WALL STREET: Schwarze Löcher auf der Festplatte


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WALL STREET: Schwarze Löcher auf der Festplatte

 
02.08.02 22:41
Durch eine Auswertung interner E-Mails wollten die US-Behörden feststellen, ob die großen Investmentbanken in der Boomphase des Aktienmarkts gegen Recht und Gesetz verstoßen haben. Doch die Institute haben ihre elektronische Post aus den Haussejahren angeblich bereits komplett gelöscht.

New York - E-Mails können ziemlich teuer werden. Als Merrill Lynchs Staranalyst Henry Blodget Internet-Aktien öffentlich zum Kauf empfahl, sie aber intern als "Stück Scheiße" bezeichnete, konnte er kaum ahnen, dass die Staatsanwaltschaft seiner Bank daraus einen Strick drehen würde.

100 Millionen Dollar zahlte Merrill Lynch  im April im Rahmen eines Vergleichs mit dem New Yorker Generalstaatsanwalt Elliot Spitzer, um so eine Anklage wegen irreführender Aktienempfehlungen zu vermeiden. Ginge es nach Spitzer, war das erst der Anfang. Der Staatsanwalt forderte auch eine Reihe anderer Institute auf, ihm interne Dokumente und E-Mails aus den Boomjahren zur Verfügung zu stellen.

Besonders auf E-Mails haben es die Ermittler abgesehen. Denn während sich die meisten Leute in Briefen eher zurückhalten, sind in E-Mails häufig deutlicher - die inzwischen legendären Blodget-Mails sind dafür das beste Beispiel.

Aus der geplanten Großuntersuchung wird vorerst nichts. Wie das "Wall Street Journal" berichtet, haben sechs große Banken es bisher versäumt, der Aufforderung der Behörden Folge zu leisten. Dazu gehören Morgan Stanley  , Goldman Sachs  , Merrill Lynch  , die zu U.S. Bancorp gehörende Piper Jaffray sowie die Deutsche Bank  .

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Den Instituten droht jetzt offenbar eine Strafzahlung in Höhe von insgesamt etwa zehn Millionen Dollar. Nicht nur Spitzer will E-Mails aus der Boomzeit. Auch die Wertpapieraufsicht SEC, die New Yorker Börse und die Nationale Vereinigung der Wertpapierhändler (NASD) haben - meistenteils ohne Erfolg - Dokumente von den Banken angefordert.

Neben dem Verdacht auf Interessenkollisionen bei den Analysten geht es um vermutete Unregelmäßigkeiten im Rahmen der Zuteilung von so genannten heißen Aktien bei Neuemissionen (IPOs). Mehrere Banken sollen während der Hausse begehrte Dot.com-Aktien bevorzugt ihren Geschäftspartnern und Großkunden zugeschachert haben. Wegen zweifelhafter IPO-Geschäfte zahlte die Investmentbank Credit Suisse First Boston  im Rahmen eines Vergleichs bereits 100 Millionen Dollar.

Nach amerikanischer Rechtslage müssen die Banken ihre E-Mails und andere Aufzeichnungen mindestens drei Jahre lang aufbewahren. Danach müssen die Dokumente eine weiteres Jahr lang verfügbar sein. Für die Boomphase von 1997 bis 2000 ist dieser Zeitraum freilich bereits verstrichen.

Allerdings erscheint es unwahrscheinlich, dass keine der sechs Banken ihren Emailverkehr aus diesen Jahren routinemäßig bereits vollständig gelöscht hat. Die SEC hatte die Institute bereits 1997 gemahnt, E-Mails aufzubewahren. Der Verdacht liegt nahe, dass die Institute lieber einige Millionen Strafe zahlen, als sich dem Risiko einer größeren Untersuchung auszusetzen. Der Beweis, dass wie beim Skandal um den Energiehändler Enron  Dokumente vorsätzlich zerstört wurden, dürfte sich allerdings nur schwer führen lassen.

Keines der sechs betroffenen Institute wollte auf Anfrage des "Journals" sagen, wie seine internen Richtlinien zur Aufbewahrung von E-Mails aussehen.  
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