht hohen Kursen und erhoffen sich einen Rückgang. „Sollte der Dax auf dem hohen Niveau bleiben, kommen sie unter Druck, doch noch auf den Zug aufzuspringen“, glaubt MM Warburg-Experte Klude.
Viele Beobachter warnen vor zu viel Optimismus. Die Börsen würden – so die Vermutung einiger Experten – vor den anstehenden Quartalsausweisen die Seitwärtsbewegung fortsetzen, in die sie am Donnerstag nach drei Tagen satter Kursgewinne eingeschwenkt sind. Etliche Marktteilnehmer trauen dem Dax auf kurze Sicht nicht zu, sich nennenswert von 5500 Punkten nach oben abzusetzen.
Manche Marktbeobachter sehen auch Gefahren. „Vieles deutet kurzfristig auf eine Überhitzung hin“, meint beispielsweise Frank Schallenberger. Der Aktienstratege der Landesbank Baden-Württemberg rechnet eher mit Gewinnmitnahmen, sollte die Euphorie über ein mögliches Ende der Zinserhöhungen in den USA die Märkte verlassen. Dann werde der Dax sogar Probleme bekommen, die 5500er Marke zu verteidigen. Damit wäre laut technisch orientierten Beobachtern aber noch nichts angebrannt.
Aktienstratege Steffen Neumann von der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) rechnet ebenfalls mit einer Beruhigung am Markt. „So langsam kommen wir an einen Punkt, wo man sich fragt, woher noch große Impulse kommen sollen.“ Der Markt müsse erst einmal Luft holen nach den Kursgewinnen. Allerdings gebe es bei privaten wie institutionellen Anlegern zurzeit ein starkes Interesse an Aktien. „Es könnte sein, dass einige Großinvestoren zu Anfang des Jahres über eine Neuausrichtung ihrer Anlagen nachdenken“, sagte Neumann. „Das würde dem Markt Breite verleihen.“ Davon profitieren könnten Neumann zufolge Aktien wie Siemens und Deutsche Telekom oder Pharmawerte wie Altana und Schering. „Das sind alles Titel, die das Prädikat solide verdienen, wieso sollten sie nicht besser laufen als im vergangenen Jahr“, sagte Neumann.
„Der Markt schreit mittlerweile nach einer Korrektur“, schreiben die LRP-Strategen in ihrem Wochenbericht, um aber gleich anzufügen: „...und gerade deshalb könnte sie noch weiter auf sich warten lassen“. Die Experten weisen zugleich darauf hin, dass sich seit drei Handelstagen bei rund 5525 Punkten ein „Widerstand in einem stark überkauften Markt“ aufbaue. Bei Schlusskursen über dieser Marke eröffne sich weiteres Aufwärtspotential bis zunächst 5665 Punkte; „sollte der Dax wider Erwarten scheitern, ist eine erste Unterstützung bei 5470 Punkten“.
Insgesamt erscheine der Markt „nach den fulminanten Kursgewinnen der vergangenen … in der kurzen Frist zunehmend reif für eine Konsolidierung“, heißt es in dem Bericht weiter. Auf Unternehmensseite deute zurzeit noch wenig auf fundamental neue Impulse für den Aktienmarkt hin. Deutschen Titel und insbesondere Werte im Dax sind nach Ansicht der LRP-Experten weiterhin attraktiv bewertet, doch neben enttäuschenden Meldungen aus dem US-Einzelhandelssektor könnten stärker als erwartete US-Inflationsdaten das zuletzt sehr optimistische Leitzinsszenario revidieren und Anlass zu Gewinnmitnahmen bieten. Bei allen Konsolidierungsszenarien bleiben die Analysten insgesamt optimistisch: „Die kommenden Wochen könnten den Aktieninvestoren noch einmal günstigere Einstiegskurse bringen.“
Wer werden die Gewinner und Verlierer des neuen Jahres sein? Wie ein roter Faden zieht sich durch die strategischen Ausblicke der Banken ein Wechsel von Wert zu Wachstum. „Wir sehen zunehmend Chancen bei Wachstumswerten, Anleger setzen bei Sektoren und Einzeltiteln weniger auf das Wachstum von Cash-Flow und Dividenden“, kommentiert Goldman Sachs. „Tech is back“, merkt auch Achim Matzke von CBCM an. Nach etlichen Monaten der unterdurchschnittlichen Kursentwicklung falle eine teilweise grundlegende charttechnische Verbesserung der Technologiewerte ins Auge. Noch einmal Goldman Sachs: „Die Bewertungen der Aktien nähern sich immer stärker einander an, Unternehmen mit einem überdurchschnittlichen Wachstum handeln nicht notwendigerweise noch immer mit einem ausreichenden Aufschlag.“
Hintergrund dieser Argumentation könnte ein absehbares Ende der Zinserhöhungen in den USA sein, meinen Strategen. Unternehmen könnten damit mehr Spielraum für Investitionen erhalten. Auf die Frage, wie die Federal Reserve künftig agiert, dürfte es in der kommenden Woche jedoch kaum neue Hinweise geben. „An den Märkten ist für Ende Januar ohnehin eine weitere Zinserhöhung (auf 4, 50 Prozent) eingepreist“, merkt die Deutsche Bank an. Die Zahlen zur Handelsbilanz im November und zu den Einzelhandelsumsätzen im Dezember sollten „einem derartigen Schritt nicht im Wege stehen“. In Europa dürfte auf der Zinsseite Ruhe herrschen. Weder von der Bank of England noch von der Europäischen Zentralbank werden bei deren turnusmäßigen Sitzungen Zinsschritte erwartet.
Konjunktur stützt Märkte
Stützend für die Aktienmärkte wirken derzeit die aktuellen Konjunkturdaten. Die jüngsten Zahlen aus der Eurozone und den USA hätten für gute Stimmung an der Börse gesorgt, sagt Aktienstratege Hans-Jörg Naumer von der Fondsgesellschaft Dit. „Besonders positiv ist, dass das Konsumvertrauen in der EU gestiegen ist. Der ZEW wird diese Stimmung aufgreifen und das Verbrauchervertrauen in Deutschland und Europa weiter stärken“. Das Konjunkturbarometer des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) wird am kommenden Dienstag veröffentlicht. Einer Reuters-Umfrage zufolge erwarten Experten eine Steigerung des Indikators auf 65 von 61,6 Punkte.
Mit Spannung erwartet wird auch die Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag. Obwohl die Experten unisono nicht von einer weiteren Erhöhung der Leitzinsen zu diesem frühen Zeitpunkt ausgehen, erhoffen sie sich Signale zum weiteren Vorgehen. „Die Frage ist, wie die Kommunikation der EZB aussieht“, sagte Stratege Neumann von der LRP. „Man kann sich nur wünschen, dass klare Statements kommen, die nicht so viel Raum für Interpretationen lassen.“
„Kurzfristige Kursimpulse dürften sich aus den zahlenmäßig wieder zunehmenden Veröffentlichungen von Unternehmensseite und insbesondere aus der anlaufenden Berichtssaison ergeben“, vermuten die Aktienexperten der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP). Bereits am Montag startet die Berichtssaison in den USA. Neben der eigentlichen Berichterstattung dürften auch diverse Vorankündigungen für Kursbewegungen sorgen. „Ungemach könnte hierbei aus dem US-Einzelhandelssektor drohen, wo Wal-Mart bereits mit enttäuschenden Zahlen zum Weihnachtsgeschäft aufwartete“, befürchten die LRP-Strategen: „Sollten weitere negative Meldungen der Konkurrenz folgen, könnten die phasenweise verdrängten Sorgen um die Robustheit des US-Konsums wieder stärker in den Fokus rücken.“
Auch in Deutschland werden Marktbeobachter mit Spannung auf Meldungen des Einzelhandelssektors schauen. Vor allem Umsatzzahlen zum vierten Quartal von Metro (Mittwoch) und KarstadtQuelle (Montag) interessieren die Experten. Nach Einschätzung von MM Warburg-Experte Klude wird bei beiden vor allem der Ausblick spannend, da für 2006 unter anderem wegen Vorzieheffekten vor der zum 1. Januar 2007 geplanten Erhöhung der Mehrwertsteuer ein deutlich stärkerer Konsum erwartet wird als in den vergangenen Jahren. Außerdem dürfte die Fußballweltmeisterschaft für eine Sonderkonjunktur sorgen.
Metro sollte die mit der Berichterstattung zum dritten Quartal reduzierte Umsatzplanung erreicht haben, aber unverändert strukturelle Probleme in der Lebensmittelsparte Real ausweisen, vermuten die Aktienexperten der LRP. Das Weihnachtsgeschäft von KarstadtQuelle sei zwar besser als ursprünglich erwartet gelaufen, der Versandhandel sei aber weiterhin mit hohen Umsatzrückgängen konfrontiert. Außerhalb Deutschlands warten Carrefour und Ahold mit Zwischenberichten auf.
Alcoa gibt den Startschuss
Den Startschuss für die US-Berichtssaison gibt am Montag wie jedes Jahr der weltgrößte Aluminiumkonzern Alcoa. Erst in der übernächsten Woche folgen mit Intel, Motorola und General Electric die nächsten Trendsetter auch für die europäischen Märkte. „Der Beginn der US-Berichtssaison ist immer sehr wichtig für die Märkte, aber die meisten Anleger werden erst einmal weitere Ergebnisse abwarten“, sagte MM-Warburg-Stratege Klude. „Es wird natürlich wichtig sein zu sehen, ob der Trend steigender Gewinne der vergangenen Quartale anhält.“
Bei den Geschäftszahlen von Alcoa für das vierte Quartal rechnen die Aktienexperten der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) nicht mit marktbewegenden Neuigkeiten. „Nach einem Anstieg der Aktie von mehr als 30 Prozent seit Mitte Oktober dürfte es schwer fallen, im Rahmen der Berichterstattung eine nachhaltig positive und gesamtmarktrelevante Überraschung zu generieren“, vermuten die Beobachter.
Wenige Zahlen aus Europa
Ansonsten ist der Datenkalender für die nächste Woche übersichtlich. Mit Verkehrszahlen der Lufthansa (Dienstag), des Flughafenbetreibers Fraport (Donnerstag) und der britischen BAA könnten sich Anleger im Luftfahrtgeschäft neu positionieren. Die Verkehrszahlen von Lufthansa sollten nach Ansicht der LRP-Experten eine positive Entwicklung aufweisen, „bei Fraport dürfte das Passagieraufkommen dagegen aufgrund des konkurrierenden Terminals in Antalya weiterhin rückläufig sein“. Investoren werden in der kommenden Woche ihren Blick auch auf den Öl- bzw. Kerosinpreis werfen. Diese verharren weiter auf hohem Niveau. „Wenn der Ölpreis wieder über 65 US-Dollar steigt, könnten die Aktienmärkte insgesamt belastet werden“, prognostiziert ein Aktienbroker einer großen Investmentbank. Profiteur hoher Energiepreise könnte einmal mehr der Ölsektor sein. Hier setzt British Petroleum am Mittwoch mit dem Zwischenbericht zum vierten Quartal ein Zeichen, das sich auf den gesamten Sektor auswirken könnte.
Am Freitag veröffentlicht der im Nebenwerteindex MDax gelistete Zuckerproduzent Südzucker die Ergebnisse für sein Ende November beendetes drittes Quartal. Die LRP-Experten gehen von einer operativen Erholung aus und erhoffen sich zudem nähere Details zur Auswirkung der geänderten Zuckermarktordnung. Die Strategen erwarten bei den ebenfalls nächste Woche anstehenden Eckdaten von Beiersdorf (Dienstag) „keine großen Überraschungen, da schon bei der Publikation der Q3/05-Zahlen der Ausblick konkretisiert wurde“.
Quelle: HANDELSBLATT, Samstag, 07. Januar 2006, 19:42 Uhr
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