Russische Drohnen bedrohen Atomreaktor in Tschernobyl
TSCHERNOBYL (dpa-AFX) - Am Rande der Sperrzone um die Atomruine Tschernobyl wachen Polizisten mit Sturmgewehren und ein Radschützenpanzer am Kontrollpunkt Dytjatky. Wo einst Kioske mit Souvenirs für Katastrophentouristen standen, herrscht höchste Alarmstufe, weil seit 2022 Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine läuft. 40 Jahre nach der Atomkatastrophe ist die Sperrzone an der Grenze zu Belarus ein militärisches Hochsicherheitsgebiet.
Schilder warnen nicht nur vor Radioaktivität, sondern auch vor Landminen. Auf dem Weg nach Norden zu dem nach der Explosion 1986 stillgelegten Kraftwerk folgen ausgebaute Verteidigungsstellungen. Soldaten nehmen mit Axt und Spaten in dem radioaktiv belasteten Gebiet Ausbesserungsarbeiten vor.
"Willkommen im Atomkraftwerk Tschernobyl, dem schönsten Platz der Erde", sagt Kraftwerksdirektor Serhij Tarakanow sarkastisch zur Begrüßung. Der 45-Jährige trägt seit vergangenem Jahr nicht nur die Verantwortung für mehr als 2.200 Kraftwerksmitarbeiter, sondern auch für eines der wohl gefährlichsten Objekte in der Ukraine - mitten im Krieg.
"Wir beobachten jeden zweiten oder dritten Tag Drohnenflüge über der Tschernobyl-Sperrzone", erzählt Tarakanow. "Das ist eine sehr gefährliche Situation." Selbst wenn der Gegner die Anlage nicht treffen wolle, könnten Drohnen und Raketen durch elektronische Störsignale, menschliche Fehler oder Treibstoffmangel von der Flugbahn abweichen. Gefährlich sei auch ein Einschlag in einem Atommüllzwischenlager der Sperrzone. "Das kann bereits eine kritische Kettenreaktion auslösen", warnt er.
Am 26. April 1986 explodierte der Kernreaktor vier
Am 26. April 1986 geriet in der damaligen Sowjetrepublik Ukraine um 1.23 Uhr Ortszeit ein Test im AKW außer Kontrolle. Im Reaktor vier trat der Super-Gau ein, der größte anzunehmende Unfall. Die Detonation schleuderte radioaktive Teilchen in die Luft. Radioaktive Wolken breiteten sich bis nach Nord- und Westeuropa aus. Doch trafen sie neben der Nordukraine vor allem das benachbarte Belarus und den Westen Russlands.
Monatelang sonderte die offen daliegende Atomruine Strahlung in die Umgebung ab. Experten gehen von Zehntausenden Todesfällen aus. Mehr als 100.000 Menschen mussten die errichtete Sperrzone von circa 30 Kilometer um das radioaktiv belastete Gebiet verlassen.
Seit dem Krieg ist auch die Angst groß, dass von dem inzwischen gesicherten Reaktor neue Gefahren ausgehen. Erst wurde die Gegend vorübergehend vom 24. Februar bis Ende März 2022 durch russische Truppen besetzt. Dann schlug am 14. Februar 2025 eine russische Drohne iranischer Bauart in rund 85 Meter Höhe in den Stahlschutzschirm über dem havarierten Reaktor ein.
Drohneneinschlag wirft Tschernobyl um Jahre zurück
Der Einschlag verursachte laut einer Analyse der Umweltschutzorganisation Greenpeace auf der nordwestlichen Seite ein Loch von etwa 15 Quadratmetern in der äußeren und inneren Schale des Stahlbogens. Das unmittelbare Feuer konnte zwar damals schnell gelöscht werden, doch blieb der Schwelbrand der zur Abdichtung eingebauten Kunststoffbahnen noch knapp drei Wochen bestehen.
Die auf den ersten Blick überschaubaren Schäden haben starke Auswirkungen auf das hohe Bauwerk. Es fehle die Schutzfunktion, sagt der Kraftwerks-Vizedirektor Olexander Skomarochow. Die Abdichtung sei verloren gegangen und auch der Luftdruck unter dem Bogen könne nicht mehr gewährleistet werden. "Wir sind praktisch wieder zum Jahr 2016 zurückgekehrt, als es diesen Bogen nicht gab. Jetzt haben wir nur ein Überzelt", sagt er.
Zumindest gelang eine notdürftige Schließung des Lochs. "Sie ist nicht luftdicht, aber sie schützt immerhin vor dem Eindringen von Niederschlägen", sagt Skomarochow. Die ursprüngliche Funktion die Luftfeuchtigkeit unter dem Schutzschirm unter 40 Prozent zu halten, um Korrosion zu vermeiden, kann jedoch nicht mehr gewährleistet werden.
Schutzbogen aus Stahl muss repariert werden
Seit 2016 gibt es den 100 Meter hohen stählernen Schutzbogen über dem Betonsarkophag des havarierten Reaktors. Die Kosten: zwei Milliarden Euro. Er sollte eigentlich eine neue Phase in der Bewältigung der bisher größten Atomkatastrophe in der zivilen Nutzung der Kernenergie einläuten. Präsident Wolodymyr Selenskyj rief 2021 sogar eine "Wiedergeburt" des Sperrgebiets und dessen wirtschaftliche Erschließung aus, die über bereits errichtete Solaranlagen hinaus gehen sollte.
Die Reparaturen sollen von einer französischen Firma vorgenommen werden. "Die gute Nachricht ist, dass sie einen Weg sehen, wie die Funktionalität wieder hergestellt werden kann, ohne den Stahlbogen zu bewegen", sagt Kraftwerksdirektor Tarakanow. Er hat auch eine schlechte Nachricht: Beginnen können die Arbeiten erst nach einem Kriegsende, das nicht in Sicht ist.
Zudem werden die Reparaturkosten bisher mit rund 500 Millionen Euro veranschlagt. "Doch da gibt es eine Menge Unsicherheiten", warnt der Kraftwerkschef. Dennoch hofft er auf einen Abschluss der Arbeiten bis 2030. Dafür muss nur noch das Geld aufgetrieben werden. "Wir gehen aber davon aus, dass die Geberstaaten uns früher oder später helfen werden."/ast/DP/stk
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