Gold als stabiler Hafen in stürmischen Zeiten: Gründe für die anhaltende Rekordrally
Goldpreis erreicht neue Dimensionen
Der Goldpreis setzt seine beispiellose Rally fort. Am Donnerstag erreichte der Spotpreis mit 3.896,49 US-Dollar je Feinunze ein neues Allzeithoch. Am Freitagvormittag (Stand: 11:28 Uhr GMT) notierte Gold (Goldkurs) bei 3.861,04 US-Dollar, was einem leichten Tagesplus von 0,1 % entspricht. Damit summiert sich der Wochengewinn auf 2,7 %. Dies wäre bereits der siebte Wochenanstieg in Folge. Die Dezember-Futures auf Gold legten ebenfalls zu und notierten bei 3.884,30 US-Dollar je Unze.
Die Dynamik hinter dem Höhenflug ist dabei vielschichtig. Geopolitische Unsicherheiten, ein lähmender US-Shutdown und die Erwartungen an eine zunehmend lockerere Geldpolitik in den Vereinigten Staaten bilden den aktuellen Nährboden für die Rekordjagd.
US-Haushaltsstreit lähmt Wirtschaftsdaten und stärkt Gold
Der anhaltende Regierungsstillstand in den USA, der bereits seit drei Tagen andauert, hat die Veröffentlichung zentraler Wirtschaftsdaten verzögert. So wurde etwa der für Freitag angesetzte Arbeitsmarktbericht außerhalb der Landwirtschaft nicht publiziert.
Ersatzweise veröffentlichte Zahlen aus privaten und öffentlichen Quellen deuten auf eine Stagnation am US-Arbeitsmarkt im September hin. Die Einstellungsdynamik bleibt verhalten, die Arbeitslosenquote unverändert. Die unsichere wirtschaftliche Lage in Kombination mit dem politischen Stillstand verstärkt das Interesse an Gold als Krisenwährung.
Institutionelle Investoren verschieben ihre Allokationen
Ein bemerkenswerter Treiber der aktuellen Entwicklung ist die verstärkte Nachfrage institutioneller Anleger. Laut dem World Gold Council flossen allein im laufenden Monat bereits 98 Tonnen Gold in ETFs, zwei Drittel davon in den USA.
John Reade, Chefmarktstratege des World Gold Council, beobachtet eine neue Risikoeinschätzung unter US-Investoren: „Die Gründe, die in den letzten zwölf Monaten zum Goldkauf geführt haben, sind weiterhin vorhanden.“ Besonders bemerkenswert: Im Gegensatz zur April-Rally, die von chinesischer Nachfrage geprägt war, dominiert nun die US-Investorenschaft.
Misstrauen gegenüber US-Dollar und Staatsanleihen wächst
Zunehmende Skepsis gegenüber der finanziellen Stabilität der USA erschüttert klassische Anlagekonzepte. Die Zeiten, in denen US-Staatsanleihen als uneingeschränkt sicher galten, scheinen vorbei. Die hohe Staatsverschuldung, die Bonitätsabstufung durch Ratingagenturen und politische Unsicherheiten sorgen für Vertrauensverluste.
Eric Weisman, Chefökonom des Asset Managers MFS, macht dafür die Finanzpolitik der Trump-Regierung verantwortlich. Auch Ray Dalio, Gründer von Bridgewater Associates, sieht eine langfristige Vertrauenskrise bei klassischen Währungen. Gold und alternative Assets könnten daraus als Profiteure hervorgehen.
Neue Portfoliostrategien: Goldanteil steigt
Selbst große Banken und Fondsmanager stellen traditionelle Portfoliomodelle infrage. Mike Wilson, CIO bei Morgan Stanley, schlägt eine Umverteilung des klassischen 60/40-Portfolios (Aktien/Anleihen) in ein 60/20/20-Modell vor – wobei 20 % in Gold investiert werden sollen.
Auch Jeffrey Gundlach von DoubleLine Capital, bislang ein klassischer Bond-Investor, hält eine Goldquote von 25 % im Portfolio für „nicht verrückt“. Damit rückt das Edelmetall zunehmend ins Zentrum institutioneller Strategien.
Bröckelnde Korrelationen: Gold entkoppelt sich vom Zins
Traditionell galt: Hohe Zinsen drücken den Goldpreis. Doch diese Faustregel verliert an Bedeutung. Trotz zwischenzeitlich über vier Prozent Rendite auf 10-jährige US-Staatsanleihen hat Gold neue Höchststände erreicht. Die Korrelation zwischen Zinsen und Goldpreis scheint sich aufzulösen.
Ronald Stöferle, Fondsmanager bei Incrementum, spricht von einer „schleichenden Verschiebung“: „Gold nimmt den Anleihen Stück für Stück etwas vom Portfolio-Kuchen weg.“ Besonders in einem stagflationären Umfeld wie dem aktuellen – also stagnierender Konjunktur bei gleichzeitig steigenden Preisen – erweist sich Gold als stabilisierender Faktor.
Politische Einflussnahme auf die Fed – eine Gefahr für den Dollar (Dollarkurs)?
Mit Sorge blicken Märkte auf zunehmende politische Einflussversuche gegenüber der US-Notenbank. US-Präsident Trump versucht, über personelle Veränderungen im Board of Governors Einfluss auf die Geldpolitik zu nehmen. Zuletzt wurde Stephen Miran, ein wirtschaftlicher Berater Trumps, als Nachfolger der zurückgetretenen Fed-Gouverneurin Adriana Kugler eingesetzt.
Miran stimmte bei seiner ersten Sitzung im Gegensatz zur Mehrheit des Gremiums für eine Zinssenkung um 0,5 Prozentpunkte und entsprach damit direkt dem Wunsch Trumps. Die Fed senkte letztlich nur um 0,25 Punkte, doch die Signalwirkung bleibt: Die Unabhängigkeit der US-Zentralbank steht infrage.
Rückblick auf die 1970er: Parallelen zur Goldrally von 1980
Historische Parallelen sind nicht zu übersehen: In den 1970er-Jahren hob Präsident Nixon die Goldbindung des Dollars auf, um größere Schulden machen zu können. Die Folge war eine stark steigende Inflation und eine massive Goldrally, die 1980 in einem inflationsbereinigten Rekordhoch von 850 US-Dollar mündete. Dieses Niveau wurde erst 2025 real übertroffen.
Auch damals stand die Unabhängigkeit der Notenbank unter politischem Druck – ein Szenario, das sich heute in Teilen zu wiederholen scheint. Entsprechend wachsam reagieren Anleger.
Fed-Chef Powell als letzte Bastion?
Jerome Powell, aktueller Vorsitzender der US-Notenbank, hält bislang gegen den Druck der Exekutive stand. Doch seine Amtszeit endet im nächsten Jahr und mit einem Präsidenten Trump könnte ein Fed-naher Kandidat folgen.
Philip Newman von Metals Focus warnt: „Die Markterwartungen und die Projektionen der Fed klaffen auseinander.“ Die Fed signalisiert für 2026 nur eine weitere Zinssenkung. Derzeit rechneten die Märkte mit bis zu drei. Das Vertrauen in eine langfristig unabhängige Fed ist angeschlagen.
Fazit: Gold bleibt Profiteur globaler Unsicherheit
Mit einem Plus von rund 48 % seit Jahresbeginn und einer starken Dynamik in den letzten Wochen untermauert Gold seine Position als weltweit anerkanntes Krisenasset. Die Kombination aus politischer Unsicherheit, geldpolitischem Paradigmenwechsel, wachsender Skepsis gegenüber Staatsanleihen und zunehmendem Misstrauen gegenüber dem Dollar treibt institutionelle wie private Anleger vermehrt in das Edelmetall.
Mehrere Investmenthäuser, darunter die Deutsche Bank (4.000 USD bis Jahresende) und die UBS (3.900 USD bis 2026) passen ihre Prognosen bereits nach oben an. Gold hat seinen Platz im modernen Portfolio nicht nur als Versicherung, sondern als strategische Allokation. zurückerobert.