Uebernahmefieber


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iceman:

Uebernahmefieber

 
05.02.06 10:30
Übernahmefieber: Die Angreifer (EuramS)
          §05.02.2006 09:42:00
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Vom Gejagten zum Jäger: Deutschlands Konzernchefs sind im Übernahmefieber. Ob BASF, Linde, ThyssenKrupp oder Solarworld – die Bossen greifen an. Woher der Sinneswandel kommt, was Anleger davon haben

Die Festtagslaune von Barry W. Perry hielt nicht lange, dann war der Boss des US-Katalysatorspezialisten Engelhard bedient. BASF plane die Übernahme von Engelhard, eröffnete Jürgen Hambrecht, der Chef des Chemie-Riesen, seinem völlig verdutzten US-Kollegen drei Tage vor Weihnachten in einem Gespräch in dessen Büro. Sollte der Aufsichtsrat die Offerte von 37 Dollar je Aktie ablehnen, werde man ein feindliches Übernahmeangebot unterbreiten. Das mußte Perry erst mal verdauen.

Engelhards Aufsichtsrat auch. Das Angebot sei nicht ausreichend, urteilten die Kontrolleure. Da wurde Hambrecht ruppig: Am 3. Januar klingelte er Perry um kurz vor sechs Uhr Ortszeit aus dem Bett - und setzte ihm die Pistole auf die Brust: Entweder Engelhard akzeptiere ein erhöhtes Angebot von 38 Dollar oder BASF werde in einer Stunde ein öffentliches Übernahmeangebot machen. "Herr Perry erinnerte Dr. Hambrecht daran, daß es in New York etwa sechs Uhr morgens sei, und daß die Vorstände über das Land verteilt seien – unter anderem in Kalifornien, wo es drei Uhr sei", heißt es in einem Bericht Engelhards an die amerikanische Börsenaufsicht SEC.

Doch so genau wollte es Hambrecht gar nicht wissen. Kurze Zeit später bot BASF den Engelhard-Aktionären 37 Dollar je Aktie. Seither wehren sich die Amis verzweifelt gegen das feindliche Übernahmeangebot. Der Kampf dürfte noch eine Weile dauern. Beobachter erwarten, daß BASF die am Montag endende Angebotsfrist verlängert. BASF ist kein Einzelfall. Im Kampf um Marktanteile und Wachstum klappen auch andere deutsche Konzern-Chefs immer häufiger das Visier runter und greifen ungefragt an. Erst vor knapp zwei Wochen etwa kündigte Linde-Chef Wolfgang Reitzle überraschend eine Offerte für den größeren Wettbewerber BOC an. Satte elf Milliarden Euro will sich Reitzle die Briten kosten lassen. Zwar hat Linde den Aktionären noch kein öffentliches Angebot gemacht. Aber das Management auf der Insel hat Reitzles Vorstoß schon mal abschlägig beschieden. Jetzt deutet auch hier vieles auf eine Abwehrschlacht hin.

Die ungewohnte Angriffslust deutscher Unternehmen sorgt international für Aufsehen. "Noch vor knapp einem Jahr wäre ein feindliches Übernahmeangebot eines deutschen Unternehmens praktisch undenkbar gewesen", wundert sich ein Analyst aus London. Doch angesichts des schärferen Wettbewerbs und des Siegeszugs angelsäsischer Management-Methoden ist Zurückhaltung nicht mehr angesagt. Weltweilt rollt die Übernahmewelle auf vollen Touren. Nach einer Übersicht des US-Datenanbieters Dealogic lag das Volumen der Fusionen und Übernahmen (M&A) im Vorjahr insgesamt bei sagenhaften 2943 Milliarden Dollar. Das ist der höchste Wert seit dem Boomjahr 2000. Auch in Deutschland zogen die M&A-Transaktionen zuletzt spürbar an. Vor allem angelsächsische Risikokapital-Gesellschaften nutzten die Schlußverkaufspreise nach dem Konjunktureinbruch und gingen ungestört shoppen. Doch zuletzt meldeten sich die deutschen Unternehmen wieder zurück. Immerhin die Hälfte der M&A-Deals hierzulande entfiel im Vorjahr auf deutsche Käufer. 2004 vereinigten die ausländischen Firmen noch zwei Drittel des deutschen M&A-Volumens auf sich.

Auch jenseits der Grenzen steigt der Übernahmeappetit deutscher Konzerne steil an. 50 Milliarden Dollar ließen deutsche Firmenchefs 2005 im Ausland springen. 2003 reichte es gerade für 17,1 Milliarden. Im vergangenen August schluckte Adidas für 3,1 Milliarden Euro den US-Konkurrenten Reebok, im September schnappte sich die Deutsche Post für 5,55 Milliarden den britischen Logistiker Exel, Ende Januar stieg die Allianz für eine Milliarde Dollar bei der chinesischen ICBC-Bank ein. Und am Donnerstag übernahm Solarworld das Solargeschäft von Shell.

Ein Ende des Übernahmefiebers ist nicht in Sicht: "Wenn nichts Dramatisches passiert und die Börse mittspielt, dürfte der deutsche M&A-Markt im laufenden Jahr um bis zu zehn Prozent zulegen", schätzt Thomas Ehren, Partner bei KPMG im Bereich Advisory. Andere Experten sind noch optimistischer: "Zehn bis 20 Prozent dürften wohl drin sein", sagt Lars Kreckel, Aktienstratege bei ABN Amro in London. Aber das Umfeld ist derzeit eben günstig. Von den "besten Bedingungen seit Jahren" für M&A, schwärmt etwa Marc Wahrenburg, Professor für Bankbetriebslehre an der Uni Frankfurt. Das ist wohl kaum übertrieben. Schließlich klettern die Aktienmärkte von einem Hoch zum nächsten. Auch Investoren stehen Übernahmen aufgeschlossener gegenüber. Zwar gilt die alte Regel noch, daß Anleger meist mit der Aktie des Zielunternehmens besser fahren, sagt Frank Schallenberger, Aktienstratege bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Aber zuletzt haben auch die Papiere des potentiellen Käufers profitiert, vorausgesetzt, "industrielle Logik und Preis stimmen", sagt Dirk Albersmeier, Leiter des M&A-Geschäfts bei JPMorgan in Deutschland. So was hebt die Kauflaune in vielen Chefetagen ungemein.

Dazu blicken die Unternehmen so zuversichtlich in die Zukunft, wie schon lange nicht mehr. Und die Zinsen sind niedrig. Ohnehin scheint an Kapital kein Mangel zu herrschen. "Die Aufnahmebereitschaft etwa für Anleihen ist hervorragend", weiß Albersmeier. Selbst milliardenschwere Kapitalerhöhungen könnten derzeit binnen Stunden platziert werden. Gleichzeitig schwimmen die Konzerne im Geld. So dürften die Gewinne im DAX 2006 umgerechnet auf 430 Punkte klettern, erwartet die LBBW. "Die bisherigen Rekordgewinne von 2000 von 241 Punkten sind damit praktisch pulverisiert", so LBBW-Stratege Schallenberger. "Da kann man wieder größere Brötchen backen." Wie gut es den Firmen wieder geht, zeigt auch ein Blick auf die Dividenden. Die Rekordsumme von 21,2 Milliarden Euro dürften alleine die DAX-Konzerne für 2005 ausschütten, schätzt die LBBW. Noch vor zwei Jahren war es kaum die Hälfte.

Aber "die Unternehmen haben ihre Hausaufgaben gemacht", sagt Thomas Ehren von KPMG. Um das Wachstum anzukurbeln, schauten sich viele nach passenden Zielen um. "Die Management-Kapazität war lange durch Restrukturierungen gebunden. Jetzt ist wieder Luft", ergänzt Christoph Schliemkamp, Leiter des Aktien-Research bei Bankhaus Lampe in Düsseldorf. "Und die Preise passen auch wieder", sagt JPMorgan-Banker Albersmeier. Während viele verkaufswillige Unternehmer noch vor zwei, drei Jahren einen möglichen Ausstieg angesichts lauer Offerten abgeblasen hatten, sehe es jetzt schon besser aus.

Aber nicht nur die Verkäufer haben klare Preisvorstellungen. Auch die Käufer werden immer disziplinierter, betont Albersmeier: "Die Vorstände rechnen mit spitzem Bleistift. Wenn sich der Preis nicht mehr rechtfertigen lässt, steigen viele aus." Beispiel ThyssenKrupp: Die Rheinländer waren sich bereits mit dem Management des kanadischen Stahlkochers Dofasco einig, da platzte Arcelor in die Verhandlungen und bot unversehens mit. Bei 3,8 Milliarden Euro zog Thyssen-Boss Ekkehard Schulz die Notbremse und stieg aus. Für Arcelor war das nur ein Pyrrhus-Sieg. Inzwischen müssen sich die Luxemburger selbst einer feindlichen Übernahmeattacke durch den indischen Mittal-Konzern erwehren. Dofasco könnte damit am Ende doch noch bei Thyssen landen.

Die weltweit wachsende Kauflaune sorgt auch in Deutschland für steigende Kurse. "Die Übernahmespekulationen sind sicher ein unterstützender Faktor", sagt LBBW-Stratege Schallenberger. Vor allem im MDAX gilt das Übernahmefieber als eine der wichtigsten Erklärungen für die ungebremste Ralley. "Im MDAX ist bei fast jedem Unternehmen eine Übernahmespekulation im Spiel", so Schlienkamp. Das lockt weiter internationale Investoren an. Zwar sind die gebotenen Übernahmeprämien auf den aktuellen Aktienkurs zuletzt nach Berechnungen von JPMorgan spürbar gesunken, was die Bank als weiteren Beleg für die rigide Preisdisziplin der Unternehmen deutet. Aber auch so sind 20 Prozent locker drin. BASF und Engelhard lassen grüßen.
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-red-
Gruss Ice
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Börsengewinne  sind Schmerzengeld. Erst kommen  die Schmerzen, dann  das Geld...(A.K.)

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