Wo mit Werkzeugen und Lebensmitteln Steuern bezahl


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sir charles:

Wo mit Werkzeugen und Lebensmitteln Steuern bezahl

 
12.04.02 11:26
Wo mit Werkzeugen und Lebensmitteln Steuern bezahlt werden

In Argentinien ist die Ruhe nach dem Sturm trügerisch: Wirtschaft, Bildungs- und Gesundheitswesen zerfallen.


Nicht nur volkswirtschaftliche Daten sagen etwas über den Zustand eines Landes aus. Manchmal tut es auch ein Verkehrsunfall, zum Beispiel jener, der sich jüngst 300 km von Buenos Aires entfernt auf einer Autobahnauffahrt nahe der argentinischen Stadt Rosario ereignete.

Ein Viehtransporter stürzte um, und es dauerte nicht lange, bis 400 Menschen aus den nahen Armensiedlungen zusammengelaufen waren. Als sie immer vehementer die 22 im Anhänger eingekeilten Kühe für sich forderten, mußte die Polizei den Unfallort abschirmen. Glücklicherweise beschloß der Besitzer, das Vieh sei für ihn wertlos geworden. Die Leute schlachteten und zerteilten die Kühe mit Messern hastig noch an Ort und Stelle.


Argentinien hat sich nach den Supermarkt-Plünderungen und Straßenrevolten im Dezember dem äußeren Anschein nach stabilisiert. Präsident Eduardo Duhalde ist schon fast drei Monate im Amt, während sein Vorgänger die politischen Turbulenzen nach dem Abgang des Vorvorgängers Fernando De la Rúa nur sechs Tage lang durchstand.

Doch die Ruhe trügt. Genauso wie an der Autobahnauffahrt bei Rosario gibt es täglich Konfrontationen zwischen der Polizei und Bürgern, die nur um Haaresbreite nicht in Gewalttätigkeit enden. Im Hintergrund läuft ein weniger spektakulärer, aber umso nachhaltigerer Prozeß ab: Die Wirtschaft, das Bildungswesen, das Gesundheitssystem eines Landes, das sich als europäisch begreift, zerfallen. Politiker, die Beschlüsse fassen, und Richter, die sie wieder aufheben, ringen darum, wer in dem bankrotten Staat am längeren Hebel sitzt. Es sind die selben, die Argentinien ruiniert haben.


Tauschen statt Zahlen

Mittendrin muß die große Mehrheit der 37 Millionen Menschen schauen, wie sie über die Runden kommt. Im beständig wachsenden Slumgürtel der Zehn-Millionen-Stadt Buenos Aires herrscht die blanke Not eines Entwicklungslandes. Die Mittelklasse kämpft dagegen, daß sie dorthin abrutscht. Weil die Arbeitslosigkeit irgendwo jenseits der 20 Prozent liegt und die Regierung den Sparern aus Angst vor einem Bankenkollaps seit Anfang Dezember nicht mehr erlaubt, größere Beträge abzuheben, geht es in Riesenschritten zurück zur Naturalienwirtschaft.

Die Behörden von Berisso, einer Kleinstadt nicht allzu weit von Buenos Aires, akzeptieren nun auch Lebensmittel und Werkzeug als Bezahlung der Gemeindesteuern. Sogar im noblen Barrio Norte von Buenos Aires, das Evita Peron in ihren Brandreden gegen die Oligarchie einst bombardieren lassen wollte, gibt es schon einen Tauschmarkt.

Dort sitzt Maria Ines Villanueva und bietet Änderungsarbeiten an Kleidern an. Einen Reißverschluß zu ersetzen kostet vier "créditos". Das ist die auf Papier samt Wasserzeichen gedruckte "Währung", die innerhalb der Tauschmärkte gilt. "Ich habe 20 Jahre in einem Büro gearbeitet", erzählt die 55jährige. "Dann habe ich ein kleines Textilgeschäft aufgemacht. Aber die Nachfrage war gering, und die Hyperinflation Anfang der 90er Jahre hat das Geschäft endgültig ruiniert."

Gemeinsam mit ihrem Mann, einem Beamten, hat sie seinerzeit eine kleine Wohnung gekauft, die noch vier Jahre lang abbezahlt werden muß. Señora Villanueva fürchtet, daß die Kreditraten wegen der Entwertung des Peso bald deutlich angehoben werden. "Aus lauter Angst nehme ich Beruhigungsmittel. Meiner Schwester haben sie die Raten schon erhöht. Wo gehe ich hin, wenn wir nicht mehr zahlen können?"


Zum Umstand, daß die Leute nach vier Jahren Rezession kaum noch Geld haben, kommt hinzu, daß es immer weniger wert wird. Seit dem Ende der Parität zwischen Peso und Dollar Anfang Jänner hat der Peso um 70 Prozent an Wert verloren. Außer Rindfleisch und Getreide gibt es nicht viele profitträchtige Exportprodukte, aber sehr viel, was immer teurer importiert werden muß.

Die Abwärtsspirale, die von der Rezession in Gang gesetzt wurde, wird durch die Geldknappheit, die Abwertung und die drohende Inflation immer länger. Mit allen gesetzlichen Mitteln und wirtschaftspolitischen Tricks sucht die Regierung Duhalde Preissteigerungen zu verhindern, was ihr aber nur zum Teil gelingt. Medikamente, Benzin, Waschmittel sind teurer geworden, da die ausländischen Produzenten bei den bisherigen Preisen in Pesos keinen Gewinn mehr machen würden.

Jene Minderheit, die noch Bargeld hat, kauft auf Vorrat ein, um der Teuerung zu entkommen. "Meine Tochter ist ein Monat alt und wiegt drei Kilo. Aber ich kaufe schon Windeln für Kinder von neun Kilo, denn der Preis geht sicher weiterhin nach oben", sagt der junge Vater Agustino García im Shoppingcenter Paseo Alcorta, wo es einen der größten Supermärkte der Stadt gibt.

Flucht ins Ausland

Die Umsatzzahlen der Geschäfte sind dramatisch gesunken. Nur zwei Branchen sind besser dran als sonst: Reparaturwerkstätten sowie Speditionen, die Umzüge ins Ausland abwickeln. Die wenigen Reichen gehen in die USA, die weniger Reichen, die von ihrer Hände Arbeit leben, stellen sich Nacht für Nacht vor dem spanischen und italienischen Konsulat an und hoffen auf eine Aufenthaltserlaubnis, weil doch die Großeltern auf der Suche nach Arbeit und Brot von dort kamen.

Wirklich Abhilfe würden nur Maßnahmen schaffen, die politisch nach wie vor nicht durchsetzbar sind. Die Rolle der mächtigen Gewerkschaften etwa, die zuallerletzt die Interessen der Arbeiter vertreten, ist höchst fragwürdig. Die sonst hemdsärmelig und laut auftretenden Bosse sind jetzt, wo es um die Suche nach Wegen aus der Krise geht, von der Bildfläche verschwunden. Bundes-, Provinz- und Gemeindepolitiker sind noch immer nicht bereit, auf einen Teil ihrer Ansprüche zu verzichten.

Anfang Februar hatten Präsident Duhalde und die Provinzgouverneure einen Pakt geschlossen, wonach das Bundes- wie die Landesparlamente verkleinert und die den Volksvertretern zustehenden Gelder gekürzt werden sollten. Laut Gesetz verfügt jeder Senator über 30.000 Pesos (das entspricht etwa 50 durchschnittlichen Monatseinkommen), die er ohne jede parlamentarische Kontrolle als "Stipendien" und "Unterstützungen" unter seinen Günstlingen verteilen kann. Weil der Abschied von der Klientelwirtschaft schwer fällt, wurde der Pakt bisher nicht einmal ansatzweise umgesetzt.

Der pensionierte Chemie-Ingenieur Urbano Ruiz ist ein Beispiel für die im Land festsitzenden Verzweifelten. Er lebte stets in dem Bewußtsein, in einem zugegebenermaßen miserabel regierten, aber doch wohlhabenden Land zu leben, das das Potential habe, zur ersten Welt zu gehören. Sein positive Einstellung hat sich ins Gegenteil verkehrt. Er hat keine großen Hoffnungen mehr auf einen Aufschwung. Die Bank zahlt ihm seine Ersparnisse nicht aus, und die Pesos, die er hat, sind im Ausland nichts mehr wert, Europa ist unerreichbar geworden.


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