Sommer-Gewitter am Börsenhimmel


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Sommer-Gewitter am Börsenhimmel

 
31.07.02 06:12
Das dritte Quartal war nie die beste Zeit für Aktien. Den Experten zufolge dürfte es auch diesmal recht stürmisch werden.

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Der regenreiche Sommer in Deutschland entspricht dem Klima an den weltweiten Börsenplätzen. Auch dort ist von eitel Sonnenschein keine Spur. Und zu Beginn der Börsenwoche wurde mit der Nachricht von der Insolvenz des amerikanischen Telekom-Giganten Worldcom wohl auch die letzte Hoffnung auf eine Sommerrally ausradiert. Erneut gingen die Indizes weltweit auf Tauchstation. "Es herrschen Angst und Panik", beschreiben Händler die Stimmungslage auf dem Parkett.

Insbesondere der Blick in die USA macht wenig Hoffnung. Angesichts der Worldcom-Pleite und der Diskussion um getürkte Bilanzen gehen positive Nachrichten - wie etwa von General Motors oder DaimlerChrysler - ohne Reaktion auf die Notierungen unter. "Die Ergebnisnachrichten waren bisher gut, aber sie sind im Dunst verloren gegangen", sagt Tobias Levkovich, Leiter der US-Strategie bei Salomon Smith Barney. Nach dessen Schätzungen haben die Privatanleger in den vergangenen Wochen fast 15 Mrd. $ vom US-Aktienmarkt abgezogen.

Sommerquartale enttäuschen

Auch historisch betrachtet verspricht der Sommer allenfalls trübe Aussichten. JP Morgan hat gründlich nachgerechnet und die Sommermonate der vergangenen 29 Börsenjahre analysiert. Das Ergebnis spricht gegen einen Aufschwung: "Im Schnitt verlief das Sommerquartal für Aktien enttäuschend", sagt Kim Martin, Stratege bei JP Morgan. Für die kommenden Wochen sieht Martin schwarz: "Die Kombination von historisch schleppender Performance im Sommerquartal und Bilanzenttäuschungen sprechen gegen eine Erholung der Aktienkurse." Hinweise darauf, dass der Aktiensommer doch noch schön wird, kann auch die Konjunktur nicht liefern. Zu oft waren US-BIP und S&P 500 im dritten Quartal uneins (siehe Grafik).

Auf den ersten Blick bieten Aktien derzeit hervorragende Einstiegsoptionen. Der S&P 500 hat seit Jahresbeginn gut 30 Prozent eingebüßt - und knapp 50 Prozent von seinem Höchststand im März 2000. Was US-Aktien billig erscheinen lassen. Doch die relative Betrachtung verklärt den Blick. "Der Sommerbeginn ist keine gute Zeit, Aktienpositionen aggressiv aufzubauen", gibt Martin zu bedenken.

So sind Aktien gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) auch nach zweieinhalb Jahren Kursrutsch ambitioniert bewertet. In den USA unterstellt das KGV ein enormes Gewinnwachstum. Während das langfristige KGV im Schnitt 15 beträgt, beläuft sich der Wert für die S&P-500-Aktien auf 40. Um den langfristigen Schnitt zu erreichen, müssten die Kurse nochmals um 60 Prozent sinken - oder die Gewinne entsprechend steigen. "In der historischen Betrachtung zeigen sich steigende KGVs, das heißt, die Kurse sind stärker gestiegen als die Gewinne", sagt der Leiter der Strategie bei M. M. Warburg, Ernst-Ludwig Drayss.

Gierige Manager

Hinzu kommt die Vertrauenskrise des Kapitalismus. Alan Greenspan, Chef der US-Notenbank, hat es auf den Punkt gebracht. Vor kurzem geißelte er die Moral von Managern, die von einer "infectious greed" - einer ansteckenden Gier - befallen seien. Folge: Die Unsicherheit über Firmengewinne wächst. Ob drohender Wertberichtigungen und manipulierter Zahlen fordern Aktionäre eine höhere Risikoprämie - niedrigere Aktienkurse sind die Folge.

Die Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein unterstellt in einer Studie eine Rückkehr der jährlichen Rendite auf sieben Prozent: Das entspricht einer Risikoprämie von vier Prozent über der Rendite von Rentenpapieren, zum Beispiel Staatsanleihen.

Die Folge sind sinkende Aktienkurse. "Die kommenden Jahre werden mehr an die 70er als an die 90er Jahre erinnern", sagt Richard Davidson, Chefstratege bei Morgan Stanley. Damals folgte der Euphorie ein lang anhaltender Absturz.

Freilich, für Europa sind die Analysten optimistischer. Im Gegensatz zu den USA sind die europäischen Börsen günstiger bewertet. Grund genug für die Fondsgesellschaft Union Investment, die Aktienquote zu erhöhen: "Das niedrige Niveau der Kurse ist eine Riesenchance." Zu einem ähnlichen Schluss kommt Analyst Bernd Rieger von Invesco: "Wir haben zurzeit eine Übertreibung nach unten." Nach seiner Einschätzung ist Europas Gesamtmarkt 20 Prozent unterbewertet.

Abhängigkeit von US-Börsen

Kommt sie also doch, die Sommerrally, wenigstens in Europa? Wohl kaum. So bleibt Drayss trotz der offenbar günstigeren Ausgangslage in Europa skeptisch: "Der Vertrauensverlust und die nach wie vor ehrgeizige Bewertung in den USA sind die Hauptprobleme. Trotz einer an sich attraktiven Bewertung der europäischen Märkte werden sich diese kurzfristig nicht von Amerika lösen können."

Europäische Aktionäre leiden unter der Abhängigkeit von den US-Börsen - eine Abhängigkeit, die seit Mitte 2000 besonders stark ist. Die Korrelation beträgt derzeit 0,9, wobei 0 für keinerlei und 1 für eine identische Nachbildung steht. Das war nicht immer so. Zwischen 1976 und 1999 bewegte sich die Korrelation zwischen 0,24 und 0,5. Für einen Aufschwung müssten sich Europas Börsen also von den USA abkoppeln. Doch das steht nicht an, die Sommerrally fällt somit wohl mal wieder ins Wasser.

Dennoch raten Profis, sich auf eine Trendwende vorzubereiten. Heißt: Anleger sollten sich schon nach attraktiven Perlen umsehen. Ganz nach dem Motto von Thomas Edison, Erfinder der Glühbirne: "Erfolg hat nur, wer etwas tut, während er auf den Erfolg wartet."

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