Wirklich lesenswert!! Ich weiß der Text ist sehr lang, aber man liest hier auch so viel Müll, dass es auf diesen Beitrag auch nicht mehr ankommt ![]()
Standort Deutschland Aufstieg eines Absteigers
Vor einem Jahr wollte Hartmut Eisenheim eigentlich in Rente gehen – nach fast drei Jahrzehnten als Elektro-Meister bei der Eurogate GmbH, Europas größtem Betreiber von Container-Terminals. Doch noch nie hat das Unternehmen Wissen und Erfahrung des 64-Jährigen so dringend gebraucht wie jetzt. Denn im Hamburger Hafen baut Eurogate derzeit die weltweit größten Anlagen zum Be- und Entladen von Containerschiffen.
DÜSSELDORF. Ohne den Technikspezialisten könnten die neuen, feuerrot lackierten Ungetüme kaum pünktlich in Betrieb gehen. Auf diesen Container-Brücken – 60 Meter über dem Hafenbecken, wo die Stahl-Container für die Fracht so aussehen wie Legosteine und der Wind einem gnadenlos um die Ohren peitscht – arbeitet Eisenheim Tag für Tag „daumendicke Checklisten“ ab. „In zwei Wochen machen wir den großen 24-Stunden-Test“, erzählt der drahtige Mann in der roten Warnweste.
Die Zeit drängt. Überall auf der Welt steigt die Nachfrage nach Gütern „made in Germany“. Auf ein Exportplus von neun Prozent im vergangenen Jahr dürften 2005 und 2006 Anstiege von jeweils mehr als sechs Prozent folgen. Hartmut Eisenheim verbaut das vorerst den Ruhestand. Dem Hamburger Hafen beschert dies einen Bauboom. Über eine Milliarde Euro investieren öffentliche und private Geldgeber bis 2009, allein Eurogate schafft 750 neue Jobs.
Willkommen im Deutschland des Spätsommers 2005, dem Land der fünf Millionen Arbeitslosen, maroder Staatsfinanzen, der wirtschaftlichen Stagnation. Willkommen in einem Land, dessen Firmen international Marktanteile erobern und Rekordgewinne erwirtschaften. Einer Volkswirtschaft, der das britische Wirtschaftsblatt „Economist“ jüngst in einer Titelgeschichte huldigte. Einem Land, in dem sich laut Weltbank die Rahmenbedingungen für Firmen 2004 so stark verbessert haben wie in keiner anderen Industrienation.
Heimlich, still und leise hat sich die deutsche Wirtschaft gewandelt: Manager haben ihre Unternehmen restrukturiert und auf Profit getrimmt, haben unrentable Standorte geschlossen, Schulden abgebaut und Kosten gesenkt. In vielen Firmen sind die Beschäftigten bereit, für das gleiche oder für weniger Geld länger zu arbeiten – und die Gewerkschaften erlauben ihnen das sogar. Und nach Jahrzehnten des Reformstaus hat auch die Politik begonnen, die Strukturprobleme des Landes anzugehen. Abstieg eines Superstars? Von wegen. „Deutschland ist ein Volk der Gewinner“, raunte vor wenigen Tagen Goldman-Sachs-Chef Hank Paulson mit heiserer Stimme in das Mikrofon einer Podiumsdiskussion in Frankfurt am Main. Eine These, für die sich überall im Land Indizien finden lassen.
Sanderring 2, Zimmer 481 – Der Mann, der den ökonomischen Wiederaufstieg Deutschlands als Erster propagierte, residiert in der vierten Etage eines Prachtbaus im Stil der Spätrenaissance: Peter Bofinger, Professor für Volkswirtschaftslehre, Geld und internationale Wirtschaftsbeziehungen. Der schlanke, schwarzhaarige Mann, der trotz seiner 51 Lebensjahre etwas Jungenhaftes an sich hat, ist ein Exot unter den deutschen Volkswirten. Bofinger ist bekennender Keynesianer, gehört auf Empfehlung der Gewerkschaften den Wirtschaftsweisen an. Ein Mann, der es gewohnt ist, mit seiner Meinung oft alleine dazustehen. Doch darüber, was ihm nach dem 22. November 2004 widerfahren ist, staunt er bis heute. An diesem Tag stellte er sein Buch vor mit dem Titel: „Wir sind besser, als wir glauben.“ Auf dem Umschlag ein nach oben gereckter Daumen in Schwarz-Rot-Gold.
Alles krude Ideen eines wissenschaftlichen Außenseiters, hieß es landauf, landab. Die esoterische Minderheitenmeinung eines „linken Ökonomen“, der höheren Löhnen das Wort reden wolle. „Sobald Sie etwas Positives über die deutsche Wirtschaft sagen, halten die Leute Sie fast für einen Kommunisten“, erzählt Bofinger. „Jeder guckt Sie an, als ob Sie etwas Unanständiges im Sinn haben.“
94 Tage später sollte ein Mann namens Dirk Schumacher genau das Gleiche erleben. Nur steht der 35-Jährige eigentlich nicht im Verdacht, den Gewerkschaften das Wort zu reden. Schumacher, promovierter Ökonom mit Bundesbank-Chef Axel Weber als Doktorvater, ist Deutschland-Experte von Goldman Sachs. An einem kalten, bewölkten Donnerstag Ende Februar stellte er in Frankfurt das „Global Economics Paper No. 122“ den Medien vor. Kernthese der 16-seitigen Studie: Der Standort D steht im Vergleich zu den europäischen Ländern so gut da wie seit zehn Jahren nicht mehr. Die Journalisten hätten ihn am liebsten für verrückt erklärt. „Die waren nicht nur ungläubig, die Mehrheit hat ziemlich ablehnend reagiert.“
Tatsächlich war Schumacher seiner Zeit voraus. Die Studie nennt bereits die wichtigsten Argumente, die sieben Monate später auch der „Economist“ bringen wird: Durch die moderate Lohnpolitik der letzten Jahre sind die deutschen Lohnstückkosten gesunken. Die Konsolidierung in den Unternehmen lässt die Renditen steigen und macht das Land attraktiver für ausländische Investoren.
Der Wendepunkt sei weniger die Agenda-Rede von Bundeskanzler Schröder gewesen, analysiert Schumacher heute. „Weit wichtiger war der für die IG Metall verlorene Streik zur Einführung der 35-Stunden-Woche im Osten.“ Danach habe es in den Unternehmen eine „stille Revolution“ gegeben. „Entscheidend war, dass in vielen Unternehmen Betriebsvereinbarungen über längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich durchgesetzt wurden.“ Noch sei die Zukunft des Standorts nicht endgültig gesichert, betont er auch. „Aber wir haben eine Atempause.“
Das Foto ist unscharf und leicht vergilbt. Es zeigt mehr als zwei Dutzend Frauen, in zwei langen Reihen stehen sie sich gegenüber. Ihr Gesichtsausdruck schwankt zwischen Konzentration und Anstrengung. Zwischen ihnen breite Tische mit Unmengen von Gummischläuchen. Übereinander, nebeneinander, lang und schmal, wie ein Fang frischer Aale – die Produktion von Bremsschläuchen im niedersächsischen Gifhorn vor gut vierzig Jahren.
Das Foto hängt im Eingang eines Klinkerbaus, Halle 864, auf dem Gelände von Continental Teves. Auch heute werden hier noch Bremsschläuche produziert. In der Halle stehen aber keine langen Tischreihen mehr, nur große Stahlkonstruktionen, an denen sich die Bremsschläuche drehen und winden, an denen sie transportiert und um Anschlussstutzen und Clips verlängert werden. Nur wenige Menschen bewegen sich zwischen den Maschinen.
Technischer Fortschritt und die internationale Arbeitsteilung haben überall auf dem Betriebsgelände ihre Spuren hinterlassen. Zu Hoch-Zeiten vor mehr als 30 Jahren haben hier 4300 Menschen gearbeitet. Heute sind es 1600, in einem Jahr werden es 1500 sein. Doch Werkleiter Bernd Fischer sieht sich nicht nur als Verlierer der Internationalisierung. „Die Verlagerung von Arbeiten ins Ausland sichert Jobs in Gifhorn.“ Zum Beispiel in der Produktion von Bremszylindern. „Wir haben die komplette Montage, also den arbeitsintensiven Teil der Herstellung, nach Tschechien ausgelagert.“ Die kapitalintensiven Arbeitsgänge sind in Gifhorn geblieben und geben 460 Menschen Beschäftigung. Der Werkleiter ist sicher: Ohne diese Mischkalkulation wären auch die verschwunden.
Continental gilt unter Experten als eines der deutschen Unternehmen, denen das Comeback mustergültig gelungen ist. Vor vier Jahren steckte der Konzern in den roten Zahlen, und die großen Kunden in der Autoindustrie forderten Jahr für Jahr niedrigere Preise. Conti-Chef Manfred Wennemer schloss unrentable Werke, verlegte Teile der Produktion in Niedriglohnländer und vereinbarte mit Betriebsräten und Gewerkschaften, dass die Belegschaften fürs gleiche Geld länger arbeiten. So ist die 35-Stunden-Woche in Gifhorn passé – derzeit werden 37,5 Stunden gearbeitet, ab 2006 dann 40 Stunden.
Werkleiter Fischer ist seit 45 Jahren dabei – angefangen hat der inzwischen 61-Jährige als Lehrling mit 48 Wochenarbeitsstunden „plus Samstag als Normalarbeitstag“. Die Verlagerung von Jobs ins Ausland hat er zum ersten Mal in den 70er-Jahren erlebt. Los ging es mit einem Werk in Großbritannien. Dann folgten Standorte in Belgien, Portugal und Tschechien, immer wieder wurden Montagebänder in Gifhorn ab- und im Ausland aufgebaut.
Was bleibt da auf Dauer für die Arbeiter in Deutschland? „Es gibt immer wieder neue Produkte, die hier entwickelt werden, für die wir Maschinen und Werkzeuge bauen, bei denen wir die Kinderkrankheiten ausmerzen.“ Komplexe Arbeiten, die sich in Niedriglohnländern kaum erledigen lassen.
Die Luftfeder, eine Art moderner Stoßdämpfer, ist ein gutes Beispiel dafür. „Wir erwecken sie hier zum Leben“, erzählt Fischer, während einige Meter weiter Conti-Arbeiter einen Stapel Luftfedern in schwarze Styroporkisten verpacken, auf einen Rollwagen laden und zu einem Lastwagen vor der Montage-Halle bringen. Sein Ziel: das Volkswagen-Werk im slowakischen Bratislava. Dort werden die Luftfedern aus Gifhorn in den VW-Touareg eingebaut. In einigen Jahren werden die Conti-Luftfedern wohl aus Rumänien, Tschechien oder Asien kommen, murmelt Fischer. „Aber dafür werden neue Produkte kommen. Wir denken heute schon über Produkte nach, die hier ab 2010 und später produziert werden sollen.“
32 000 Mitarbeiter beschäftigt Conti heute in Deutschland, etwa 40 Prozent der Gesamtbelegschaft. Das soll auch so bleiben, sagt Konzern-Personalchef Thomas Sattelberger. Im gleichen Atemzug nennt er aber die Bedingungen dafür. Die 40-Stunden-Woche müsse zum Normalfall werden, das Unternehmen brauche mehr Leiharbeit und flexible Zeitkonten. „So haben Conti-Arbeitsplätze in Deutschland weiter eine gute Zukunft.“ Und nicht nur die: „Die betriebswirtschaftliche Kostenkomponente hat jedes Unternehmen selbst in der Hand“, sagt Sattelberger. „Wer über unflexible Arbeitszeiten und zu hohe Arbeitskosten klagt, hat das in der Regel selbst mit verursacht.“
Detlef Wetzel ist Funktionär der IG Metall, und Detlef Wetzel sagt Dinge, die ein Funktionär der IG Metall nun mal sagen muss. 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich, Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld, Streichung von Pausen- und Schichtzulagen? „Da lach’ ich mich doch kaputt, wenn ein Unternehmer mit solchen Vorschlägen kommt“, sagt er, ohne den Mund zu verziehen. „Da macht man es sich doch zu einfach.“ Es dürfe doch nicht zum Prinzip werden, das Einkommen der Arbeitnehmer zu drücken, wenn man als Unternehmer nicht mehr weiterwisse.
Etwas anderes würde keiner von dem nordrhein-westfälischen Bezirksleiter der Gewerkschaft erwarten. Und trotzdem ist Wetzel anders. Er ist wendiger, aufgeschlossen für Argumente und am Ende gnadenlos pragmatisch. Das sagen Spitzenvertreter des Arbeitgeber-Verbandes in Nordrhein-Westfalen. Wetzel sei ein „ausgezeichneter Diskutant“, „kein der Ideologie verhafteter Gewerkschafter.“
Tatsächlich hat der Mann, der mit seinen hochgekrempelten Ärmeln, der beigefarbenen Jeans und der athletischen Figur eher wie ein Sport- und Biologie-Lehrer daherkommt, die Metall-Gewerkschaft in NRW auf neuen Kurs gebracht. Wetzel, ein Unterstützer des Reformkurses von IG-Metall-Vize Berthold Huber, setzt auf flexibles Handeln, geht offen mit Abweichungen vom Flächentarifvertrag um. Der neuen Strategie hat er den Slogan „Besser statt billiger“ gegeben. Das bedeutet in der Realität: Im Zweifel lässt sich die IG Metall auch auf die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich ein. Nur muss die Geschäftsleitung ihren Mitarbeitern im Gegenzug etwas bieten: Fortbildung, Investitionen, Standortsicherung – ein Konzept, um Wachstum anzukurbeln und neue Kunden zu gewinnen. „Das Unternehmen muss eine Lösung für seine Probleme erarbeiten und sich nicht darauf beschränken, den Mitarbeitern nur Geld aus der Tasche zu ziehen“, sagt Wetzel. „Wir wollen Impulse geben, damit sich das Unternehmen weiterentwickelt“, sagt er und klingt fast wie ein Unternehmensberater.
Die Metall-Arbeitgeber in NRW können mit „Besser statt billiger“ ganz gut leben – „solange die Gewerkschaft dies als Vaseline braucht, um den Belegschaften finanzielle Einschnitte nahe zu bringen, ohne dass die Mitglieder meutern“, heißt es in Kreisen des Arbeitgeberverbandes. Eines aber macht den Arbeitgebern zu schaffen: Die Gewerkschaft braucht oft zu lange, um zu prüfen, ob das Konzept die Vorgaben erfüllt.
Auch für die IG Metall zahlt sich das Vorgehen aus: Die Gewerkschaft, die bundesweit unter eklatantem Mitgliederschwund leidet, verzeichnet in NRW inzwischen steigende Mitgliederzahlen. Wetzel selbst ist mit der neuen Strategie trotzdem nicht ganz zufrieden: Noch habe man nicht die richtige Kombination aus Flächentarifvertrag und betrieblichen Lösungen gefunden. „Wir sind noch nicht betriebsbezogen genug.“
Wenn es Abend wird in Frankfurt, dann zeigt sich das ganze Ausmaß der Immobilienmisere: Ganze Hochhäuser bleiben dunkel, seit Jahren will diese Büros niemand mehr mieten. Doch der chronisch kriselnde Markt beginnt sich nun zu drehen: Während deutsche Investoren noch über Krise und Stagnation lamentieren, pumpen angelsächsische Kapitalgeber viel Geld in den Markt. Den Wohnungsmarkt haben Fonds aus Großbritannien und den USA mit milliardenschweren Übernahmen bereits umgekrempelt, jetzt gehen sie bei Büroimmobilien auf Schnäppchenjagd. Die Blackstone Group übernahm gleich 50 Gebäude von der Deutschen Bank. „Deutschland ist einer der spannendsten Kandidaten für eine Erholung“, meint der Immobilienforscher Hartmut Bulwien.
Das Immobiliengeschäft ist nur ein Beispiel – Deutschland ist in. Das Gerede vom kranken Mann Europas war gestern, bei Fondsmanagern und Analysten in London und New York gilt Deutschland heute als attraktivster Hoffnungswert Europas. Im Mai und Juni kauften internationale Anleger unter dem Strich deutsche Aktien im Wert von 71 Milliarden Euro, dreimal so viel wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Mit diesen Investitionen im Rücken hängte der Dax die Wall Street und die britische Börse ab. Mittlerweile befinden sich bereits acht der 30 Dax-Konzerne mehrheitlich in internationaler Hand.
Und die Ausländer kaufen nicht nur Aktien. Allein im ersten Halbjahr übernahmen sie deutsche Unternehmen im Wert von 66 Milliarden Euro. Für 30 bis 40 Prozent davon dürften die von Franz Müntefering so gefürchteten „Heuschrecken“ verantwortlich sein. Angelsächsischen Private-Equity-Gesellschaften gehören inzwischen 5 500 Unternehmen in der Republik, die 2004 mit 640 000 Mitarbeitern einen Umsatz von 114 Milliarden Euro erwirtschafteten. Das alles ist womöglich erst der Anfang. Für Thomas Krenz von der Beteiligungsgesellschaft Permira zumindest steht fest: „Deutschland wird auch in den kommenden Jahren zu den spannendsten Märkten gehören.“
Quelle: WirtschaftswocheVon Michael Maisch, Olaf Storbeck und Katharina Slodczyk
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