Mobilfunkanbieter, Sender und Gerätehersteller haben eine Kooperation beschlossen, um dem Handy-TV auf Grundlage der Übertragungstechnik DMB doch noch zum Durchbruch zu verhelfen. Dazu solle das Programmpaket mit dem Namen "Watcha" künftig von den Providern und Sendern gemeinsam beworben werden.
"Wir hoffen auf bis zu 40.000 neue Kunden", sagte Debitel-Vorstand Axel Rückert der FTD. Bislang zählt der bereits im Mai vergangenen Jahres gestartete DMB-Dienst weniger als 10.000 Kunden. Der Kooperation haben sich die Provider Debitel, Freenet und Simply, die Handyhersteller Samsung und LG sowie die ARD, das ZDF und die Senderbetreiber BigFM und Pro Sieben Sat 1 angeschlossen. Der Handelspartner Media-Saturn soll für ausreichend Vertriebsstärke zu Beginn des Weihnachtsgeschäfts sorgen. Die Kooperation hofft, sich so einen Vorsprung vor dem Start konkurrierender TV-Angebote der Mobilfunkbetreiber zu sichern.
Streit um die Technik
Vom Fernsehen auf Mobiltelefonen versprechen sich alle Gruppen erhebliche Umsätze. Gelingt der kommerzielle Start mit einer dauerhaften Lizenz vor Mitte kommenden Jahres, könnte Handy-TV bis 2012 fast neun Millionen Nutzer in Deutschland zählen, schätzt die Beratungsfirma Goldmedia. Voraussetzung dafür seien mehr als zehn Programme für ein überwiegend junges Publikum und konsequente Werbung.
Dem Markterfolg steht noch der Streit um die zugrunde liegende Technik entgegen: DVB-H oder DMB. Sowohl die europäischen Netzbetreiber als auch die weltgrößten Handyhersteller Nokia und Motorola haben sich zu DVB-H bekannt. Der Standard ist vom terrestrischen Digitalfernsehen DVB-T abgeleitet, über den in Deutschland in vielen Regionen TV-Programme für stationären Empfang ausgestrahlt werden.
DVB-H in der Favoritenrolle
Für das in Korea entstandene DMB setzen sich hingegen die dortigen Handyhersteller ein sowie das Kölner Unternehmen MFD: Es betreibt den "Watcha"-Dienst mit derzeit vier Programmen. Dieser soll bis Jahresende auf acht ausgebaut werden, ist aber nur in den Ballungszentren zu empfangen. Experten unterstellen DMB jedoch immer wieder, nicht effizient genug zu sein. Damit ist DVB-H in der Favoritenrolle. Unterstützung findet die Technik zunehmend auch in der Politik: Bis zum Sommer dieses Jahres solle sich die Branche auf DVB-H einigen, forderte vergangene Woche die zuständige EU-Kommissarin Viviane Reding. Anderenfalls könne sie sich gezwungen sehen, DVB-H anzuordnen.
Ein Alleingang könnte teuer werden
Ein zentrale Vorgabe aus Brüssel würde jedoch mit dem deutschen Medienrecht kollidieren. Bislang obliegt die Vergabe von Frequenzen und Lizenzen den Landesmedienanstalten. Zwar hatten sie erst vor wenigen Tagen sich auf ein bundesweites DVB-H-Versuchsprojekt geeinigt, eine endgültige Festlegung sieht Goldmedia-Experte Michael Schmid darin nicht: "Es besteht noch erhebliches Konfliktpotenzial: Vergeben etwa die Medienwächter die Lizenzen an die technischen Plattformbetreiber, drohen die Inhalteanbieter mit Klagen." Allerdings arbeitet die Zeit gegen und DMB-Anhänger: Länder wie Italien, Spanien und Frankreich haben sich bereits für den DVB-H-Standard entschieden. Ein deutscher Alleingang wäre für Netzbetreiber und Handyhersteller ein erhebliches Ärgernis: Sie müssten zwei Systeme in Europa unterstützen - ein teures Unterfangen.
Wettlauf um Technik
DVB-H Das "Digital Video Broadcasting for Handhelds" (DVB-H) erweitert die TV-Übertragungstechnik auf mobile Endgeräte. Der Standard existiert seit drei Jahren und basiert auf dem digitalen Antennenfernsehen DVB-T für den stationären Empfang. Das erste Handy-TV auf DVB-H-Basis startete der Netzbetreiber "3" im Sommer 2006 in Italien. Inzwischen nutzen mehr als 300.000 Kunden den Dienst""La3". Weitere Netze in Spanien und Frankreich sollen noch 2007 folgen. Üblich ist dabei eine Auflösung von 320 mal 240 Pixeln. DMB Der in Deutschland und Korea entwickelte Übertragungsstandard "Digital Multimedia Broadcasting" basiert auf dem digitalen Hörfunk DAB. In Deutschland startete der Provider Debitel im Juni 2006 mit der Vermarktung des Handy-TV auf DMB-Basis. Plattformbetreiber ist das Kölner Unternehmen Mobiles Fernsehen Deutschland (MFD). Das Programm kann jedoch nur in Ballungszentren empfangen werden. Die MFD-Lizenz ist auf acht Jahre befristet. In Korea nutzen etwa 600.000 Kunden das dort seit Herbst 2005 angebotene Handy-Fernsehen.