Die Versuche des CEO um Schadensbegrenzung durch zahlreiche Medienauftritte in den letzten Tagen waren offensichtlich nicht von Erfolg gekrönt. Der Kurs ist wieder fast auf das Niveau des Mehrjahrestiefs abgesackt und Gerstenmayer spricht noch immer von "normaler Volatilität".
Das hat leider wirklich etwas von Realitätsverweigerung, die halt tatsächlich nicht gut ankommt, insbesondere wenn ein Blick auf den Chart genügt, um zu sehen, wie weit seine Aussagen von der Wirklichkeit entfernt sind. Und dann fragt man sich natürlich unwillkürlich: Wo betreibt der noch Realitätsverweigerung?
Die Zahlen und Unternehmenskennzahlen an sich, sofern sie korrekt sind, schauen ja nicht so schlecht aus, überall sonst in der Branche geht es bergauf, nur AT&S in diesem Jammertal trotz tollem Produkt, trotz bester Zukunftsaussichten.
Den Kursverfall der letzten Wochen hat sich auch mit dem Schreckgespenst zu tun ein AMS-Osram-Schicksal zu erleiden, dessen Kurs durch Shorty-Aktionen quasi zertrümmert wurde. Aber tatsächlich sind die beiden Firmen wohl sehr schwer zu vergleichen, es sind sowohl die eigentliche Verschuldungssituation als auch die die Gewinnerwartungen vollkommen unterschiedlich. Aber natürlich versteht man die Zurückhaltung der Anleger bei so einer erratischen Kommunikation wie sie AT&S momentan betreibt.
Ein Beispiel: Um vieles wird ein Geheimnis gemacht (z. T. natürlich auch nachvollziehbar), dann aber ganz ohne Not macht man Verlautbarungen über den Umgang mit dem Medizintechnikgeschäft. Ich interpretiere das so, dass man die falsche Fährte eines eventuellen Verkaufs legen wollte (mit Präsentation der Q-Zahlen), um den Kurs in die Höhe zu treiben, was ja auch gelungen ist.
Ich bleibe dabei: Wenn man es geschafft hätte, noch einige Wochen den Mantel des Schweigens über die Vorhaben zu breiten (und das wäre wohl nur gegangen, indem man noch keine Gespräche initiiert hätte), dann wäre im Sog der guten Quartalszahlen und der allgemeinen guten Stimmung bei den Peers und im Tech-Sektor allgemein der Kurs wieder weit über 30 gegangen und die Shorties gehörig ins Schwitzen geraten - zumindest Marble Bar.
Apropos Marble Bar: Es fällt schon auf, dass Marble mit seinen Aktionen ungefähr zu jenem Zeitpunkt begonnen hat, als vermutlich die ersten Gespräche mit Investoren liefen (so gegen Anfang September). Da wäre es schon interessant zu wissen, wo da die undichte Stelle ist. Auf jeden Fall muss man aber in heutigen Zeiten auf solche Leaks besser vorbereitet sein als es AT&S offenbar war.
Das Verhalten der Shorties nach Bekanntwerden der möglichen KE ist übrigens auch durchaus interessant: Sie haben ihre Positionen nicht ausgebaut, Marble Bar hat sie sogar etwas zurückgefahren (auf 1,47 %) - und damit am Tag des 14-%-Absturzes wohl noch höhere Verluste für die Firma vermieden. Wie kann man so ein Verhalten interpretieren? Ich interpretiere es so, dass die Shorties die Möglichkeit eines weiteren Kursrutsches sehen, aber auch die Gefahr (aus ihrer Warte), dass sich der Kurs stabilisiert. Deswegen lösen sie die Positionen zwar nicht auf, investieren aber auch nicht, um den erhofften Kursrutsch selbst (mit)zubewirken. Zumindest noch nicht. Die Tatsache, dass sich selbst die hartnäckigen Shorties nicht ganz sicher sind, wie sie die Situation bewerten sollen, wäre ja an sich positiv zu bewerten, denn durch gelungene Kommunikation könnte man offensichtlich jetzt noch einiges wett machen. Nur die Frage ist: Gelingt das AT&S? Gestern hat sich der Kurs über den Tag nach einem inzwischen schon vertrauten Muster entwickelt, ganz in der Früh moderate Gewinne, dann ab spätem Vormittag Eintritt in die Verlustzone, die dann den ganzen Tag nicht mehr verlassen wird. Gestern übrigens auffällig: es wurden ca. 50.000 Aktien an einem Stück verkauft, was einen Kursrutsch von ca. 3 % bewirkte. Leicht möglich, dass hier (wieder) Shorties auf den Plan getreten sind, was wir wohl erst heute auf der FMA-Homepage sehen werden, sofern sie die Schwelle zur Registrierung überschritten haben.
Ich finde wie gesagt das Verhalten der Shorties in mehrerer Hinsicht sehr aufschlussreich: Sie wussten bereits im Sommer 2022 offenbar, dass das ein Gewinneinbruch erfolgen würde (wo die Unternehmensleitung offenbar noch vollkommen "überrascht" von der Entwicklung war) und haben auch jetzt eine mögliche KE antizipiert. Es stimmt schon, Shorties liegen nicht immer richtig, aber sehr oft haben die eben einen guten Riecher für mögliche Schwachstellen im System oder falsche Gewinnanalysen - und sie sehen die Welt nicht durch eine rosarote Brille.
Ein bisschen seltsam für mich übrigens auch das Verhalten des Erste-Bank-Analysten sich zu einem Zeitpunkt, wo vieles noch im Unklaren ist, zu einer klaren Kauf-Empfehlung "verleiten" zu lassen, und gleich zweimal hintereinander (in Abständen von wenigen Tagen) eine entsprechende Mitteilung herauszuhauen.
Wie kann es weitergehen? Es wäre ja irgendwie absurd, würde die Firma die Vorteile einer KE wieder zunichte machen, indem sie einen vollkommen dezimierten Aktienkurs zulässt - wie bereits an anderer Stelle ausgeführt, spielt ja der Kurs bei einer KE DOCH eine wichtige Rolle. Die Bemühungen zur Stabilisierung waren bis jetzt nicht von Erfolg gekrönt.
Hier nochmals der Ausblick der Erste-Bank-Analysten:
"Die anhaltende Markterholung bei IC-Substraten sollte AT&S helfen, das Geschäft auszubauen und wieder zu einer jährlichen Wachstumsdynamik zurückzukehren. Wir erwarten, dass AT&S im GJ 2023/24 im oberen Bereich seiner EBITDA-Prognose liegen wird und sich 2025/26 stärker entwickelt als die Konsensus-Schätzungen derzeit nahelegen. Bewertungstechnisch notiert die Aktie mit hohen Abschlägen zu den Peers, da der Kurs schon im Vorfeld einer möglichen Kapitalmaßnahme durch Short-Positionen unter Druck gekommen war. Bei einem KGV von 4,5x für 24/25 und 2,5x für 25/26 bzw. eine EV/EBITDA von 5,1x/3,7x besteht eine gute Chance, dass wir die Tiefststände bereits gesehen haben."
Ich frage mich echt, warum diese Analysten glauben, dass eine gute Chance besteht, dass es in dieser Situation nachhaltig nach oben geht? Gut, es könnte sein, dass es einen spekulativen Einstieg von Institutionellen oder Insiderkäufe zur Stabilisierung gibt, aber sicher ist das beileibe nicht.