Aktienbewertungen und Kursziele sind bedeutungslos


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das Zentrum d.:

Aktienbewertungen und Kursziele sind bedeutungslos

 
30.04.03 08:27
Veröffentlichte Details aus den Ermittlungen machen Ausmaß der Interessenkonflikte von Analysten deutlich

nks. NEW YORK, 29. April. Richard Grasso, der Chef der New Yorker Börse Nyse, nahm kein Blatt vor den Mund. "Es war eine der dunkelsten Perioden an der Wall Street", sagte Grasso zu den Praktiken in den Analyseabteilungen amerikanischer Investmentbanken während der Aktienhausse. Wie in einer Teilauflage bereits berichtet, haben die größten amerikanischen Investmentbanken Vorwürfe der Aufsichtsbehörden wegen Interessenkonflikten von Analysten jetzt endgültig beigelegt. Analysten war vorgeworfen worden, Anleger mit geschönten Aktienempfehlungen getäuscht zu haben, um für ihren Arbeitgeber lukrative Aufträge, zum Beispiel für Börsengänge (IPO), zu generieren. Die Banken kostet das insgesamt 1,4 Milliarden Dollar. Zudem werden Investmentbanking und Analyse in Zukunft wieder strikt getrennt. Drei Banken - Citigroup, Credit Suisse First Boston und Merrill Lynch - wurde Betrug vorgeworfen. Andere wurden der Verletzung von Richtlinien des Wertpapierhändlerverbandes NASD oder der Nyse bezichtigt. Zwei ehemalige Analysten, Jack Grubman von der Citigroup-Tochtergesellschaft Salomon Smith Barney und Henry Blodget von Merrill Lynch, müssen hohe Geldstrafen zahlen und werden aus der Branche verbannt. Grubman zahlt 15 Millionen Dollar, Blodget 4 Millionen Dollar.

In den von den Aufsichtsbehörden veröffentlichten Beispielen wurde deutlich, wie groß der Einfluß der Investmentbanker auf die Bewertung von Aktien bei allen Banken war. Für Anwälte von Privatanlegern dürften diese Details wertvolles Beweismaterial sein.

So warf die Börsenaufsicht SEC der Investmentbank Morgan Stanley vor, die Vergütung ihrer Analysten teilweise vom Investmentbanking abhängig gemacht zu haben. Der Chef der Analyseabteilung von Morgan Stanley, Dennis Shea, lobte im Jahr 2000 die Internetanalystin Mary Meeker, weil sie stark im Investmentbanking engagiert sei. In einer Selbsteinschätzung schrieb Meeker 1999: "Unter dem Strich ist mein höchster und bester Nutzen für MSDW (Morgan Stanley Dean Witter), die besten Mandate für Internet-IPO zu gewinnen." Meeker war auf dem Höhepunkt der Börsenhausse zusammen mit Henry Blodget eine der einflußreichsten Internetanalyten an der Wall Street. Sie arbeitet weiter bei Morgan Stanley.

Bei Goldman Sachs, wo die Entlohnung der Analysten ebenfalls teilweise vom Investmentbanking abhing, mußten Analysten Geschäftsziele vorbereiten und dabei Fragen beantworten wie: "Wieviel Zeit wird der IBD gewidmet?" IBD ist die Investmentbanking-Sparte von Goldman. Eine andere Frage an Analysten lautete: "Wie können Sie effektiver mit der IBD zusammenarbeiten, um die Chancen zu nutzen, die der Firma zur Verfügung stehen?" Auf die Frage, welches seine drei wichtigsten Ziele für 2000 seien, antwortete ein Goldman-Analyst: "1. Mehr Investmentbanking-Umsatz bekommen. 2. Mehr Investmentbanking-Umsatz bekommen. 3. Mehr Investmentbanking-Umsatz bekommen."

Bei UBS Warburg hielt eine Analystin die Kaufempfehlung für das Pharmaunternehmen Triangle Pharmaceuticals aufrecht, obwohl die Gefahr bestand, daß die Gesundheitsbehörde FDA einem wichtigen Medikament die Marktzulassung verweigern könnte. Als dieser Fall eintrat und die Aktie von Triangle um 23 Prozent einbrach, zeigte sich die Analystin nicht sonderlich überrascht. Gegenüber einem Manager des Aktienhandels bei UBS verteidigte die Analystin ihre Entscheidung: "Triangle ist ein sehr wichtiger Kunde (Der Firma). Wir konnten nicht mit einer großen Analyse rauskommen, die deren führendes Produkt verhaut, obwohl wir ein Gefühl hatten, daß die FDA störrisch werden könnte."

Bei Lehman Brothers hatten sechs der rund 100 Analysten Arbeitsverträge, die ihre Boni direkt von den Investmentbanking-Einkünften abhängig machten. Das führte zu Druck auf die Analysten, positive Bewertungen zu publizieren. Ein Lehman-Analyst beschwerte sich bei seinem Vorgesetzten, daß er in einem Jahr die Bewertung des Unternehmens RSL Communications dreimal senken wollte, aber aus Rücksicht auf das Investmentbanking davon abgehalten worden war. Ein anderer Analyst der Bank, der für das Unternehmen Razorfish zuständig war, faßte seine Berufsethik in einer E-Mail an einen institutionellen Anleger so zusammen: "Nun, Bewertungen und Kursziele sind sowieso ziemlich bedeutungslos,... ja, der ,kleine Mann' der sich nicht mit den Nuancen auskennt, könnte möglicherweise getäuscht werden, das ist die Natur meines Geschäfts."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2003, Nr. 100 / Seite 25



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