WALL STREET: Mit Tierversuchen an die Börse

Beitrag: 1
Zugriffe: 140 / Heute: 1
WALL STREET: Mit Tierversuchen an die Börse EinsamerSamariter

WALL STREET: Mit Tierversuchen an die Börse

2
#1
STREIT AN DER WALL STREET

Mit Tierversuchen an die Börse

Der britische Tierversuchskonzern Huntingdon Life Sciences versucht, über eine Tochterfirma an der US-Börse Fuß zu fassen. Radikale Tierschützer haben den Börsengang bisher vereitelt. Doch jetzt schlägt die Industrie zurück.

New York - Wer am vorigen Freitag die "New York Times" aufschlug, stieß dort auf eine mysteriöse, leicht beunruhigende Großanzeige. Ein anonymer Mann blickte einem aus dem ganzseitigen Inserat entgegen, den Kopf verhüllt mit einer schwarzen Skimaske, wie man sie oft mit Randalierern oder Terroristen in Verbindung bringt. In fetten Lettern stand darüber: "Ich kontrolliere die Wall Street."

Terroristen kontrollieren die Wall Street? Wer nachforscht, stellt fest, dass die Sache etwas komplizierter ist - und bizarrer. Hinter der Anzeige steckt ein bitterer Streit zwischen der New York Stock Exchange (NYSE), dem britischen Biotech-Konzern Huntingdon Life Sciences - und radikalen Tierversuchsgegnern. Es ist ein Streit, der seit September gärt, doch durch die Anzeige jetzt erstmals richtig ins Licht der US-Öffentlichkeit rückt.

Huntingdon Life Sciences, Europas größte Tierversuchsanlage, steht seit jeher im Visier der Tierschützer. Das Unternehmen mit US-Dependancen in den Bundesstaaten New Jersey und Maryland betreibt Tierversuche für die Pharma- und Biotechbranche - nach den "Standards der Tierpflege", beteuert die Firma. Die Tierschutzgruppe Win Animal Rights (WAR) wirft Huntingdon dagegen vor, pro Tag 500 Versuchstiere zu töten: "Sie werden vergiftet, aufgeschnitten und verbrannt, ihre Gliedmaßen werden gebrochen und sie müssen Grausamkeit sadistischer Techniker ertragen."

Graffiti-Schmierereien im Yachtclub

Der Streit schwappte vorigen Sommer von Großbritannien an die Wall Street, als die Huntingdon-Tochterfirma Life Sciences Research (LSR) an die US-Börse NYSE gehen sollte. Prompt begannen die an Ideen nie armen Tierschützer, auch in den USA Druck auf Banken und Broker auszuüben, die hier mit Huntingdon oder LSR in Verbindung standen, sowie auf LSR-Kunden wie den Pharmariesen Pfizer, die dort Tierversuche in Auftrag geben.

Teilweise kreuzten sie sogar vor den Haustüren der Betroffenen auf, "Mörder!" skandierend. "Ich bin eine Geisel", beklagte sich Skip Boruchin, ein Trader für Legacy Trading, in einer Anhörung vor dem US-Kongress über die Belagerung durch die Tierversuchsgegner. "Ich fühle mich verletzt, verwundbar, wütend und tief besorgt um meine Familie." Die Gruppen veröffentlichten außerdem die Namen, Anschriften und Telefonnummern hunderter NYSE-Mitarbeiter auf ihren Websites - mit der Bitte, auch dort persönlich zu protestieren.

Zu noch radikaleren Mitteln griff die vom FBI des "Öko-Terrorismus" beschuldigte Untergrundgruppe Animal Liberation Front. Sie beschmierte den Manhasset Bay Yacht Club auf Long Island - in dem Top-Manager des New Yorker Brokerhauses Carr Securities segelten - mit blutroten Graffitis. Drei Tage später ließ Carr LSR als Kunden fallen: "Carr Securities macht und wird keinen Markt in Huntingdon Life Sciences machen", erklärte die Firma.

Am Morgen des geplanten LSR-Börsengangs, dem 7. September 2005, sagte die NYSE das Listing kommentarlos ab - nur Minuten vor Beginn des Handels auf dem Parkett. Eine offizielle Begründung wurde nie gegeben; in Börsenkreisen hieß es, der Wert von LSR sei aufgrund der Proteste derart kollabiert, dass er den Bedingungen für einen Handel an der NYSE nicht mehr genügt habe.

Die LSR-Aktie wurde auf die "Pink Sheets" verbannt, einen Handelsplatz für unregistrierte Werte. Aber die Tierschützer gaben keine Ruhe. Dutzende Aktivisten protestierten im Februar im New Yorker Greenwich Village vor den Häusern von Direktoren der Bank of America und der Investmentfirma Vertical Group, einem Primärhändler für LSR. Ihre Aktionen hatten Erfolg: Am Ende sprang selbst Legacy Trading ab, der letzte Primärhändler - woraufhin LSR auch von den "Pink Sheets" fiel.

"Ich habe keine Ahnung, wer dahinter steckt"

Doch LSR will nicht aufgeben. Das zeigte sich vorige Woche, als die NYSE bei der US-Börsenaufsicht SEC den zweiten Schritt ihres eigenen Börsengangs - die Emission von 25 Millionen Aktien - anmeldete. Ganz versteckt im Innenteil dieser Anmeldung, auf Seite 137, erklärte die NYSE auch, dass LSR wegen der verpatzten Erstnotierung eine Schadensersatzklage gegen die Börse erwäge. Der Ausgang einer solchen Klage sei derzeit "nicht abzusehen".

Am selben Tag erschien die Anzeige in der "New York Times", die der NYSE vorwarf, vor "terroristischen" Tierschützern einzuknicken - Zufall? Verantwortlich für das Inserat zeichnet eine bisher unbekannte Lobbygruppe namens NYSE Hostage. Nachfragen bei einer Telefonnummer der Gruppe in der Nähe von Washington blieben jedoch unbeantwortet.

Die Anzeige, heißt es auf der Website der Gruppe, sei "ein Projekt von Individuen und Konzernen", die vom LSR-Delisting an der NYSE "bestürzt" seien. Man wende sich auch aber generell dagegen, dass Blue-Chip-Unternehmen von Aktivisten "terrorisiert" würden. Als weitere Beispiele dafür nannte die Gruppe unter anderem Coca-Cola, ExxonMobil, Ford, IBM, McDonald's und Wal-Mart. Die Anzeige könnte also theoretisch von jedem dieser Unternehmen aufgegeben worden sein.

LSR jedenfalls wäscht seine Hände in Unschuld. "Ich habe keine Ahnung, wer dahinter steckt", sagte LSR-Finanzchef Richard Michaelson der Nachrichtenagentur Reuters.


Quelle: Spiegel.de

Euch,

   Einsamer Samariter



Börsenforum - Gesamtforum - Antwort einfügen - zum ersten Beitrag springen
--button_text--