Es sieht schlecht aus. Die Gewinne der meisten deutschen Unternehmen sind im vergangenen Geschäftsjahr kräftig unter Druck geraten. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft hat sich allein die Rendite der im Standardwerte-Index Dax notierten Industrieunternehmen und Dienstleister mehr als halbiert. Die Konjunkturschwäche, verstärkt durch die Terroranschläge vom 11. September in Amerika, hat besonders die Firmen getroffen, die während der Boomjahre ihre strategischen Probleme nicht oder nur schlecht gelöst haben.
Ausschüttung trotz Verlustes
Es gibt aber auch gute Nachrichten: Die Aktionäre bekommen nicht in jedem Fall das volle Ausmaß des Desasters zu spüren. Während etwa die Lufthansa ihre Ausschüttung ganz streicht, haben viele Unternehmen in Zeiten schwacher Aktienkurse die Dividende als Instrument der Beziehungspflege wieder entdeckt. Sie bedienen ihre Aktionäre trotz eines Verlustes oder kürzen die Ausschüttung für das Jahr 2001 weniger stark als der Gewinnverfall nahe legen würde. Für dieses Verhalten gibt es viele Beispiele.
DaimlerChrysler etwa beglückt seine Anteilseigner mit einem Euro je Anteilsschein. Das ist zwar deutlich weniger als in den beiden Vorjahren, in Anbetracht des hohen Fehlbetrages aber immer noch eine stattliche Ausschüttung. Auch die Deutsche Telekom spendet der verletzten Aktionärsseele, die allein im vergangen Jahr einen Kursverlust von fast 40 Prozent verkraften musste, trotz hohen Defizits Dividendentrost. In der gegenwärtigen Dividendenpolitik ist vom ursprünglichen Charakter der Ausschüttung als Anteil am Jahresgewinn nicht mehr allzu viel übrig geblieben.
Nun sind Manager – dies gehört zu den wenigen Konstanten im Wirtschaftsleben – selten um Erklärungen und Ausreden verlegen. Rechtlich gesehen trifft es natürlich auch zu, dass nicht der Konzern, sondern die Einzelgesellschaft die Ausschüttung aus ihrem Bilanzgewinn vornimmt. Die Einzelgesellschaft, das ist beispielsweise bei DaimlerChrysler im vergangenen Jahr so gewesen, kann Gewinn machen, obwohl der Konzern hohe Verluste schreibt. Maß der Ertragskraft des Unternehmens ist aber der Konzern und nicht Einzelteile wie die AG. Deshalb sollte sich auch die Dividende am Ergebnis des Ganzen orientieren.
Gründlich missverstanden haben vor allem solche Unternehmen das ursprüngliche Wesen der Dividende, die ihre Ausschüttung mit den guten Aussichten für das laufende Geschäftsjahr begründen wie etwa Salamander oder die Luxuskonzerne Etienne Aigner und Escada. Wenn schon, dann spiegelt der Aktienkurs, die zweite Ertragsquelle des Aktionärs, neben der aktuellen Bewertung der Gesellschaft auch die Erwartungen der Kapitalmarktteilnehmer an sie wider. Dividenden sind die Gewinne von gestern.
Nun hat im vergangenen Jahr der Börsenkurs als Einnahmequelle deutlich an Kraft verloren. Das mag das ein oder andere Unternehmen bewogen haben, seine verstörten Aktionäre zumindest mit einer Dividende zu trösten und so die Beziehung zu seinen Anteilseignern zu pflegen. Beileibe nicht jeder Dividendenvorschlag entspringt jedoch dem Verlangen der Manager, Kleinaktionäre gesonnen zu halten. Sie dient ganz anderen Damen und Herren. Da wären zum Beispiel die Großaktionäre. Von der Dividendenerhöhung um 30 Prozent auf zehn Euro je Aktie, die sich Etienne Aigner genehmigen lassen will, profitiert in erster Linie Mehrheitsaktionärin Evi Brandl, geschäftsführende Gesellschafterin der Metzgereikette Vinzenz Murr.
Noch immer spielt die Dividende auch in der erfolgsabhängigen Komponente von Vorstandsbezügen eine Rolle. An sich eine gute Sache, die Gehälter der Manager auch an ihren Erfolgen zu messen. Nur welcher Vorstand schlägt schon gerne selbst – wenn auch nur indirekt – die Kürzung seiner Jahresbezüge vor.
Dividendenhöhe und Ertragskraft immer zu entkoppeln birgt beträchtliche Gefahren. Ausschüttungen, die die Ertragskraft des Unternehmens überschreiten, zehren an der Substanz der Gesellschaft und damit am Eigentum der Aktionäre. Sicher kann es das eine oder andere Unternehmen vorübergehend verkraften, Ausschüttungen aus der Substanz vorzunehmen. Schon deshalb, weil auch in guten Jahren die Dividende nicht immer in dem Maße stieg, wie es die Ertragskraft zugelassen hätte, also auch Substanz unter Verzicht auf eine ertragsgerechte Dividende aufgebaut wurde.
Erfolg und Misserfolg
Eine von der Ergebnisentwicklung losgelöste Dividende verschleiert den wahren Charakter von Aktien. Dabei handelt es sich nach wie vor um Risikopapiere. Über die beiden Ertragsquellen – Dividende und Aktienkurs – partizipiert der Anleger am unternehmerischen Erfolg, aber auch am Misserfolg. Auch die falsche Bemessung der Dividende hat dazu beigetragen, dass sich gerade viele Neueinsteiger des Risikos nicht bewusst waren. Der Schaden ist jetzt zu sehen. Die schmerzliche Erfahrung unreifer Aktionäre, dass die Börse keine Einbahnstraße nach oben ist, hat in der zweiten Jahreshälfte viele Anleger verschreckt. Langfristig dient es dem Aufbau einer gesunden Aktienkultur weitaus mehr, die Anleger das Risiko ihrer Anlage spüren zu lassen. Das gilt auch für die Dividende.
Quelle.Süddeutsche Zeitung
Ausschüttung trotz Verlustes
Es gibt aber auch gute Nachrichten: Die Aktionäre bekommen nicht in jedem Fall das volle Ausmaß des Desasters zu spüren. Während etwa die Lufthansa ihre Ausschüttung ganz streicht, haben viele Unternehmen in Zeiten schwacher Aktienkurse die Dividende als Instrument der Beziehungspflege wieder entdeckt. Sie bedienen ihre Aktionäre trotz eines Verlustes oder kürzen die Ausschüttung für das Jahr 2001 weniger stark als der Gewinnverfall nahe legen würde. Für dieses Verhalten gibt es viele Beispiele.
DaimlerChrysler etwa beglückt seine Anteilseigner mit einem Euro je Anteilsschein. Das ist zwar deutlich weniger als in den beiden Vorjahren, in Anbetracht des hohen Fehlbetrages aber immer noch eine stattliche Ausschüttung. Auch die Deutsche Telekom spendet der verletzten Aktionärsseele, die allein im vergangen Jahr einen Kursverlust von fast 40 Prozent verkraften musste, trotz hohen Defizits Dividendentrost. In der gegenwärtigen Dividendenpolitik ist vom ursprünglichen Charakter der Ausschüttung als Anteil am Jahresgewinn nicht mehr allzu viel übrig geblieben.
Nun sind Manager – dies gehört zu den wenigen Konstanten im Wirtschaftsleben – selten um Erklärungen und Ausreden verlegen. Rechtlich gesehen trifft es natürlich auch zu, dass nicht der Konzern, sondern die Einzelgesellschaft die Ausschüttung aus ihrem Bilanzgewinn vornimmt. Die Einzelgesellschaft, das ist beispielsweise bei DaimlerChrysler im vergangenen Jahr so gewesen, kann Gewinn machen, obwohl der Konzern hohe Verluste schreibt. Maß der Ertragskraft des Unternehmens ist aber der Konzern und nicht Einzelteile wie die AG. Deshalb sollte sich auch die Dividende am Ergebnis des Ganzen orientieren.
Gründlich missverstanden haben vor allem solche Unternehmen das ursprüngliche Wesen der Dividende, die ihre Ausschüttung mit den guten Aussichten für das laufende Geschäftsjahr begründen wie etwa Salamander oder die Luxuskonzerne Etienne Aigner und Escada. Wenn schon, dann spiegelt der Aktienkurs, die zweite Ertragsquelle des Aktionärs, neben der aktuellen Bewertung der Gesellschaft auch die Erwartungen der Kapitalmarktteilnehmer an sie wider. Dividenden sind die Gewinne von gestern.
Nun hat im vergangenen Jahr der Börsenkurs als Einnahmequelle deutlich an Kraft verloren. Das mag das ein oder andere Unternehmen bewogen haben, seine verstörten Aktionäre zumindest mit einer Dividende zu trösten und so die Beziehung zu seinen Anteilseignern zu pflegen. Beileibe nicht jeder Dividendenvorschlag entspringt jedoch dem Verlangen der Manager, Kleinaktionäre gesonnen zu halten. Sie dient ganz anderen Damen und Herren. Da wären zum Beispiel die Großaktionäre. Von der Dividendenerhöhung um 30 Prozent auf zehn Euro je Aktie, die sich Etienne Aigner genehmigen lassen will, profitiert in erster Linie Mehrheitsaktionärin Evi Brandl, geschäftsführende Gesellschafterin der Metzgereikette Vinzenz Murr.
Noch immer spielt die Dividende auch in der erfolgsabhängigen Komponente von Vorstandsbezügen eine Rolle. An sich eine gute Sache, die Gehälter der Manager auch an ihren Erfolgen zu messen. Nur welcher Vorstand schlägt schon gerne selbst – wenn auch nur indirekt – die Kürzung seiner Jahresbezüge vor.
Dividendenhöhe und Ertragskraft immer zu entkoppeln birgt beträchtliche Gefahren. Ausschüttungen, die die Ertragskraft des Unternehmens überschreiten, zehren an der Substanz der Gesellschaft und damit am Eigentum der Aktionäre. Sicher kann es das eine oder andere Unternehmen vorübergehend verkraften, Ausschüttungen aus der Substanz vorzunehmen. Schon deshalb, weil auch in guten Jahren die Dividende nicht immer in dem Maße stieg, wie es die Ertragskraft zugelassen hätte, also auch Substanz unter Verzicht auf eine ertragsgerechte Dividende aufgebaut wurde.
Erfolg und Misserfolg
Eine von der Ergebnisentwicklung losgelöste Dividende verschleiert den wahren Charakter von Aktien. Dabei handelt es sich nach wie vor um Risikopapiere. Über die beiden Ertragsquellen – Dividende und Aktienkurs – partizipiert der Anleger am unternehmerischen Erfolg, aber auch am Misserfolg. Auch die falsche Bemessung der Dividende hat dazu beigetragen, dass sich gerade viele Neueinsteiger des Risikos nicht bewusst waren. Der Schaden ist jetzt zu sehen. Die schmerzliche Erfahrung unreifer Aktionäre, dass die Börse keine Einbahnstraße nach oben ist, hat in der zweiten Jahreshälfte viele Anleger verschreckt. Langfristig dient es dem Aufbau einer gesunden Aktienkultur weitaus mehr, die Anleger das Risiko ihrer Anlage spüren zu lassen. Das gilt auch für die Dividende.
Quelle.Süddeutsche Zeitung