Wie in den Dreißiger Jahren?
Von Bernd Niquet
Natürlich ist heute sehr vieles völlig anders als zur Zeit der großen Weltwirtschaftskrise in den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Und trotzdem sind einige Parallelitäten erschreckend. Ich sehe in der Hauptsache Folgendes:
(1) Damals wie heute hatten wir eine riesige Börsenhausse mit grotesker Überspekulation und anschließendem heftigen Zusammenbruch.
(2) Im Anschluss daran erlebten wir damals wie heute den Eintritt in ein deflationäres Szenario – und dies beide Male in Verbindung mit einer extremen Fehlhaltung der Politik, zumindest hierzulande. In den Jahren nach 1929/1930 zeigte sich die Geldpolitik weltweit viel zu restriktiv. Einerseits konnte man aus den Fesseln des Goldstandards nicht heraus, andererseits wollte man auch gar nicht anders handeln. Der Schrecken hieß damals wie heute „Inflation“, weswegen die einsetzende deflationäre Tendenz sogar freudig begrüßt wurde.
Niemand konnte sich jedoch tatsächlich eine Deflationsspirale vorstellen. Damals wie heute. Und was die Geldpolitik in den Dreißiger Jahren verbockt hat, das verbockt heute die Fiskalpolitik. Wir versuchen, in der Krise das Budget zu konsolidieren, reagieren auf sinkende Preise und Nachfrageausfall nicht mit einem Gegensteuern, sondern mit Kostensenkungen, die ihrerseits zu erneuten Preissenkungen und Nachfragerückgängen führen und weiter führen werden.
(3) Als Reaktion darauf „fransen“ die Ränder unseres politischen Spektrums immer weiter aus. Damals wie heute. Man braucht kein Prophet zu sein, um prognostizieren zu können, dass die Union, die derzeit versucht, es allen recht zu machen, mindestens genauso so schwer scheitern wird wie die SPD. Derzeit formiert sich gerade eine neue Linke in der Folge des Schiffbruchs der SPD. Was wird jedoch 2009 (oder früher) passieren, wenn die Union gescheitert ist?
Die großen Volksparteien waren stark im Aufschwung, weil sie die Fähigkeit gezeigt haben, die Interessen zu bündeln, jeden mitzunehmen, jedem etwas zu geben. In der Rückwärtsbewegung wird aus der damaligen Stärke nun jedoch eine Schwäche. Denn die Volksparteien schaffen es nicht, das Füllhorn zu schließen und die Perspektive auf das wirklich Notwendige zu verengen. Alles, was weh tut, führt zur sofortigen Abwahl und stärkt die großen Illusionisten auf der linken wie rechten Seite.
(4) Es gibt jedoch einen einzigen Garanten für die Stabilität unser gegenwärtigen Welt – und das sind die von so vielen verhassten und kritisierten Vereinigten Staaten von Amerika. Die lockere Geldpolitik und das Leistungsbilanzdefizit der USA halten die halbe Welt wirtschaftlich über Wasser. Sie sind die Muttermilch, von der wir alle leben. Das ist der große Unterschied zu den Dreißiger Jahren des letzen Jahrhunderts. Heute gibt es einen „Big Spender“ und „Lender of last resort“. Damals gab es das nicht, deswegen sind damals die Lichter ausgegangen. Heute gibt es das, deswegen sieht es heute vergleichsweise gut aus.
Die große Frage ist daher, wie lange das so weitergeht. Meine Tochter hat vier Jahre gebraucht, um von der Milchflasche wegzukommen. In Europa schreiben wir heute bereits das Jahr fünf nach dem Crash. Bis heute ist alles gut gegangen. Bei einem so extremen Verhalten und einer so einseitigen Ernährung werden die Risiken jedoch jeden Tag größer.
Von Bernd Niquet
Natürlich ist heute sehr vieles völlig anders als zur Zeit der großen Weltwirtschaftskrise in den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Und trotzdem sind einige Parallelitäten erschreckend. Ich sehe in der Hauptsache Folgendes:
(1) Damals wie heute hatten wir eine riesige Börsenhausse mit grotesker Überspekulation und anschließendem heftigen Zusammenbruch.
(2) Im Anschluss daran erlebten wir damals wie heute den Eintritt in ein deflationäres Szenario – und dies beide Male in Verbindung mit einer extremen Fehlhaltung der Politik, zumindest hierzulande. In den Jahren nach 1929/1930 zeigte sich die Geldpolitik weltweit viel zu restriktiv. Einerseits konnte man aus den Fesseln des Goldstandards nicht heraus, andererseits wollte man auch gar nicht anders handeln. Der Schrecken hieß damals wie heute „Inflation“, weswegen die einsetzende deflationäre Tendenz sogar freudig begrüßt wurde.
Niemand konnte sich jedoch tatsächlich eine Deflationsspirale vorstellen. Damals wie heute. Und was die Geldpolitik in den Dreißiger Jahren verbockt hat, das verbockt heute die Fiskalpolitik. Wir versuchen, in der Krise das Budget zu konsolidieren, reagieren auf sinkende Preise und Nachfrageausfall nicht mit einem Gegensteuern, sondern mit Kostensenkungen, die ihrerseits zu erneuten Preissenkungen und Nachfragerückgängen führen und weiter führen werden.
(3) Als Reaktion darauf „fransen“ die Ränder unseres politischen Spektrums immer weiter aus. Damals wie heute. Man braucht kein Prophet zu sein, um prognostizieren zu können, dass die Union, die derzeit versucht, es allen recht zu machen, mindestens genauso so schwer scheitern wird wie die SPD. Derzeit formiert sich gerade eine neue Linke in der Folge des Schiffbruchs der SPD. Was wird jedoch 2009 (oder früher) passieren, wenn die Union gescheitert ist?
Die großen Volksparteien waren stark im Aufschwung, weil sie die Fähigkeit gezeigt haben, die Interessen zu bündeln, jeden mitzunehmen, jedem etwas zu geben. In der Rückwärtsbewegung wird aus der damaligen Stärke nun jedoch eine Schwäche. Denn die Volksparteien schaffen es nicht, das Füllhorn zu schließen und die Perspektive auf das wirklich Notwendige zu verengen. Alles, was weh tut, führt zur sofortigen Abwahl und stärkt die großen Illusionisten auf der linken wie rechten Seite.
(4) Es gibt jedoch einen einzigen Garanten für die Stabilität unser gegenwärtigen Welt – und das sind die von so vielen verhassten und kritisierten Vereinigten Staaten von Amerika. Die lockere Geldpolitik und das Leistungsbilanzdefizit der USA halten die halbe Welt wirtschaftlich über Wasser. Sie sind die Muttermilch, von der wir alle leben. Das ist der große Unterschied zu den Dreißiger Jahren des letzen Jahrhunderts. Heute gibt es einen „Big Spender“ und „Lender of last resort“. Damals gab es das nicht, deswegen sind damals die Lichter ausgegangen. Heute gibt es das, deswegen sieht es heute vergleichsweise gut aus.
Die große Frage ist daher, wie lange das so weitergeht. Meine Tochter hat vier Jahre gebraucht, um von der Milchflasche wegzukommen. In Europa schreiben wir heute bereits das Jahr fünf nach dem Crash. Bis heute ist alles gut gegangen. Bei einem so extremen Verhalten und einer so einseitigen Ernährung werden die Risiken jedoch jeden Tag größer.