Nur einmal angenommen, eine PCR würde nach 24 Zyklen gestoppt,
was wären dann die Konsequenzen?
1. Wäre ein Teil der Teste mit einem CT-Wert = 24 falsch negativ. Dieses Phänomen ist abhängig von der Auswertemethode, bei einem Grenzwert für die Fluoreszenz wäre der cut off genau bei 24 Zyklen, beim Maximum der zweiten Ableitung benötigt man ein Stück der Kurve hinter dem Grenzwert.
2. Würde die Rate falschpositiver Ergebnisse deutlich steigen. Die charakteristische S-Form der Fluoreszenz beweist eine erfolgreiche Kettenreaktion im Reagenzgefäß im Gegensatz zu einem unspezifischen Sondenzerfall. Dafür muss die PCR bis in ihre Sättigungsphase beobachtet werden (meist ca. 40 Zyklen).
3. Ein CT-Wert ist keine Naturkonstante, es zählt immer das Gesamtpaket aus Probennahme, Transport(medium), Extraktion, PCR-Reagenz und Cycler. Selbst wenn jede Einzelkomponente nur eine Streubreite von einem Zyklus in jede Richtung hätte (was mehr als konservativ geschätzt wäre), dann wäre für die gleiche Virusmenge in unterschiedlichen Laboren eine Abweichung von plus/minus 5 Zyklen absolut normal. Derartige Grenzwerte müssen deshalb immer wieder für das jeweilige lokale Gesamtpaket validiert werden und sind von Labor zu Labor nur sehr eingeschränkt übertragbar.
4. Ein CT-Wert ist immer eine Momentaufnahme, zu Anfang und zum Ende einer Infektion ist die Viruslast naturgemäß niedrig. Auch bei einem hohen CT-Wert (niedrige Virusmenge) kann die Virusausscheidung wenige Tage vorher oder später ganz anders sein. Deshalb ist die gesetzliche Meldepflicht nach §7 IfSG unabhängig vom CT-Wert.
5. Die Frage der Infektiosität ist nur eine von mehreren Fragestellungen bei der Diagnostik. Bei der klinischen Diagnostik einer Pneumonie kann die Virusvermehrung im Nasopharynxbereich schon deutlich reduziert sein. Um die richtige Therapie einer Covid-19 Erkrankung festlegen zu können, ist die maximale Sensitivität der PCR erforderlich. Natürlich könnte man bei jedem Pneumonieverdacht eine BAL durchführen, wenn man unendliche Ressourcen hätte, wenn man seine Patienten quälen möchte und wenn einem selbst das Infektionsrisiko egal ist.
6. Wenn die Virusvermehrung hauptsächlich in der Lunge stattfindet, kann ein Patient durchaus infektiös sein, auch bei hohem CT-Wert im Nasopharynxabstrich.
7. Zum jetzigen Zeitpunkt würde ein willkürlicher Grenzwert für den CT die klinische Diagnostik deutlich verschlechtern, ohne wirklich Entlastung bei den Meldezahlen zu bringen. Den Sommer über bis einschließlich September hatte ich nur wenige positive Fälle zu melden gehabt, die meisten mit einem CT über 20. In den letzten Wochen ist die Zahl der positiven Ergebnisse drastisch angestiegen, die reichliche Hälfte hat derzeit einen CT-Wert unter 20, einzelne wenige sogar unter 10. Studien, welche die Verteilung der Virusmengen im Untersuchungsmaterial betrachten, sind deshalb immer nur eine Momentaufnahme.
Zusammenfassung: Der CT-Wert ist ein hilfreiches Werkzeug in den Händen von Fachleuten mit Methodenkompetenz und brandgefährlich in den Händen von medizinischen Laien. In den Publikationen von Prof. Drosten oder in den Publikationen des RKI wird der CT-Wert schon lange als Zusatzinformation zur Einschätzung der Infektiosität genutzt. Ein verbindlicher Grenzwert ist aufgrund fehlender Standardisierung derzeit nicht möglich.
www.aerzteblatt.de/studieren/forum/138263