SPIEGEL ONLINE - 07. Juni 2002, 12:37
URL: www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,199849,00.html
Möllemann-Entgleisungen
"Unverschämt, wie er halt ist"
Die von Jürgen W. Möllemann attackierten Altliberalen Hildegard Hamm-Brücher und Gerhart Baum geben sich gelassen. Sie dächten überhaupt nicht daran, jetzt die FDP zu verlassen. Ihre Partei warnten sie jedoch vor einem Richtungswechsel.
Umstrittener Provokateur: FDP-Politiker Möllemann
Köln - Ex-Innenminister Gerhart Baum und die Altliberale Hildegard Hamm-Brücher wollen sich von den jüngsten Angriffen des stellvertretenden FDP-Vorsitzenden Jürgen Möllemann nicht beirren lassen und weiter gegen einen Richtungswechsel der Partei einsetzen. Baum sagte am Freitag der Nachrichtenagentur AP, er sehe sich von Möllemanns jüngsten Äußerungen eher bestätigt. Hamm-Brücher kommentierte die Angriffe in der Münchner "Abendzeitung" mit den Worten: "Das ist unverschämt, wie er halt ist."
Möllemann hatte die beiden langjährigen FDP-Politiker am Donnerstagabend in der ARD als "Querulanten" beschimpft und ihnen den Parteiaustritt nahe gelegt. Baum und Hamm-Brücher betonten jedoch, dass sie nach dem jüngsten Erfolg von Parteichef Guido Westerwelle im Machtkampf mit seinem Stellvertreter gar nicht daran dächten, aus der FDP auszutreten.
Mit seinen ja keineswegs spontanen Angriffen entlarve sich der nordrhein-westfälische FDP-Chef selbst, sagte Baum. Möllemann sei bereit, sich um zusätzlicher Wählerstimmen willen von liberalen Grundpositionen zu entfernen. Diese aber würden er und Hamm-Brücher weiter verteidigen, fügte Baum hinzu, der von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister im Kabinett Helmut Schmidt war.
Er lasse sich von Möllemann nicht aus der Partei drängen. "Er greift uns an, weil wir bestimmte Werte hoch halten", sagte Baum. "Ich mache mir Sorgen, dass er immer Schwierigkeiten macht. Er muss sich einordnen und akzeptieren, dass der Kurs vom Kanzlerkandidaten bestimmt wird." Möllemann habe seine Verdienste, sei aber im Moment "eher zerstörerisch".
Hamm-Brücher: "Möllemann soll froh sein, dass er nicht abgewählt wurde"
Hamm-Brücher sagte: "Wenn Herr Westerwelle auch der Meinung sein sollte, dass wir die Partei verlassen sollten, dann tue ich das. Aber wenn sein Stellvertreter das sagt, dann ignoriere ich das." Auf die Frage, ob sie, wie von Möllemann verlangt, künftig den Mund halten werde, sagte sie: "Ich würde ihm dringend raten, das zu tun, damit die FDP nicht neuerlich in Turbulenzen kommt, wie er sie so häufig ausgelöst hat." Möllemann solle "mal froh sein, dass er nicht abgewählt wurde als Vize-Bundesvorsitzender". Erstens genieße sie ihre Rente, und zweitens äußere sie sich auch, um zu ermutigen und zu unterstützen, fügte die 81-jährige ehemalige Staatsministerin im Auswärtigen Amt hinzu.
Sie drohe nach dem Verzicht des Landtagsabgeordneten Jamal Karsli auf Mitgliedschaft in der Düsseldorfer FDP-Fraktion und der Entschuldigung Möllemanns bei den Menschen jüdischen Glaubens jetzt nicht mehr mit Parteiaustritt. Hamm-Brücher machte aber deutlich, dass sich diese Frage erneut stellen würde, wenn die FDP auf die Idee käme, "sich zu haiderisieren".
Zarte Kritik von Westerwelle
FDP-Chef Guido Westerwelle kritisierte seinen Stellvertreter erneut, wenn auch mit weniger starken Worten. In einer am Freitag in Berlin veröffentlichten Erklärung begrüßte er Möllemanns Entschuldigung an die Adresse aller jüdischen Menschen, bedauerte aber, dass dieser später Friedman davon ausgenommen hatte. Dieses Vorgehen missbillige er, sagte Westerwelle.
Zugleich missbilligte Westerwelle indirekt Möllemanns Attacken gegen Baum und Hamm-Brücher. Er halte die Diskussionsbeiträge von Mitgliedern der älteren Generation in der FDP für unverzichtbar.
Lambsdorff: Möllemann soll sein Verhalten an Parteiinteressen ausrichten
Der FDP-Ehrenvorsitzende Otto Graf Lambsdorff forderte Möllemann zur Zurückhaltung auf. Im Westdeutschen Rundfunk nannte Lambsdorff am Freitag die Angriffe Möllemanns gegen die FDP-Politiker Gerhart Baum und Hildegard Hamm-Brücher "unfreundlich" und "unnötig".
Lambsdorff verlangte von Möllemann, sein Verhalten an den Interessen der Partei auszurichten. Die FDP müsse jetzt ihre Kraft auf den Wahlkampf konzentrieren. Im Streit zwischen Parteichef Guido Westerwelle und Möllemann ist Westerwelle nach Ansicht von Lambsdorff beschädigt worden, "aber am Ende gestärkt aus dieser Auseinandersetzung hervorgegangen".
"Schlechter Verlierer"
Niedersachsens FDP-Chef Walter Hirche verurteilte die neuen Attacken Möllemanns. Dass er den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, von seiner Entschuldigung nachträglich ausgenommen habe, sei "falsch und verurteilenswürdig", sagte Hirche am Freitag.
Er kritisierte auch Möllemanns Angriffe auf die alte Garde der FDP. "Möllemann erweist sich als schlechter Verlierer, wenn er andere Personen mit Beleidigungen überzieht." Die älteren Parteimitglieder genössen Respekt und "verkörpern nach außen die Werte des Liberalismus". Möllemann solle sich nicht überschätzen, warnte Hirche.
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Möllemann-Entgleisungen
"Unverschämt, wie er halt ist"
Die von Jürgen W. Möllemann attackierten Altliberalen Hildegard Hamm-Brücher und Gerhart Baum geben sich gelassen. Sie dächten überhaupt nicht daran, jetzt die FDP zu verlassen. Ihre Partei warnten sie jedoch vor einem Richtungswechsel.
Umstrittener Provokateur: FDP-Politiker Möllemann
Köln - Ex-Innenminister Gerhart Baum und die Altliberale Hildegard Hamm-Brücher wollen sich von den jüngsten Angriffen des stellvertretenden FDP-Vorsitzenden Jürgen Möllemann nicht beirren lassen und weiter gegen einen Richtungswechsel der Partei einsetzen. Baum sagte am Freitag der Nachrichtenagentur AP, er sehe sich von Möllemanns jüngsten Äußerungen eher bestätigt. Hamm-Brücher kommentierte die Angriffe in der Münchner "Abendzeitung" mit den Worten: "Das ist unverschämt, wie er halt ist."
Möllemann hatte die beiden langjährigen FDP-Politiker am Donnerstagabend in der ARD als "Querulanten" beschimpft und ihnen den Parteiaustritt nahe gelegt. Baum und Hamm-Brücher betonten jedoch, dass sie nach dem jüngsten Erfolg von Parteichef Guido Westerwelle im Machtkampf mit seinem Stellvertreter gar nicht daran dächten, aus der FDP auszutreten.
Mit seinen ja keineswegs spontanen Angriffen entlarve sich der nordrhein-westfälische FDP-Chef selbst, sagte Baum. Möllemann sei bereit, sich um zusätzlicher Wählerstimmen willen von liberalen Grundpositionen zu entfernen. Diese aber würden er und Hamm-Brücher weiter verteidigen, fügte Baum hinzu, der von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister im Kabinett Helmut Schmidt war.
Er lasse sich von Möllemann nicht aus der Partei drängen. "Er greift uns an, weil wir bestimmte Werte hoch halten", sagte Baum. "Ich mache mir Sorgen, dass er immer Schwierigkeiten macht. Er muss sich einordnen und akzeptieren, dass der Kurs vom Kanzlerkandidaten bestimmt wird." Möllemann habe seine Verdienste, sei aber im Moment "eher zerstörerisch".
Hamm-Brücher: "Möllemann soll froh sein, dass er nicht abgewählt wurde"
Hamm-Brücher sagte: "Wenn Herr Westerwelle auch der Meinung sein sollte, dass wir die Partei verlassen sollten, dann tue ich das. Aber wenn sein Stellvertreter das sagt, dann ignoriere ich das." Auf die Frage, ob sie, wie von Möllemann verlangt, künftig den Mund halten werde, sagte sie: "Ich würde ihm dringend raten, das zu tun, damit die FDP nicht neuerlich in Turbulenzen kommt, wie er sie so häufig ausgelöst hat." Möllemann solle "mal froh sein, dass er nicht abgewählt wurde als Vize-Bundesvorsitzender". Erstens genieße sie ihre Rente, und zweitens äußere sie sich auch, um zu ermutigen und zu unterstützen, fügte die 81-jährige ehemalige Staatsministerin im Auswärtigen Amt hinzu.
Sie drohe nach dem Verzicht des Landtagsabgeordneten Jamal Karsli auf Mitgliedschaft in der Düsseldorfer FDP-Fraktion und der Entschuldigung Möllemanns bei den Menschen jüdischen Glaubens jetzt nicht mehr mit Parteiaustritt. Hamm-Brücher machte aber deutlich, dass sich diese Frage erneut stellen würde, wenn die FDP auf die Idee käme, "sich zu haiderisieren".
Zarte Kritik von Westerwelle
FDP-Chef Guido Westerwelle kritisierte seinen Stellvertreter erneut, wenn auch mit weniger starken Worten. In einer am Freitag in Berlin veröffentlichten Erklärung begrüßte er Möllemanns Entschuldigung an die Adresse aller jüdischen Menschen, bedauerte aber, dass dieser später Friedman davon ausgenommen hatte. Dieses Vorgehen missbillige er, sagte Westerwelle.
Zugleich missbilligte Westerwelle indirekt Möllemanns Attacken gegen Baum und Hamm-Brücher. Er halte die Diskussionsbeiträge von Mitgliedern der älteren Generation in der FDP für unverzichtbar.
Lambsdorff: Möllemann soll sein Verhalten an Parteiinteressen ausrichten
Der FDP-Ehrenvorsitzende Otto Graf Lambsdorff forderte Möllemann zur Zurückhaltung auf. Im Westdeutschen Rundfunk nannte Lambsdorff am Freitag die Angriffe Möllemanns gegen die FDP-Politiker Gerhart Baum und Hildegard Hamm-Brücher "unfreundlich" und "unnötig".
Lambsdorff verlangte von Möllemann, sein Verhalten an den Interessen der Partei auszurichten. Die FDP müsse jetzt ihre Kraft auf den Wahlkampf konzentrieren. Im Streit zwischen Parteichef Guido Westerwelle und Möllemann ist Westerwelle nach Ansicht von Lambsdorff beschädigt worden, "aber am Ende gestärkt aus dieser Auseinandersetzung hervorgegangen".
"Schlechter Verlierer"
Niedersachsens FDP-Chef Walter Hirche verurteilte die neuen Attacken Möllemanns. Dass er den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, von seiner Entschuldigung nachträglich ausgenommen habe, sei "falsch und verurteilenswürdig", sagte Hirche am Freitag.
Er kritisierte auch Möllemanns Angriffe auf die alte Garde der FDP. "Möllemann erweist sich als schlechter Verlierer, wenn er andere Personen mit Beleidigungen überzieht." Die älteren Parteimitglieder genössen Respekt und "verkörpern nach außen die Werte des Liberalismus". Möllemann solle sich nicht überschätzen, warnte Hirche.