Fünf Jahre nach der Asienkrise geht es auch mit den hiesigen Finanzmärkten bergab. Der Westen sollte endlich begreifen, dass kulturelle Überlegenheitsgefühle fehl am Platz sind.
Kaum fünf Jahre sind vergangen, seitdem die schwere Finanzkrise den asiatischen Kontinent erschütterte - und schon denkt im Westen kaum jemand mehr daran. Nun aber, da das Absacken der amerikanischen und europäischen Finanzmärkte etliche Milliarden Dollar Marktwert vernichtet hat, bekommt die westliche Welt zu spüren, dass sie wirtschaftlich in vielerlei Hinsicht ebenso anfällig ist wie der asiatische Kontinent. Diese Erkenntnis könnte dazu beitragen, dass die Welt näher zusammenrückt.
Vor 1997/98 hatte der wirtschaftliche Erfolg der asiatischen Staaten bei vielen Amerikanern einen schalen Beigeschmack hinterlassen. Grund dafür war nicht nur die Tatsache, dass sich die größte Volkswirtschaft der Welt in der Industriefertigung der Konkurrenz geschlagen geben musste. Ein harter Schlag waren auch die großen Reden der asiatischen Regierungschefs: Nicht etwa die Nachahmung des US-Wirtschaftsmodells sei für den Erfolg der "Tiger" verantwortlich, argumentierten sie. Es seien vielmehr die ureigenen "asiatischen Werte", dank derer der Kontinent im rauen Wettbewerb mit den USA überlegen sei.
Zwar ist dies aus wirtschaftstheoretischer Sicht eine schlichte Argumentation. Dennoch löste sie eine hitzige internationale Debatte aus. Dann aber kam die asiatische Finanzkrise - und plötzlich sprach niemand mehr von den "asiatischen Werten". Die Zyniker unter den US-Kommentatoren beobachteten mit Genugtuung, wie die Staatschefs, die noch kurz zuvor gegen die Amerikaner gewettert hatten, gesenkten Hauptes in Washington vorstellig wurden und beim Internationalen Währungsfonds Notkredite beantragten.
Mangel an Mitgefühl
Von Mitgefühl für die asiatischen Staaten war in den USA damals nicht viel zu spüren. Eher frohlockten die Amerikaner, dass sie in Folge der dramatischen Währungsverluste der betroffenen Länder plötzlich viel weniger Geld für Computer und andere technische Geräte ausgeben mussten.
Die amerikanischen Zeitungen waren übersät mit Geschichten über Thais und Koreaner, die einst fest in der Mittelschicht verankert waren und auf einmal am Hungertuch nagten. Dramatisch waren auch die Berichte über Familienväter, die jeden Morgen in ihrer Büromontur aus dem Haus gingen, obwohl sie ihren Job längst verloren hatten. - Ihnen war es zu peinlich, die bittere Wahrheit gegenüber der eigenen Familie einzugestehen.
Noch greifbarer für die Amerikaner waren die Meldungen von den asiatischen Familien, die das USA-Auslandsstudium ihrer Kinder nicht mehr finanzieren konnten. Das wurde zwar bedauert. Dennoch überwog die Auffassung, es sei ein unnötiger Luxus, seine Kinder vom armen Asien allein für die Bildung ins reiche Amerika zu schicken.
Nun schreiben wir das Jahr 2002 - und so wie einst die asiatischen Finanzmärkte sind nun auch die der gesamten westlichen Welt in eine tiefe Vertrauenskrise gestürzt. Die Börsen befinden sich auf Talfahrt. Unterdessen laufen in den USA die Vorbereitungen für die Kongresswahlen, die im Herbst stattfinden, auf Hochtouren. Die Strategen der Republikaner können nur hoffen, dass der gegenwärtige Kurssturz nicht als "Bush-Freifall" in die Geschichtsbücher eingeht.
Ihre Sorge ist berechtigt, denn die gegenwärtige Krise trifft den Wähler an einer sensiblen Stelle - seiner Geldbörse. Auf einmal fürchten viele US-Bürger um ihre finanzielle Zukunft. Plötzlich scheint fraglich, ob sie ihren Ruhestand überhaupt rechtzeitig antreten können, wo doch ihre Ersparnisse nach und nach dahinschmelzen.
Kopfschütteln in Asien
Die Menschen auf der anderen Seite des Pazifiks nehmen diese Nachrichten mit Kopfschütteln auf. Haben diese arroganten Westler ernsthaft angenommen, dass nur die Asiaten über ihre Verhältnisse gelebt hätten? Haben Sie wirklich geglaubt, dass nur koreanische, thailändische oder indonesische Unternehmen ihre Bilanzen frisieren oder übertrieben schnell expandieren und damit den finanziellen GAU heraufbeschwören?
Im Grunde waren die meisten Exzesse, die sich die asiatische Unternehmen leisteten, vom Westen induziert. "Just build it and they will come", lautete damals die Parole der Amerikaner. Man müsse nur produzieren, Käufer fänden sich dann von alleine. Damit wurde der Welt vorgegaukelt, die Konsumbereitschaft des US-Normalverbrauchers könne unendlich gesteigert werden. Zudem vertrat Washington die hochtrabende Theorie, dass eine Öffnung der Kapitalmärkte das Nonplusultra sei.
Aus all dem lernen wir vor allem eines: Es gibt keinen Grund für kulturelle Überlegenheitsgefühle, denn kein Staat ist gegen Krisen gefeit. Die Länder dieser Erde sind heutzutage viel zu eng miteinander verwoben - und wir alle sind viel zu menschlich, als dass wir nicht auch eines Tages einen Fehler begehen könnten, der zu gravierenden Problemen führen mag. Es mag traurig, vielleicht sogar beunruhigend sein, dass wir die Bedeutung der globalen Harmonie erst dann erkennen, wenn es mit den Finanzmärkten bergab geht. Aber allein die Erkenntnis der gegenseitigen Abhängigkeit könnte sich auf lange Sicht als nützlich erweisen.
Kaum fünf Jahre sind vergangen, seitdem die schwere Finanzkrise den asiatischen Kontinent erschütterte - und schon denkt im Westen kaum jemand mehr daran. Nun aber, da das Absacken der amerikanischen und europäischen Finanzmärkte etliche Milliarden Dollar Marktwert vernichtet hat, bekommt die westliche Welt zu spüren, dass sie wirtschaftlich in vielerlei Hinsicht ebenso anfällig ist wie der asiatische Kontinent. Diese Erkenntnis könnte dazu beitragen, dass die Welt näher zusammenrückt.
Vor 1997/98 hatte der wirtschaftliche Erfolg der asiatischen Staaten bei vielen Amerikanern einen schalen Beigeschmack hinterlassen. Grund dafür war nicht nur die Tatsache, dass sich die größte Volkswirtschaft der Welt in der Industriefertigung der Konkurrenz geschlagen geben musste. Ein harter Schlag waren auch die großen Reden der asiatischen Regierungschefs: Nicht etwa die Nachahmung des US-Wirtschaftsmodells sei für den Erfolg der "Tiger" verantwortlich, argumentierten sie. Es seien vielmehr die ureigenen "asiatischen Werte", dank derer der Kontinent im rauen Wettbewerb mit den USA überlegen sei.
Zwar ist dies aus wirtschaftstheoretischer Sicht eine schlichte Argumentation. Dennoch löste sie eine hitzige internationale Debatte aus. Dann aber kam die asiatische Finanzkrise - und plötzlich sprach niemand mehr von den "asiatischen Werten". Die Zyniker unter den US-Kommentatoren beobachteten mit Genugtuung, wie die Staatschefs, die noch kurz zuvor gegen die Amerikaner gewettert hatten, gesenkten Hauptes in Washington vorstellig wurden und beim Internationalen Währungsfonds Notkredite beantragten.
Mangel an Mitgefühl
Von Mitgefühl für die asiatischen Staaten war in den USA damals nicht viel zu spüren. Eher frohlockten die Amerikaner, dass sie in Folge der dramatischen Währungsverluste der betroffenen Länder plötzlich viel weniger Geld für Computer und andere technische Geräte ausgeben mussten.
Die amerikanischen Zeitungen waren übersät mit Geschichten über Thais und Koreaner, die einst fest in der Mittelschicht verankert waren und auf einmal am Hungertuch nagten. Dramatisch waren auch die Berichte über Familienväter, die jeden Morgen in ihrer Büromontur aus dem Haus gingen, obwohl sie ihren Job längst verloren hatten. - Ihnen war es zu peinlich, die bittere Wahrheit gegenüber der eigenen Familie einzugestehen.
Noch greifbarer für die Amerikaner waren die Meldungen von den asiatischen Familien, die das USA-Auslandsstudium ihrer Kinder nicht mehr finanzieren konnten. Das wurde zwar bedauert. Dennoch überwog die Auffassung, es sei ein unnötiger Luxus, seine Kinder vom armen Asien allein für die Bildung ins reiche Amerika zu schicken.
Nun schreiben wir das Jahr 2002 - und so wie einst die asiatischen Finanzmärkte sind nun auch die der gesamten westlichen Welt in eine tiefe Vertrauenskrise gestürzt. Die Börsen befinden sich auf Talfahrt. Unterdessen laufen in den USA die Vorbereitungen für die Kongresswahlen, die im Herbst stattfinden, auf Hochtouren. Die Strategen der Republikaner können nur hoffen, dass der gegenwärtige Kurssturz nicht als "Bush-Freifall" in die Geschichtsbücher eingeht.
Ihre Sorge ist berechtigt, denn die gegenwärtige Krise trifft den Wähler an einer sensiblen Stelle - seiner Geldbörse. Auf einmal fürchten viele US-Bürger um ihre finanzielle Zukunft. Plötzlich scheint fraglich, ob sie ihren Ruhestand überhaupt rechtzeitig antreten können, wo doch ihre Ersparnisse nach und nach dahinschmelzen.
Kopfschütteln in Asien
Die Menschen auf der anderen Seite des Pazifiks nehmen diese Nachrichten mit Kopfschütteln auf. Haben diese arroganten Westler ernsthaft angenommen, dass nur die Asiaten über ihre Verhältnisse gelebt hätten? Haben Sie wirklich geglaubt, dass nur koreanische, thailändische oder indonesische Unternehmen ihre Bilanzen frisieren oder übertrieben schnell expandieren und damit den finanziellen GAU heraufbeschwören?
Im Grunde waren die meisten Exzesse, die sich die asiatische Unternehmen leisteten, vom Westen induziert. "Just build it and they will come", lautete damals die Parole der Amerikaner. Man müsse nur produzieren, Käufer fänden sich dann von alleine. Damit wurde der Welt vorgegaukelt, die Konsumbereitschaft des US-Normalverbrauchers könne unendlich gesteigert werden. Zudem vertrat Washington die hochtrabende Theorie, dass eine Öffnung der Kapitalmärkte das Nonplusultra sei.
Aus all dem lernen wir vor allem eines: Es gibt keinen Grund für kulturelle Überlegenheitsgefühle, denn kein Staat ist gegen Krisen gefeit. Die Länder dieser Erde sind heutzutage viel zu eng miteinander verwoben - und wir alle sind viel zu menschlich, als dass wir nicht auch eines Tages einen Fehler begehen könnten, der zu gravierenden Problemen führen mag. Es mag traurig, vielleicht sogar beunruhigend sein, dass wir die Bedeutung der globalen Harmonie erst dann erkennen, wenn es mit den Finanzmärkten bergab geht. Aber allein die Erkenntnis der gegenseitigen Abhängigkeit könnte sich auf lange Sicht als nützlich erweisen.