Hüst und hott der Börsenaufsicht
Wie verbreitet illegale Praktiken sind, ist unbekannt. Klar ist nur, dass die Leerverkäufe an der New Yorker Börse, ob legal oder illegal, diesen Sommer einen Höchststand erreicht haben. Ende Juni bestanden auf mehr als 18 Milliarden Aktien Leerpositionen, doppelt so viel wie Anfang 2007. Unter Druck standen vor allem Finanztitel wie Fannie Mae, Freddie Mac, Lehman Brothers und Washington Mutual, alles Unternehmen, die wegen ihrer schwachen Verfassung den Leerverkäufern ein ideales Angriffsziel boten.
Lehman-Chef Richard Fuld war über den anhaltenden Druck derart verärgert, dass er seinen Kollegen bei Goldman Sachs, Lloyd Blankfein anrief: Er habe gerüchteweise gehört, so Fuld, dass Goldman-Händler in London die Lehman-Aktie schlecht redeten und sie mit Leerverkäufen in die Tiefe trieben. Blankfein verbat sich solche Zumutungen und versprach, Missetäter in den eigenen Reihen sofort zu entfernen.
Die Justiz schaltet sich ein
Der Verdacht blieb aber hängen und führte diese Woche zu Vorladungen der US-Justiz. Die Ermittler wollen von Blankfein und von den Chefs von über 50 Hedge-Funds wissen, ob sie illegal falsche Informationen in Umlauf setzen und mit Leerverkäufen davon zu profitieren suchen. Mit harten Resultaten ist, gemessen an ähnlichen Untersuchungen der Vergangenheit, nicht zu rechnen.
Per Notrecht verschärfte die SEC zudem die Praxis der Leerverkäufe. Sie setzte 19 bedrängte Finanzaktien auf eine Liste und forderte für diese explizit den Nachweis, dass Verkäufer diese Papiere zuvor ausgeliehen haben. «Nackte Leerverkäufe» werden also nicht mehr toleriert, auch wenn diese bereits bis anhin illegal waren. Auf der Liste der «geschützten» stehen neben Freddie Mac und Fannie Mae die üblichen Verdächtigen wie die Citigroup, JP Morgan oder die UBS und Credit Suisse.
Misst SEC mit zwei Ellen?
Mit ihrem Markteingriff zog die Börsenaufsicht aber heftige Kritiken auf sich. Der Hauptvorwurf ging dahin, dass es die SEC seit langem in der Hand gehabt hätte, illegale Leerverkäufe zu unterbinden. Wenn sie jetzt nur 19 Aktien schütze, sei dies eine Privilegierung einiger Unternehmen und ein weiterer Beweis dafür, wie überfordert die Aufsicht geworden sei.
Mehr als eine Stimmungsaufhellung ist davon nicht zu erwarten, sagen Marktkenner. Wenn es der SEC um eine wirksame Reform sei, sollte sie die nur vor zwei Jahren abgeschaffte Vorschrift wieder einführen, wonach Aktien nur dann leer verkauft werden können, wenn deren Kurse nach oben weisen. Abgeschafft worden war diese Regel pikanterweise auf Intervention derjenigen Investoren, denen die SEC nun an den Hals will
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