Alle Aktien in diesem Artikel: ATOSS Software AG, Syskoplan AG, Syzygy AG
Neuer Markt - Das zweite Leben (EurAmS)
11.11.2002 08:21:00
Frühlingserwachen im Herbst: Seit ein paar Wochen zeigen die Kurse am Neuen Markt wieder nach oben. Und das nach einer der längsten Baisse-Phasen der Börsengeschichte. Welche Aktien verlockend aussehen.
von Jens Castner – Euro am Sonntag 45/02
Nein, eine Neue-Markt-Aktie würden sie nicht mal mehr mit der Kneifzange anfassen, so die überwiegende Meinung der Otto-Normal-Anleger. Doch seit die Deutsche Börse das Ende des Börsensegments verkündet hat, präsentieren sich die Kurse nach 28 Monaten Talfahrt plötzlich wieder quicklebendig. Seit seinem Tief bei 353 Punkten am 10. Oktober legte der Nemax All Share um 31,9 Prozent zu.
Während viele Börsianer noch abwinken mögen, kehren die ersten Käufer zurück: Seit der Markt sich erholt, ziehen auch die Umsätze langsam wieder an. „Ein gutes Zeichen“, sagt Rolf Drees von der Fondsgesellschaft Union Investment, obwohl er wie die meisten seiner Kollegen überzeugt ist, dass der Neue Markt längst nicht über den Berg ist. Bei einzelnen Werten allerdings können Anleger inzwischen durchaus zu Schnäppchenpreisen ordern.
Die schlimmste Baisse, die ein Börsensegment seit dem Zweiten Weltkrieg erwischt hat, ließ die Bewertungen von Unternehmen auf zum Teil irrational niedrige Niveaus schrumpfen. Viele Aktien notieren inzwischen weit unter Wert. Dort wo früher nur Phantasie zählte, heißt jetzt das neue Zauberwort Substanz. Und das bedeutet bei den meisten Titeln vom Neuen Markt: Sie haben noch viel Geld aus dem Börsengang übrig. Engelbert Hörmannsdorfer vom Börsendienst Betafaktor (www. betafaktor.info) hat herausgefunden, dass derzeit über 20 Firmen mehr in der Kasse haben, als ihnen die Börse an Marktkapitalisierung zubilligt: „In der vorliegenden Dimension dürfte dies historisch einzigartig sein.“
Diese so genannten Cash-Werte teilen sich in zwei Lager: Firmen, die zwar Geld haben, es im operativen Geschäft aber massiv verbrennen und deshalb als Übernahme-Kandidaten interessant sind – und einige wenige, die Geld verdienen oder kurz vor dem Erreichen der Gewinnzone stehen, aber von der Marktkapitalisierung her zu klein sind, um von institutionellen Anlegern beachtet zu werden.
Es ist nicht alles pfui, was am Neuen Markt notiert. Denn auch hier kommt – auf lange Sicht – ein Börsengesetz zum Tragen: Ein Unternehmen, das kein Geld vernichtet, sondern Kapital vermehrt, kann an der Börse nicht weniger wert sein, als es an liquiden Mitteln in der Kasse hat. Ansonsten wäre für jeden Konkurrenten eine Übernahme ein gefundenes Fressen. Man hätte einen Mitbewerber weniger, würde sich Marktanteile hinzukaufen und könnte sich obendrein den Kassenbestand sichern – würde dafür also sogar noch bezahlt. So paradox ist nicht mal der Neue Markt.
Trotzdem halten sich institutionelle Anleger zurück. Warum? Union-Manager Drees begründet das so: „Wir investieren nicht in Unternehmen mit weniger als 50 Millionen Euro Marktkapitalisierung.“ Das Problem der kleinen Titel: Ein Fonds würde den Kurs durch starke Aktienkäufe hochtreiben und sich später schwer tun, Gewinne mitzunehmen, weil die verstärkten Verkäufe das Papier auch wieder nach unten drücken würden. Und: „Selbst wenn es gelänge, mit Aktien einer Mini-Firma 100 Prozent zu machen, würde das unserer Performance nichts bringen, weil wir uns hier – gemessen am Fondsvermögen – im Promille-Bereich bewegen.“ Hier haben Privatanleger bessere Karten als die Profis – wenn sie gute Nerven und etwas Geduld mitbringen. Beispiel Atoss: Der Software-Hersteller hat je Aktie über acht Euro Cash in der Kasse. Trotzdem dümpelte das Papier monatelang zwischen 6,50 und 7,50 Euro vor sich hin, ehe es plötzlich doch zum Sprung über die Neun-Euro-Marke ansetzte.
Bei Atoss hat sich wieder mal gezeigt: Börsenwert und Kassenbestand gleichen sich langfristig immer an. Auch andere profitable Unternehmen werden nicht dauerhaft unter Cash notieren. So läuft das operative Geschäft bei Syskoplan, einem System-Integrator, zwar deutlich schwächer als 2001, aber immerhin arbeitet die Firma trotz der Flaute noch profitabel. Mit einer Cash-Position von 6,82 Euro je Aktie – der Buchwert liegt sogar bei 8,70 Euro – sollte die Aktie noch erhebliches Aufwärtspotenzial haben, notiert sie aktuell doch nur bei 5,40 Euro. Ähnlich der Fall bei der Internet-Agentur Syzygy: Mit einem Cash-Bestand von 4,55 Euro je Aktie steht das Unternehmen im Branchenvergleich solide da. Den bisherigen Hemmschuh – das defizitäre Frankreich-Geschäft – gibt es nicht mehr: Das dortige Management hat die französischen Geschäftsaktivitäten gekauft und wird sie auf eigene Rechnung fortführen. Damit dürfte einer deutlichen Erhöhung der Gewinnmarge nichts mehr im Weg stehen – und die Aktie, die derzeit bei 3,65 Euro dümpelt, sollte wenigstens bis auf Höhe der Cash-Position steigen. Auch Heiler hat Umsatz abgegeben und trotzdem die Gewinnschwelle erreicht. Nach vorläufigen Zahlen erwirtschaftete der B2B-Software-Hersteller im abgelaufenen Quartal vor Steuern und Zinsen einen Mini-Gewinn von 10000 Euro. Da auch bei Heiler die Cash-Position (1,73 Euro je Aktie) den Börsenkurs von 1,36 Euro übersteigt, ist die Aktie unterbewertet – wenn sich der Break-even als nachhaltig erweist.
„Gesundschrumpfen und profitabel werden“ – so die Devise. Auch Cycos, ein Hersteller von Software für Unified Communications Systeme, musste abspecken. Diese Technologie ermöglichen es, Telefon, Fax und E-Mail zu kombinieren. Damit können Außendienstler von jedem internetfähigen PC aus ihre Mailbox in der Firma abhören oder sich Faxe in E-Mails umwandeln und nachschicken lassen. Doch die Flaute in der Telekom-Branche sorgte für tiefrote Zahlen. Konsequenz: „Wir haben uns so verschlankt, dass wir heute trotz Rezession vor dem Turnaround stehen“, so Finanzvorstand Harald Gehlert: Beim Vertrieb konzentriert man sich auf die umsatzstärksten Kanäle, den Großteil der Erlöse spielen heute Partner wie Siemens oder NextiraOne/Alcatel ein, der kostspielige Direktvertrieb wurde zurückgefahren und ein Fünftel der Belegschaft musste gehen.
Zwar notiert Cycos mit einem aktuellen Kurs von 3,70 Euro nicht so drastisch unter Cash-Position wie Syskoplan oder Syzygy, doch auch hier liegt der Substanzwert – dank Immobilienbesitz – mit 4,70 Euro je Aktie deutlich über der aktuellen Börsenkapitalisierung. Auch Cycos wird immer wieder als Übernahmekandidat gehandelt, zumal das DAX-Schwergewicht Siemens mit zwei Prozent an dem Unternehmen beteiligt ist und seine eigenen Entwicklungsaktivitäten für Unified Messaging an die Firma ausgelagert hat. Ein häufig auftretendes Problem bei Übernahmen solcher Unternehmen: Meist hält das Management selbst noch die Mehrheit und will nicht verkaufen. Schon gar nicht zu einem Preis, der unterhalb des Firmenvermögens liegt. Die ersten Altaktionäre, denen die anhaltende Kursschwäche an die Nerven geht, denken jedoch bereits um. „Vor allem für Technologie-Vorstände ist es bitter zu sehen, dass die Börse ihre Arbeit nicht nur für wertlos hält, sondern sogar als Belastung betrachtet“, ist aus einigen Firmen zu hören.
Die Alternativ-Strategie ist nicht ohne Risiken – nämlich die Spekulation auf Cash-Burner. Zwar klaffen bei Firmen wie Poet, Ad Pepper, GAP oder Ifao der Börsenwert und der Bargeld-Bestand meilenweit auseinander. Doch ist damit längst nicht ausgemacht, dass die Marktkapitalisierung dem Kassenbestand wieder nahe kommt.
Falls das defizitäre operative Geschäft nämlich eingestellt wird und die liquiden Mittel unter den Aktionären verteilt werden, geht viel Geld für die Abwicklung des Unternehmens und für Abfindungen drauf. Deshalb würden auch professionelle Firmen-Aufkäufer, die am Cash-Bestand interessiert sind – so genannte Raider –, nie auch nur annähernd so viel für die Firma zahlen, wie sie auf dem Papier eigentlich wert ist. Karl Fickel, Mitbegründer der Fondsgesellschaft Lupus Alpha: „Wenn ein Aufkäufer beabsichtigt, das operative Geschäft einzustellen und den Kassenbestand unter den Aktionären aufzuteilen, ist ein Bewertungsabschlag von 40 Prozent durchaus angebracht.“
Bei Trius und Adori haben Raider schon zugeschlagen. Beide Firmen werden liquidiert. Als nächstes könnten Gerüchten zufolge die Telekommunikations-Softwarehersteller Varetis und WapMe Systems dran sein. Doch Vorsicht: Die Gerüchte halten sich schon seit geraumer Zeit. Bei Übernahmen durch Raider muss es aber schnell gehen. Denn Firmen, die Geld verbrennen, schmälern ihren Kassenbestand von Monat zu Monat. Das bringt sie schnell wieder in die Abteilung Pfui.
red
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