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Synopsys macht die KI-Bedrohung zum eigenen Vorteil
Auf seinem Investorentag präsentierte der US-Softwarekonzern gleich drei wichtige Neuigkeiten: einen Vertrag über mehr als 1 Mrd. US-Dollar mit Amazon Web Services, eine Umsatzbeteiligung mit OpenAI und Ziele für 2027, die über den Erwartungen liegen. Alle drei Ankündigungen liefern eine Antwort auf dieselbe Frage - jene, die die Aktie seit Monaten belastet hatte.
Synopsys entwickelt Software, mit der sich Chips konzipieren lassen – also Werkzeuge, die bestimmen, wie mehrere Dutzend Milliarden Transistoren auf wenigen Quadratmillimetern Silizium angeordnet werden. Ohne diese Lösungen könnten weder Nvidia noch Intel noch irgendein Hyperscaler einen Prozessor entwerfen. Auf diesem stark konzentrierten Markt teilt sich Synopsys den Großteil des Geschäfts mit dem US-Konkurrenten Cadence Design Systems; mit deutlichem Abstand folgt Siemens EDA.
Der Konzern verkauft zudem vorgefertigte Schaltungsbausteine. Dieses Geschäft brachte ihm im vergangenen Jahr 1,75 Mrd. US-Dollar ein und stellt ihn in direkte Konkurrenz zu Arm. Seit Juli 2025 gehört außerdem der auf physikalische Simulationen spezialisierte Anbieter Ansys zu Synopsys, der für 34,9 Mrd. US-Dollar übernommen wurde.
Die Frage, die Anleger verunsicherte
Die Argumentation der Skeptiker war einfach: Wenn ein KI-Modell Software schreiben kann, warum sollte es dann nicht auch direkt einen Chip entwerfen können – und dabei auf die Werkzeuge von Synopsys verzichten? Die Aktie litt unter dieser Sorge und verlor zeitweise bis zu 44 % gegenüber ihrem Höchststand vom Juli 2025.
Die Antwort von Vorstandschef Sassine Ghazi lässt sich in einem Satz zusammenfassen, den er auf dem Investorentag unter Berufung auf seine eigenen Kunden wiederholte: „An KI glauben wir, aber auf die Physik vertrauen wir.“
Das Argument hat Gewicht. Ein Modell kann Tausende von Kombinationen durchspielen und bestimmte Designentscheidungen empfehlen. Es kann jedoch nicht garantieren, dass ein Chip die Fertigungsvorgaben der Foundry erfüllt oder im Betrieb nicht überhitzt. Diese abschließende Validierung, in der Branche als „Sign-off“ bezeichnet, bleibt Aufgabe der zertifizierten physikalischen Simulations- und Prüfwerkzeuge von Synopsys.
Mehr noch: Künstliche Intelligenz erhöht sogar den Verbrauch von Software. Wenn mehrere KI-Agenten parallel an einer Verifikation arbeiten, lösen sie fünf- bis zehnmal mehr Aufrufe der entsprechenden Werkzeuge aus als ein einzelner Ingenieur. Der Konzern brachte es entsprechend auf den Punkt: KI ist keine Bedrohung, sondern eine Erweiterung seines adressierbaren Marktes.
Drei Ankündigungen untermauern die These
Der Amazon-Vertrag. Amazon Web Services wird mehr als 1 Mrd. US-Dollar für die Lizenzierung von Schaltungsbausteinen zahlen, die für mehrere Generationen eigener Chips vorgesehen sind. Dieser Betrag deckt lediglich die Lizenzgebühr für den Zugang ab. Hinzu kommen Gebühren für kundenspezifische Anpassungen und später Lizenzabgaben, sogenannte Royalties. Dabei erhält Synopsys für jeden gefertigten Chip eine Vergütung, sobald die Prozessoren in Produktion gehen. Das Management erklärte zudem, weitere Vereinbarungen mit Partnern aus dem Amazon-Ökosystem für kundenspezifische Schaltungen und Konnektivitätslösungen abgeschlossen zu haben.
Die OpenAI-Partnerschaft. Beide Unternehmen wollen gemeinsam ein Modell namens GPT-Synopsys entwickeln, das speziell für den Einsatz von Chipdesign-Werkzeugen trainiert wird. OpenAI zahlt zunächst eine Abonnementgebühr für dieses Training. Anschließend teilen sich beide Partner die Einnahmen abhängig davon, wie effektiv das Modell tatsächlich zur Verbesserung eines Chips beiträgt. Sassine Ghazi betont dabei einen entscheidenden Punkt: Die Vereinbarung wurde so strukturiert, dass sie das bestehende Geschäft nicht kannibalisiert.
Die eigene Plattform. Bereits zwei Tage zuvor hatte der Konzern seine AgentEngineer-Agenten und die Autopilot-Plattform vorgestellt, die komplette Aufgaben im Chipdesign selbstständig ausführen können. Mehr als 50 Kooperationen mit Kunden laufen bereits. Bis Ende 2026 sollen die Lösungen allgemein verfügbar sein.
Ziele überzeugen die Anleger
Der Konzern nutzte die Gelegenheit zudem, um seine Prognose für 2027 zweieinhalb Monate früher als geplant vorzulegen. Synopsys erwartet einen Umsatz von 11,15 Mrd. US-Dollar, was einem Wachstum von 15 % entspricht. Analysten hatten bislang mit rund 11 % gerechnet. Hinzu kommen ein bereinigter Gewinn je Aktie von rund 19,08 US-Dollar, eine operative Marge von 44 % nach 41,5 % in diesem Jahr sowie ein freier Cashflow von 3,1 Mrd. US-Dollar.
Auch die Ziele für 2030 fallen ambitioniert aus. Synopsys strebt ein jährliches Wachstum von rund 15 % und eine operative Marge von etwa 50 % an. Zuvor hatte das Margenziel bei rund 45 % gelegen. Die auf 400 Mio. US-Dollar bezifferten Kostensynergien aus der Ansys-Übernahme sollen bereits 2027 vollständig realisiert werden – ein Jahr früher als ursprünglich geplant. Darüber hinaus kündigte der Konzern ein Aktienrückkaufprogramm über 1 Mrd. US-Dollar an.
Die Börse reagierte positiv. Die Aktie legte nach den Ankündigungen zeitweise um 7 % zu. Vier Analysehäuser erhöhten anschließend ihre Kursziele: Deutsche Bank auf 640 US-Dollar, Rosenblatt auf 620 US-Dollar, KeyBanc auf 605 US-Dollar und Wells Fargo auf 540 US-Dollar. Vor dem Investorentag hatte die Aktie noch bei rund 420 US-Dollar notiert.
Worauf es nun ankommt
Drei Punkte gilt es im Auge zu behalten. Zunächst die Lizenzabgaben, die den Kern des neuen Geschäftsmodells bilden. Das Management bestätigte, dass 2027 noch keine entsprechenden Einnahmen anfallen werden, da die Amazon-Chips zunächst entwickelt und anschließend gefertigt werden müssen. Ob das Modell funktioniert, wird sich somit erst ab 2028 zeigen.
Der zweite Punkt betrifft die Umsatzbeteiligung mit OpenAI, deren Grundprinzip im Softwaregeschäft neuartig ist. Eine Vergütung, die vom tatsächlich erzielten Ergebnis abhängt, setzt voraus, dass dieses Ergebnis messbar ist und sich Anbieter und Kunde auf dessen Wert verständigen können.
Schließlich bleibt die Abhängigkeit von den Hyperscalern. Das Modell stützt sich in erheblichem Maße auf die kleine Gruppe großer Technologiekonzerne, die eigene Chips entwickeln. Synopsys räumt zudem ein, dass sich das Geschäft mit seinen fortschrittlichsten Schaltungen in China aufgrund des eingeschränkten Zugangs zu Spitzentechnologien abschwächt.
Ob die Rechnung aufgeht, muss sich daher erst noch zeigen. Synopsys hat jedoch zumindest eine Antwort auf jene Frage geliefert, die den Aktienkurs bislang belastete: warum künstliche Intelligenz Synopsys braucht – und nicht umgekehrt.
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