Eine Mannschaft, die keinerlei Hierarchie hat, selbst wenn alle Spieler gesund sein sollten. Dazu paßt folgender Artikel über die Bundesliga:
Bundesliga-Bilanzen
Dem Fußballfan bleibt die wahre Finanzlage verborgen
Von Henning Peitsmeier
19. Dezember 2003 In der Inszenierung des Medienspektakels Fußball-Bundesliga beweisen die Vereine große Klasse. Die Stadien sind voll, die Einschaltquoten im Fernsehen hoch. Und dennoch gelingt es nur wenigen Klubs, mit der Ware Fußball Geld zu verdienen. Zwar haben manche Vereine wie unlängst der FC Schalke 04 ihren Mitgliedern auf den Jahreshauptversammlungen Gewinne vorgerechnet, doch kann das Ergebnis nach Abzug von Spielergehältern und Gemeinkosten mitunter negativ sein - was dem gemeinen Fan verborgen bleibt. Denn kaum eine der vorgelegten Bilanzen ist vollständig.
Nur wenige Bundesligavereine gewähren einen lückenlosen Einblick in ihr Zahlenwerk. Borussia Dortmund, Deutschlands einziger börsennotierter Klub, ist aktienrechtlich zur Bilanzpublikation verpflichtet. Andere legen - freiwillig - nur einen Teil des Jahresabschlusses offen. Einen ungewohnt tiefen Einblick gaben die Schalker: Der 2002 erwirtschaftete Rekordumsatz von 118,5 Millionen Euro und der Jahresüberschuß von 4,7 Millionen Euro können sich international sehen lassen. Daß der Gewinn nur dank einer einmaligen Bilanzierungsmöglichkeit, der kompletten Aktivierung von Spielerwerten, entstanden ist, verschleiert der Klub keineswegs. Auch trägt die Bilanz das Testat der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. Dort verweisen die Prüfer aber auf ihre Ausführungen im Lagebericht. Und der bleibt unter Verschluß.
Wie evident die finanziellen Schwierigkeiten der Schalker aktuell sind, darüber läßt sich nur spekulieren. Geschäftsführer Peter Peters behauptet: "Wir haben auch im aktuellen Berichtszeitraum mehr Einnahmen als Ausgaben. Das ist für uns entscheidend." Aber im letzten Geschäftsjahr hätte ein satter Verlust zu Buche geschlagen, wäre der FC nicht nach einer steuerlichen Betriebsprüfung dazu gezwungen worden, die eigene Rechnungslegung zu ändern. So aber konnte der Revierverein voll abgeschriebene Spieler mit Transferwerten von insgesamt 34,7 Millionen Euro nachträglich aktivieren und dadurch einen außerordentlichen Ertrag von 12 Millionen Euro erzielen. Der reicht, um einen hohen Jahresüberschuß zu zeigen. Das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit ist indes mit 3 Millionen Euro negativ. Und dieses Betriebsergebnis, also das verbleibende Geld, das vom Klub frei investiert werden kann, ist der wahre finanzielle Erfolgsindikator, nicht der Jahresüberschuß.
Spekulationen über Schalke
Schalke hat sich für die kommenden Jahre der gängigen Bilanzierungspraxis verschrieben, wie sie übrigens auch Revierrivale Dortmund anwendet. Das kickende Personal, in der Bilanz "immaterielle Vermögensgegenstände", ist der größte Kostenblock eines Fußballunternehmens. Schalke 04 hat 2002 Personalaufwendungen von 43,5 Millionen Euro. Und vor der Saison 2002/03 verpflichtete Spieler wie Rost, Rodriguez, Poulsen und Varela, für die Ablösegelder gezahlt wurden, müssen in der Bilanz über die Vertragslaufzeit zu Lasten des Ergebnisses abgeschrieben werden. Verzichtet der Verein auf die Zahlung einer Ablösesumme, so wie jetzt bei der Verpflichtung der Bremer Ailton und Krstajic, sind keine Abschreibungen fällig. Allerdings ist anzunehmen, daß die ablösefreien Spieler einen Teil ihres Transferwertes in Form höherer Gehälter vergütet bekommen. Dadurch steigen dann die laufenden Personalkosten - ebenfalls zu Lasten des Ergebnisses. Peters will das nicht bestätigen. Für den Schalke-Geschäftsführer sind derartige Spekulationen "Ammenmärchen". Doch Peters gibt zu: "Eine Mannschaft mit internationalen Ansprüchen kann nur über sportlichen Erfolg finanziert werden."
Wie groß die Finanzierungslast der Bundesligaklubs im einzelnen wirklich ist, ist mangels vollständiger Bilanzen nicht bekannt. "Die Bundesligavereine müssen ihre Vermögenslage ja nicht im letzten Detaillierungsgrad schildern", sagt Unternehmensberater Stefan Ludwig. "Aber die Bilanzkennzahlen der Sportunternehmen sollten sich den Standards nähern, die wir aus der Industrie kennen." Ludwig, Verantwortlicher der internationalen Beratungsgesellschaft Deloitte & Touche Sport in Deutschland, fordert von den Vereinen der Deutschen Fußball-Liga mehr Transparenz. Es wäre, so sein Petitum, in deren eigenem Interesse. Sofern ein Verein solides Finanzgebaren dokumentiert, fällt es leichter, Gelder von Sponsoren und Investoren zu erhalten. Wie so oft, ist hier der FC Bayern München das Maß aller Dinge. Der Einstieg des Adidas-Konzerns, der sich als strategischer Investor mit 10 Prozent beteiligt hat, ist für ihn beispielhaft. "Diese enge Partnerschaft geht über klassische Werbung weit hinaus, hier findet ein permanenter Imagetransfer statt", sagt Ludwig. Offenkundig vertrauen Adidas und der Allianz-Konzern als Namensgeber der neuen Arena der Seriosität der Bayern. Denn auch schlechte Nachrichten, erst recht wenn sie aus der Wirtschaftspresse kommen, würden auf den Investor zurückfallen.
Deutschlands Fußballvereine sind zunehmend gezwungen, sauber zu bilanzieren, wollen sie sich andere Einnahmequellen erschließen. Der Transfermarkt ist zum Erliegen gekommen, und damit schwindet die Hoffnung auf ordentliche Erträge. Erstmals seit Gründung der Bundesliga 1963 gehen auch die Erlöse aus der Vermarktung von Fernsehrechten zurück. Gleichzeitig bestehen aber langfristige Verpflichtungen aus den Spielerverträgen. Die 36 Profivereine, bisher daran gewöhnt, mit steigenden Summen jonglieren zu können, müssen sparen. "Wer keine zusätzlichen Sponsoren findet, muß die Kosten senken", sagt Ingo Süßmilch, Finanzexperte der WGZ-Bank. Erst recht die Vereine, die wie Dortmund, Schalke, Kaiserslautern, Hamburg und Berlin früh im Uefa-Pokal gescheitert sind. Ihre Hoffnungen auf zusätzliche Fernseheinnahmen sind damit erloschen.
Stuttgarter Sparkurs
"Sportlicher und bilanzieller Erfolg hängen unmittelbar zusammen", weiß Süßmilch. In der Bundesliga verdeutlicht das vermutlich kein Verein besser als der VfB Stuttgart. Zwar legen die Schwaben keine Bilanz vor. Doch darf angenommen werden, daß die Millioneneinnahmen für das Erreichen des Achtelfinales in der Champions League sicher nicht geplant sind und die sparsamen Schwaben für das Berichtsjahr 2003/04 einen satten Gewinn erzielen werden. Zur Erinnerung: Noch vor einem Jahr hatte der VfB Stuttgart einen hohen Schuldenberg aufgetürmt. Angeblich steckte der Klub damals mit mehr als 15 Millionen Euro im Schlamassel. Die neue Vereinsführung mit Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt als Aufsichtsratschef reagierte prompt auf die Unterdeckung im eigenen Etat, verabschiedete einen strammen Sanierungskurs und strich die Siegprämien für die Spieler. Jetzt dürfte der unerwartete sportliche Erfolg das Abtragen des Schuldenbergs erheblich erleichtern. Und Felix Magath, Trainer und Sportdirektor des Klubs, soll sogar noch Geld für neue Spieler erhalten.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa
Quelle: www.faz.net/s/...7F9E69D9815CFE65E6~ATpl~Ecommon~Scontent.html