T-Aktie schwer im Kommen
Titel wieder über Ausgabepreis von 1996 – Analysten übertreffen sich mit Lobpreisungen
von Holger Zschäpitz
Berlin – - Über das Drama der T-Aktie schien eigentlich alles gesagt. Anleger hatten das Papier bereits abgeschrieben, niemand wollte mehr etwas über Schulden, Kursverluste und Margenerosion lesen, geschweige denn mit frischem Geld in die Deutsche Telekom investieren. Zu deprimierend waren einfach der Kurssturz von 90 Prozent seit März 2000 und die immer neuen Hiobsbotschaften. Doch nun meldet sich der ausgebombte Titel wieder zurück. Die Aktie schoss am Dienstag bei hohen Umsätzen erstmals seit Mai 2002 über den Ausgabepreis von 14,32 Euro für Privatanleger von November 1996. Vom Tiefpunkt im Oktober hat die Aktie mittlerweile über 60 Prozent zugelegt.
Angetrieben wurden die Titel von positiven Analystenkommentaren. Unter den Bankexperten ist ein regelrechter Wettlauf im Hochstufen ausgebrochen. Erst am Dienstag setzten mit Credit Suisse First Boston (CSFB) und der Landesbank Rheinland Pfalz gleich zwei Bankhäuser ihre Anlage-Empfehlung sowie das Kursziel für die T-Aktie herauf. CSFB-Analyst David George empfiehlt nun den gesamten europäischen Telekommunikationssektor zum Übergewichten. Speziell die Titel der Deutschen Telekom wurden von „Underperform“ auf „Neutral“ hochgesetzt, das Kursziel von zwölf auf 14 Euro angepasst. Noch optimistischer zeigt sich Per-Ola Hellgren von der Landesbank Rheinland Pfalz, der T-Aktien nun sogar zum Kaufen empfiehlt und mit einem fairen Wert von 20 Euro den Vogel unter den Analysten abschießt. „Wir sehen eine grundlegende Änderung der Marktstimmung hinsichtlich der Deutschen Telekom“, begründet der Analyst seinen Optimismus.
Der Hochstufungswettlauf und damit die Kursrallye dürfte noch nicht beendet sein. Auch die Deutsche Bank äußerst sich jüngst moderat positiv zum Telekomsektor, andere Institute stehen offenbar schon in den Startlöchern, um die Anleger wieder für die Branche zu begeistern. Trotz diverser neuer Hochstufungen sind viele Analystenstudien nicht mehr allzu taufrisch. So stammen etwa die aktuellsten Expertisen zur T-Aktie bei ABN Amro aus dem November vergangenen Jahres, und auch bei UBS Warburg wurde das Kursziel inzwischen weit von der Realität überholt.
„Die Rallye hat erst begonnen“, ist sich Juri Sels vom Bankhaus Julius Bär sicher. Für den ehemaligen Staranalysten ist die T-Aktie eine der Top-Empfehlungen 2003. Zwar hat er offiziell noch ein Kursziel von 15 Euro. Doch er kann sich durchaus weitaus höhere Kurse vorstellen.
Gefallen finden die meisten Experten an der nach wie vor attraktiven Bewertung der T-Aktie. Darüber hinaus scheint sich an der Börse herumgesprochen zu haben, dass Deutsche Telekom & Co. relativ widerstandsfähig gegenüber makroökonomischen Widrigkeiten wie Ölpreisschock, Dollarkrise und Kriegsgefahr sind. Zusätzlich beflügeln Restrukturierungsfantasien und eine strikte Rückbesinnung auf die Profitabilität.
Mit dem Kursanstieg wird auch das Schuldenproblem automatisch gelindert. Inzwischen bringt die Deutsche Telekom wieder 60 Mrd. Euro auf die Börsenwaage, was in etwa der aktuellen Verschuldung entspricht. Mit dieser wieder gesünderen Relation sinken automatisch die Kosten für den hohen Schuldenberg. Im Klartext: Die Bonner müssen niedrigere Zinsen zahlen. Dies ist umso wichtiger, als in den kommenden 24 Monaten insgesamt 23 Mrd. Euro an Schulden refinanziert werden müssen. Die Zinseffekte schlagen sich so besonders positiv zu Buche. Kein Wunder ist es da, dass die jüngste kräftige Bonitätsabstufung durch Moody’s von den Marktteilnehmern ignoriert wurde. Anders als die Rating-Agentur rechnen die meisten Experten damit, dass der Bonner Telekomriese seine Finanzverbindlichkeiten planmäßig zurückführen kann.
Doch auch wenn die Aktie noch weiteres Potenzial haben sollte: Mit einem neuen T-Aktienwunder rechnet niemand. Spätestens bei Kursen über 17 Euro werde die Luft erheblich dünner. Zumindest ist die Telekom wieder zurück im Spiel.