Asbest treibt US-Firmen in die Pleite
Wie gefährlich sind die Asbestklagen in den USA, von denen
auch ABB betroffen ist? Neuere Studien errechnen Kosten in
der Höhe von bis zu 200 Milliarden Dollar.
Von Victor Breu, New York
Wann immer die Aktien von ABB an der Börse einen Taucher
erleiden, taucht seit bald einem Jahr das Wort Asbest auf. So auch gestern: Die Titel des Technologiekonzerns büssten an der SWX 4,66 Prozent ein und schlossen bei 15.35 Franken. Refrain der Händler:
ABB werde in den USA mit Asbestklagen konfrontiert, deren
finanzielle Konsequenzen sich als Fass ohne Boden erweisen
könnten. Der Konzern hatte in der letzten Jahresrechnung
Rückstellungen von 962 Millionen Franken wegen 66 000 hängiger Klagen gemacht. Davon sind 160 Millionen Franken durch Versicherungen gedeckt.
Die Sorge, dass das nicht ausreicht, hatte vor zehn Tagen neue Nahrung erhalten. Am 7. Dezember waren die Aktien der US-Firma Halliburton an Wallstreet gleich um 43 Prozent abgesackt. Auch die ABB-Titel kamen damals bös unter die Räder. Grund: Ein Geschworenengericht in Baltimore hatte den
Ölbohrkonzern Halliburton zur Zahlung von 30 Millionen Dollar verknurrt. Denn eine Firma, die bis 1992
einer Halliburton-Tochtergesellschaft gehörte, hatte vor 30 Jahren asbesthaltige Bauprodukte hergestellt. Das Urteil war das vierte innert weniger Wochen gegen Halliburton. Die Haftpflichtbussen allein dieser Fälle läppern sich auf über 150 Millionen Dollar zusammen. Der Konzern wurde seit 1976
mit 340 000 Klagen von Asbestopfern eingedeckt. Halliburton hat schon 143 Millionen Dollar bezahlt, um 194 000 dieser Klagen aussergerichtlich beizulegen. Nur 36 Millionen sind durch Versicherungen abgedeckt.
Bereits 41 Pleiten
Halliburton ist fast ein Modellfall. Niemand widerspricht Konzernchef Dave Lesar, wenn er sagt, die Asbestrechtsfälle seien "ein Problem, welches das ganze Land angeht". Gegen mehr als 2000 Firmen laufen in den USA Sammelklagen. Viele von ihnen haben ihren Aktionären noch gar nicht enthüllt, dass auch sie betroffen sind. 41 Firmen sind schon pleite gegangen oder haben Gläubigerschutz unter Chapter 11 gesucht, allein 16 in diesem Jahr. Die prominentesten Opfer der letzten Monate: W.R.Grace, die Spezialitätenchemikalien herstellte, und USG, die Baumaterialien produzierte.
Die volkswirtschaftliche Dimension ist schwindelerregend, wie Berechnungen der Analysten von Tillinghast-Towers, einer auf Asbest spezialisierten Beratungsfirma, zeigen: Die Kosten allein in den USA würden sich auf 200 Milliarden Dollar belaufen. Bisher war man von 40 Milliarden ausgegangen.
Rund 40 Prozent der Haftpflicht müssten die früheren Hersteller oder Anwender von Asbest leisten. Den
Rest teilten sich amerikanische und internationale Versicherungen.
Und da zeichnet sich gemäss Tillinghast-Towers ein weiteres Problem ab: Die Versicherer haben "substanziell" zu wenig Reserven gebildet. Per Ende 2000 hatten die US-Versicherungen in Sachen Asbest 22 Milliarden Dollar ausbezahlt und 10 Milliarden zurückgestellt. Damit ist das Polster gemäss Tillinghast-Towers um 33 Milliarden zu dünn. Noch dramatischer tönt es in der bisher umfassendsten
Asbeststudie. Das Rand Institute for Civil Justice hat sie im Sommer im Auftrag des US-Kongresseserstellt. 500 000 Klagen seien bisher eingereicht worden, allein 50 000 dieses Jahr. Bis 2024 werde deren Zahl sich auf über eine Million verdoppeln. Falls die Politiker keine schützenden Gesetze
erliessen, so die Experten, seien innert 24 Monate alle hauptangeklagten Firmen Konkurs.
Asbest wurde ab den frühen Sechzigerjahren weltweit in Beton, Gips und Feuerschutzisolationen verwendet. Auch der US-Kesselhersteller Combustion Engineering verwendete das Material. 1989 ging
die Firma an ABB über. Zehn Jahre später wurde sie an die französische Alstom verkauft. Die Enschädigungsforderungen blieben an ABB hängen.
ABB macht auf Optimismus
Seit 1976 ist das Krebs erregende Asbest in den USA verboten. Nach einer ersten Welle in den Achtzigerjahren flachte die Zahl der Asbestklagen wegen gesetzlicher Reformen ab. Seit 1998 jedoch steigen die Klagen sprunghaft an - mit wesentlich höheren Forderungen. Die Zahl der Gerichtsurteile ist gestiegen, genauso wie die Bussen und in der Folge die Konkurse. "Asbest ist in den letzten drei Jahren zu einem Problem geworden, das für Firmen nicht mehr zu managen ist", sagt Stephen Gengaro, ein Analyst bei ABN Amro. ABB sieht keinen Grund für eine Neubeurteilung und hält fest: "Es ist unwahrscheinlich, dass die Haftpflicht einen spürbar nachteiligen Effekt auf die finanzielle Lage des Konzerns hat." Die Ratingagentur Moodys sieht das offenbar anders: Sie hat ABB gestern von A2 auf AA3 zurückgestuft - unter anderem wegen der Asbest-Geschichte.
Da die meisten führenden Asbestfirmen der früheren Tage bereits bankrott sind, haben die Anwälte die Liste ihrer Zielfirmen erweitert. Das Magazin "U.S. News" schreibt diese Woche, mehr als jede zweite Branche sei mit Asbestklagen eingedeckt - sogar Weinbauern. Die Rand-Studie sagt: "Immer weniger schuldige Firmen werden nun in den Prozess hineingesogen." Anwälte stellen
Durchleuchtungsmaschinen vor Fabrikhallen auf und werben: "Finden Sie heraus, ob Sie eine Millionen-Lunge haben".
Was am Urteil gegen Halliburton in Baltimore am meisten überraschte: Die sechs Kläger sind gar nicht krank. Ihre Lungenbilder hatten gezeigt, dass sie nur ein höheres Risiko tragen. Die Rand-Studie hat herausgefunden: 30 Prozent der Asbestkläger behaupten nicht einmal, sie seien krank. Weitere 50 Prozent legen Daten vor, die keinen Schaden belegen. Jetzt beginnen Firmen sich zu wehren. GAF Materials, der grösste Produzent von Dachdeckermaterialien der USA, hat drei Asbestanwaltskanzleien verklagt. Nur: GAF hat im März Konkurs angemeldet.