Guten Morgen,
ich hatte leider erst gestern die Gelegenheit mir die Aufzeichnung der Hauptversammlung in voller Länge anzusehen. Im Grunde war der Großteil davon nichts anderes als eine Wiederholung der Präsentationen des Investor Days. Spannend war primär die Fragerunde am Ende:
- Bezüglich den Fragen zur Kurspflege gab es eigentlich sehr klare Aussagen des Managements. Du Preez hat auf die Frage was man gegen den niedrigen Kurs tun kann nochmals die Wichtigkeit des Punkt 2 ("Litigation") in seinem Strategieplan betont. Er hat wörtlich gesagt, dass er hofft, dass der Kurs wieder steigen wird wenn die Klagen gelöst sind. Auf die wiederholte Frage nach Käufen durch das Management hat Heather Sonn betont, dass es jedem im Management frei steht individuell Aktien zu kaufen. Wer jedoch schon mal Stützkäufe des Managements bei einem Unternehmen mitbekommen hat wird allerdings wissen, dass hierbei fast nie ein Boardmember in Eigenregie Aktien kauft, sondern dies im Grunde fast immer in der Gruppe passiert - das Management kauft in solche Situationen sehr oft geschlossen zum selben Zeitpunkt. Das war für mich eine klare Aussage, dass niemand vom Management vorerst kaufen wird. Aus meiner Sicht wäre das auch das falsche Zeichen bevor man die Klagen gelöst hat. Durch eine solche Aktion würde man nur signalisieren, dass man trotz der Klagen fix mit dem Überleben des Unternehmens rechnet. Wenn ich also diese Aussage in Verbindung mit dem Kommentar von du Preez setze, dann zeigt sich relativ klar, dass das Management den Turnaround des Kurses mit der Lösung der Klagen verbindet (auch wenn der operative Turnaround wie wir in H1 2019 gesehen haben schon längst begonnen hat). Das würde auch zu du Preez' Aussage vom Investor Day passen, als er die Bedeutung der Klagen nochmals unterstrichen hat: "the key to all that is solving the litigation - and we have to solve that quickly!" Auch wenn wir dann immer noch einen langen Weg vor uns haben (Stichwort Refinanzierung), meine ich auch, dass dieser Punkt die Voraussetzung dafür ist, dass man mit der Erholung voranschreitet und auch neue Investoren anlockt - es bleibt also spannend abzuwarten wie schnell man diesen sehr komplexen Punkt abhaken wird können. Davor rechne ich eher noch mit fallenden - bestenfalls stagnierenden - Kursen.
Interessant war für mich im Zusammenhang mit den Klagen auch die Präsenz des VEB bei der Hauptversammlung. Der VEB dürfte meiner Ansicht nach in einer gewissen Zwitterposition stecken. Zum einen vertritt man geschädigte Altaktionäre durch Klagen, zum anderen aber auch (Alt-)Aktionäre als Proxy bei der HV. Daher unterscheidet man sich darum meines Erachtens doch relativ stark von TILP. Dort hat man es dem Vorgehen nach wirklich auf schnelle monetäre Entschädigung abgesehen. Die ehemaligen Aussagen von TILP-Vertretern wie "wir haben eine Musterklage für 18. Dezember 2019 eingebracht, um Druck auf dem Kessel zu machen" und der Tatsache dass man bis jetzt praktisch als einzige Kanzlei wirklich aktiv geworden ist zeigen, dass denen das Unternehmen ziemlich egal ist. Anders bei VEB, denn hier ist man als Vertreter auf der HV auch langfristig an steigenden Kursen interessiert. Darum hat man die Klageandrohung auch immer weiter hinausgezögert, weil man seinen eigenen Mandaten nicht noch mehr schaden will. Jedoch sind die Herrschaften von VEB nicht zu unterschätzen, da sie mit ihren Anträgen zur Ablehnung der Bilanzen 2017 und 2018 immerhin fast 45% erreichen konnten. Diesem Antrag standen nur 358 Mio. Stimmen (also 55%) entgegen (Anmerkung: Wiese hält mit 6% derzeit vermutlich noch rund 250-270 Mio.). Zudem gab es bei den ersten beiden Anträgen einen "schlafenden Riesen" der sich mit 396 Mio. Stück (also fast 40% der vertretenen Stimmen) enthalten hat. Hierbei tippe ich auf PIC, da es immer dieselbe Anzahl von Aktien war und diese rund 9% des Gesamtbestandes ausmacht (PIC hält zwischen 9-10%). Das heißt aber auch - und man konnte es anhand der geringen Teilnehmerzahl an der HV deutlich erkennen - dass Steinhoff von sehr wenigen Playern kontrolliert wird und die Mehrheit unbedeutender Freefloat ist, der sich nur in Ausnahmefällen in Amsterdam vertreten lassen kann. Natürlich geben derzeit die Gläubiger den Ton an, aber PIC, VEB und ein dritter größerer Aktionär der für die Annahe der Bilanzen gestimmt hat (Wieses Proxy?) scheinen derzeit den Ton anzugeben. Der Rest ist vollkommen unbedeutend, denn wenn diese drei Gruppen für einen Antrag gestimmt haben lagen die Gegenstimmen immer unter 100 Mio.
Auch die Fragen des VEB zum PwC Report waren durchaus informativ. Dabei war vor allem ein Kommentar von Peter Wakkie interessant, dass er mit einem Grinsen im Gesicht mal so nebenbei gemacht hat, als es darum ging warum der Bericht nicht veröffentlicht wird. Er meinte, dass auch Parteien die von Steinhoff geklagt werden Interesse zur Einsicht in den Report haben. Dabei kann es sich im Grunde nur um Jooste und/oder la Grange handeln. Es schien für mich jedenfalls so, als würde Steinhoff die Geheimhaltung um den PwC Bericht gewissermaßen als Druckmittel benutzen. Ganz bestimmt hat man durch den Bericht noch das eine oder andere Ass gegen die beiden genannten Personen im Ärmel. Interessant wäre zudem wie es sich in dieser Beziehung mit Wiese verhält. Mit seinen 6% könnte Wiese etwa locker etwa gemeinsam mit dem VEB jeden Antrag auf der HV kippen. Er war jedoch entweder nicht durch einen Proxy vertreten oder aber sein Proxy war es der bei den beiden ersten Abstimmungen für die Anträge des Managements gestimmt hat, als sich der schlafende Riese mit 396 (vermutlich PIC) noch enthalten hat. Es könnte darum durchaus sein, dass Wiese und das Management schon die ganze Zeit zusammenarbeiten. Auf der einen Seite hat sich Wiese in seien letzten Interviews erstaunlich zahm präsentiert, auf der anderen Seite wurde er durch das Management nie auch nur in einem Wort erwähnt (weder entlastend noch beschuldigend!). Ich persönlich finde das jedenfalls sehr eigenartig, da Steinhoff so tut als hätte es einen Christo Wiese im Aufsichtsrat nie gegeben und auf der anderen Seite Wiese immer noch nicht klagt und möglicherweise sogar mit dem Management bei der HV stimmt. In Zusammenhang mit der Geheimhaltung des PwC Reports ergibt sich da schon irgendwie ein Muster - aber alles nur meine persönliche Meinung.
Es bleibt jedenfalls spannend, denn der Jahresabschluss 2019 ist nicht mehr in allzu weiter Ferne und die Lösung der Klagen an der gerade gearbeitet wird ist ein zentraler (neben dem CVA vielleicht der zentralste) Schritt zur langfristigen Erholung des Kurses!