Hallo Leute,
obwohl ich normalerweise nicht zur allgemeinen Stimmungslage Stellung beziehe, möchte ich angesichts der derzeitigen Situation einmal ein paar Worte sagen, die mir aufgrund des allgemeinen Stimmungsbildes (sei es jetzt hier im Forum, oder in der Facebookgruppe, bzw in den Medien) angebracht erscheinen:
Ich habe noch nie ein Unternehmen aus DAX, MDAX oder SDAX gehandelt bei dem ich das Gefühl hatte, dass ein so hoher Prozentsatz an Investierten so wenig Ahnung von ihrem Investment hatten wie hier. Die derzeitige Lage ist für mich so zusammenzufassen: Ein Konzern mit 12.000 Läden und weltweit 120.000 Mitarbeitern, Umsätzen im zweistelligen Milliardenbereich und einem sustainable EBIT das 2019 vermutlich fast dem EBIT von Wirecard entspricht (!) befindet sich derzeit in der Restrukturierungsphase. Man hat aufgrund des Bilanzskandals - ausgelöst durch ein kriminelles Management (wen es interessiert, der kann gerne mal den Begriff "Stellenbosch-Mafia" auf google suchen) - sein Rating und damit Zugang zu frischem Geld verloren. Dadurch wurde man unfreiwillig an die alten Gläubiger gekettet. Mittels CVA versucht man da jetzt raus zu kommen und das natürlich zu einem hohen Preis. Die großen Altaktionäre hängen seit Anfang 2018 fast unverändert hier drin, bis auf Wiese hat beinahe keiner geschmissen. Die verbleibenden Aktien wurden von Kleinanlegern aufgesammelt, die dachten sie würden schnelles Geld damit machen. Zuerst hat man sich noch von Termin zu Termin gehangelt und sich gegenseitig eingeredet, dass bald die erlösende Ra(c)kete starten würde. Jetzt wird man nervös, weil man sein ganzes Pulver verschossen hat.
Der Aktionär hat die Aktionäre von Steinhoff einmal als Dummzocker bezeichnet. Obwohl ich nichts von pauschalen Verurteilungen von Aktionären halte (ich bin selbst mit 1,3 Mio. Stück investiert), muss ich ehrlich gestehen, dass der Aktionär nicht ganz unrecht hat. Ich würde wirklich gerne wissen wie viele der hier Anwesenden einmal einen Blick in die Bilanzen 2017, 2018 oder die Halbjahreszahlen 2019 geworfen haben. Stattdessen wird hier mit pseudo-Buchwerten herumgerechnet (mal ganz ehrlich, jeder BWL Student kann sich den im ersten Semester ausrechnen - da gibt es keine "Ansichten" oder "Meinungen" wie hoch der Buchwert derzeit ist) oder es wird darüber gemutmaßt ob Steinhoff 2019 jetzt endlich einen Gewinn machen wird. Wenn ich solche Kommentare lese, dann kann ich eigentlich dem Aktionär nur zustimmen. Am besten sind dann jene Foristen, die offensichtlich noch nie einen Blick in die Halbjahreszahlen geworfen haben und dann auch noch die Präpotenz besitzen das Management als "unfähig" zu bezeichnen, weil man nicht ad hocs raushaut, um den Aktienkurs zu treiben. Oder man kündigt an auf die HV fahren zu wollen, um den Management die Meinung zu geigen oder gegen die Kapitalherabsetzung zu stimmen (obwohl man eigentlich auch nicht genau weiß was das überhaupt ist).
Ganz ehrlich: wie soll das Management mit solchen Aktionären im Rücken arbeiten? Wäre ich im Management würde ich ehrlich gesagt hoffen, dass diese Leute irgendwann aus Frust verkaufen. Da übernimmt ein neues Management ein Unternehmen im Zuge des größten Bilanzskandals der südafrikanischen Geschichte, sichert die Liquidität in allen Töchtern, verkauft unrentable Beteiligungen, saniert die Beteiligungen mit Potential und schafft in diesem Umfeld auch noch ein stattliches Wachstum, arbeitet Bilanzen aus 2017 und 2018 auf, managed eine PwC Untersuchung die so ziemlich jede Struktur durchleuchtet, bringt alle Gläubiger unter einen Hut und führt das Unternehmen durch ein CVA das kurz vor dem Abschluss steht. Ein Investorentag wird avisiert wo man nun auch noch den letzten Schritt machen will, nämlich neue Gläubiger auftreiben. WAS soll das Management eurer Meinung nach denn noch tun? Hier läuft alles nach Plan. Würde jemand ein Lehrbuch für Unternehmenssanierungen schreiben, dann wäre der Ablauf der Steinhoff-Sanierung am Ende des Buches das Lehrbeispiel wo man die Theorie in einem Praxisbeispiel erläutert. Aber der Konsens eines großteils der Anleger hier ist jener, dass in der IR ein Praktikant sitzt, der "vergessen hat ein Update rauszugeben". Wenn man kein Update rausgibt, dann hat das Gründe und man macht es nicht um die Aktionäre zu foppen oder weil man "unfähig" ist.
Habt ihr mal das Interview von du Preez im südafrikanischen Parlament kurz vor der Veröffentlichung der PwC Ergebnisse gesehen? Der gute Mann konnte auf die Hälfte der Fragen keine Antworten geben mit dem Verweis, dass ihn mit jedem Satz den er sagt renommierte Anwaltskanzleien in Südafrika, Deutschland und den Niederlanden mit Klagen zuschütten, wenn er auch nur ein klein wenig zu viel preisgibt. Klar kommuniziert man nur was man muss - oder habt ihr schon mal einen Angeklagten für den der elektrische Stuhl gefordert wird gesehen dessen Anwalt ihm rät mal gemütlich mit den Journalisten zu schwatzen?
Meine Bitte: Entweder ihr verkauft, oder ihr bleibt drin und lasst das Management seine Arbeit machen. Sie haben bisher IMMER geliefert und sie werden auch dieses mal liefern. Das derzeitige Eigenkapital ist so gut wie nichts, dadurch ist auch die Marktkapitalisierung so gut wie nichts. Ob ich jetzt das nichts halbiert oder verdoppelt, es wird auf absehbare Zeit NICHTS bleiben und auch der Kurs wird das abbilden. Wer jedoch daran glaubt, dass dieses Unternehmen das nach seiner Krise (!) ein EBIT gleich dem vom Wirecard erwirtschaftet erfolgreich umschulden kann, damit auch das Ergebnis nach Zinsen und Steuern wieder die wahre Stärke des Unternehmens abbildet, der sollte dabei bleiben und das Management einfach seine Arbeit machen lassen.