Aus der FTD vom 25.10.2001
Das Kapital: Wie die Geldschwemme die Börse treibt
Geld regiert die Welt. Und gegenwärtig wird es im Rekordtempo gedruckt. In den USA ist die Geldmenge M1 im September aufs Jahr hochgerechnet um 45 Prozent gestiegen. Das hat es in den vergangenen 30 Jahren nie gegeben, selbst vor der Umstellung auf das Jahr 2000 nicht.
Die breiteren Geldmengenaggregate M2 und M3 sind jeweils um über 20 Prozent gewachsen, was - mit einer Ausnahme bei M2 - ebenfalls Rekorde in dieser Zeit sind. In den ersten beiden Oktoberwochen ist M1 wieder zurück gegangen, aber M2 und M3 halten sich auf hohen Niveaus. Auch in Europa und vor allem in Japan ist der Geldhahn nicht eben bis zum Anschlag zu. Nach CSFB ist die globale Überschussliquidität so hoch wie nie seit 1980. Die Börsen haben´s honoriert.
Sie werden es auch weiter tun. Die Frage ist nur, ob mit einer Unterbrechung - oder gar erst nach einer vorherigen (scharfen) Korrektur. Es gibt drei Gründe für die Hausse: Der erste und vorläufig wichtigste ist die schon angesprochene Liquidität - und weitere Zinssenkungen werden folgen, vielleicht schon am Donnerstag von der EZB. Der zweite ist, dass die immensen konjunkturpolitischen Maßnahmen in den USA, die mit einem fallenden Ölpreis und sinkenden Inflationsraten zusammentreffen, vermutlich schon im Frühjahr 2002 Wirkung zeigen werden. Der dritte Grund ist, dass Aktien nach den Modellen der Strategen als billig gelten.
Auch Horrortage wegstecken
So kommt es, dass die Börse selbst einen nachrichtlichen Horrortag wie den Mittwoch locker wegstecken. AT&T, Kodak, Sears, DuPont, AMR, USA Networks, Viacom , Honeywell , Amazon, Fujitsu, Aiwa, ABB, Pro Sieben, Software AG und selbst Beate Uhse sind nur einige der Firmen, deren Berichte man lieber nicht zur Hand nehmen möchte.
Aber es gibt Fallgruben. Genau wie im vergangenen Jahr werden die Zentralbanken bei einer Stabilisierung der Wirtschaft wieder versuchen müssen, das überschüssige Geld aus dem System herauszusaugen. Die US-Wirtschaft wird zwar für ein, zwei Quartale mächtige Wachstumsraten vorlegen. Aber sie werden entweder nicht von Dauer sein oder bald durch geldpolitisches Gegensteuern konterkariert werden. Aus den Fugen geraten, wie die US-Wirtschaft ist, spricht viel für das erste Szenario. Im Schnitt sind Aktien auch nicht billig. Sie wären es, wenn der Rentenmarkt völlig daneben läge - nicht nur jetzt, auch in Zukunft. Aber das kann man vergessen. Selbst im besten Fall erlaubt schon die aktuelle Bewertung eine langfristige Aktienrendite von kaum mehr als 7,5 Prozent, inklusive Dividenden.
Von Charttechnik mag man halten, was man will. Aber die Vertreter der Elliot-Wellen-Theorie haben den Absturz der Börsen ganz gut prognostiziert. Sie sagen jetzt, dass der Markt die alten Tiefstände testen muss, bevor es richtig bergauf geht. Und selbst dann gilt es, immer auf der Hut zu bleiben.
Diageo
Wer doppelt sieht, dem droht ein Kater. Der Alkoholriese Diageo lernt das auf schmerzliche Art. In der Rummarke Captain Morgan sahen die Briten die ideale Ergänzung zum hauseigenen Malibu. Deshalb kauften sie Seagram , den Inhaber der Vertriebsrechte an Captain Morgan. Nach Aufteilung der Beute mit Pernod sollte Diageo auch im Rumsegment eine führende Stellung erobern.
Das hat die amerikanische Kartellbehörde FTC verhindert - und Diageo damit mächtige Kopfschmerzen beschert. Zwar ist die FTC zu einer Einigung bereit und nennt Rum als das einzige Problemsegment. Die kanadischen Wettbewerbshüter haben dem Deal zugestimmt. Und auch die Finanzierung ist nach dem von der FTC abgesegneten Verkauf von Diageos Nahrungsmittelsparte Pillsbury gesichert. Aber von einer der beiden Rummarken wird sich Diageo wohl trennen müssen.
Am Ende ohne Rum
Das Dilemma dabei: Wenn Diageo das viel kleinere Kokosnussgebräu Malibu verkauft, könnte es am Ende ohne Rummarke dastehen. Denn die Rechte an Captain Morgan stehen auf wackligen Beinen. Der Hersteller von Captain Morgan würde sie nach dem Kontrollwechsel bei Seagram lieber an Diageos Erzrivalen Allied Domecq vergeben. Ein Gerichtsverfahren ist in Porto Rico anhängig und könnte sich noch über Jahre hinziehen.
Soviel Zeit hat Diageo nicht. Verkäufer Vivendi Universal drängt auf einen schnellen Abschluss. Wahrscheinlich sind außergerichtliche Vergleiche und der anschließende Verkauf von Malibu. In beiden Fällen wird Diageo ungünstige Bedingungen hinnehmen müssen. Das wird die von vielen Analysten erwartete Rallye zumindest dämpfen.
Diageo ist mit dem Elffachen des laufenden Gewinns vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) bewertet. Das entspricht etwa dem Sektorenschnitt. Als Weltmarktführer würde die Firma einen Aufschlag verdienen. Trotzdem bleibt der Wert riskant. Die späten 90er Jahre waren berauschend, aber seit 1975 ist der Spirituosenkonsum in Amerika um 20 Prozent gefallen. Die schlimmsten Folgen von Saufgelagen werden manchmal erst nach Jahren spürbar.
© 2001 Financial Times Deutschland