HANDELSBLATT, Donnerstag, 22. September 2005, 13:23 Uhr
Jahrestreffen von IWF, Weltbank und G7
Weltwirtschaft gerät aus der Balance
Von Michael Backfisch
Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat der Weltwirtschaft eine „außerordentliche Widerstandsfähigkeit“ bescheinigt, warnt aber gleichzeitig vor „zunehmenden Abwärtsrisiken“: „Epidemien, Naturkatastrophen und steigende Ölpreise haben das Gesamtbild eines gesunden Wachstums nur am Rande beeinträchtigt“, heißt es im „World Economic Outlook“, den IWF-Chefvolkswirt Raghuram Rajan gestern vorstellte.
China hängt den Rest der Welt ab: Klicken Sie für die Großansicht auf die Lupe. Grafik: Handelsblatt
WASHINGTON. Die globale Konjunktur ist eines der herausragenden Themen beim Jahrestreffen von IWF, Weltbank und den sieben führenden Industriestaaten (G7) am Wochenende in Washington. Trotz der weit reichenden Auswirkungen des Hurrikans „Katrina“ habe der Fonds seine Prognosen für 2005 kaum nach unten revidiert, heißt es im Outlook.
„Die globalen Ungleichgewichte drohen jedoch den relativ stabilen Zustand der Weltwirtschaft zu erschüttern“, warnte Rajan. So hingen zu viele Export-Staaten vom nach wie vor brummenden US-Binnenverbrauch ab. Da die Amerikaner ihren Konsum über weite Strecken aus dem Kapital asiatischer Schwellenländer finanzierten, drohe bei einem plötzlichen Abzug der Geldströme ein Kollaps.
Der IWF schlägt zwei Schritte vor, um die Ungleichgewichte herunterzufahren: „Erstens sollte die Binnennachfrage allmählich zugunsten von Investitionen reduziert werden.“ Und zweitens sollte der Konsum in Ländern mit Defiziten sinken und in Staaten mit Haushaltsüberschüssen wachsen.
Der Fonds ist allerdings besorgt, dass der Abbau der globalen Ungleichgewichte mit Erschütterungen über die Bühne gehen könnte. Durch den weltweiten Überschuss an Liquidität seien Preise und Zinsen relativ niedrig. Dadurch hätten sich die internen und externen Ungleichgewichte leicht finanzieren lassen. „Die traditionellen Warnsignale wie Inflation, Zinsen und Wechselkurse haben noch nicht aufgeleuchtet“, heißt es im IWF-Bericht.
Ländern mit schwachem Konsum empfiehlt der Fonds eine Reform ihrer Arbeits-, Produkt- und Finanzmärkte. „Eine Reihe von Staaten mit starkem Exportvolumen haben tief greifende Reformen vernachlässigt, die eine nachhaltige Binnennachfrage angefacht hätten.“ Diese Länder hingen zu stark vom Konsum anderer Staaten ab. „Die Sorge vor einem ruckartigen Abbau der Ungleichgewichte führt zu der Befürchtung, dass die Abwärtsrisiken überwiegen“, schreibt der Fonds.
Risiken für Wachstum: Klicken Sie für die Großansicht auf die Lupe. Grafik: Handelsblatt
Der „vorläufige Aufschwung“ in der Euro-Zone habe sich erneut als trügerisch erwiesen, so der IWF. Nach ersten Lichtblicken im zweiten Halbjahr 2004 habe der Binnenverbrauch beträchtlich nachgelassen. Zwar hätten sich die Daten für Export und Industrie verbessert, doch bleibe das Verbrauchervertrauen schwach.
Mit Blick auf Deutschland würdigte der Fonds ausdrücklich die Reformen der Agenda 2010, mahnte jedoch weitere Anstrengungen an. So seien in einer Reihe europäischer Staaten einschließlich Deutschlands größere Spielräume bei den Lohnverhandlungen notwendig. Darüber hinaus sollten die Steuerbelastung sowie die Anreize für Frühverrentung vermindert werden.
Als Reaktion auf den zu beobachtenden Wandel in der Weltwirtschaft macht sich IWF-Chef Rodrigo Rato dafür stark, die Stimmrechte und die Repräsentation der Mitgliedsländer innerhalb des Währungsfonds zu ändern. Asiatische Staaten, deren Wirtschaft in den vergangenen Jahren stark gewachsen sei, sowie afrikanische Länder sollten einen höheren Quotenanteil bekommen, sagte Rato. „Alle Mitgliedsländer profitieren von einer Neuverteilung, weil sie dann zu einer Institution mit größerer Legitimität gehören“, sagte der IWF-Chef.
Bislang werden die Quoten nach der Wirtschaftskraft der jeweiligen Länder vergeben. Aus deutschen Regierungskreisen hieß es unterdessen, das weltwirtschaftliche Gewicht eines Staates müsse das entscheidende Kriterium bleiben. Veränderungen beim Währungsfonds dürften nicht auf Kosten der Europäer gehen.
Jahrestreffen von IWF, Weltbank und G7
Weltwirtschaft gerät aus der Balance
Von Michael Backfisch
Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat der Weltwirtschaft eine „außerordentliche Widerstandsfähigkeit“ bescheinigt, warnt aber gleichzeitig vor „zunehmenden Abwärtsrisiken“: „Epidemien, Naturkatastrophen und steigende Ölpreise haben das Gesamtbild eines gesunden Wachstums nur am Rande beeinträchtigt“, heißt es im „World Economic Outlook“, den IWF-Chefvolkswirt Raghuram Rajan gestern vorstellte.
China hängt den Rest der Welt ab: Klicken Sie für die Großansicht auf die Lupe. Grafik: Handelsblatt
WASHINGTON. Die globale Konjunktur ist eines der herausragenden Themen beim Jahrestreffen von IWF, Weltbank und den sieben führenden Industriestaaten (G7) am Wochenende in Washington. Trotz der weit reichenden Auswirkungen des Hurrikans „Katrina“ habe der Fonds seine Prognosen für 2005 kaum nach unten revidiert, heißt es im Outlook.
„Die globalen Ungleichgewichte drohen jedoch den relativ stabilen Zustand der Weltwirtschaft zu erschüttern“, warnte Rajan. So hingen zu viele Export-Staaten vom nach wie vor brummenden US-Binnenverbrauch ab. Da die Amerikaner ihren Konsum über weite Strecken aus dem Kapital asiatischer Schwellenländer finanzierten, drohe bei einem plötzlichen Abzug der Geldströme ein Kollaps.
Der IWF schlägt zwei Schritte vor, um die Ungleichgewichte herunterzufahren: „Erstens sollte die Binnennachfrage allmählich zugunsten von Investitionen reduziert werden.“ Und zweitens sollte der Konsum in Ländern mit Defiziten sinken und in Staaten mit Haushaltsüberschüssen wachsen.
Der Fonds ist allerdings besorgt, dass der Abbau der globalen Ungleichgewichte mit Erschütterungen über die Bühne gehen könnte. Durch den weltweiten Überschuss an Liquidität seien Preise und Zinsen relativ niedrig. Dadurch hätten sich die internen und externen Ungleichgewichte leicht finanzieren lassen. „Die traditionellen Warnsignale wie Inflation, Zinsen und Wechselkurse haben noch nicht aufgeleuchtet“, heißt es im IWF-Bericht.
Ländern mit schwachem Konsum empfiehlt der Fonds eine Reform ihrer Arbeits-, Produkt- und Finanzmärkte. „Eine Reihe von Staaten mit starkem Exportvolumen haben tief greifende Reformen vernachlässigt, die eine nachhaltige Binnennachfrage angefacht hätten.“ Diese Länder hingen zu stark vom Konsum anderer Staaten ab. „Die Sorge vor einem ruckartigen Abbau der Ungleichgewichte führt zu der Befürchtung, dass die Abwärtsrisiken überwiegen“, schreibt der Fonds.
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Der „vorläufige Aufschwung“ in der Euro-Zone habe sich erneut als trügerisch erwiesen, so der IWF. Nach ersten Lichtblicken im zweiten Halbjahr 2004 habe der Binnenverbrauch beträchtlich nachgelassen. Zwar hätten sich die Daten für Export und Industrie verbessert, doch bleibe das Verbrauchervertrauen schwach.
Mit Blick auf Deutschland würdigte der Fonds ausdrücklich die Reformen der Agenda 2010, mahnte jedoch weitere Anstrengungen an. So seien in einer Reihe europäischer Staaten einschließlich Deutschlands größere Spielräume bei den Lohnverhandlungen notwendig. Darüber hinaus sollten die Steuerbelastung sowie die Anreize für Frühverrentung vermindert werden.
Als Reaktion auf den zu beobachtenden Wandel in der Weltwirtschaft macht sich IWF-Chef Rodrigo Rato dafür stark, die Stimmrechte und die Repräsentation der Mitgliedsländer innerhalb des Währungsfonds zu ändern. Asiatische Staaten, deren Wirtschaft in den vergangenen Jahren stark gewachsen sei, sowie afrikanische Länder sollten einen höheren Quotenanteil bekommen, sagte Rato. „Alle Mitgliedsländer profitieren von einer Neuverteilung, weil sie dann zu einer Institution mit größerer Legitimität gehören“, sagte der IWF-Chef.
Bislang werden die Quoten nach der Wirtschaftskraft der jeweiligen Länder vergeben. Aus deutschen Regierungskreisen hieß es unterdessen, das weltwirtschaftliche Gewicht eines Staates müsse das entscheidende Kriterium bleiben. Veränderungen beim Währungsfonds dürften nicht auf Kosten der Europäer gehen.