Wie die Pfarrerstochter Angela M. im SED-Staat Karriere machte
Bis heute liegen die ersten 35 Jahre der Angela Merkel liegen verborgen wie in einem dichten Nebel, der es im Unscharfen lässt und Teile ganz verhüllt. Darunter ist vieles, was ihren Charakter, ihr Handeln, ihr Verständnis von Politik und Macht erklärt.
Es kommt nicht oft vor, dass ein Buch noch vor seinem Erscheinen die Schlagzeilen der Zeitungen bestimmt. Dem Buch ?Das erste Leben der Angela M.?, an dem Ralf Georg Reuth und ich lange gearbeitet haben, ist dies gelungen. Es erscheint morgen, am 14. Mai. Trotzdem war es bereits am Freitag vergangener Woche der Aufmacher der BILD-Zeitung, dann nahm es die ?Welt am Sonntag? auf den Titel. Und heute ist es die Titel-Geschichte des neuen Focus, der eine elfseitige Story zum Buch bringt.
Das breite Interesse zeigt, dass es offenbar ein großes Bedürfnis nach Aufklärung über eine bisher im Dunkeln liegende Phase im Leben der Bundeskanzlerin gibt. Angela Merkel sagt selbst: ?Man weiß in den alten Bundesländern über 35 Jahre meines Lebens kaum etwas.? Ihre Zeit in der DDR, ihre Jugend, die Studienjahre und vor allem ihre Zeit als Physikerin an der Akademie der Wissenschaften der DDR liegen verborgen wie in einem dichten Nebel, der vieles im Unscharfen lässt und manches ganz verhüllt. Darunter ist vieles, was ihren Charakter, ihr Handeln, ihre Verständnis von Politik und Macht erklärt. Denn in der DDR ist sie zu dem Menschen geworden, der sie heute ist. Sie ist in einer Diktatur aufgewachsen und hat in dieser Diktatur Karriere gemacht, obwohl sie aus einem kirchlichen Elternhaus stammt. Das wirft die Frage auf, wie so etwas möglich war. Den Kindern von Bundespräsident Joachim Gauck, einst Pfarrer in Rostock, war dies verwehrt. Was also hat Angela Merkel anders gemacht als die Kinder des Bundespräsidenten?
Solchen und anderen Fragen sind Ralf Georg Reuth und ich nachgegangen. Es war eine mühsame Suche nach Zeugnissen und Zeitzeugen, die auch bereit waren, unsere Fragen zu beantworten. Schließlich aber sprachen einige von ihnen überhaupt zum ersten Mal über ihre Erinnerungen und halfen, das Bild der Angela Merkel zu vervollständigen.
Natürlich hatten wir auch viele Fragen an Angela Merkel. Wir haben sie aufgeschrieben und ins Kanzleramt geschickt. Doch unsere Hoffnung, sie selbst werde mit uns über ihre Sozialisation im SED-Staat sprechen, wurde enttäuscht. Über ihren Sprecher Steffen Seibert ließ sie ausrichten, dass ihr leider die Zeit zur Beantwortung unserer Fragen fehle. Am Ende füllten unsere Recherchen dennoch ein ganzes Buch, und wir waren in der Lage, das erste Leben der Kanzlerin neu zu erzählen und aufzuzeigen, dass das Bild, das bislang von Merkels 35 Lebensjahren in der DDR verbreitet wird, nicht stimmig ist. Weder war sie eine unpolitische Wissenschaftlerin, noch schlug ihr Herz für die deutsche Einheit. Vielmehr gehörte die ehrgeizige und systemkonforme Physikerin der sowjetisch geprägten Wissenschaftselite des SED-Staates an und trat 1989 für einen demokratischen Sozialismus ein ? eine erstaunliche Ausgangsposition für die spätere Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende.
Wir belegen, dass Angela Merkel ihren politischen Ehrgeiz nicht erst nach der Wende entdeckte und unter dem Eindruck von Gorbatschows Glasnost und Perestroika für einen demokratischen Sozialismus in einer eigenständigen DDR eintrat.
All die Dokumente, Archivfunde und Zeugenaussagen, die wir zu einem großen Puzzle zusammenfügten, ergaben ein Bild der jungen Angela Merkel, dass sich oft nicht mit demjenigen decken wollten, das sie gern selbst von sich zeichnet. Dabei spielen Fakten eine Rolle. So war sie an ihrem Institut an der Akademie der Wissenschaften beispielsweise im Jahr 1981 FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda. Angela Merkel selbst bestreitet dies bis heute. Außerdem saß sie in der Betriebsgewerkschaftsleitung, was bis heute unbekannt war. Bislang herrscht die unter anderem auf Aussagen der Kanzlerin zurückgehende Auffassung, Merkel sei erst im Dezember 1989 zum Demokratischen Aufbruch (DA) gestoßen, als dieser bereits für die Wiedervereinigung eintrat. Das stimmt so nicht. Sie arbeitete dem späteren Chef des DA, Wolfgang Schnur, einem langjährigen Stasi-Mitarbeiter, bereits im Oktober/November zu. Noch im Dezember ist sie selbst für einen eigenständigen demokratischen Sozialismus eingetreten. Das verdeutlicht ein von geschriebener offener Brief an Christa Wolf, der bislang unbekannt war, weil er nie veröffentlicht wurde.
Im Kern geht es dem Buch darum, jene Lücken im Leben der Kanzlerin zu füllen, die sie selbst lässt. Diese Lücken ziehen sich von der Schulzeit bis hin zu ihrem unglaublichen Aufstieg in nur wenigen Monaten von der unbekannten DA-Aktivistin zur Bundesministerin im wiedervereinigten Deutschland. Immerhin fand sie sich innerhalb eines Jahres im Kabinett Helmut Kohls wieder. Dieser Aufstieg wurde maßgeblich bestimmt von ihren Förderern in der Wendezeit. Dazu gehörten der IM Wolfgang Schnur und später dann der letzte Regierungschef der DDR, Lothar de Maizière von der Ost-CDU. Auch er wurde von der Stasi als Inoffizieller Mitarbeiter geführt.
Wir schildern in dem Buch aber auch den zeitgeschichtlichen Kontext, in dem sich Angela Merkel bewegte, und ohne den ihr erstes Leben nicht erschlossen werden kann. Wir zeigen, wie sehr sich die evangelische Kirche zum Instrument der autoritären Regime machen ließ, welche Rolle Merkels Vater dabei spielte. Und wir zeigen auf, mit welchem Auftrag das geheime KGB-Kommando ?Luch? im Wendeherbst in der DDR agierte.
Wer wissen will, wer Merkel ist, sollte ihre Förderer kennen (Hier als pdf)
Drei Begebenheiten:
Wer ist also diese Angela Merkel, die bislang so ungern über die ersten 35 Jahre ihres Lebens spricht? Wie glaubwürdig ist das Wenige, das sie erzählt? Beim Schreiben sind mir drei Begebenheiten besonders aufgefallen, die deutlicher als alle Worte etwas über den Menschen Angela Merkel erzählen:
Wenn sie als Schülerin nach dem Beruf ihres Vaters gefragt wurde, sagte sie lieber Fahrer statt Pfarrer, um unangenehme Nachfragen zu vermeiden. Als sie 1968 nach den Sommerferien in der Tschechoslowakei vom Lehrer nach ihrem Ferienerlebnissen gefragt wurde, wollte sie zunächst davon erzählen, was sie im Zusammenhang mit den Ereignissen des Prager Frühlings erlebt hatte, wich aber dann auf ein anderes Thema aus, als sie die finstere Mine des Lehrers sah. Und zu guter Letzt stand sie in der Wendezeit einmal vor CDU-Anhängern und suchte nach Worten, mit denen sie über die FDJ sprechen könnte. Die sahen sie aber nur verständnislos an, also wechselte Angela Merkel das Thema.
Was sagt uns das? Immer dann, wenn es brenzlig wird, weicht sie aus. In entscheidenden Situationen steht Angela Merkel nicht zu sich. Und darum geht es in diesem Buch ?Das erste Leben der Angela M.? Es ist ein Buch über Identität und Glaubwürdigkeit.
Ein englischer Artikel zeigt Angela Kasner (Merkel) als 17-jäjrige; sie marschiert 1972 in kommunistischer Uniform zu einer Übung, bei der ein Atomschlag und die erste Hilfe geübt werden:
Merkel, the Red footsoldier: German chancellor under fire over Communist links as image of her in uniform is released. Photo found of her as 17-year-old marching with East German officer, released as she's forced to play down book which alleges communist past. By ALAN HALL
She denies she was close to the Communist rulers in East Germany, where she grew up. So this 1972 photo of her in military-style uniform has left German Chancellor Angela Merkel ?not amused?. Then called Angela Kasner and aged 17, she is shown happily involved in a civil defence exercise under the gaze of an East German officer. Drills included first aid and preparing for nuclear attack. Artikel als pdf
§foto-merkel-marschiert-in-kommunistischer-Uniform-klein.jpg
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