Wie soll der Ölpreis vorausgesagt werden, wenn noch nicht einmal der aktuelle erklärt werden kann? Und warum finden hohe Prognosen mehr Gehör als moderate?
Vor der aktuellen Ölpreisblase sind alle gleich: der berühmte kleine Mann auf der Straße, der Politiker, die Banker und der Ölexperte. Keiner hat eine Erklärung für den heutigen Ölpreis - vom morgigen ganz zu schweigen. Dafür, dass Öl gemeinhin als Schmiermittel der Weltwirtschaft gilt, ist das schon erstaunlich, oder besser gesagt erschreckend.
Man ist sich noch nicht mal einig, ob fundamentale Gründe oder die famosen Spekulanten der Auslöser sind. Über den langfristigen Trend herrscht wenigstens Konsens: Die Förderkosten steigen, Öl ist endlich, und wehe, wenn Chinesen und Inder auch nur halbwegs so viel pro Kopf wie wir verbrauchen wollten. Dann helfen alle hiesigen Sparanstrengungen nur wenig - in Deutschland wird heute nur so viel Öl verbraucht wie schon 1968. Doch warum der aktuelle Preisschub just zur Abkühlung der Weltwirtschaft serviert wird, ist vielen rätselhaft. Rätselhafter als der Umstand, dass die Ölfirmen als vermeintliche Gewinner der Preisblase an der Börse eine Nullrunde hingelegt haben, während sich der Ölpreis um 67 Prozent verteuert hat - alles in Euro gerechnet.
Eine menschliche Schwäche erschwert den Erkenntnisgewinn der aktuellen Debatte: Anhänger der Spekulantentheorie und Anhänger fundamentaler Erklärungsmuster erliegen der "Bestätigungsverzerrung" - man sucht stets nach Bestätigung der vorgefassten eigenen Meinung. Die Strategen der Société Générale haben den Beitrag dieser eingeschränkten Wahrnehmung kürzlich auf die Blasenbildung an Finanzmärkten untersucht. Um der Gefahr einseitiger Informationsauslese zu begegnen, raten sie, dass man aktiv gerade jene Argumente sammeln sollte, die der eigenen These widersprechen. Vielleicht hätten sich dann Medien und Märkte nicht so auf die von Goldman Sachs im Mai ausgerufene mittelfristige 200-$-Marke beim Öl konzentriert, sondern auf die 75 $, die 2012 für möglich gehalten werden. Doch es scheint, als wollten zunächst alle erst mal die 150-$-Marke sehen, auch die Leerverkäufer. Mal sehen, was danach passiert.
Aus der FTD vom 24.06.2008
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