Aktien gehen zusehends von starken in schwache Hände über / Der Terminmarktbericht
hi. FRANKFURT, 6. Oktober. An den Terminbörsen richtet sich das Interesse in diesen Tagen eindeutig auf die Finanzmärkte. Offenkundig erwarten sich die Akteure von hier entscheidende Signale über die weitere konjunkturelle Entwicklung - die wiederum bestimmt, wie sich die Nachfrage nach Industrierohstoffen gestaltet. Mit der Zuwendung des Interesses zu den Finanzmärkten ist auch die Lage an der Wall Street ins Rampenlicht geraten. Technisch orientierte Analysten glauben Anzeichen dafür zu erkennen, daß die weithin beachteten Indizes in eine sehr anfällige und damit auch gefährliche Lage geraten.
Der Dow-Jones-Index für Industriewerte und der Standard & Poor's 500 Index (S&P 500) sowie die ihnen jeweils nachgeordneten Terminkontrakte bewegen sich spätestens seit Mittwoch in charttechnisch bedenklichen Bereichen. Zugleich mehren sich die Hinweise darauf, daß Aktien von starken Händen in schwache übergehen und daß damit ein negativer Umverteilungsprozeß eingesetzt hat. Zudem bemängeln die Techniker die verfallende Marktbreite, also das Verhältnis zwischen steigenden und sinkenden Aktien. Sorge breitet sich zudem wegen des starken Kursverfalls der Aktien amerikanischer Unternehmen aus, die im privaten Wohnungsbau tätig sind. Die Schwäche könnte anzeigen, daß die Immobilienblase zu platzen beginnt. Die Sorgen werden nicht gerade geringer durch den Umstand, daß sich die Kurse der Schuldtitel des amerikanischen Schatzamtes und noch mehr deren Terminnotierungen in stabiler bis steigender Verfassung befinden. Das wird als ungutes konjunkturelles Zeichen gewertet.
Dies alles bewirkt, daß mehr und mehr Anlagestrategen und Analysten darüber nachzudenken beginnen, ob nun nicht auch der amerikanische Aktienmarkt und mit ihm andere bedeutende Börsen in der Welt rauhen Zeiten entgegengehen könnten. Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, daß Aktienmärkte konjunkturelle Frühindikatoren sind, auch wenn sie in ihrer Zuverlässigkeit den Märkten für Staatsanleihen um einiges nachzustehen scheinen. Als nächstes erwarten die Pessimisten unter den Strategen eine Ausweitung der Renditedifferenzen (Spreads) zwischen erstklassigen Anleihen und Papieren von geringer Bonität. Dies wäre ihrer Ansicht nach ein unverkennbares Zeichen für wachsende Risikoscheu unter den Anlegern. Sollte diese Sicht der Dinge zutreffen, ergäbe sich als Konsequenz für viele Terminbörsen, daß die spekulativen Fonds vor einem strategischen Standortwechsel stehen. Seit Jahren gehen sie die besonders konjunkturanfälligen Märkte grundsätzlich von der Kaufseite her an. Mit ihrem enorm hohen Kapital sowie der zusätzlichen Hebelwirkung, die den Termin- und den Optionsmärkten eigen ist, haben sie die Preise mitunter über alle vertretbaren Maße hinaus nach oben getrieben. Wenn diese Fonds nun wegen sich verschlechternder konjunktureller Bedingungen einen Seitenwechsel vollziehen sollten, würde sich ihre geballte Finanzkraft auf der Baisseseite vieler Märkte austoben. Dies wäre ein neues Kapitel, über dessen Verlauf mangels hinreichender Erfahrung nur gemutmaßt werden kann. Strategen vermögen sich sehr gut vorzustellen, daß die Kapitalmacht der Fonds auf der Baisseseite der Märkte weitaus größere Schäden anrichten kann, als sie jemals auf der Hausseseite entstehen würden. Gemeint sind die auf der Baisseseite letztlich drohenden deflationären Folgen.
Als Beispiel bietet sich hier der Ölpreis an. Als er noch schier unaufhaltsam stieg, wurde zunächst verhalten, zuletzt aber sehr lautstark vor Inflationsgefahren gewarnt. Schon frühzeitig waren aber Stimmen zu vernehmen, die im steigenden Ölpreis unter anderem einen stark positiven Aspekt erkannten, nämlich schwindende Deflationsgefahren. So hat Merrill Lynch, Tokio, bereits Anfang des Jahres erklärt, daß nicht nur das von Deflation geplagte Japan ein zusätzliches Problem hätte, wenn der Ölpreis wieder unter die Marke von 40 Dollar je Barrel (rund 159 Liter) sinken sollte. Dazu gehört die Erkenntnis, daß ein aus konjunkturellen Gründen nachhaltig fallender Ölpreis nicht zwangsläufig auch die Belebung einer bereits angeschlagenen Wirtschaft zur Folge hätte.
Kupfer, dessen Preis gerade neue Rekordhöhen erklommen hat, könnte ebenfalls erhellen, worum es geht, wenn hier eine von den Fonds vorangetriebene, zu Exzessen neigende Baisse entstehen würde. Die Investitionen in neue Vorkommen würden in diesem Fall schlagartig gebremst oder ganz aufgegeben. Arbeitsplätze gerieten nicht nur bei den Produzenten, sondern auch bei den zuliefernden Wirtschaftszweigen in Gefahr. So manches Land, das vom Export des Metalls lebt, stünde vor gravierenden finanziellen Einbußen mit vielfältigen Konsequenzen für seine Konjunktur und akuter Gefahr für seine Schuldnerbonität.
Unterdessen wird in Chikago mit Spannung der am 12. Oktober erscheinende neue "Erntebericht" des Landwirtschaftsministeriums in Washington (USDA) erwartet. Private Schätzungen lassen vermuten, daß die Erträge bei Mais und Sojabohnen weiter über den im September bekanntgegebenen Werten liegen. Die Notierungen für Mais könnten daher noch einmal stärker nachgeben, meinen Händler. Bei Sojabohnen sehen sie jedoch kaum noch Spielraum nach unten, denn aus Brasilien, dem nach Amerika zweitgrößten Produzenten dieser wichtigsten Ölsaat, mehren sich Hinweise auf einen drastischen Rückgang der Anbaufläche für die im Frühjahr 2006 einzubringende neue Ernte. In mindestens einem Bundesstaat dort soll die Fläche aus Kostengründen um wenigstens 25 Prozent zurückgehen. Sollte sich dies bestätigen und auch andere Bundesstaaten betreffen, könnten Sojabohnen Mitte 2006 recht knapp werden.
Text: F.A.Z., 07.10.2005, Nr. 233 / Seite 22
hi. FRANKFURT, 6. Oktober. An den Terminbörsen richtet sich das Interesse in diesen Tagen eindeutig auf die Finanzmärkte. Offenkundig erwarten sich die Akteure von hier entscheidende Signale über die weitere konjunkturelle Entwicklung - die wiederum bestimmt, wie sich die Nachfrage nach Industrierohstoffen gestaltet. Mit der Zuwendung des Interesses zu den Finanzmärkten ist auch die Lage an der Wall Street ins Rampenlicht geraten. Technisch orientierte Analysten glauben Anzeichen dafür zu erkennen, daß die weithin beachteten Indizes in eine sehr anfällige und damit auch gefährliche Lage geraten.
Der Dow-Jones-Index für Industriewerte und der Standard & Poor's 500 Index (S&P 500) sowie die ihnen jeweils nachgeordneten Terminkontrakte bewegen sich spätestens seit Mittwoch in charttechnisch bedenklichen Bereichen. Zugleich mehren sich die Hinweise darauf, daß Aktien von starken Händen in schwache übergehen und daß damit ein negativer Umverteilungsprozeß eingesetzt hat. Zudem bemängeln die Techniker die verfallende Marktbreite, also das Verhältnis zwischen steigenden und sinkenden Aktien. Sorge breitet sich zudem wegen des starken Kursverfalls der Aktien amerikanischer Unternehmen aus, die im privaten Wohnungsbau tätig sind. Die Schwäche könnte anzeigen, daß die Immobilienblase zu platzen beginnt. Die Sorgen werden nicht gerade geringer durch den Umstand, daß sich die Kurse der Schuldtitel des amerikanischen Schatzamtes und noch mehr deren Terminnotierungen in stabiler bis steigender Verfassung befinden. Das wird als ungutes konjunkturelles Zeichen gewertet.
Dies alles bewirkt, daß mehr und mehr Anlagestrategen und Analysten darüber nachzudenken beginnen, ob nun nicht auch der amerikanische Aktienmarkt und mit ihm andere bedeutende Börsen in der Welt rauhen Zeiten entgegengehen könnten. Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, daß Aktienmärkte konjunkturelle Frühindikatoren sind, auch wenn sie in ihrer Zuverlässigkeit den Märkten für Staatsanleihen um einiges nachzustehen scheinen. Als nächstes erwarten die Pessimisten unter den Strategen eine Ausweitung der Renditedifferenzen (Spreads) zwischen erstklassigen Anleihen und Papieren von geringer Bonität. Dies wäre ihrer Ansicht nach ein unverkennbares Zeichen für wachsende Risikoscheu unter den Anlegern. Sollte diese Sicht der Dinge zutreffen, ergäbe sich als Konsequenz für viele Terminbörsen, daß die spekulativen Fonds vor einem strategischen Standortwechsel stehen. Seit Jahren gehen sie die besonders konjunkturanfälligen Märkte grundsätzlich von der Kaufseite her an. Mit ihrem enorm hohen Kapital sowie der zusätzlichen Hebelwirkung, die den Termin- und den Optionsmärkten eigen ist, haben sie die Preise mitunter über alle vertretbaren Maße hinaus nach oben getrieben. Wenn diese Fonds nun wegen sich verschlechternder konjunktureller Bedingungen einen Seitenwechsel vollziehen sollten, würde sich ihre geballte Finanzkraft auf der Baisseseite vieler Märkte austoben. Dies wäre ein neues Kapitel, über dessen Verlauf mangels hinreichender Erfahrung nur gemutmaßt werden kann. Strategen vermögen sich sehr gut vorzustellen, daß die Kapitalmacht der Fonds auf der Baisseseite der Märkte weitaus größere Schäden anrichten kann, als sie jemals auf der Hausseseite entstehen würden. Gemeint sind die auf der Baisseseite letztlich drohenden deflationären Folgen.
Als Beispiel bietet sich hier der Ölpreis an. Als er noch schier unaufhaltsam stieg, wurde zunächst verhalten, zuletzt aber sehr lautstark vor Inflationsgefahren gewarnt. Schon frühzeitig waren aber Stimmen zu vernehmen, die im steigenden Ölpreis unter anderem einen stark positiven Aspekt erkannten, nämlich schwindende Deflationsgefahren. So hat Merrill Lynch, Tokio, bereits Anfang des Jahres erklärt, daß nicht nur das von Deflation geplagte Japan ein zusätzliches Problem hätte, wenn der Ölpreis wieder unter die Marke von 40 Dollar je Barrel (rund 159 Liter) sinken sollte. Dazu gehört die Erkenntnis, daß ein aus konjunkturellen Gründen nachhaltig fallender Ölpreis nicht zwangsläufig auch die Belebung einer bereits angeschlagenen Wirtschaft zur Folge hätte.
Kupfer, dessen Preis gerade neue Rekordhöhen erklommen hat, könnte ebenfalls erhellen, worum es geht, wenn hier eine von den Fonds vorangetriebene, zu Exzessen neigende Baisse entstehen würde. Die Investitionen in neue Vorkommen würden in diesem Fall schlagartig gebremst oder ganz aufgegeben. Arbeitsplätze gerieten nicht nur bei den Produzenten, sondern auch bei den zuliefernden Wirtschaftszweigen in Gefahr. So manches Land, das vom Export des Metalls lebt, stünde vor gravierenden finanziellen Einbußen mit vielfältigen Konsequenzen für seine Konjunktur und akuter Gefahr für seine Schuldnerbonität.
Unterdessen wird in Chikago mit Spannung der am 12. Oktober erscheinende neue "Erntebericht" des Landwirtschaftsministeriums in Washington (USDA) erwartet. Private Schätzungen lassen vermuten, daß die Erträge bei Mais und Sojabohnen weiter über den im September bekanntgegebenen Werten liegen. Die Notierungen für Mais könnten daher noch einmal stärker nachgeben, meinen Händler. Bei Sojabohnen sehen sie jedoch kaum noch Spielraum nach unten, denn aus Brasilien, dem nach Amerika zweitgrößten Produzenten dieser wichtigsten Ölsaat, mehren sich Hinweise auf einen drastischen Rückgang der Anbaufläche für die im Frühjahr 2006 einzubringende neue Ernte. In mindestens einem Bundesstaat dort soll die Fläche aus Kostengründen um wenigstens 25 Prozent zurückgehen. Sollte sich dies bestätigen und auch andere Bundesstaaten betreffen, könnten Sojabohnen Mitte 2006 recht knapp werden.
Text: F.A.Z., 07.10.2005, Nr. 233 / Seite 22