Wie in den Dreißiger Jahren?


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daxbunny:

Wie in den Dreißiger Jahren?

 
18.06.05 13:06
Wie in den Dreißiger Jahren?

Von Bernd Niquet
Natürlich ist heute sehr vieles völlig anders als zur Zeit der großen Weltwirtschaftskrise in den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Und trotzdem sind einige Parallelitäten erschreckend. Ich sehe in der Hauptsache Folgendes:

(1) Damals wie heute hatten wir eine riesige Börsenhausse mit grotesker Überspekulation und anschließendem heftigen Zusammenbruch.

(2) Im Anschluss daran erlebten wir damals wie heute den Eintritt in ein deflationäres Szenario – und dies beide Male in Verbindung mit einer extremen Fehlhaltung der Politik, zumindest hierzulande. In den Jahren nach 1929/1930 zeigte sich die Geldpolitik weltweit viel zu restriktiv. Einerseits konnte man aus den Fesseln des Goldstandards nicht heraus, andererseits wollte man auch gar nicht anders handeln. Der Schrecken hieß damals wie heute „Inflation“, weswegen die einsetzende deflationäre Tendenz sogar freudig begrüßt wurde.

Niemand konnte sich jedoch tatsächlich eine Deflationsspirale vorstellen. Damals wie heute. Und was die Geldpolitik in den Dreißiger Jahren verbockt hat, das verbockt heute die Fiskalpolitik. Wir versuchen, in der Krise das Budget zu konsolidieren, reagieren auf sinkende Preise und Nachfrageausfall nicht mit einem Gegensteuern, sondern mit Kostensenkungen, die ihrerseits zu erneuten Preissenkungen und Nachfragerückgängen führen und weiter führen werden.

(3) Als Reaktion darauf „fransen“ die Ränder unseres politischen Spektrums immer weiter aus. Damals wie heute. Man braucht kein Prophet zu sein, um prognostizieren zu können, dass die Union, die derzeit versucht, es allen recht zu machen, mindestens genauso so schwer scheitern wird wie die SPD. Derzeit formiert sich gerade eine neue Linke in der Folge des Schiffbruchs der SPD. Was wird jedoch 2009 (oder früher) passieren, wenn die Union gescheitert ist?

Die großen Volksparteien waren stark im Aufschwung, weil sie die Fähigkeit gezeigt haben, die Interessen zu bündeln, jeden mitzunehmen, jedem etwas zu geben. In der Rückwärtsbewegung wird aus der damaligen Stärke nun jedoch eine Schwäche. Denn die Volksparteien schaffen es nicht, das Füllhorn zu schließen und die Perspektive auf das wirklich Notwendige zu verengen. Alles, was weh tut, führt zur sofortigen Abwahl und stärkt die großen Illusionisten auf der linken wie rechten Seite.

(4) Es gibt jedoch einen einzigen Garanten für die Stabilität unser gegenwärtigen Welt – und das sind die von so vielen verhassten und kritisierten Vereinigten Staaten von Amerika. Die lockere Geldpolitik und das Leistungsbilanzdefizit der USA halten die halbe Welt wirtschaftlich über Wasser. Sie sind die Muttermilch, von der wir alle leben. Das ist der große Unterschied zu den Dreißiger Jahren des letzen Jahrhunderts. Heute gibt es einen „Big Spender“ und „Lender of last resort“. Damals gab es das nicht, deswegen sind damals die Lichter ausgegangen. Heute gibt es das, deswegen sieht es heute vergleichsweise gut aus.

Die große Frage ist daher, wie lange das so weitergeht. Meine Tochter hat vier Jahre gebraucht, um von der Milchflasche wegzukommen. In Europa schreiben wir heute bereits das Jahr fünf nach dem Crash. Bis heute ist alles gut gegangen. Bei einem so extremen Verhalten und einer so einseitigen Ernährung werden die Risiken jedoch jeden Tag größer.


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lumpensamml.:

Der Vergleich ist

 
18.06.05 14:27
mittlerweile in aller Munde, das allein ist fast schon Grund genug, daß es so nicht kommen wird. Ich stelle mal eine andere ganz naive Hypothese auf.

Wir haben eine Rieseninflation, ohne es zu merken, und die vollzieht sich an den Anlagemärkten (siehe auch Marc Faber). Quasi alle Klassen, egal ob Bonds, Aktien, Immobilien oder Rohstoffe stiegen seit geraumer Zeit simultan. Irrsinnigerweise blieben gleichzeitig die Preise für Produkte und Dienstleistungen relativ stabil. Der Grund ist für mich, daß zum Einen das Geld da war, da weltweit (mit Ausnahme von national beschränkten deutschen Firmen) die Wirtschaft boomte. Zum Anderen kamen gleichzeitig neue Billigwettbewerber wie Indien und China massiv in den Markt, und drückten nicht nur die Preise sondern auch die Löhne. Für die Unternehmen machte es daher wenig Sinn, im Westen zu investieren, also schoben sie das Geld in Aktienrückkäufe oder Dividenden. Die beglückten Anleger legten dieses aber aus Angst vor weiteren Arbeitsplatzverlusten wieder an, statt es auszugeben, was die Spirale weiter verstärkte. Da die gemessene Inflationsrate rel. gering war, sahen die Notenbanken natürlich wenig Grund, die Zinsen deutlich zu erhöhen, was nur noch zusätzlich gedrucktes Geld über die Anlagemärkte und die neuen Wirtschaftsräume in Asien in den oben beschriebenen Kreislauf drückte.

Das Ende vom Lied ist, daß die nach derzeitigen Maßstäben gemessene Inflation gering ist, Wirtschaft in Europa mehr oder weniger stagniert, in Asien dafür fast überhitzt und in Amerika nur via immer mehr neue Schulden und eine Konzentration auf den Finanzsektor aufrecht erhalten werden kann, die Anlagemärkte aber weltweit immer weiter steigen. Von da ab gibt es 2 Möglichkeiten:

1. Es setzt, nach ein bißchen Rezession/Stagnation und fallenden/stagnierenden Aktienmärkten, aus welchen Gründen auch immer, ein Umdenken beim Verbraucher und/oder den Unternehmen ein. Die Unternehmen stellen die Aktienrückkäufe ein und erhöhen sowohl die Investitionen im Westen als auch die dortigen Löhne. Das würde das Geld zumindest weg von den Anlagemärkten in die Wirtschaft lotsen und dort via einer gesunden Inflation langsam wieder entwerten.

2. Das Dingens geht so weiter wie bisher, bis es tatsächlich kracht. Nutznießer bzw. Verlierer werden die Finanzgrößen bzw. die Privaten sein. D.h. am Ende sind die meisten Privatleute ihre restl. Ersparnisse los und alles landet sorgsam aufgeteilt auf den Konten einiger weniger großer Investmentbanken/Fonds, die rechtzeitig ausgestiegen sind und dann nicht wissen, was sie mit dem Kapital tun sollen, außer die jetzt billigen Aktien und Bonds zurückzukaufen. Damit wäre das ganze Kapital egal ob Geld oder Papiere, auf wenige Adressen beschränkt, die Deflation wäre am Höhepunkt, politische Unruhen wären wahrsch. nicht ausgeschlossen, Lynchjustiz vor dem Haupteingang der Deutschen Bank oder staatliche Enteignungen der Banken wären mögliche Konsequenzen. Das Ende des Kapitalismus dürfte beschlossene Sache sein, ein weltweites grün angehauchtes Sozialismusrevival absehbar sein.

Das ist aber wohl eher Filmstoff denn Realität. Plädiere mittelfristig mehr für Nr. 1. und das nicht nur, weil die USA die Geldentwertung praktisch brauchen, um ihre Schulden zu tilgen. Die Nr. 2 ist eher etwas für den langfristigen Zeitraum über einige Generationen hinweg. Denn eines ist klar, der Kapitalismus ist ebenso wenig ein Perpetuum Mobile wie die an Fäden hängenden fliegenden Fische über dem Babybett, aber sie bewegen sich doch irgendwie immer weiter.
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