Was die anderen tun sollen ...

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Was die anderen tun sollen ... hjw2

Was die anderen tun sollen ...

 
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manager-magazin.de, 01.11.2001, 17:09 Uhr
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D I E   M E T Z L E R - K O L U M N E

Was die anderen tun sollen ...

Für die hiesigen Aktienmärkte ist vorerst wenig Gutes zu erwarten. Die strukturellen Defizite der deutschen Wirtschaftsordnung werden nicht entschieden genug angegangen, meint Metzler-Chefanalyst Johannes J. Reich.


Die Zentralbank soll die Zinsen senken – sagen die Politiker. Die Politiker sollen Haushaltsdisziplin üben – sagt die Notenbank. Der Finanzminister soll mehr Schulden machen und damit höhere Staatsausgaben finanzieren – sagen Wirtschaftsforschungsinstitute. Die Regierung soll die Steuerreform vorziehen – sagt die Opposition.

Der Staat muß helfen – sagen die Wirtschaftsverbände. Die Unternehmen sollen investieren – sagt der Kanzler. Die Gewerkschaften sollen sich in Lohnzurückhaltung üben – sagen die Arbeitgebervertreter. Die Mitarbeiter sollen zu Opfern bereit sein – sagen die Unternehmer. Die Arbeitgeber sollen höhere Löhne zahlen und Entlassungen vermeiden – sagen die Gewerkschaften.

Geballter Unverstand statt Komeptenz

Es ist schon bemerkenswert, wie angesichts der um sich greifenden Krisenangst alle Besserwissenden noch besser wissen, was die anderen zu tun hätten, alle Berufenen sich mehr denn je berufen fühlen, ihren geballten wirtschaftlichen Sachverstand den anderen entgegenzuschmettern, um ihnen die Aufgaben aufzutragen, mit denen die Krise zu meistern sei.
   
In Wahrheit kommt dieser geballte Sachverstand als geballter Unverstand daher, da er sich – mit der Emphase selbstsuggerierter Gewißheit – in kurzatmig-ängstlichem Scheuklappen-Aktionismus tunnelblickartig verengt und damit zwangsläufig beschänkt. Beschränkt auf den jeweils sanktionierten Glaubensstandpunkt, auf das jeweilige Klischee und Klientel, das man glaubt, bedienen zu müssen.

Mit der damit einhergehenden Vereinfachung werden die wirtschaftlichen Zusammenhänge verkannt – in vielen Fällen wohl auch bewußt und absichtsvoll, da man ja die eigene Verhandlungs-position schwächen könnte. Eine solche Simplifizierung ist gefährlich, weil sie als krudes Kompendium vermeintlicher Patentrezepte geeignet ist, die wirtschaftliche Krise strukturell zu verschärfen und zu verlängern, statt sie zu überwinden.

Klar wird dies schon beim ersten Blick auf die nach dem Sankt-Florians-Prinzip funktionierenden (oder besser: nicht funktionierenden) Forderungen: Sie richten sich nicht nur immer an eine andere Adresse als die eigene, sondern sie schließen sich deswegen auch noch gegenseitig aus, stehen im Widerspruch zueinander.

Bedurfte es eines Belegs, daß die europäische und insbesondere die deutsche Wirtschaft immer noch gefangen ist in den Denk- und Handlungsstrukturen korporatistischer Partikularinteressen, die aller reformerischer Bemühungen zum Trotz immer noch Verkrustung und Hemmnis bedeuten – hier ist er wieder.

In der Krise ist sich jeder selbst der nächste

Dies ist um so bedauerlicher (und im Sinne einer ökonomischen Strukturanalyse um so bedenklicher), je deutlicher wird, daß im Zeichen der Krise all die reformerischen Versprechungen der vergangenen Jahre zur Makulatur zu werden drohen und die altbekannten Schwarz-Weiß-Denkmuster wieder um sich greifen. In der Krise ist sich jeder selbst der nächste.

Bei aller Sympathie, die man je nach Denkschule für die eine oder andere Position haben könnte, wird immer klarer: Einer Belastungsprobe, wie sie die gegenwärtige Wirtschaftskrise darstellt, sind unsere Schönwetterstrukturen kaum gewachsen. Akute Deprivationsängste sind immer noch stärker als die Einsicht in das theoretisch Sinnvolle und vor allem in das praktisch Notwendige.

Lobby-Druck auf Politik nimmt zu

Dass alle ihre eigenen Hausaufgaben machen und die anderen bei der Erfüllung der ihren tatkräftig unterstützen, bleibt wohl eine naive, unerfüllte Hoffnung. Der Druck der Interessengruppen auf die Politik in Deutschland wird insbesondere mit Blick auf die Wahl im nächsten Jahr noch zunehmen – ähnlich wie wahrscheinlich in Frankreich.

Das verheißt auch für die deutschen Aktienmärkte nicht unbedingt viel Gutes: Die so wichtige Aufgabe, die immer noch bestehenden (und neuen!) strukturellen Defizite der deutschen Wirtschaftsordnung zu überwinden, wird bis auf weiteres zurückgestellt.

Deutschland AG? Kein "Strong Buy"!

Statt dessen? Im Zweifel zieht's uns zurück zum vermeintlich Altbewährten. Man bringt seine alten, in tausend Scharmützeln eingeschossenen Parolengeschütze in Stellung und bedient sich der bis zum Überdruss bekannten Rituale der "Eine Hand wäscht die andere"- oder "Gibst du mir, geb ich dir"-Feilsch-Ökonomie jovialer Klientelbedienungs-Mentalität.

Von dieser Stelle die bestgemeinten Grüße auch an unser "Bündnis für Arbeit". Im Zweifel also meldet sich mit Macht die alte Deutschland AG zurück. Und die ist – das wissen wir seit geraumer Zeit – für internationale Investoren kein besonders attraktives Investment.

Johannes J. Reich, Head of Metzler Equity Research



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