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Bill Bonner: Die China-Story – Teil 2


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Bill Bonner: Die China-Story – Teil 2

 
03.12.03 09:31
Dienstag, 2. Dezember 2003

Die China-Story – Teil 2


von unserem Korrespondenten Bill Bonner

China hat nicht nur ein fast unbegrenztes Angebot an willigen und billigen Arbeitskräften – sondern es gibt in China auch eine aufgestaute Konsumnachfrage. Fast niemand im Herzen Chinas (ich rede nicht von den Küstenregionen) hat sich jemals bedeutende Konsumgüter "gegönnt". Und es gibt Millionen und Abermillionen solcher "Niemande".

An der chinesischen Küste sieht man überall Kräne. In Shanghai ist das Gewicht der neuen Gebäude so schwer, dass die Stadt angeblich 1 Zentimeter pro Jahr versinkt.

In den USA ist das Thema "China" unter Investoren mittlerweile zum Modethema geworden – was eigentlich nicht gut ist, wenn man dort investieren will. Ich habe von Robert Friedland gehört, dass er bei einem Investment-Vortrag zum Thema "Gold" auf einmal zum Thema "China" wechselte ... und die Investoren konnten davon nicht genug bekommen.

Auf der anderen Seite des Japanischen Meers berichtet die japanische Zentralbank, dass "die wirtschaftliche Aktivität insgesamt immer noch weitgehend stagniert ... der private Konsum bleibt weiter schwach, die Investitionen am Immobilienmarkt bleiben zäh und die öffentlichen Investitionen gehen zurück." Aber die ausländischen Investoren sind von Japan begeistert; sie denken, dass sie auch in Japan von der "China-Story" profitieren! So sah zum Beispiel ein Fondsmanager, den ich in London traf, die japanischen Gesellschaften als Profiteure des Booms in China. "Japan hat das Geld, das Know How, die wirtschaftlichen Beziehungen, die Technologie – alles was die Chinesen für ihre Entwicklung brauchen", erklärte er.

Auf Grundlage der dünnen Oberfläche der westlichen Finanzpresse könnte das wirklich fast wahr sein. China wächst so schnell, dass die chinesische Regierung jetzt sogar angeblich die Wachstumsraten schon untertreibt; die ausländischen Investoren könnten alarmiert sein, wenn sie wüssten, was wirklich passieren würde.

Nun, das war zumindest die Meinung der Sinologin, mit der ich mich zum Mittagessen getroffen hatte (siehe dazu mein gestriger Artikel an dieser Stelle).

Diese Frau sprach ein makelloses Chinesisch, dazu malaiisch und kambodschanisch, und sie hatte lange in China gelebt. Sie sieht zwar nicht chinesisch aus, "aber das ist egal", erklärte sie mir, "wenn man die Sprache spricht und die Sitten versteht, dann wird man wie eine Chinesin behandelt. Was nicht notwendigerweise positiv ist. Denn das Leben in China ist sehr hart."

"Es ist nicht so, wie die Leute im Westen denken. Die sehen nur die Bauarbeiten an der Küste. Aber sie wissen nicht, ob diese Projekte profitabel sind. Die Zahlen ... die grundlegenden Informationen ... sind nicht verfügbar. Und wenn diese Leute ins Landesinnere fahren würden, dann würden sie eine andere Welt sehen. Es gibt Millionen und Abermillionen Chinesen, die nur versuchen, zu überleben. Man sieht Kinder mit aufgeblähten Bäuchen; die bekommen einfach nicht genug zu essen."

"Die Leute im Westen sehen das chinesische System als großartig an ... denn im Vergleich zum, z.B., Indien, scheint es so gut zu funktionieren. Aber das stimmt einfach nicht. In Indien gibt es eine mehr oder weniger freie Presse. Deshalb weiß man über die Dinge, die schief laufen, Bescheid. Aber in China weiß man das nicht. Indien ist letztlich ein freies Land. In China ist das nicht der Fall. China ist immer noch kommunistisch. Vorher war es ein totalitärer Staat. Es war fast immer ein totalitärer Staat. Und jeder, mit dem man spricht – selbst wenn es ein erfolgreicher, mächtiger Unternehmer ist – hat jemanden hinter sich, einen Schatten, mit der realen Macht."

"Die Amerikaner und Europäer glauben, dass die Welt sich fundamental geändert hat. Der Triumph des westlichen Modells scheint total. Ja, die Chinesen mögen sich zwar noch Kommunisten nennen, aber sie folgen denselben Regeln wie jeder andere ... den Regeln des zivilisierten Handels nach westlichem Modell. So denken die Amerikaner und Europäer."

Aber die Chinesen haben ihre eigenen Regeln – das sagte mir meine schöne Sinologin. Als Ausländer wird man nicht wissen, was das für Regeln sind ... bis es zu spät ist.

Die "China-Story" ist ein großer Betrug, so meint mein französischer Freund Michel. Er vergleicht das mit der "Russland-Story" vor dem Ersten Weltkrieg. Damals waren die Franzosen die größten Investoren, wenn es um russische Entwicklungsprojekte ging. Russland war damals sozusagen eine "Wachstumsaktie", die jeder kaufen wollte. 50 Jahre später gab es kaum eine französische Familie, die nicht eine wertlose russische Anleihe auf dem Dachboden hatte.

Dann wurde die "Russland-Story" zur "Sowjet-Story". Und es gab wieder im Westen viele Intellektuelle, die von den Wundern der kommunistischen Organisation beeindruckt waren. Es gab überall Infrastruktur-Projekte – Kanäle, Dämme, Eisenbahnen, Fabriken wurden gebaut. Niemand schien allerdings zu bemerken, dass diese Projekte mit Zwangsarbeitern errichtet wurden, und dass diese Projekte niemals profitabel oder manchmal auch nur nützlich sein würden.

Übrigens, was oft vergessen wird: Es gab auch eine "deutsche Story" während der Nazi-Zeit. Das Land schien in den 1930ern, vor Kriegsbeginn, so dynamisch ... so gut organisiert ... so voller Energie und Selbstbewusstsein. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es viele ausländische Intellektuelle, die das Land besuchten und mit der Überzeugung zurückkamen, dass Deutschland einen möglichen Weltkrieg gewinnen würde. Wir wissen mittlerweile, wie falsch diese Einschätzung war.

"Auch in Indien läuft vieles schief", so das Fazit der Sinologin. "Aber jedes Mal, wenn ich von China nach Indien fahre, dann atme ich erleichtert auf. Denn in Indien gibt es keine Schatten, die einem folgen ... keine versteckten Regeln. Indien ist verglichen mit China ein Paradies."

Beim Abschied sagte ich: "Pao mo."

"Entschuldigung?"

"Pao mo. Ist das nicht chinesisch für 'Blase' im Sinne von 'Spekulationsblase'?"

"Oh, achja ... pao mo", sagte sie, und sie betonte die Worte so, dass sie nur entfernt den von mir gesagten ähnelten. "Pao mo. Genau."

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Grüße

NL  Bill Bonner: Die China-Story – Teil 2 1289785  
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