Bei Küstenvögeln macht Untreue, wie Biologen entdeckt haben, durchaus Sinn. Seitensprünge kommen besonders häufig bei solchen Partnern vor, die sich genetisch zu sehr ähneln.
Auch in festen Vogelbeziehungen kommt es zu Ehebruch - besonders dann, wenn die Partner eng miteinander verwandt sind. Durch Seitensprünge mit genetisch weniger ähnlichen Artgenossen gleichen die Vögel schädliche Folgen von Inzucht aus und erhöhen so die Überlebensfähigkeit der Spezies, berichtet eine internationale Forschergruppe im Fachmagazin "Nature".
Bergstrandläufer: "Schlauer und lernfähiger als gedacht"
Das Team um Bart Kempenaers vom Forschungszentrum für Ornithologie der Max-Planck-Gesellschaft in Starnberg untersuchte die Untreue-Rate bei drei eigentlich monogam lebenden Arten von Küstenvögeln: dem Bergstrandläufer (Calidris mauri), dem Flußuferläufer (Actitis hypoleuca) und dem Seeregenpfeifer (Charadrius alexandrinus).
Kempenaers und seine Kollegen analysierten dazu das Erbgut verschiedener Elternpaare und verglichen es mit dem ihres Nachwuchses. Das Ergebnis: Je mehr sich die Vogeleltern genetisch ähnelten, desto häufiger fand sich in den Brutgelegen ein Küken, dass mit einem anderen Partner gezeugt wurde.
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Den Forschern zufolge macht dieses Verhalten durchaus Sinn: Enge Verwandte tragen häufig die selben Versionen ihrer Gene. Paaren sich zwei Eltern, die beide eine nachteilige Genvariante tragen, wird diese Eigenschaft mit großer Wahrscheinlichkeit an die Nachkommen weitergegeben. Bei weniger engen Verwandten werden schädliche Gene meist von den Erbanlagen des Partners ausgeglichen.
Extreme Inzucht wird bei Vögeln allerdings meist vermieden. Sehr eng verwandte Partner paaren sich nur dann, wenn keine andere Alternative in Sicht ist. Bei vielen Küstenvogelarten kommt dies häufiger vor, da die Tiere in festen Kolonien leben.
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Bislang rätseln die Wissenschaftler noch, wie die Vögel erkennen können, ob ihr Partner genetisch mit ihnen verwandt ist oder nicht - schließlich könnte es sich bei ihm um einen Halbbruder oder Vetter handeln, der in einem fremden Nest aufgewachsen ist.
Nagetiere erkennen solche Familienbande mit ihrem feinen Geruchssinn, bei Vögeln sei dieser jedoch meist unterdurchschnittlich entwickelt, schreibt Arie van Noordwijk vom Niederländischen Institut für Ökologie in einem Begleitkommentar. Seiner Ansicht nach zeigen auch diese Resultate, "dass Vögel schlauer und lernfähiger sind als bisher gedacht".