AOL-GRÜNDER STEVE CASE - Entthronter Übervater (EurAmS)
Er hat mit AOL einen der führenden Online-Dienste gegründet und groß gemacht. Er hat eine der größten Übernahmen der Geschichte eingefädelt. Jetzt will man ihn loswerden.
von Julia Groß
Dieses Mal ist es noch gut gegangen. Als Steve Case am Donnerstagabend die Firmenzentrale an der New Yorker Rockefeller Plaza verließ, war er immer noch Verwaltungsratsvorsitzender von AOL Time Warner. Dabei machen mindestens drei Mitglieder des 14-köpfigen Aufsichtsgremiums den AOL-Gründer für den enttäuschenden Verlauf der Firmenehe zwischen AOL und Time Warner verantwortlich und wollen ihn loswerden. Aber Case weigert sich, seinen Posten aufzugeben.
Steve Case gehörte nie zu den beinharten, charismatischen Managern der alten Schule. Trotzdem wird er wohl einmal in einem Atemzug mit Management-Ikonen wie Ex-GE-Boss Jack Welch oder Wal-Mart-Gründer Sam Walton genannt werden. Weil er eine der größten Übernahmen der Geschichte einfädelte. Weil er damit den größten Medienkonzern der Welt schuf. Weil er zum Guru des Internet-Zeitalters wurde. Und weil er zweifellos eine der steilsten Karrieren überhaupt gemacht hat.
Dabei war Case nie ein technikverliebter Computerfreak. Sein Part war immer der des Verkäufers. Zunächst Saft und Zeitungen am Strand von Waikiki auf Hawaii, wo der Sohn eines Anwalts und einer Lehrerin aufwuchs. Nach seinem Politikstudium vermarktete er Putzmittel und Körperpflege bei Procter & Gamble. Danach folgten Pizzas - in der Entwicklungsabteilung von Pizza Hut. Und schließlich Computerspiele bei einer Start-up-Firma, die nach zwei Jahren pleite ging.
Mit zwei der Ex-Kollegen gründete Case 1985 ein neues Unternehmen, Quantum Computer Services, das schließlich 1989 in America Online, kurz AOL, umgetauft wurde. Elf Jahre später hatte der Internet-Dienst mehr als 20 Millionen Abonnenten und übernahm für 110 Milliarden Dollar den Mediengiganten Time Warner.
Woher kam dieser Erfolg? Wie konnte ein ruhiger, nachdenklicher Politikstudent, der bis heute Anzug und Krawatte möglichst meidet, an die Spitze des größten und mächtigsten Medienkonzerns der Welt gelangen? Es ist die große Begabung von Steve Case, zu seiner Botschaft zu stehen. "Die Kunden stehen im Zentrum meiner Welt", sagt er selbst. "Ich frage mich einfach ständig, wie können wir AOL interessanter, nützlicher, spaßiger und preiswerter machen?" Diese Botschaft hat sich nie geändert. Es ist das, was Case seit Jahren sagt, immer und immer wieder, "so oft, dass man ihn irgendwann dafür schlagen möchte", wie eine US-Journalistin kommentiert.
Das zweite große Talent von Case: Timing. Ein unglaubliches Fingerspitzengefühl dafür, was die Kunden als nächstes wollen und welcher Schritt das Unternehmen zu einem bestimmten Zeitpunkt weiterbringt. Case kaufte nacheinander den ältesten Online-Dienst Compuserve, den Software-Pionier Netscape und den Chat-Service ICQ. Und dann, als der Aktienkurs von AOL bei 95 Dollar seinen Höchststand erreichte, übernahm er Time Warner. Der Umsatz des Old-Economy-Konzerns war zu diesem Zeitpunkt mehr als fünf Mal so groß wie der von AOL.
Case zog sich nach der Fusion aus dem operativen Geschäft zurück und ging in den Verwaltungsrat. Er ist Milliardär, mit 44 Jahren. Allein von Anfang 1999 bis zum Mai dieses Jahres hat er AOL-Aktien im Wert von 425 Millionen Dollar verkauft. Angeblich legt er trotzdem keinen großen Wert auf Luxus, kommt nach wie vor in schlabbrigen Gap-Hosen ins Büro und isst in der Kantine. Am liebsten Truthahn-Sandwich. Privat ist er dann doch nicht so beständig gewesen - 1996 verließ Case nach elfjähriger Ehe seine Frau Joanne und die drei Kinder, um die damalige Pressesprecherin von AOL zu heiraten. Und auch die Hochzeit von AOL und Time Warner wird heute eher kritisch betrachtet: Der klassische Medienkonzern sei durch die Probleme des Internet-Dienstes geschwächt worden, sagen Kritiker. Der Aktienkurs ist seit der Fusion um 70 Prozent eingebrochen, noch dazu musste das Unternehmen erst kürzlich einräumen, fiktive Umsätze in Höhe von 49 Millionen Dollar verbucht zu haben. Außerdem ermittelt die Börsenaufsicht wegen Insidergeschäften.
Fast die gesamte Ex-Führungsriege von AOL ist inzwischen gegen Time-Warner-Leute ausgestauscht. Case aber will bleiben. Dass er sich noch lange halten kann, darf bezweifelt werden. Auf einer Internet-Seite von "USA Today" kann man darauf wetten, ob Case seinen Posten bis Ende des Jahres verliert. Es gibt bereits mehr als 1800 Mitspieler. Und derzeit haben die Case-Gegner knapp die Nase vorn.